Doppelte P-Power

Test: DiMarzio Relentless P und Sixties P

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DiMarzio Sixties P (Bild: Jogi Sweers)

Spätestens seit Ende der 80er, als er sich in der Band von Ex-Van-Halen-Shouter David Lee Roth Duelle auf Augenhöhe mit Steve Vai lieferte, ist Billy Sheehan fester Bestandteil des Rockbass-Olymps. Er ist schon ewig mit dem Pickup-Hersteller DiMarzio verbandelt, der ihm mit dem Will Power einen Signature-Tonabnehmer baute, der in vielen Yamaha Billy Sheehan Attitude Signatures seinen Dienst tut.

Aber Billy ist nicht nur ein Besessener, wenn es ans Üben geht, er tüftelt auch furchtbar gerne und perfektioniert sein Equipment immer weiter. Eine Menge dieser Tüfteleien ist in den neuen Signature-Abnehmer namens „Relentless“ eingegangen, der seinen klassischer angehauchten Bruder „Sixties P“ zum Test mitgebracht hat.

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AUFBAU

Offensichtlichstes Merkmal ist die Metallkappe, die es außer in Chrom auch noch in Schwarz und Gold gibt. Die schirmt auch gleichzeitig noch gegen elektromagnetische Interferenz ab. Billy mag es, seine Finger nach dem Anschlag der Saite auf die Pickup-Oberseite klatschen zu lassen, wie bei einer Ramp. Um dieses Anschlagsgefühl so angenehm wie möglich zu machen, hat Billy seine Will-Power-PUs einst mit einer Schicht Epoxidharz versehen, ihnen eine Wölbung verpasst und alle Kanten entschärft.

Das wurde für den Relentless übernommen, im Spielbereich gibt es überall Abrundungen, aber nicht einen rechten Winkel, dazu eine Wölbung, die bei montierten Pickups dem Radius der Saiten bzw. des Griffbretts nachgeht. Ebenfalls aus dem Spielbereich verschwunden sind die Befestigungsohren. Um das zu erreichen, wurden die Pickup-Hälften auf 1/8-Zoll dicken Platten aufgebaut, wie man sie sonst für Platinen nutzt. Die Grundplatten machen einen überaus stabilen und haltbaren Eindruck.

Schon in seinem Will Power P hatte Billy statt der üblichen zwei Magnete bzw. Pole pro Saite gleich sieben je Pickup-Hälfte unter einer geschlossenen Kappe. Diese verhinderten, dass weder gezogene Saiten noch eine extrahart angeschlagene tiefste Saite das Magnetfeld verlassen. Gutes wird übernommen, ergo hat auch der Relentless die gleiche Konstruktion mit sieben Polstücken je Hälfte, die von je zwei Keramikbarren magnetisiert werden.

Beide Hälften kommen mit recht dicken Anschlusskabeln, in den Plastikummantelungen laufen jeweils zwei Kabel für Spulenanfang und -ende plus einem blanken Massedraht, alles umhüllt in Abschirmfolie. In einem Bass ohne Pickguard, bei dem beide Kabel durch eine Bohrung zum E-Fach müssen, kann es schon (zu) eng werden. Dafür können dann aber alle Verdrahtungsoptionen ausgenutzt werden, regulär seriell, oder parallel oder out-of-phase (macht das noch jemand?).

UNABLÄSSIG

Der Einbau geht entspannt vonstatten, wenn Platz genug für die beiden Kabelstränge ist. Die vorigen, langen Pickup-Schrauben würden bei den Relentless wahrscheinlich aus dem Boden rauskommen, passende kürzere liegen bei. Billy nimmt für die Montage gerne „surgical tubing“, also elastischen dünnen Gummischlauch, wie man ihn von alten Fender-Gitarren kennt. Ein Stück davon liegt samt Zuschneideanleitung bei, bei mir sind die Pickups dann aber entweder nah an den Saiten wie vorgesehen, aber extrem wackelig, oder sitzen fester, aber recht tief, in den Fräsungen.

Also doch anderen Schaumstoff zum Unterfüttern. Nah an den Saiten ist das Spielgefühl wirklich großartig. Der Daumen hat eine größere Fläche zum Abstützen, da die Befestigungslaschen der Grundplatte unterhalb des Schlagbretts anliegen. Die Finger flutschen nach dem Anschlag auf glattes Metall und können so nicht zu tief eintauchen – gut für kontrolliertes, schnelles Zupfen.

Und wie klingt’s? Seriell an den vorhandenen Potis angelötet, muss ich erstmal den Gain-Regler bemühen, um den Output zu zähmen. Verglichen mit dem schon lauten Will Power kommt hier noch mehr, da dürften die meisten aktiven Pickups nicht mithalten können. Aber Lautstärke ist ja nicht alles …

Wie von Billy Sheehan zu erwarten, kommt ein irres Mittenbrett angeflogen. Das drückt und knorzt schier übermächtig. Aber auch ein gesundes Bassfundament macht sich bemerkbar, und auch Höhen, die sich aber etwas zaghaft hinten anstellen und allen anderen den Vortritt lassen. Leichte Besserung bringt der Austausch des Volume-Reglers gegen ein 500-kOhm-Poti.

Aber auch sonst muss man sich keine Gedanken um mangelnde Definition machen, die nur eben mehr aus den Hochmitten kommt. Ein beherzter Dreh am Treble-Poti am Amp klart das Klangbild ordentlich auf und bringt die verhaltenen Höhen nach vorne. Das ist schon ein Monster-Ton, der im Bandkontext den Gesamtsound füllt und sich auch von lauten, fetten Gitarren nicht einschüchtern lässt. Auch extremes Saitenziehen ohne Verlassen des Magnetfeldes geht wie versprochen.

Ganz ohne (mögliche) Nachteile geht es aber auch nicht: Die dicke E-Saite fängt schon am 12. Bund an stark unsauber zu klingen. Der Magnetzug lässt die schwingende Saite nicht locker ausschwingen und erzeugt ein nicht sonderlich attraktives Chorus-ähnliches Signal – ein Phänomen, das Gitarrist:innen als Stratitis kennen. Auch die A-Saite ist noch betroffen. Legt man in diesen Bereichen Wert auf größtmögliche Sauberkeit, muss der Pickup von den Saiten weg. Das schmälert aber wieder den Nutzen als Ramp für den Anschlag … Klanglich gibt es da nichts auszusetzen, aber ganz im Sinne des Erfinders ist das nicht.

DiMarzio Relentless P (Bild: Jogi Sweers)

GREEN TINTED

’60S PU? Rettung naht in Gestalt des Sixties P. Der übernimmt die grundsätzliche Konstruktion des Relentless (dicke Grundplatte, gewölbte Metallkappe, allgemeine Abrundungen), kombiniert sie aber mit sichtbaren, an ihrem matten, grauen Glanz zu erkennenden AlNiCo-Magneten. Die haben deutlich weniger Zug und ermöglichen den Pickup als Ramp nah an den Saiten zu platzieren. Der Output im normalen seriellen Betrieb liegt im Rahmen vergleichbarer Abnehmer und damit ein ganzes Stück unterhalb dessen, was der Relentless rausknallt. Um auf gleichen Pegel am Amp zu kommen, darf der Gain-Regler wieder ein gutes Stück nach oben wandern.

Die Anschlusskabel und damit die Verdrahtungsmöglichkeiten sind die gleichen wie beim Kollegen, anders als im Schaltplan behauptet, welcher zwei Kabel je Hälfte ohne Abschirmung und extra Massekabel vorsieht, ganz wie ein 60er-Jahre P eben. Oder eben nicht. Interessante Beobachtung am Rande: Auf die Frage nach dem Output eines Pickups kommt meistens der Gleichstromwiderstand. Der misst beim Sixties P aber 13,76 kOhm, beim gefühlt doppelt so lauten Relentless 11,84 kOhm. Ein Indiz also, aber nicht die ganze Wahrheit.

Klanglich gibt sich der Sixties P normaler, im allerbesten Sinn. Ein rauer, aber herzlicher Preci-Ton, bei dem die Höhen sich nicht hinter allem anderen verstecken, sondern direkt präsent sind und bei entsprechender Spielweise schön aggressiv anspringen. Die Höhenblende, die ich beim Relentless – wenn überhaupt – eher gerne noch weiter als voll aufgedreht hätte, kommt jetzt sehr gelegen, um den Ton abzurunden und den Fokus auf die auch beim Sixties P gut ausgeprägten Mitten zu lenken.

RESÜMEE

Replacement-Pickups für Precision-Bässe gibt es wie Sand am Meer, für jeden Geldbeutel. DiMarzio schafft es trotzdem, etwas ganz Neues anzubieten. Aufbau, Formfaktor, und Metallkappe sind in dieser Kombination einmalig. Während der Relentless da ansetzt, wo der Will Power P aufhört, und noch mehr Pegel noch Sheehan-esker raustut, gibt sich der Sixties P kompakter und ausgeglichener im Ton.

Beide setzen die Idee, gleichzeitig als Rampe zu fungieren, bestens um – der Relentless mit dem Vorteil der komplett geschlossenen Kappe, dafür aber dem möglichen Nachteil eines sehr starken Magnetzuges. Der Sixties P ist da unauffällig und wird auch durch seinen flexiblen, sehr schön ausformulierten Ton sicher eher die Masse ansprechen als der extremere Kollege. Der aber ebenfalls schon etliche Fans gefunden hat, wie man vor allem, aber nicht nur in Yamaha-Attitude-Foren nachlesen kann.

PLUS

● Metallcover
● Bauweise
● Sound
● Optik

MINUS

● Magnetzug (Relentless)

(Bild: Jogi Sweers)

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2023)

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