Rock’n‘Surf

Test: Gretsch G5232T FT Electromatic Double Jet

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(Bild: Dieter Stork)

Die Electromatic Line war 1939 die erste Gretsch- E-Gitarre, wurde jedoch mangels Interesse noch im selben Jahr von der erfolgreichen Synchromatic (Archtop) abgelöst. Heute umfasst die Electromatic-Reihe unterschiedlichste Solid-, Semisolidbody- und Archtop-Gitarrenmodelle aus Fernostproduktion.

Auch die neue Double Jet entstammt dieser Modelllinie, die von Gretsch unlängst erheblich erweitert wurde. Die G5232T – das „T“ steht für Tremolo – ist in sieben Finishes erhältlich. Unsere Testkandidatin kommt in perfekt lackiertem, hochglanzpoliertem Firestick Red Metallic.

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CHAMBERED

Die Mahagoni-Basis des Korpus hat Gretsch großzügig mit Hohlkammern versehen, die in etwa denen einer Gibson ES-335/345/355 ähneln. Der breite Centerblock endet allerdings ungefähr auf halber Strecke zwischen Deckenrand und Bigsby-Grundplatte, sodass die beiden Kammern miteinander verbunden sind. Stark gewölbt und ca. 19 mm dick, wird die Ahorndecke von dreischichtigem Binding eingerahmt. Auf der Body-Rückseite verschließen Kunststoffdeckel die Fächer der Elektrik, des Master-Volume-Potis und des soliden Toggle Switch präzise Oberkante bündig. Ein ovales Zargenblech trägt die zuverlässig packende Klinkenbuchse, traditionelle Gretsch Strap-Pins mit gerändeltem Schraubkopf sichern den Gurt.

(Bild: Dieter Stork)

Während der Fuß des Mahagonihalses im 15. Bund ansetzt, liegt der Korpusübergang in Höhe des 19. Bundes. Das cremefarben eingefasste Griffbrett aus Lorbeerbaum bietet 22 tadellos abgerichteten und polierten Medium-Jumbo-Bünden Platz. Deren auf dem Binding aufliegende Kanten zeigen jedoch hier und da noch leichte Grate. Klassische Perloid Thumbnail Inlays am oberen Rand und schwarze Sidedots erleichtern die Orientierung. Für den mit optimaler Saitenlage abgerichteten Sattel verwendet Gretsch synthetischen Knochen. Präzise und geschmeidig arbeitende gekapselte Noname-Tuner zieren die Kopfplatte. Der Halsjustierstab verbirgt sich unter einem Kunststoffdeckel.

(Bild: Dieter Stork)

Eine Adjusto-Matic Bridge – das Gretsch-Pendant zur nahezu baugleichen klassischen „wired“ Tune-o-matic – führt die Saiten zum Bigsby-B50-Vibrato, der lizensierten Fernost-Version des original B5. B5 bzw. B50 sind eigentlich für flache Korpusdecken konzipiert, angesichts der gewölbten Decke würde sich hier also eher ein B70 anbieten. Daher liegt die flache Basis genau auf der Deckenwölbung und folglich nicht ganz optimal auf.

Das Bigsby liegt nicht ganzflächig auf, ist aber bestens fixiert und liefert Bigsby-typische Perfomance. (Bild: Dieter Stork)

Vier Holzschrauben fixieren das Bigsby jedoch zuverlässig Zwei Black-Top-Filter’Tron-Humbucker, an drei Schrauben justierbar in ihren Kunststoffrähmchen gelagert, wandeln die Saitenschwingungen. Verwaltet werden sie per 3-Weg-Schalter, Master-Volume-, Master-Tone- und zwei separaten Volume-Potis. Dem Master-Volume auf dem unteren Cutaway-Horn hat Gretsch einen Treble-Bleed-Schaltkreis spendiert (seriell verdrahteter Kondensator und Widerstand), der Höhenverluste beim Herunterdrehen minimiert.

WAS GEHT?

Während die Electromatic Double Jet auf dem Bein beste Balance zeigt, gibt sie sich am Gurt etwas kopflastig. Sobald jedoch mein rechter Unteram am Korpus anliegt, stellt sich dieses Problemchen nicht mehr. Das Halsprofil, vergleichbar mit dem einer 59er Les Paul, schmiegt sich komfortabel in meine Hand und lässt sich bis zum 20. Bund stressfrei bespielen, wenngleich die Enden der Bunddrähte das letzte Quäntchen perfekter Verarbeitung schuldig bleiben.

Alle vier Potis rotieren butterweich und lassen sich dank der gerändelten Knöpfe leicht bedienen. Dass Bigsby-Vibratos hinsichtlich ihrer Stimmstabilität eingeschränkt sind, dürfte bekannt sein. So sind Dive Bombs bzw. extreme Up-Bendings ein absolutes No-Go, dezentes Surfing jedoch uneingeschränkt möglich. Was mich (u. a. als Bigsby-User) jedoch schon immer an diesem System gestört hat, ist die meines Erachtens unsinnige Anschlagnase, die den Aktionsradius des Hebels einschränkt. Aber damit leben bereits Generationen von Gitarrist:innen, und notfalls kann man die Nase ja entfernen.

Unverstärkt kommt die Gretsch G5232T mit kraftvollem, voluminösem, ausgewogenem Klangbild daher, an dem der chambered Body unüberhörbar beteiligt ist. Knackige Bässe, perkussive Mitten, brillante, spritzige Höhen und ein reicher Obertongehalt liefern lebendige akzentuierte Klänge, die von solidem Sustain und guter Dynamik unterstützt werden.

Filter’Tron-Pickups (Bild: Dieter Stork)

Interessehalber habe ich die 58er PAF-Klone meiner Les Paul für einen Direktvergleich mit den Filter’Trons hinzugezogen. Bei meinen gewohnten Referenz-Amp-Settings liefern Letztere nicht nur signifikant weniger Output, sondern geben sich zunächst wärmer, allerdings auch weniger spritzig und transparent. Im Clean-Einsatz tönt das irgendwie blass und uninspirierend.

Mit Unterstützung des Treble-Reglers öffnen sich die Klangbilder beider Gretsch-Pickups jedoch zunehmend. Der Hals-Filter’Tron liefert straffe, vollmundige Bässe, warme und prägnante Mitten sowie klare, beinahe glockige Höhen. Genau das Richtige für Blues & Co. Der Steg-Humbucker kontert mit knackig- drahtigen Bässen, akzentuierten Mitten, brillanten und twangy Höhen sowie breitem Obertonangebot – empfehlenswert für Country-Rhythmus- und -Solospiel. Die Kombination beider Filter’Trons dürfte mit ihren spritzigen, glockigen, luftigen Klängen die Rockabilly-Gemeinde anfixen.

Aber nicht nur am cleanen Amp zeigt die Gretsch Electromatic Double Jet beste Performance, sondern überzeugt auch auch im Distortion-Mode, wo die Humbucker ihre Trümpfe ohne Brumm- und Einstreugeräusche ausspielen. Da präsentieren sich ein bluesig singender, sauber artikulierender Hals- und ein hart aber definiert punchender, durchsetzungsfähiger Steg-Pickup, beide unterstützt von langsam und gleichförmig abklingendem Sustain und ausgezeichneter Dynamik.

Während die Gitarre facettenreiches, ausdruckstarkes Spiel präzise umsetzt, erweisen sich die drei Volume-Potis als nicht ganz so kooperativ. Deren Regelcharakteristik machen smoothe Einblendeffekte unmöglich, da von Pegel Null bis zum ersten Ton ein relativ großer Lautstärkesprung zu vernehmen ist. Master-Volume, welches dank Treble-Bleed die Höhen beim Zurückdrehen nahezu unangetastet lässt, erhöht den Ausgangspegel vom ersten vernehmbaren Ton bis zur Vollaussteuerung nur unwesentlich. Praxisorientierter regeln zwar die separaten Volume-Potis, aber auch diese erzeugen im untersten Bereich einen Pegelsprung.

 

RESÜMEE

Die neue G5232T FT Electromatic Double Jet ist keineswegs auf die landläufig mit Gretsch assoziierten Blues-, Rockabilly-, Country- und Rock’n’Roll-Sounds beschränkt, sondern bedient gerne auch härtere Musikgenres. Somit zählen (Hard) Rock und High Gain ebenso zu ihren Paradedisziplinen wie singende Leadsounds. Die Gitarre zeigt sehr gute Resonanzeigenschaften, lebendige Dynamik und stabiles Sustain, was von den Filter’Tron-Humbuckern ebenso adäquat umgesetzt und übertragen wird wie filigranes, ausdrucksstarkes Spiel.

Abgesehen von stellenweise nicht ganz optimal verrundeten Bundkanten treffen wir auf vorbildliche Verarbeitung. An die Volume-Potis sollte Gretsch jedoch unbedingt nochmal ran, da deren Regelcharakteristik wenig Praxisnähe zeigt. Unterm Strich steht dennoch ein ausgewogenes Verhältnis von Preis und Leistung.

PLUS

● Gretsch-Sounds
● Ansprache, Tonentfaltung & Sustain
● Spielbarkeit
● Verarbeitung
● Preis/Leistung

MINUS

● Regelcharakteristik der Volume-Potis

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2022)

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