Triumphaler Bass

Test: Charvel Pro-Mod San Dimas Bass JJ V

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(Bild: Dieter Stork)

In der Pandemie ist es wieder in Mode gekommen, an seinem Instrument zu basteln, oder gar welche aus Einzelteilen zusammenzusetzen. Charvels Pro-Mod-Serie verspricht schon ab Werk einen Hot-Rod-Bass, der moderne Ausstattung mit alter Charvel-DNA kombinieren soll.

Zu Anfang ist Charvel damit groß geworden, erst Teile und dann ganze Instrumente meist im Fender-Stil anzubieten. Wie Fender das damals fand, ist nicht überliefert, mittlerweile wären sie über solche „Tributes“ wohl wenig erbaut und würden den Rechtsweg beschreiten – hätte man nicht vor Jahren schon Charvel aufgekauft. Ergo sieht das Ganze jetzt anders aus, und die Designer können sich fröhlich bedienen.

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DIE ACHTZIGER MAL WIEDER

Die Optik ist schon mal – für meinen Geschmack – sehr cool! Was ich da aus dem Karton ziehe und von seiner Plastikhülle befreie ist eine stimmige Komposition aus prächtigem Candy Apple Red, rotbräunlichem Hals, goldener Hardware und cremefarbenen Plastikteilen. Schon Ende der 70er, Anfang der 80er hatte Charvel als Viersaiter diese Korpusform auf dem Markt, die ihre Wurzeln unverkennbar im Precision Bass hat, dem Erlen-Korpus aber ein tieferes Cutaway verpasst.

Die Lackierung ist tadellos gemacht und kommt im Zusammenspiel der Farbgestaltung sehr schick rüber. Der Hals verdankt seine Farbe der Tatsache, dass er geröstet, oder wie Charvel es nennt: karamellisiert wurde. Der Zugehörigkeit zu Fender ist es zu verdanken, dass er die originale Precision-Kopfplatte verwenden darf, was ein Aufkleber auf deren Rückseite nochmal explizit herausstellt. Das ebenfalls karamellisierte Griffbrett trägt 20 Jumbobünde.

Weiße Dots vorne und nachleuchtende Luminlays in der Flanke geben Orientierungshilfen. Der Griffbrettradius nimmt von 12 Zoll am Graphtech-Sattel auf 16 Zoll in den höchsten Lagen zu, der Compound Radius soll einer leichteren Bespielbarkeit entgegenkommen. Apropos Maße und Bespielbarkeit: Die Homepage von Charvel führt diesen Bass als 35-Zoll-Extralongscale. Tatsächlich hat er „nur“ normale 34 Zoll.

(Bild: Dieter Stork)

Die Mechaniken führt die Homepage als offene Charvels, damit die Saiten bei der Fender-typisch parallel zum Hals nach hinten versetzten Kopfplatte und den konkaven Achsen der Tuner genug Druck im Sattel haben, ist ein Hipshot-Niederhalter für A-, D-, und G-Saite montiert, bei dem die Saiten nicht mühsam durchgefädelt werden müssen. Das wiederum ist beim Steg nötig. Ab den 70ern war die BadAss lange Jahre ein Favorit, wenn Fender-Bässe mit solideren Brücken aufgepeppt werden sollten, jetzt hat Fender eine eigene HiMass genannte Version, hier mit Charvel-Logo. Passt natürlich super zum Mod-Thema. Das gilt genauso für die Pickups, auch DiMarzio ist dafür seit den 70ern angesagt und war bei den ersten Charvel-Bässen Standardbestückung. Die cremefarbenen Kappen unterstreichen ebenfalls den gemoddeten Look.

(Bild: Dieter Stork)

Mein Testbass weist da eine kuriose Eigenheit auf: Die verbauten Pickups sind DiMarzio Area J, die für Steg- und Halspickup gleiche Einbaumaße haben. Vermutlich hat jemand beim Einbau in die falsche Kiste gegriffen und zwei Stegabnehmer erwischt. Irgendwo da draußen ist ein weiterer Pro-Mod San Dimas JJ V mit zwei Hals-Pickups … Inwieweit sich das außer in der Optik bemerkbar macht, werden wir noch sehen respektive hören.

Auch die goldenen Metallpotiknöpfe fügen sich nahtlos ins Bild, kontrolliert werden hier Volume, Pickup-Balance, Höhen, Mitten und Bässe. Per Zug am Volume-Poti wird der EQ ausgeschaltet und der Bass kann passiv betrieben werden. Die für den aktiven Betrieb nötige 9V-Blockbatterie sitzt im eigenen Fach, das ohne Werkzeug zu öffnen ist, und kommt ohne Clip aus.

Großes E-Fach für die aktive Elektronik
Großes E-Fach für die aktive Elektronik (Bild: Dieter Stork)

SCHNELL UND AKTIV

Dank seiner scharfen Shapings sieht der Pro-Mod nicht nur ebenso aus, sondern schmiegt sich auch ausgezeichnet an. Der Bass will am Gurt deutlich in die Waagerechte, die Kopflastigkeit ist aber beherrschbar. Auch wenn die meisten fenderigen Fünfsaiter an den Jazz Bass angelehnt sind, stellt sich auch auf dem preci-esken San Dimas direkt ein vertrautes Spielgefühl ein. Richtig gut gefällt mir der karamellisierte Hals, der wie poliert in der Hand liegt, sich gleichzeitig aber warm und wie unlackiert anfühlt. Herrlich!

Die abgerundeten Griffbrettkanten tragen ebenfalls zum hohen Wohlfühlfaktor bei. Die Homepage beschreibt ihn als „super-thin bolt-on maple Charvel speed neck“, und dem ist nichts hinzuzufügen. Im Tandem mit der Saitenlage, die sehr tief eingestellt werden kann, ohne Schnarren zu provozieren, gibt es hier keine Geschwindigkeitsbeschränkung. Übrigens habe ich im Laufe des Tests die Mensur sicher fünf Mal gemessen, da auch andere Reviews von der extralangen Mensur schwärmten, sie ist aber definitiv nur 34 Zoll.

Jeder Ton kommt mit schönem Schmatzen und ordentlichem Snap bei härterem Anschlag. Passiv am Amp wird das von den DiMarzios sauber und in jeder Einstellung brummfrei umgesetzt, der Balanceregler fadet sensibel zwischen den beiden hin und her. Meine Befürchtungen, der Einbau zweier identischer Pickups könnte Probleme bereiten, weil die Polepieces am Hals nicht zu den Saitenabständen passen, lösen sich schnell in Luft auf, die äußeren Saiten verhalten sich nicht anders als die anderen. Vom Ausgang her sind die Area J eh gleich ausgelegt, mit der Höheneinstellung in Werkseinstellung sind sie in der Lautstärke perfekt aufeinander abgestimmt. Auf aktiv geschaltet gibt es einen ordentlichen Boost, das ließe sich aber per Trimpoti an der Elektronik ändern.

Neben dem jetzt höheren Output kommt ein leichter Gewinn an tiefen Bässen und Strahlehöhen dazu, die dem Bass sehr gut stehen. Der leicht fauchige Grundton der DiMarzios passt exzellent dazu, interessante Farbe! Solo hilft das dem Hals-Pickup bei der Darstellung eines Preci-Tons, wenn auch der modernen Sorte. Der Steg-Pickup geht wie erwartet in J-Gefilde, was sich mit Bass- und Mittenregler noch aufblasen lässt. Zusammen betrieben ist der Sound offen, punchy und setzt sich sauber in den Band-Sound, egal ob gezupft, mit dem Plek, oder geslappt. Damit ist universal wirklich viel abzudecken.

Etwas ungewöhnlich ist die Funktion des Höhenreglers: Normalerweise ist der bei aktiven Elektroniken in Kuhschwanzcharakteristik ausgelegt, packt also breitbandig und oberhalb des Einsatzpunktes zunehmend intensiv zu. Beim Charvel wird ein Höhenband herausgegriffen, darüber bleibt aber der Ton weitgehend unberührt. Mit komplett zugedrehtem Poti wird es daher trotzdem nicht dumpf, geslappt zum Beispiel klickert es fröhlich vor sich hin. Im Umkehrschluss heißt das, dass richtig mollige Vintage-Sounds ohne externe Hilfe nicht machbar sind, da muss der Höhenregler am Amp oder Preamp helfen. Mir gefällt’s jedenfalls!

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Operation gelungen, Bass lebt! Über Optik lässt sich natürlich immer streiten, ich finde den Pro-Mod San Dimas Bass JJ V ganz hinreißend, auch die Band-Kollegen waren von der Farbkombination sehr angetan.

Der mit Bedacht zusammengesetzte Bass sieht aufgemotzt und edel zugleich aus, Mission erfüllt also. Auch klanglich überzeugt er und sortiert sich mit eigener Note in den Reigen moderner Jazz Bässe ein, bei allerbester Bespielbarkeit und einer – wie man so schön sagt – gut eingebundenen H-Saite. Außer dem Kuriosum mit dem doppelten Steg-Pickup, das allein optische Auswirkungen hat, gibt es nichts zu meckern: klare Antestempfehlung für einen Bass, der in einer Gala-Band genauso funktionieren dürfte wie im Metal-Kontext.

PLUS

  • Sound
  • Bespielbarkeit
  • karamellisierter Hals
  • Optik
  • Verarbeitung

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2021)

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