Produkt: Treble Booster im Test
Treble Booster im Test
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Kompakter Vielzwecker

Test: Marshall DSL20CR

(Bild: Dieter Stork)

Da in Zeiten wie diesen Band-Proben oder Konzerte zunehmend online stattfinden, und das gewohnte Equipment primär in den eigenen vier Wänden betrieben werden muss, bieten sich kleine wohlklingende Verstärker mit entsprechender Ausstattung an. Marshall schickt im Rahmen seiner Dual Super Lead Series den DSL20CR-Combo ins Rennen, der für derartige Einsätze beste Voraussetzungen bietet.

Wenn wir – hoffentlich bald – unserem Hobby oder Beruf wieder in Proberäumen oder auf Bühnen nachgehen dürfen, muss der kompakte Combo nicht unbedingt in Kurzarbeit geschickt werden, sondern kann dank seiner 20 Watt Röhrenpower auch dort seine Qualitäten unter Beweis stellen.

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GUT GERÜSTET

Der auf Vollröhrenbauweise mit Siliziumgleichrichtung basierende Combo verfügt über die Kanäle Classic Gain und Ultra Gain, geläufiger unter den Bezeichnungen „Clean“ und „Drive“. Selbstverständlich lassen sich dem Classic-Kanal auch Crunch-Sounds und dem Ultra Channel High-Gain-Zerre entlocken. Ein breites Spektrum also. Beide Kanäle bieten Gain- und Volume-Regler zur Abstimmung von Zerrintensität und Ausgangspegel. Teilen müssen sich die Kanäle die umfangreichen Möglichkeiten der Klanggestaltung, nämlich die Regler Treble, Middle, Bass, Presence und Resonance sowie den Schalter Tone Shift. Während Resonance das klangliche Fundament, sprich Druck und Bässe, unterstützt und den früheren Deep Switch ersetzt, rekonfiguriert Tone Shift die mittleren Frequenzen in der Vorstufe und ermöglicht damit moderne, vor allem im Metal-Genre beliebte Mid-Scoop-Sounds.

Auch Hall ist an Bord, wenn auch in digitaler Form, regelbar über das Reverb-Poti. Damit wird das unangenehme Aufschaukeln mechanischer Spiralfedern umgangen. Komplettiert wird die Bedienfront vom Klinkeneingang, dem Taster „Channel Select“ mit grünen und roten Status-LEDs, dem beleuchteten Netzschalter und dem Standby-Switch. In Mittelposition bringt dieser den DSL20 in den Standby, nach oben ist der Amp im Low-Power-Betrieb (10 Watt), unten liegt der High-Power-Modus (20 Watt).

Auf der Rückseite des an vier Gewindeschrauben hängenden Amp-Chassis aus Stahlblech finden wir die Netzkabelbuchse mit integriertem Sicherungsfach, den seriellen FX-Loop mit Send und Return, den Fußschalteranschluss (FX Loop on/off und Channel Select), zwei Miniklinkenbuchsen (Aux In und Emulated Out), sowie drei Lautsprecherausgänge (1× 8/2× 16 Ohm und 1× 16 Ohm. Letzterer ist mit dem bordeigenen 12″ Celestion Seventy 80 belegt.

Das Innenleben bei abgenommener Rückwand. (Bild: Dieter Stork)

Dass Aux Inputs an Gitarrenverstärkern fast immer in Form von 3,5 mm Klinkenbuchsen zur Verfügung stehen, mag noch nachvollziehbar sein, den Emulated Out hätte ich mir jedoch als Standardklinke gewünscht. Da der frequenzkorrigierte und somit Gitarrenlautsprecher simulierende Ausgang neben der Direct-Recording-Funktion jedoch auch als Kopfhöreranschluss dient, und die meisten heutigen Headphones mit Miniklinken ausgestattet sind, kann man das auch gelten lassen. Bei Belegung des Emulated Out bleiben Endstufe und Bordlautsprecher aktiv. So lässt sich der Ausgang auch zur Direktabnahme im Live-Einsatz nutzen. Für Aufnahmezwecke daheim oder stilles Üben versetzt man den Combo einfach in den Standby-Betrieb – eine praktische und sinnvolle Lösung.

Audio-In und Emulated-Out im 3,5-mm-Format. (Bild: Dieter Stork)

Das Gehäuse des Marshall DSL20CR besteht aus 15 bzw. 12 mm MDF. Angesichts des Preises ist das durchaus akzeptabel. Der verschraubten Rückwand hat Marshall nicht nur ein Streckgitter zur Wärmeabfuhr und zum Schutz der Röhren oder Hände spendiert, sondern im unteren Bereich auf beinahe der gesamten Breite auch eine Art Bassreflexöffnung. Gehäuse, Chassis und die Schaltung wurden tadellos verarbeitet, der Lautsprecher von hinten verschraubt und über Steckschuhe angeschlossen. Die Röhren hängen kopfüber unter dem Chassis, die ECC83 zuverlässig von ihren Sockeln gehalten, die EL34 zusätzlich durch Sockelklammern gesichert.

Verschraubte (!) Gehäuseecken. (Bild: Dieter Stork)

Säuberlich aufgezogenes Tolex, große Gummifüße, acht verschraubte (!) Kunststoffecken, von weißem Keder umrandete straffe Frontbespannung und der stabile, höchst komfortable Tragegriff komplettieren das Gehäuse.

Stabiler und sehr komfortabler Griff. (Bild: Dieter Stork)

Neben Netzkabel und mehrsprachiger Bedienungsanleitung zählen zum Lieferumfang des Marshall Combos ein Doppelfußschalter im robusten Stahlblechgehäuse mit fest angeschlossenem, mit 4,8 Metern großzügig bemessenem Anschlusskabel, rutschhemmender Unterseite, zwei hochwertigen, relativ leichtgängigen Fußschaltern und roten Status-LEDs.

Robuster Doppelfußschalter. (Bild: Dieter Stork)

LAUT & LEISE

Gleich vorweg kann ich den Low- und High-Power-Betriebsarten deutliche Leistungsunterschiede attestieren. Wechselt man nämlich vom gehörschonenderen 10-Watt über Standby zum 20-Watt Mode, nimmt der Ausgangspegel stärker zu als ich erwartet hätte. Klasse, damit kann man arbeiten. Der Classic Channel kommt mit kraftvoller Wärme, gleichzeitig aber auch mit frischen spritzigen Höhen um die Ecke. Irgendwie offensiv, keineswegs aufdringlich, in jedem Fall aber durchsetzungsstark.

Vintage PAFs entlocken ihm etwa bei Gain 12 Uhr erstes Anzerren, dessen Intensität sich präzise mit dem Anschlag oder dem Volume-Regler an der Gitarre kontrollieren lässt. Wie gut der Amp klanglich abgestimmt ist – auch auf den Lautsprecher – zeigt sich, wenn man die drei Klangregler in Mittelstellung bringt und Presence und Resonance komplett abdreht. Um meinen Klanggeschmack gänzlich zu treffen, würde ich Treble einen Skalenstrich zurücknehmen, Middle einen, Presence zwei und Resonance drei höher drehen. Das alles bei inaktivem Tone Shift. Apropos: Schade, dass dieser gleichzeitig auf beide Kanäle zugreift, er hätte mir im Ultra-Kanal völlig ausgereicht.

Ab Gain „High Noon“ steigt die Verzerrung bis zur Vollaussteuerung (17 Uhr) kontinuierlich an und endet bei moderatem, harmonisch zerrendem Crunch, wobei auch gleich mehr Fundament und Druck ins Klangbild treten, was weder die Transparenz noch die Dynamik beeinträchtigt. Schon jetzt ist festzustellen, dass die drei Klangregler interagieren, sich also gegenseitig beeinflussen. Drehe ich beispielsweise Middle weit auf, greifen Treble und Bass weniger effizient ins Klanggeschehen ein. Die gleiche Wirkung zeigt Middle wenn ich Treble voll aufdrehe.

Perfekter könnte der Übergang zum Ultra Channel nicht sein, denn dieser startet gain-mäßig fast genau dort, wo Classic endet. Zudem sind enorme Gain-Reserven geboten. Das breite Zerrangebot schließt natürlich auch Metal ein, erst Recht, wenn man Tone Shift aktiviert, die Mitten absenkt und Treble, Bass, Presence und Resonance höher dosiert. Gute Güte, was für ein fettes Pfund der DSL20-Combo aus dem 12-Zöller drückt, und das bei relativ geringen Nebengeräuschen! Auch Drop Tunings von bis zu zwei Halbtönen meistert der Amp ohne Murren. Fährt man das Klangbild – nicht die Verzerrung (!) – wieder in Hard&Heavy-Gefilde, überzeugt er mit detaillierter Darstellung von Akkordstrukturen, präziser und lebendiger Ansprache, sehr guter Dynamik und straffem Durchsetzungsvermögen und reagiert auch noch sensibel auf die Volume-Potis der Gitarre. Unterm Strich gibt sich der kleine Marshall sehr variabel, die Klangreglung agiert effizient, lediglich Resonance könnte etwas mehr Wirkung vertragen.

Der serielle FX-Loop ist mit nominell -10dB universell einsetzbar, versteht sich also sowohl mit Pedalen als auch mit Rack-Geräten und gibt sich zudem klangneutral. Weiteres Lob gilt dem homogenen, natürlichen und räumlichen Klang des Digitalhalls und dessen Pegelabstimmung. Als kein Freund von ausufernden Hallfahnen darf ich hier den Reverb-Regler voll aufdrehen, um zu jedem Sound und Amp-Pegel praxisorientierte Hallanteile zu erhalten.

Während man bei per „Audio In“ eingespeister Musik wegen des Gitarrenlautsprechers keine HiFi-Qualitäten erwarten darf, liefert der Emulated/Phones-Ausgang die gesamte DSL20-Sound-Palette als praxisgerechtes, optimal abgestimmtes Sound-Erlebnis.

RESÜMEE

Marshall par excellence im Kompaktformat. Damit wäre eigentlich alles gesagt. Der DSL20CR-Combo überzeugt nicht nur mit extrem breitem und variablem Soundspektrum, sondern vor allem mit homogenem Zerrverhalten, sehr guter Dynamik, Durchsetzungsvermögen und hoher Transparenz. Dank des geschmackvoll abgestimmten Emulated-Ausgangs ist im Standby-Betrieb nicht nur stilles Üben über Kopfhörer möglich, sondern eignet sich der Amp auch als Recording-Quelle. Eine tadellos funktionierender FX-Loop, exzellent klingender Hall, umfangreiche Klangregelmöglichkeiten, effiziente Leistungsreduzierung von 20 auf 10 Watt und der Fußschalter mit Status-LEDs komplettieren die umfangreiche Ausstattung. Und der Preis ist schlichtweg sensationell…

PLUS

  • Sounds & Zerrverhalten
  • klanglich sehr variabel
  • Transparenz, Dynamik & Durchsetzungsvermögen
  • Sound des Emulated Outputs
  • Klang und Abstimmung Digitalhall
  • geringe Nebengeräusche
  • Verarbeitung
  • Preis/Leistung

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Prima,daß dieser relativ kleine Marshall DSL 20CR Combo Valve Amp so gut im G&B Testbericht abgeschritten hat.
    Ich war bei sämtlichen Marshall Combos (ob alt oder neu) immer etwas zurückhaltend,da mir die recht harsche Tonwandlung im Bereich des Clean Channel nicht so besonders überzeugen konnte.
    Bei einem Marshall Combo Valve Amp gelang es im aktivierten Clean-Modus bisher nie so richtig einen weichen,bzw. klaren unverzerrten Acousticsound hin zu bekommen.
    Was andere Verstärkerhersteller stets problemlos in dieser besagten Sektion auf Anhieb die Beine stellten,blieb bei den Marhall Amps leider irgendwie immer auf der Strecke.
    Ich möchte hier diesbezüglich nicht unbedingt von einem totalen Versagen bei Marshall sprechen,jedoch konnte mich ausgerechnet dieser besagte Hersteller bis dato mit seinem Clean Modus nicht gänzlich überzeugen.
    Ein alter,beinahe 20Kg bleischwerer „Original Starfield/by Ibanez 50 Watt Combo Vollröhren Amp“ aus damalig britischer Fertigung aus Leeds mit 12“ Zoll Celestion Lautsprecher (made in Ipswich/England) lieferte dagegen im Clean Kanal ein mühelos sahnig feines Klangbild ab.Und im separaten Gain Kanal (bereits ab 5 Uhr Einstellung) sowieso ultra brutale Zerre ohne aber jemals matschig zu wirken.Verzerrt kam dieser Starfield Amp aus England im direkten Vergleich einem alten 50 Watt Marshall Valve Amp schon extrem nahe.Kein Wunder,denn beide stamm(t)en ja aus United Kingdom.
    Leider kennt heutzutage kaum noch jemand diesen uralten Starfield VT-50 Combo Valve Amp,der damals anscheinend überwiegend in Handarbeit in England gefertigt wurde.Es existierte sogar ab Werk in Leeds/Great Britain noch eine fast baugleiche Version,aber mit zwei 12“ Zoll Celestion Speakern bezeichnet als Starfield/made by Ibanez VT-100 Watt Modell auf kleinen Rollen,da dieses Teil so richtig schwer und zudem extrem laut war.
    Kurioserweise handelte es sich hier,exakt wie auch beim kleineren VT-50 Starfield Amp um zweifellos
    sehr solide,und äußerst sauber gebaute Vollröhren-Combos des bekannten japanischen Gitarrenfabrikanten Ibanez,der Mitte der 1990er Jahre kurzerhand wohl eine streng limitierte Auflage eben dieser bezeichneten Starfield Valve Amp Combos im britischen Leeds bauen ließ.
    Vielleicht kennt noch jemand diese Starfield Verstärker,die unter Insidern wegen ihres guten Sounds heute auf dem Gebrauchtmarkt eher zu den Raritäten zählen.

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