Modern vintage super Ax

Nick Page Guitars SoCa 1984-Custom im Test

Von Nick Page kennen wir wunderbar vogelige Auslegungen des traditionsbezogenen Gitarren-Designs irgendwo zwischen Retro- Glamour und Fantasy-Dekor. Immer haben seine extravaganten Instrumente etwas von mondänem Chic, sind dabei aber auf raffinierte Weise funktionsstark. Die SoCa 1984-Custom ist in diesem Sinne ganz auf Linie und doch wieder anders.

(Bild: Dieter Stork)

Die Assoziation mit dem gleichnamigen Album „1984“ von Van Halen ist bei diesem Modell natürlich kein Zufall sondern Programm, auch war das Floyd Rose nach vielen Versuchen 1984 endlich perfekt. Und SoCa? Steht für Southern California, wo all das passierte. Was braucht man denn nun eigentlich für so eine nachgefühlte „Frankenstein Strat“ im Gedenken an Eddie (keine Sorge, der lebt noch)? Einen Double-Cutaway-Korpus mit Schraubhals, einen guten Humbucker in der Stegposition und ein Floyd-Rose- Vibrato. Spartanische Ausstattung also, aber in Konsequenz auf den Punkt gebracht.

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Vintage Ästhetik – noble Komponenten

Nick Page bürstet den Trend einfach mal gegen den Strich. Wo heute alles möglichst im Originalzustand zu sein hat und ein ausgetauschtes Poti bei Vintage- Instrumenten schon zu erstaunlichem Preisverfall führt, nimmt er die Ideen des frühen Customizings auf, mit welchem Musiker in den 80er-Jahren mehr aus den Instrumenten herausholen, ihr Klangpotential erweitern wollten. Natürlich wurden dafür in den Augen des Vintage-Fans alte Gitarren zerstört und ihr Wert vernichtet. Da Nick immer wieder modifizierte Instrumente zur Restauration im Sinne der Rückführung in den Originalzustand bekam, wusste er aber: so eine alte Strat wird dadurch nicht unbedingt besser. Im Gegenteil fand er oft Vorzüge, die aus Spielerperspektive den Umbau der Oldies auf Humbucker durchaus Verständlich machten, etwa kraftvolle Halsprofile anstelle der als „schnell“ geltenden flachbreiten Neck Shapes der 80er-Jahre. Sidekick: Als Allan Holdsworth einst seine mit Steg-Humbucker aufgerüstete alte Strat verkaufte, der neue Besitzer sie aber sofort zurückbaute, lautete sein betrübter Kommentar: „Er hat es einfach nicht verstanden.“

Ist es vielleicht an der Zeit, diesen vielgeschmähten frühen Custom-Gitarren mehr Aufmerksamkeit zu schenken? Nick jedenfalls ist dann ganz vorn mit dabei! Fakten: Der Korpus der SoCa 1984-Custom aus Red Alder (Roterle/Oregon-Erle – wächst vornehmlich entlang der Pazifikküste im westlichen Nordamerika) mit den bekannten Komfortkonturen dieser Bauart sieht aus wie ein alter, vollkommen abgerockter Sunburst Body, der mit Glitterlack „Gold mit original 60er Glassparkle“ überzogen und dann wiederum geschändet wurde. Das alles wurde tatsächlich in Nitroschichten übereinander aufgebaut, dann einer Aging-Prozedur unterzogen, letztlich noch die Glitzerschicht mit einem Skalpell in Flammenform ausgeschnitten und mit Schnittstreifen zur Lackrissimitation vervollständigt. Das alles ist so überzeugend durchgeführt, dass es sich sofort anfühlt wie ein lange eingelatschter Schuh. Im Gegensatz zum Body einer Fender Stratocaster finden wir bei der SoCa ein mit Graphit-Lack ausgepinseltes, recht großzügig geschnittenes E-Fach auf der Rückseite, in dem das einzelne Poti und die hineinlugende Anschlussbuchse fast schon verloren wirken. Die Kammer ist natürlich auch Teil des Sound Tunings der Konstruktion.

Aufliegend montiertes Floyd Rose System (Bild: Dieter Stork)

Der mit Soft-V-Profil perfekt geformte Hals aus geflammtem Ahorn ist über eine Platte mit vier Schrauben an den vorn zur Spielerleichterung abgeflacht gestalteten Korpusbereich angedockt. Nahezu schwarzes, sagen wir besser zartbitterschokoladedunkles Rio-Palisander (Dalergia Nigra), natürlich Cites-zertifiziert, ist korpusseitig als Griffbrett mit 12″ Radius etwas überstehend auf den Hals geleimt, um22 Bünden (6105) Raumzu geben. Die sind in Perfektion verarbeitet; Dots aus Perlmutt an den bekannten Stellen sorgen für gute Übersicht bei der Tonhöhennavigation.

Die parallel nach hinten versetzte Kopfplatte im Reverse Headstock Design – „macht ja bei Klemmsattel-Gitarren keinen Sinn, sieht aber cool aus …“, Nicks Interpretation eines Typs mit 6- in-Reihe montierten Mechaniken (Klusons), zeigt geraden Saitenzug via Saitenniederhalter auf den Klemmsattel zu und bekam auf der Rückseite als Hommage an seine Wahlheimat Österreich ein Medaillon mit dem Hauswappen der Habsburger Dynastie eingesetzt (Ideen hat er). Halsstab ist dann wieder old school, d. h. zum Verstellen müssen wir den Hals lösen. Climax: Bei dem gezielt für optimale Tonabnahme quer eingebauten Tonabnehmer handelt es sich um einen Amber ‚Spirit Custom‘ Humbucker Pickup, den Wolfgang Damm auf Grundlage eines abgeschrappten 70er-Jahre DiMarzio Super Distortion-Bobbin speziell für dieses Instrument gewickelt hat. Nick: „ein Meisterwerk“. Vom ursprünglichen Pickup ist wenig geblieben: alte Wicklung runter, Messing-Grundplatte raus, eine aus Neusilber rein, technisch gealterter Alnico-5-Magnet ersetzt den keramischen, Bobbin dann mit Plain-Enamel-Draht neu gewickelt.

Reverse Headstock Design mit Klemmsattel (Bild: Dieter Stork)

Nur die alten langen Inbus-Polschrauben beeinflussen also noch in gewisser Weise das Magnetfeld, ansonsten ist das ein neuer Pickup in altem Gewand, der mit etwa 8,2 kOhm auf etwas mehr Output als der berühmte Amber ‚Spirit of 59‘, aber durchaus in Anlehnung an den originalen PAF in Eddie van Halens berühmter Frankenstrat gewickelt wurde. Nick wollte auf jeden Fall klare Höhen, saubere Saitentrennung und das PAF-Appeal beibehalten. Gesteuert wird lediglich mit einem Volume-Poti (500K), das Signal geht dann direkt auf die Ausgangsbuchse. Das Schaller-Floyd-Rose-Vibrato gehört dann noch zwingend in die Konzeption, und zwar aufliegend montiert. Nicht einfach nur weil der gute Eddie das damals so hatte, sondern auch weil Nick dessen Ansicht darüber teilt: es garantiert eine deutlich bessere Schwingungsübertragung im Vergleich zu unterfrästen, frei aufgehängten Systemen. Das Teil ist im Übrigen vernickelt (Custom). Die Gitarre wird in einem von Tom Schaffert angemessen derb künstlich runtergerockten Tweedcase geliefert – cool!

Neck-Dope und Humbucker-Heaven

Die SoCa 1984-Custom fühlt sich großartig an, vermittelt das Gefühl von lange eingespielt, was sich vor allem auf den absolut toll gestalteten Hals bezieht. Er beginnt unten mit einem leicht V-förmigen Profil, das sich dann aufsteigend zu einem idealtypischen C-Profil ausflacht. Das ist aus haptischer Sicht einfach famos gelöst und folgt jenem Eindruck, den Nick einmal von einer zur Reparatur vorgelegten 1957er Tele gewann: „der beste Hals der Welt!“

Die akustische Klangaura ist schon etwas von dem Floyd-Rose-System geprägt, was eine drahtige, höchst transparente Auflösung von Akkorden in den Raum stellt, dem Ton aber keinesfalls seine Vitalität raubt. Die Saitenlage wurde sehr flach eingerichtet, bei starkem Anschlag knallt es auf den Basssaiten leicht, was natürlich dem Ansatz auf besonders leichtfüßige Tonentfaltung geschuldet ist. Bei mehr Anspruch auf Dynamik würdeman die Saiten einfach etwas höher einstellen. Dennoch entfalten die angeschlagenen Noten nach markant herausgestelltem Anschlag dann ein überraschend lang aushaltendes Sustain mit ebenmäßigem Tonverlauf auch in den hohen Positionen. Besonders bemerkenswert ist die große Klarheit im Ausdruck. Und was macht die Elektrik daraus: Die von Nick vorausgeschickten Vorschusslorbeeren für diesen besonderen und unikalen ‚Spirit Custom Humbucker‘ lassen nicht lange auf Bestätigung warten.

Schon im Klarklang trupft dieser Pickup mit ausgesprochen sauber aufgelösten Akkorden mit frappierender Saitenseparation auf. Die Transparenz und Höhendichte ist schlagend, das harmonische Tonverhalten in plastisch durchleuchteten Mehrklängen grandios. Der Eddie van Halen zugeschriebene Brown Sound beruht nach dessen Auskunft ja tatsächlich auf einem Missverständnis, gemeint war seinerzeit damit ein spezieller Drum-Sound seines Bruders Alex. Eddie jedenfalls generierte seinen Sound aus einem alten PAF-Pickup und genau diesen Eindruck gewinnen wir auch von dem Spirit Custom. Der höchst aufgeräumte Clean-Sound ist allerdings auch beste Grundlage für einen wunderbar obertonsatten, offen strahlenden Brat- Sound. Im Overdrive also erweisen sich Akkorde als fabelhaft ausgewogene Klangbilder, die auf nicht zu stark ausgebildete, aber konturstarke Bässe und plastisch griffige Mitten bauen. Vor allem aber bilden sich Höhen von begeisternder Rundung und Intensität aus, die ihresgleichen suchen.

(Bild: Dieter Stork)

Die enorme Luftigkeit, ja besonders leichte Erregbarkeit mit der die Diskantsaiten auf die leichteste Berührung hin aufleuchten, ist selten zu hören. Und dann dieser Schmelz mit dem gezogene Töne ineinander gleiten … hm, einerseits, aber bevor uns das jetzt in so ein Bullshit Vintage Tone Bingo abgleitet: this cat is hot too! Nimmt man sie also härter ran, so gibt uns die SoCa einen durchsetzungsstarken, vokal stark ausgeprägten Ton an die Hand, der nach virtuoser Anwendung giert. Mit dem Volume-Poti lässt sich auf kurzemRegelweg die Zerrintensität abgleichen, mehr braucht der Protagonist der anvisierten Spielweise nicht. Dieses Modell ist natürlich auf eine spezifische Anwendung zugeschnitten und macht genau dort seine volle Punktzahl. Nur kurz noch zum Vibrato: Das aufliegende Floyd Rose Systemist recht schwergängig eingestellt, das ist natürlich Geschmackssache, funktioniert aber tadellos.

Resümee

Nick Page tut die Landluft seiner Wahlheimat Österreich offenbar gut. Der gebürtige Kölner, Ex-Londoner und Ex-Berliner Gitarrenbauer schaut wieder einmal auf ganz besondere Art in die Gitarrengeschichte zurück, rehabilitiert mit der SoCa 1984-Custom förmlich das frühere SSH-Customizing in Richtung Super-Strat. Es ist natürlich nicht nur die Idee, sondern vor allem deren Ausführung mit vielen gut durchdachten Aspekten, die zu diesem Highlight individueller Gitarrenkonstruktion führt. Seine Frankenstrat zeigt nicht nur Widmung für beste Spielkonditionen, sie klingt dank des Amber-Spirit- Custom-Pickups auch absolut großartig, mit einem Höhenschmelz, in den man sich einfach nur reinwerfen will. Der Hals mit Soft V-Profil, eine Reminiszenz an Fenders Baujahr 1957, spielt sich dann auch noch aufregend gut. Das (mit schönem Gruß an Eddie) aufliegend montierte Floyd Rose erweitert den Artikulationsrahmen, färbt natürlich leicht ein, gewährt aber gute Resonanzübertragung. Ja, so geht das: aus der Vergangenheit lernen und mit Fantasie und Bewusstsein für Form und Stil auf die spezialisierte Anwendung zuspitzen – Real Dope Guitar!

Plus

  • Design-Idee, Konzeption
  • Schwingverhalten
  • Amber Spirit Custom Humbucker
  • Sounds
  • Soft V-Halsform
  • Rio-Palisandergriffbrett
  • Handhabung, Spielgefühl
  • meisterliches Aging

Aus Gitarre & Bass 03/2017

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