Produkt: Gitarre & Bass 6/2019 Digital
Gitarre & Bass 6/2019 Digital
Neoclassical Bluesrock: Yngwie Malmsteen+++Strat, Style, Strings, Sound: Jimmie Vaughan+++Glam-Metal 2019: Steel Panther+++Auf langer Abschieds-Tour: Rickey Medlocke & Lynyrd Skynyrd
Aus dem neuen Heft

Test: Gladius Rocket

(Bild: Dieter Stork)

Neben den legendären Kreationen von Howard Alexander Dumble genießt seit zwei Jahrzehnten vor allem ein amerikanischer Boutique-Amp-Hersteller ein ähnlich hohes Ansehen: Bei dem Namen Trainwreck geraten immer noch zahlreiche Klangliebhaber in Verzückung. Während der 80er-Jahre schuf der weltweit bekannte Amp-Guru Ken Fischer in Ahornholz gekleidete Klangwunder, die heute mit hohen fünfstelligen Sammlerpreisen gehandelt werden. Gladius-Chef Adrian Socnik beschert mit seinem Rocket eine wunderbare Hommage an den leider schon 2006 verstorbenen Vater des Gedankens.

Amp-Experte Ken Fischer entwickelte Ende der 70er-Jahre im Keller seines beschaulichen Anwesens in New Jersey/USA auf vielfachen Kundenwunsch damals recht preiswerte Eigenkreationen, die sich vor allem am Klang britischer Modelle orientierten. Marshall und Vox waren in den USA längst nicht so verbreitet wie in Europa, und daher forderten jenseits des großen Teichs vor allem Studiomusiker nach einer praktikablen Lösung, den britischen Vorbildern wie Jimmy Page, Jeff Beck oder Eric Clapton nacheifern zu können.

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Ken Fischer überraschte mit seiner Entwicklung, die jedem damals gefragten Trend entgegenzulaufen schien. Ungefähr in der Geburtsstunde des Gitarren-Racks mit getrennter (mehrkanaliger) Vor- und Endstufe und reichlich zwi­schengeschalteten Effekten, entschied er sich, einen Verstärker zu bauen, der weder Hall, Tremolo, Einschleifwege oder Mastervolume aufwies. Das Layout war ausnahmslos britischer Prägung und überzeugte gerade wegen des bewusst angestrebten Puris­mus. Jeder Baustein sollte der Klangausbeute dienen. Mehr als vier oder fünf Regler zeigten die Modelle nicht. Wer zwischen Clean und Overdrive wählen wollte, sollte sich, wie einst die Helden der Sechziger, mit der Stellung des Volume-Reglers an der Gitarre zufriedengeben. Wer damit nicht überfordert war, fand mit einem Trainwreck-Topteil den sprichwörtlichen Amp fürs Leben. Kaum ein Besitzer wollte seinen Liebling wieder hergeben. Und so ist es bis heute.

(Bild: Dieter Stork)

Ken Fischer, der schon Jahre vor seinem viel zu frühen Tod 2006 an einer chronischen und leider unheilbaren Infektionskrankheit litt, sollte diese weltweite Würdigung nicht mehr erleben, obwohl er durchaus wusste, dass er da etwas ganz Besonderes geschaffen hatte. Die Warteliste unter Trainwreck-Kunden war von Anfang an stets lang. Der wenig schmeichelhafte Name ‚Trainwreck‘ stammte übrigens von seinen Kumpels aus seiner Motorrad-Clique, die ihn angeblich scherzhaft mit diesem Spitznamen versahen. Beinahe romantisch wirkt dagegen die Tatsache, dass Ken jeden seiner Amps statt mit einer Seriennummer mit einem eingravierten Frauennamen versah.

Wer heute einen Trainwreck kaufen möchte, muss entweder nach einem der äußerst seltenen Originale Ausschau halten und bekanntlich tief in die Tasche greifen oder sich bei dem durch die Fischer-Familie wiedererweckten Unternehmen auf die Warteliste setzen lassen. Dort bekommt man seit etwa zehn Jahren angeb­lich wieder „echte“ Trainwrecks ganz im Sinne des Erfinders.

Die Amps werden dort von einem mysteriösen Mister „JM“ gefer­tigt. Mehr gibt die Fischer-Familie nicht bekannt. Nicht uninteres­sant ist es, in Netzforen nach diesen Kreationen zu suchen und die Erfahrungen der Neubesitzer zu studieren. In Europa wäre aber auch dies mehr als mühsam. Eventuell muss man im Voraus bezahlen und mitunter lange auf die Lieferung warten.

An diesem Punkt kommt unser Testkandidat ins Spiel. Gladius-Chef Adrian Socnik, seit vielen Jahren Garant für exzellente Repli­ken alter Brit-Sound-Schätze, hat sich diesem Thema gewidmet und sich mit dem Rocket einem der drei damals erhältlichen Trainwreck-Modelle verpflichtet.

Ken Fischer hatte zunächst den Express, eine Hommage seinerseits an die berühmten Marshall-Plexi-Amps der späten 60er, und den Liverpool, eine Hommage an den legendären Vox AC30, entwickelt. Beide Amps waren noch etwas puristischer als die Originale aufgebaut und verfügten – so war der Kundenwunsch – jeweils mehr Gain-Reserven als die Vorbilder. Zum Abschluss baute er zunächst gemäß seinen eigenen Vorlieben den Rocket, praktisch eine exakte Kopie eines Vox AC30 Top Boost, jedoch nur mit einem Kanal und ohne Tremolo.

Erst als ein Kunde diesen Amp in seiner Werkstatt probierte und sofort kaufen woll­te, entschied er sich, das Modell in kleiner Serie herzustellen. Schon von der Krankheit gezeichnet schaffte er es jedoch nur noch, wenige Exemplare zu bauen. Der Rocket ist somit das heute seltenste Trainwreck-Modell. Und vermutlich ist keiner seiner Amps klanglich näher an einem alten AC30 angesiedelt als dieser.

(Bild: Dieter Stork)

PRÄZISION IN AHORN

Zur Konstruktion gibt es eigentlich gar nicht viel zu berichten. Der Rocket folgt in praktisch jeder Sektion der Schaltung eines alten Vox AC30 Top Boost. Beim Gladius überzeugt, wie stets bei den Produkten von Adrian Socnik, die „Unpacking-Erfahrung“. Dieser Verstärker ist in jeder Hinsicht…

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich bin Elektro-Ingenieur und Musiker.
    Ich kann manchmal nicht nachvollziehen warum so ein Voodoo-Hype um alte Elektroartikel gemacht wird. Da sind nirgendwo unbekannte Zaubermittel am Werk. Alles läßt sich zerlegen, analysieren und nachbauen. Alle Materialien lassen sich wieder beschaffen. Wenn es da also so einen Wunderverstärker gäbe der einen ganz besonders tollen Sound hätte, so würde es sich doch sofort für alle Verstärkerhersteller mega lohnen diesen zu einem Dumpingpreis in China nachbauen zu lassen. Erzählt mir nix, das ist problemlos machbar. Auch irgendwelche Wunderwicklungsdrähte-/röhren etc. lassen sich alle wieder herstellen, wenn sie so toll wären. Da ist nix Unbekanntes am Wirken. Also, die Frage stellt sich doch ob diese Sounds wirklich besser sind als ein guter Fender, Mesa Boogie, etc..
    Diese alten hochgelobten Verstärker waren in ihrer Zeit sehr, sehr teuer. Kaufe ich heute das Topmodell einer der besten Verstärkerhersteller bekomme ich einen genau so gut klingenden Verstärker. Nur ist er zuverlässiger, und hat halt den Seltenheitshype nicht.

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    1. Endlich mal einer der ausspricht was ich schon lange denke. Nach dem Motto ,,früher war alles besser“ werden Geräte auf dem Markt gebracht die für viel Geld auf Vintage gemacht sind. Wenn ich überlege was früher Instrumente und Verstärker gekostet haben im Vergleich zu heute! Naja, da es eben schon alles gibt, muss der Markt eben auf das alte zurückgreifen. Ich habe einen 20 Jahre alten Marshall Akustik Verstärker, schönes Teil aber über 20 Kilo schwer ich bin froh das ich den nicht mehr mitschleppen muss und eine 5 kg alternative gefunden habe.

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