Vergangenheitsbewältigung

Pawn Shop: Die Jolana Diamant

Ich gestehe! Ja, ich habe ein Faible für Osteuropas Schönheiten – aber bei so einem Pärchen wird doch jeder schwach: Eine Jolana „Diamant“ und ihre viersaitige Schwester haben in herrlicher Erhaltung den Weg zu mir gefunden. Und so treiben wir uns auch in dieser Pawnshop-Folge weiter hinter dem Eisernen Vorhang herum. Es geht erneut in ein Nachbarland, damals noch Tschechoslowakei genannt, und dort ins beschauliche Horovice, auf halbem Weg zwischen Prag und Pilsen.

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Auch in der Tschechoslowakei gab es zu Zeiten des Kommunismus genau eine Firma, die E-Gitarren herstellte, Harmonica Horovice (später Delicia Horovice, vorher mehrfach umbenannt), und zwar ab den frühen 1960er-Jahren unter dem Label „Jolana“ – ganz kreativ benannt nach der Tochter des Chefs.

Der Gitarrenbau in der (heute) Tschechischen Republik hat eine noch ältere Tradition, die Geburtsstunde der E-Gitarren schlug dort aber 1955. Vladimir Vlcek, Jan Horejs und Josef Ruzicka importierten eine Fender Stratocaster, entschlossen sich aber zur Entwicklung eines doch recht eigenen Designs, das sie auf den Namen „Grazioso“ tauften. Als „Futurama“ fanden diese frühen tschechischen E-Gitarren ihren Weg nach Großbritannien, auch in die Hände eines gewissen George Harrison. Viele Modelle folgten, die durchaus mit westeuropäischen E-Gitarren der Beat-Ära mithalten konnten, bis Anfang der 1970er-Jahre die Fabrikation konsolidiert wurde (wie überall sonst auch) und die Qualität sank (wie überall sonst auch). Die Diamant gilt als die letzte relativ hochwertige EGitarre von Jolana, danach verließen nur noch recht zweifelhafte Designs das Werk. Kurz nach der Wende gingen in dem damals staatlichen Unternehmen die Lichter vorerst aus. Unter neuen Besitzern erstand die Marke Jolana im Jahr 2001 wieder auf und bietet, neben Auftragsarbeiten u. a. für Epiphone, wertige Neuauflagen der Diamant und sogar der Grazioso an.

Doch nun zu den Originalen: Beide – Gitarre und Bass – wurden ca. 1975 hergestellt und folgen dem Design der Gibson Les Paul, aber mit dem „folgen“ hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Bei der Brücke zeigen sich bereits deutliche Unterschiede zum LesPaul-Vorbild – diese ähnelt eher der einer alten Guild Bluesbird. Wie bei vielen alten Les-Paul-Kopien ist der Hals angeschraubt, nicht geleimt. Auch die verwendeten Hölzer – Ahornhals, geschwärzte Birke fürs Griffbrett, irgendeine unidentifizierbare Planke als Korpus – entsprechen nicht dem Original. Dafür wurde immerhin kein Regenwald gerodet.

Die Saiten werden von nicht sehr vertrauenerweckenden Mechaniken gehalten und laufen über Aluminium-Sattel und Nullbund, die Mensur ist mit 628 mm bei der Gitarre klassisch, mit 770 mm beim Bass im Shortscale-Bereich. Bei der Gitarre prangt ein „Diamant“ aus Plastik auf dem TrussrodCover; ob original oder von einem kecken Vorbesitzer angebracht – man weiß es nicht genau. Die mit „Spektrum“ betitelten Humbucker klingen respektabel – transparent und doch kräftig. Der Pickup-Schalter sieht cool nach Steampunk aus; es handelt sich um einen Rotary-Switch, den man komplett im Kreis schalten kann – verwirrend auf einer dunklen Bühne nach zwei oder drei Pivo. Typisch für Jolana: Schraubt man den hinteren Gurtpin ab, kommt ein Schlitzschraubenzieher zutage, mit dem sich die Höhe der Pickups einstellen lässt – pfiffig!

stellen lässt – pfiffig! Die beiden hübschen Schwestern sind für Gitarren des Ostblocks passabel verarbeitet, nicht umsonst gelten Jolanas in Kennerkreisen als durchaus respektable Instrumente. So weit entfernt von mancher westdeutschen Solidbody der 1970er sind sie qualitativ nicht, auch wenn ich nach dieser Aussage jetzt vielleicht in Deckung gehen sollte.

Wer eine ergattern will, muss mit Restaurierungs- und Einstellarbeiten rechnen und seine Ansprüche an Resonanz, Sustain und Schnarrfreiheit etwas zurückschrauben; der Genuss kommt hier aus den Pickups, nicht aus dem „trockenen“ Klang. Eine Jolana Diamant ist für € 150-250 zu ergattern, oft jedoch in verbasteltem Zustand – Verschlimmbesserungen inklusive. Der Bass dagegen ist extrem selten. Das vorliegende Exemplar habe ich eigens für diesen Artikel aus der unruhigen Ukraine einfliegen lassen – es handelt sich um das einzige Exemplar, das ich in zehn Jahren des Handels mit Pawnshop-Gitarren gesehen habe.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich hab noch einen unverbaszelten Bass sicher ein zwei Schrauben sehen restaurierungsbedürftig oder ist halt der unverbastelte Zustand mit Patina keine kreuzschrauben nicht zerkratzte Köpfe etc. Weisen auf orginalzustand hin bei Interesse durchrufen 015787353616

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  2. Hallo Habe selbst so ein Gutes Stück E-Gitarre und diesen artikel mit Interesse gelesen . Hat jemand einen Tipp Ich bräuchte alle 4 Potis . Welche ( Spezifikation ) sind kompatibel zum Orginal. Gruß Andreas

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