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MARSHALL JVM410H im Test

Marshall JVM410H

Der JVM 410H ist der wohl aufwendigste Marshall, der jemals gebaut wurde. Mit dem neuesten Konzept eines vierkanaligen Amps mit insgesamt 12 Sounds liefert der englische Hersteller seinen starken Beitrag zum Bau moderner Vollröhrenverstärker ab und hat damit ein High-Tech-Topteil am Start.  

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Außerdem läutet dieser Verstärker eine neue Generation im Hause Marshall ein. Standen früher die Bezeichnung JTM für die James Terry Marshall (die Initialen von Jim Marshall und seinem Sohn), so ist nun die Tochter Victoria Marshall, die seit einiger Zeit an der Seite ihres Vaters die Geschäfte bei Marshall leitet, nun in der Namensgebung JVM manifestiert. Der neue JVM410H lässt sich ganz nach Geschmack mit beliebigen Fullsize- Cabinets der Marshall-Modellpalette kombinieren. Wahlweise kann sich der Kunde zudem auch für die 2×12-Combo Variante JVM410C entscheiden. Aber Obacht, da sind Muckis gefragt, der Combo ist fast 35 Kilogramm schwer.     

Mal eben abzählen: 24 Potis befinden sich an der Front-Platte. Na na, davon werden wir uns doch nicht abschrecken lassen?! Vier Kanäle, alle gleich konzipiert mit Gain, Treble, Middle, Bass und Volume, bleiben nur noch acht Regler. Vier davon sind für die individuelle Zumischung des Halleffekts in jedem Kanal zuständig, dazu zwei Master-Volumes, Resonance und Presence, Ende, das war’s. Also, alles halb so wild. Für die Anwahl der Kanäle finden sich neben den Gain-Reglern große schwarze Taster mit integrierter LED. Achtung, das sind nicht nur schnöde Einschaltelemente. Hier lauern versteckte Qualitäten. Jeder Kanal verfügt nämlich über drei Sound-Modes, die der Reihe nach durch mehrmaliges Drücken der Taster aufgerufen werden und sich im Gain-Niveau sowie dem Grund- Sound unterscheiden.

Worum es in etwa geht, verdeutlichen aber schon die Bezeichnungen der Kanäle: Clean, Crunch, Overdrive-1 und Overdrive-2. An der Rückseite hält der JVM410H zum Einschleifen von Effektgeräten einen FX-Weg bereit. Sein Arbeitspegel ist umschaltbar (–10/+4 dB) und das Dry/Wet- Mischungsverhältnis lässt sich über ein versenkt angebrachtes Poti frei wählen. Damit ist der Einschleifweg sowohl parallel als auch seriell nutzbar. Dahinter angeordnet im Signalweg gibt es einen zweiten seriellen Einschleifpunkt (Power-Amp-Insert), der mit einem Druckschalter ein-/ausgeschaltet werden kann.

Wer ein D.I.-Signal braucht, wird sich über den als XLR-Ausgang ausgeführten Emulated-Line-Out freuen. Er greift die Signale vor den Master-Volumes ab: bearbeitet mit einer Lautsprecher-Simulation und elektronisch symmetriert. Zum Anschluss des mitgelieferten Schaltpedal findet sich an der Amp-Rückseite eine normale Mono-Klinkenbuchse. MIDI-In und – Thru verraten, dass der JVM Einstellungen abspeichert, auf 128 Programmplätzen. Die fünf Lautsprecherbuchsen sind wie bei Marshall üblich mit roten Muttern gekennzeichnet und bieten alle gängigen Abschlussimpedanzen (1×16, 2×8, 2×4 Ohm).

Zurück zu den Vorstufenkanälen und ihrer Konzeption. Marshall gibt zum Clean- Kanal an, dass hier die Klangregelung weit vorne vor der Haupt-Gain-Stufe im Signalweg platziert ist. Damit wandeln die Engländer quasi auf Fender-Twin-Pfaden, natürlich um dem Amp optimale Clean- Eigenschaften anzuerziehen. Und weist selbst darauf hin, dass dies in Bezug auf die eigene Historie ungewöhnlich ist, denn die traditionelle Bauweise basiert auf dem Gegenteil, einer Tonfilterstufe weit hinten, direkt vor dem Phasentreiber, so wie es auch weiterhin in den Crunch- und Overdrive-Kanälen gemacht wird. Die Gain- Modes des Clean-Kanals sind (wie auch in den übrigen Kanälen) von schwach bis heiß dadurch gekennzeichnet, dass die LED grün, orange oder rot leuchtet. Im Grün- Status ist der Signalweg des Clean-Kanals so kurz gehalten, dass nicht einmal das Volume-Poti in Betrieb ist.

Crunch-Kanal. Der Green-Mode gleicht der Preamp-Technik des JTM45/1959-Plexis, allerdings mit einem Schubs mehr Gain. Der Orange-Mode tritt an den JCM- 800/2203 nachzubilden, Red genauso, aber mit intensiverer Gain-Struktur. Overdrive-1. Die erste Gain-Stufe greift den Sound von Crunch-Red auf, damit man die Möglichkeit hat diesen Grund-Sound in zwei Variationen zu benutzen. Im ODOrange- Preset wird dem eine weitere Verstärkungsstufe hinzugefügt. Im Red-Modus werden die Verzerrungen durch Zuschalten noch einer Gain-Stufe maximal ausgereizt.

Gain Stages

Overdrive-2. Dieser Kanal entspricht funktional dem OD-1, nur ist hier die Ansatzfrequenz des Mittenreglers tiefer gelegt (500 Hz statt 650 Hz), was den Grund-Sound dieser Sektion eine andere Note verleiht. Puristen dürfen sich freuen: Der JVM ist bei aller Komplexität der Technik im Signalweg ein reinrassiger Röhren-Amp, klanglich kritische Umschaltvorgänge erfolgen via Relais. Selbst der von einer digitalen Einheit erzeugte Hall wird dem Dry-Signal nur zugemischt und dies obendrein wieder über eine Röhrenstufe. Nur in der MIDI-Sektion und dem Schaltkreis des Line-Out finden sich Halbleiter-Bauelemente.

In der Vorstufe und als Phasentreiber ist die gute alte ECC83 am Start, in der Endstufe, die technisch weitestgehendst den Marshall- Urahnen 2203 und 1959 entspricht, natürlich vier Stück EL 34. Marshall hat reichlich Erfahrung, kostengünstig auf hohem Qualitäsniveau zu fertigen, was man dem Aufbau des JVM ansieht. Zwei große Platinen, eine senkrecht hinter der Front-Platte, die andere flach im Chassis, die offensichtlich hochprofessionell von Maschinen bestückt werden, exzellente Verarbeitung im Allgemeinen, z. B. Trafos (vom Lieferanten Dagnall), die auch innen durch Stehbleche von der übrigen Elektrik abgeschirmt sind, alles vermittelt einen supersoliden Eindruck.

Der Service-Freundlichkeit werden einerseits die Steckverbindungen zwischen den Baugruppen gerecht. Zum anderen ist der Amp schon bestens auf den Bias-Abgleich der Endröhren vorbereitet, indem neben den beiden Bias-Trimmern eine dreipolige Kontaktleiste für die Messung zur Verfügung steht. So ähnlich kann man das auch beim TSL100 sehen, nur kommt man bei dem schon nach Abnehmen der Rückwand an diese Bauteile heran (wer weiß, vielleicht haben da zu viele Nutzer unwissend Schaden angerichtet, sodass deswegen Marshall das Ganze diesmal ins Innere des Amps verlagert hat). Mechanisch gibt es zum JVM nicht besonderes zu berichten. Er entspricht der langjährig bei Marshall bewährten Konstruktionsweise, inklusive Shock-Absorber-Füssen, Lüftungsgitter an der Oberseite und diesmal schwarz lackierter Lochblech-Rückwand.

Rückseite

Die Speicherfähigkeit des JVM bezieht sich allein auf die Schaltfunktionen. Um diese sinnvoll fernzubedienen, reicht in der Tat schon das mitgelieferte Fußpedal. Das Gehäuse ist an der Oberseite leicht pultförmig abgeschrägt, aus Metall gefertigt und damit superstabil. Es sind sechs Taster eingebaut. Um sie kennzeichnen zu können befinden sich unterhalb von ihnen weiß lackierte Flächen, die sich mit einem Marker o. ä. beschriften lassen. Rechts oben sind eine Reihe von LEDs angebracht, die die Anzeigen auf der Front-Platte duplizieren, inklusive der unterschiedlichen Gain-Mode- Farben. Diese korrespondieren stets mit den LEDs der Frontplatte und dienen zur Kontrolle beim Programmieren des Fußschalters. Auf einer satt ausgeleuchteten Bühne sind die LED-Anzeigen nur schwer zu erkennen, aber da wird man wohl auch kaum programmieren. Als Verbindung zum Amp reichen simple zweiadrige Leitungen, die nicht abgeschirmt sein müssen, da ja nur Steuersignale transportiert werden müssen. Feine Sache, weil im Falle eines Defekts des normalen Anschlusskabels jedwedes Mono-Klinkenkabel als Ersatz zum Einsatz kommen darf.

Das mitgelieferte Kabel ist mit knapp fünf Metern Länge für kleinere Bühnen ausreichend dimensioniert. Das Fußpedal lässt die Wahl zwischen den zwei Funktionsarten Switch-Store und Preset-Store. Zum einen können einfach sechs der Front-Platten-Umschaltfunktionen ausgewählt und gesteuert werden (Switch- Store-Mode). Oder man benutzt das Fußpedal, um beliebige sechs Preset-Einstellungen abzurufen (Preset-Store-Mode). Wie man das programmiert? Simpel, man justiert Sound und Schalter am Amp und hält dann den gewünschten Fußtaster ca. drei Sekunden gedrückt, bis am Pedal die LED-Anzeige flackert, fertig. Die MIDI-Programmierung geht genauso einfach vonstatten. Man wählt am Taster Footswitch/MIDI-Program die MIDI-Waiting- Mode (2x drücken, LED blinkt) und sendet dann einen Program-Change-Befehl. Das im Moment aktive Amp-Setting ist damit bereits auf dem betreffenden Speicherplatz verzeichnet. In ähnlicher Weise erkennt der JVM, auf welchen MIDI-Kanal er reagieren soll (Werkseinstellung ist Kanal #1). Bedienerfreundlicher geht es wohl kaum.

Das ausführliche und praxisdienlich verfasste deutschsprachige Handbuch lässt einen Aspekt der Fernsteuerung nicht richtig zur Geltung kommen: Wenn man mit der Switch-Store-Mode arbeitet, ist es nämlich möglich jeden der Kanal-Modes (grün, gelb, rot) anzusprechen, einfach durch mehrmaliges Drücken des betreffenden (Kanal-) Fußtasters. Hierbei zeigt sich, dass die Mode-Anwahl Dreh und Angelpunkt der Speicherung ist. Die Memory- Einheit merkt sich nämlich zu jeder Mode/Betriebsart den dort zuletzt gewählten Status des Reverb, des FX-Wegs und der Master-1/-2-Umschaltung. Also könnte z. B. der Clean-Channel in Position Grün mit Hall und Master-1 laufen, in Position Gelb mit aktiviertem FX-Weg und Master-2, Rot ganz ohne Effekte, das alles wechselweise aktivierbar mit nur einem Fußtaster.

Bedienelemente

 

Man muss nur eines berücksichtigen: Der JVM kehrt immer in den zuletzt gewählten Modus eines Kanals zurück, sprich es braucht bei dieser Art des Abrufs unter Umständen drei Fußtritte um zum Ziel zu gelangen. Nämlich wenn vorher ein anderer Kanal aktiv ist. Aber ist doch toll, dass das allein schon mit dem Pedal geht. Natürlich ist die Steuerung via MIDI komfortabler, weil eine große Anzahl von Presets/Voreinstellungen direkt abgerufen werden können, insgesamt stehen 128 Speicherplätze für die Relaiskonfigurationen zur Verfügung. Das Schöne an der Schaltmimik ist auch, dass die MIDI-Steuerung und das Pedal parallel genutzt werden können. Dann hat man es wirklich superbequem. Außerdem ist es ja auch nicht zu verachten, eine Backup- Lösung parat zu haben, falls der MIDIController einmal den Dienst versagt. Die Programmierung bleibt übrigens immer im Fußschalter gespeichert, sodass selbst an einem „fremden“ JVM die eigenen Presets zur Verfügung stehen.    

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo,

    ich habe einen jvm 410 h. Habe allerdings Probleme mit dem Serial Loop. Es hängen da einige Effekte drinnen. Wenn der Loop ausgeschaltet ist kann man am Sound nicht nörgeln, wenn er aber an ist verändert sich das gesamte Klangbild insbesondere beim cleanen Sound. Er verzerrt dein leider, desto weiter man den Gainregler nach oben aufmacht, um so schlimmer. Ich bin mir nicht sicher ob das ein Problem ist, das nur meinen Amp betrifft (vllt beschädigt gekauft) oder ob das bei allen JVMs so ist.

    Ich habe auch schon einen Buffer im Loop ausprobiert verzerrt aber leider nach wie vor.

    Vielleicht kann mir da jemand einen Tipp geben? Bzw. zumindest eine Bestätigung, dass das bei allen JVMs der Fall ist.

    Grüße,

    Martin

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  2. Siehe Punkt 11 der Bedienungsanleitung. Den seriellen fx-Weg würde ich au keinen Fall nutzen, ist nicht für den Zweck, wie Du ihn nutzt gedacht. Gruß Töns

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