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Jimi Hendrix Technik
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Verkanntes Genie

Test: Fender American Acoustasonic Jazzmaster

(Bild: Dieter Stork)

Vor exakt zwei Jahren hatte ich das erste Fender-Acoustasonic-Modell auf meinem Testtisch: eine Telecaster. Im Jahresrhythmus kommen neue Modelle hinzu: 2020 die Stratocaster-Version. Und jetzt im neuen Jahr die Acoustasonic Jazzmaster. Aber wer denkt, Fender ändere nur die Korpusform, liegt falsch.

Vor fünf Jahren saß die Fender-Entwicklungsabteilung unter der Leitung von Brian Swerdfeger zusammen und beschloss eine innovative E-Akustik-Gitarre zu entwickeln, die das Beste der akustischen und digitalen Welt vereint. Dabei stellte man immer wieder die Frage, was und wie würde Leo Fender das heute wohl machen. Ich glaube, auf die Acoustasonic Jazzmaster wäre der Mastermind besonders stolz. Immerhin war die ursprüngliche Jazzmaster eins seiner Lieblingsinstrumente und sollte sein Top-Modell werden.

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Wurde sie aber nicht, denn die Gitarristen der Endfünzigerjahre wollten weder eine Solidbody-Jazz-Gitarre, die ultramodern aussieht, noch konnten sie sich an den Klang und die Sound-Möglichkeiten gewöhnen, und erst recht nicht mit einem Vibratosystem anfreunden. So wurde sie für die aufkeimende Surf-Musik verwendet, verschwand aber in der Versenkung und wurde erst im Zuge von Punk und New Wave von Musikern wiederendeckt, modifiziert und „zweckentfremdet“.

Man kann heute festhalten, dass die wichtigsten Erfinder damals ihrer Zeit meilenweit voraus waren: So teilte Leo Fender das Schicksal mit dem Gibson-Chef Ted McCarty, der die Modelle Flying V, Explorer und Moderne entwarf, die die Musiker zu dieser Zeit überhaupt nicht verstanden. Und selbst die legendäre Les Paul Standards der Baujahre ‘58 bis ‘60 waren zur ihrer Zeit keine Erfolge und wurden wieder eingestellt bzw. durch die SG abgelöst.

Unter diesem Aspekt ist es äußerst interessant, die American Acoustasonic Jazzmaster zu betrachten. Läuft es wie so oft, dass Designer sich etwas ausdenken und Musiker was ganz anderes daraus machen? Denn wie kreativ die Musiker mit einem Instrument sind, entscheidet darüber, ob es ein Top oder ein Flop wird!

KONSTRUKTION

Diese Hybrid-Gitarre hat die Form einer Jazzmaster, ist insgesamt 103 cm lang, der Korpus ist größer als die Vorgänger Tele und Strat. Damit hat sie auch einen größeren Resonanzraum fürs rein akustische Spiel.

Der Korpus ist aus einem Mahagoni-Block gefertigt und innen ausgehöhlt. Die massive Fichtendecke ist eingesetzt, aber nicht bündig mit den Rändern, sondern etwas kleiner und lässt auch Platz für den Armrest. Sie sieht dadurch fast schon wie ein überdimensionales Schlagbrett aus, vor allem beim Testmodell in Arctic White. Erst beim genaueren Hinschauen sieht man die Maserung der Fichte durch die nicht ganz deckende Lackierung durchscheinen.

Hals und die Decke der Acoustasonic sind seidenmatt lackiert, der Mahagoniteil des Korpus offenporig. Die Decke kann frei schwingen, ist nur mit Längsstreben verstärkt, und sie hat ein kleines Schallloch, mit einem nach innen runden Trichter. Bei Fender heißt das „Stringed Instrument Resonance System (SIRS)“. Die Gitarre hat schon akustisch gespielt eine gute Klangfülle, zwar bassarm, aber laut genug zum Üben, Songschreiben und zum Begleiten.

Im Gegensatz zu den älteren beiden Schwestern mit Singlecoil-Tonabnehmern hat die Jazzmaster einen Humbucker in direkter Nähe des Akustikstegs. Äußerlich keine Polepieces, und eine Plastikkappe mit abgerundeten Kanten. Dieser Humbucker wurde von Fenders Pickup-Guru Tim Shaw speziell für dieses Modell entwickelt.

Aufgeleimter Ebenholzsteg mit Stegeinlage von GraphTech aus reibungsarmem TUSQ. (Bild: Dieter Stork)

Auch die Acoustasonic Jazzmaster hat einen aufgeschraubten Mahagonihals mit aufgeleimten Ebenholzgriffbrett mit 22 Medium-Jumbo Bünden und einem 12″-Griffbrettradius, eine Fender-Kopfplatte und staggered Mechaniken und natürlich den typischen geraden Saitenverlauf. Die Halsrückseite hat die Maße einer E-Gitarre und eine tiefe C-Form.

Der Hals verfügt über einen Stahlstab, der in beide Richtungen justierbar ist. Die Einstellschraube befindet sich hinter dem Sattel. Dafür wird ein spezieller, kleiner Inbusschlüssel verwendet, mit dem man auch die Halsneigung justieren kann. Die Justiermutter findet man in der Halsbefestigungsplatte. Um den Halsneigungswinkel zu verändern, muss man jedoch zumindest die hinteren beiden Schrauben lockern. Leo Fender hatte diese Einstellmöglichkeit 1969 tatsächlich für Akustik-Gitarren entwickelt, um darüber die Einstellung der Saitenlage zu korrigieren. Die damaligen Fender-Besitzer CBS allerdings haben das für die E-Gitarre zweckentfremdet, was zusammen mit der Dreipunkt-Befestigung zum damaligen Zeitpunkt wegen zu ungenauen Fräsungen absolut unstabil war.

Die Acoustasonic hat modernste Elektronik an Bord: den magnetischen Fender Noiseless Humbucker von Tim Shaw, einen Fishman Under-Saddle-Pickup und einen Fishman-Enhancer (Body Sensor), der die Schwingungen der Decke aufnimmt. Das alles ist mit einer aufwendigen Elektronik verbunden – Acoustic-Engine genannt –, die von Fishmen entwickelt wurde und die die Pickup-Sounds wie beim Aura-System mit Modelings bearbeitet und bereitstellt. Die Sounds können gemischt werden. Die Stromversorgung übernimmt ein von außen über Mini-USB ladbarer Akku (Laufzeit ca. 20 Stunden, aufladbar innerhalb von max. 4 Stunden, auch im laufenden Betrieb, z. B. mit einer Powerbank).

Die Acoustasonic ist erstmal dafür gedacht, sie an ein Mischpult, eine PA, einen Akustikverstärker oder ähnliches anzuschließen, aber natürlich kann man sie auch mit einem Gitarren-Amp verwenden. Geregelt wird über einen Master-Volume, einen Mischregler und einen 5-Weg-Schalter. Man braucht also nicht, wie bei vielen anderen Akustik-Gitarren-Systemen einen Führerschein, um das „Cockpit“ zu bedienen. Die Acoustasonic ist in fünf Farben lieferbar: Tungsten, Ocean Turquoise, Tobacco Sunburst, Arctic White, Natural und kommt mit einem robusten Gigbag.

Klinkenbuchse, Mini-USB und Kontrollleuchten integriert im Anschlussfeld (Bild: Dieter Stork)

PRAXIS

Mit dem 5-Weg-Schalter wählt man aus verschiedene Einstellungen, der Mod-Regler wählt bzw. blendet jeweils zwei unterschiedliche Sounds, man hat also zehn unterschiedliche zur Auswahl, die weiterhin stufenlos gemischt werden können. Der Master-Volume bestimmt die endgültige Lautstärke.

Die fünf Positionen des Schalters wählen die Grundeinstellung, von Fender sehr übersichtlich bezeichnet. Der erstgenannte Sound (A) erklingt, wenn der Mod-Regler zugedreht ist, der andere (B), wenn er aufgedreht ist. Dazwischen wird stufenlos gemischt:

5
A: Rosewood Dreadnought
B: Mahagony Slope Shoulder

4
A: Mahagony Jumbo
B: All-Mahogany Small Body

3
A: Rosewood Auditorium
B: Body Sensor Pickup

2
A: Lo-Fi Piezo
B: Lo-Fi Piezo Crunch

1
A: Fender Electric Fat/Semi-Clean
B: Fender Overdriven Electric

Alle Sounds sind von Fishman für Fender erstellt. Man kennt diese Art des Modeling vom Aura-System, wo Gitarren mit Studio-Mikros aufgenommen wurden und der Sound dann nachbildet wird. Die Akustik-Sounds bieten eine große Bandbreite. Neu sind 3B (nur der Body Sensor für Percussion Sounds) und 2A und 2B, hier sind der reine Piezo-Sound bzw. eine angecrunchte Variante eine tolle Alternative.

Auch die beiden E-Gitarren-Sounds sind gemodelt. Der cleane Fender-Sound entspricht einem Humbucker, gespielt über einen unverzerrten Fender-Amp; der fette Lead/Crunch-Sound wurde mit Hilfe eines aufgedrehten Fender-Amps nachgebildet. So kann man die Acoustasonic auch mit den E-Gitarren-Sounds direkt „ins Pult“ spielen.

Ab Werk kommt die Gitarre mit Fender-Bronze-Saiten, der .011er-Satz bietet eine gute Grundlage sowohl für den Akustik- als auch für den E-Gitarristen. Alleine die umwickelte G-Saite erschwert das Saitenziehen. Der Sound wurde von Fender auf Akustik-Saiten optimiert. Natürlich kann man auch E-Gitarren-Saiten aufziehen, allerdings könnte eine nicht umwickelte G-Saite Intonationsprobleme breiten, da die Akustik-Stegeinlage für die umsponnene optimiert ist.

Die Bespielbarkeit ist erstaunlich, die Mischung aus E-Gitarrenhals und guter Saitenlage macht alle Spielarten möglich. Die Sounds sind extrem praxisnah, wobei auch beim Anschließen an einen cleanen Gitarren-Verstärker tolle Akustik-Sounds erzielt werden. Die E-Gitarren-Sounds haben etwas mehr Kraft als ein herkömmlicher Passiv-Pickup liefern würde und sind auch moderner als die der Fender-Noiseless-Pickups der beiden Schwestern. Und das funktioniert perfekt am Amp, man spielt wie mit einem leichten Booster, was auch verzerrt super Spaß bereitet. Und dreht man den Mastervolume zurück, wird’s clean.

V.l.n.r.: Fender Tim Shaw Humbucker, Bodysensor, Stegunterseite mit Masseanschluss, NI-Akku (Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Die Fender American Acoustasonic Jazzmaster ist ein ausgereiftes, wohldurchdachtes Instrument, das das Potential zum Klassiker hat und die Serie perfekt ergänzt. Die Acoustasonic ist State of the Art, mit modernster Elektronik, einer unglaublichen Vielfältigkeit und endlosen Möglichkeiten. Es ist nicht nur ein Instrument, das Akustik- und E-Gitarren-Sounds reproduziert, sondern den Musiker inspiriert, neue Dinge und neue Sound-Möglichkeiten zu erforschen, mit Effekten zu experimentieren oder völlig ungewohnte Dinge zu kreieren. Es gibt ein wunderbares Video von Nile Rodgers, in dem er mit der Strat-Variante der Acoustasonic experimentiert. Wunderbar.

PLUS

● Vielseitigkeit
● neue Sounds (Piezo)
● Verarbeitung
● Bespielbarkeit
● Intonation
● Armrest
● Elektronik
● Design & Optik

MINUS

● Intonations-Kompromisse bei E-Gitarren-Saiten


Tim Shaw

 

Tim Shaw (offizieller Titel: Chief Engineer) arbeitete Anfang der 80erJahre bei Gibson und war verantwortlich für den 57 Classic, die Reproduktion des legendären PAF-Pickups. Kurz danach wechselte er zu Fender und ist seit vielen Jahren für deren Tonabnehmer verantwortlich. Er entwickelte die Fender-Noiseless-Pickups, aber auch die Tonabnehmer für die aktuelle American-Professional-Serie, für die er mit diversen Alnico-Magneten experimentierte und auch die ersten Humbucker unter dem
Namen „Shawbucker“ vorstellte. (siehe auch: gitarrebass.de/tim-shaw). Auch die Vintera-Pickups stammen aus seiner Werkstatt in Nashville.


(erschienen in Gitarre & Bass 05/2021)

Produkt: Fender Stratocaster
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Dieser sehr gut geschriebene Testbericht macht einen so richtig neugierig auf die Fender Gitarre. Leider hat sich die Zahl der Musikgeschäfte zum Life-Test der Gitarre dermaßen verringert, dass es wohl Jahre dauern wird, diese Gitarre in die Finger zu bekommen. Schade.

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