Marshall JTM-1H + JTM-1C im Test

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Marshall Combo-Verstärker und Topteil im Vintage-Style, für E-Gitarre (Bild: Dieter Stork)

 

Nach all den Presseankündigungen dürfte es inzwischen bis in den hintersten Winkel des Landes vorgedrungen sein: Marshall feiert 2012, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Firmengründer Jim Marshall verstirbt, sein 50-jähriges Bestehen. Die Fan-Gemeinde gratuliert zum Jubiläum und bekommt zum Dank ganz spezielle Leckerlis aus dem Headquarter im Vereinigten Königreich zurück. Diverse limitierte Sondermodelle werden uns serviert, eine ganze Serie, ihr Erscheinen über das Jahr verteilt.

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Marshall zelebriert das Jubiläum mit neu entwickelten 1-Watt-Verstärkern, die in der UK-Factory in Bletchley gefertigt werden und jeweils im Duett als Topteil und 1×12-Combo erscheinen. Die Modelle lehnen sich in Dekaden an die Modellhistorie an. Den Anfang macht der vorliegende 1960-JTM-1, im Abstand von ca. 11 Wochen werden der 1970-JMP-1, der 1980-JCM-1, der 1990-DSL-1, und schließlich der 2000-JVM-1 folgen. Nicht nur die Optik zitiert den Nimbus der entsprechenden Baureihen, auch und vor allem der Ton soll dem Charakter der jeweiligen Phasen folgen. Das verspricht spannend zu werden, denn die Technik der Jubilanten bewegt sich fernab der Konzepte, die die historischen Vorbilder auszeichnen.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Konstruktion von Marshall JTM-1H und JTM-1C

JTM-45-MKII und das Modell 1987 standen hier Pate. Essentiell für deren Sound ist/war die Class-AB-Gegentaktendstufe, die es somit nachzubilden galt. Marshall bedient sich dafür einer ECC82-Röhre. Vorstufe und Phasentreibersektion sind um zwei ECC83 herum aufgebaut. Lediglich Loudness und Tone als Regelbereiche, kein Wunder, das sich der technische Aufwand im Rahmen hält. Die wenigen Bauteile finden samt Ausgangstrafo auf einer relativ kleinen Platine Platz. Schalter, Poti-Sektion, Netztrafo etc. sind über Steckkontakte miteinander verbunden. Alles sauber gemacht, auf hohem Industrieniveau, besondere Highlights begegnen einem im Inneren aber nicht. Die Röhren stehen in sehr stramm zupackenden Fassungen und sind gemeinsam als Trio mit einem in den Öffnungen gummibewehrten Blech stabilisiert – nicht einfach, sie da herauszubekommen.

Das antike Styling verbreitet natürlich Charme. Die optische Anmutung gewinnt beträchtlich durch das Block-Logo, die typische goldfarbene Plexi-Blende und die authentische „Bernstein“-Kontrollleuchte. Die Gehäuse des Amps und des Combos sind wie das Chassis einwandfrei verarbeitet. Der von hinten montierten 10″-Lautsprecher, Typ G10F-15 stammt natürlich von Celestion; wer sonst käme bei einem Marshall- Klassiker als Lieferant in Frage. Die Rückseite des Combos ist bis auf einen schmalen Schlitz geschlossen, mit zwei angeschraubten Platten.

Das besondere Merkmal dieser und der noch folgenden Jubiläums-Modelle ist, dass die Leistung von 1 Watt auf 0,1 Watt reduziert werden kann, über einen Druckschalter neben den beiden Lautsprecherausgängen (1× 8, 1× 16 Ohm).

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Marshall JTM-1H und JTM-1C in der Praxis

Dass solche Kleinst-Combos Mühe haben Volumen zu erzeugen, ist bekannt und zu erwarten. Der JTM-1C macht da keine Ausnahme. Bässe hat er kaum. Das Klangbild ist an sich aber freundlich und ausgewogen, ohne giftige Mitten oder Höhenspitzen, und alles andere als topfig, was man in der Größenordnung als deutliches Plus werten muss. Sound-Änderungen sind im Grunde nur hinsichtlich der Zerrintensität möglich, der Tone-Regler kann – mit seiner simplen, wenig effizienten Einflussnahme auf den Höhengehalt – nur wenig ausrichten.

Der Spaß liegt bei dem Konzept nicht in das Variabilität, sondern darin, dass der Amp freudig auf die Spielweise des Gitarristen reagiert und die viel zitierten, gelobten Manieren eines Vintage-Verstärkers in feiner Kultur bereitstellt; nahezu perfekte Reaktion auf die Spielweise und den Umgang mit dem Guitar-Volume, bei gleichbleibender Lautstärke von leichtem Overdrive bis Lead-Distortion. Ja, der JTM-1 ist heißer als seine designierten Vorbilder, hat mehr Gain bei wenig Sag. Wie weit er ihnen im Sound nahekommt? Nun ja, es wird doch wohl keiner erwarten, dass die kleinen Bürschchen echt so zulangen wie die viel korpulenteren Altrecken? Gewisse Anleihen sind jedoch unverkennbar. Der stabile, in den Zerrungen etwas grobe JTM-45 leuchtet weniger durch als Klangfragmente des 1987, was sich in den betont präsenten Höhen manifestiert, die einer Strat zum Hendrix-Timbre verhelfen, mit diesen klirrenden, aber angenehmen Brillanzen – der Amp mag Vintage-Singlecoils. Humbucker, ne fette Paula? Das kann ein Stück weit daneben gehen, denn wenn das Gain für hohe Noten stimmt, klingt die E6-Saite eventuell schon überpresst bis schmutzig. Das Zerrverhalten ist in sich allerdings betont harmonisch und kommt sehr gut mit Akkorden zurecht.

Die Leistung von 1 Watt liegt gerade so an der Kante dazu den Nachbarn zu ärgern. Nein, das wollen wir doch nicht. Power reduzieren, 0,1-Watt-Modus, siehe da, die Wiedergabe wird regelrecht dezent. Und das ohne die Tonqualität zu schmälern – eine erfreuliche Nachricht. So entpuppt sich der JTM-1 als idealer Bedroom-Amp.

Das Topteil kann sich, über einen Greenback gespielt, sehr vorteilhaft präsentieren und zeigt, dass die puristische Röhrenschaltung eigentlich ein kräftiges Fundament im Low-End legt, sprich Bässe sind ausreichend da, man hört sie über den Combo-Speaker nur nicht. (Schade eigentlich, dass Marshall für den Head kein ergänzendes Cabinet anbietet.) Wer sich in dem Kontext den Luxus leisten will, darf auch gerne Alnicos in Betracht ziehen.

 

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Innen, Technik/Aufbau ohne Besonderheiten, aber makellos (Bild: Dieter Stork)

 

Alternativen zu Marshall JTM-1H und JTM-1C

Ein Marshall, limitiertes Jubiläumsmodell, klanglich markant und gesund, da kann es gar keine Alternative geben. Unter rein pekunären Gesichtspunkten betrachtet, gibt es allerdings reichlich Konkurrenz, mehr als man hier listen könnte.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Tja, die erste Generation der Jubiläumsmodelle ist regional zum Teil schon ausverkauft. Was zeigt, wie das interessierte Klientel mit dem Thema umgeht; limitiert, rar, da kann die Devise nur lauten: zulangen. Nein, so einfach ist es dann eben doch nicht. Es gibt auch genügend rationale Argumente für den Kauf, selbst wenn die Preise u. U. zunächst ein wenig schrecken. Die beiden JTM-1 sind optisch attraktiv und aufwendig gestaltet, einwandfrei verarbeitet, im Ton zwar nicht vielfältig, aber gepflegt, und das Made-in-England-Label hat ja auch seinen Wert. Unterm Strich geht die Rechnung also durchaus ausgeglichen auf.

 

Übersicht

Fabrikat: Marshall

Modell: JTM1-H/C

Gerätetyp: E-Gitarren-Verstärker, Topteil/Combo, ein Kanal

Herkunftsland: England

Technik: Vollröhrenbauweise, Siliziumgleichrichtung, Platinenaufbau

Röhrenbestückung: Gegentakt-Endstufe m. 1× ECC82; Vorstufe: 2× ECC83

Leistung: ca. 1 Watt

Lautsprecher: (JTM-1C:) 1× G10F-15, Celestion, 10″, 16 Ohm

Gehäuse: Gehäuse aus Schichtholz (ca. 16,5 mm), fingerverzahnt, innen mattschwarz lackiert, Kunstlederbezug, Gummifüße, Tragegriff oben, Amp-Chassis aus Stahlblech (ca. 1,2 mm), stehend (Topteil) bzw. hängend (Combo) montiert

Anschlüsse: Front: Input; Rücks.: 2 Speaker-Outs (1×8, 1×16 Ohm), Netzbuchse

Regler: Front: Loudness, Tone

Schalter/Taster: Front: Mains-On/Off; Rücks.: Power-Hi/Lo

Effekte: n.v.

Einschleifweg: n.v.

Zubehör: Netzkabel, mehrsprachiges Manual

Gewicht: ca. 5/9 kg (Head/Combo)

Maße: JTM-1H ca. 380 × 180 × 195; JTM-1C ca. 380 × 360 × 220 (BHT Gehäuse mm)

Vertrieb: Musik Meyer GmbH,

D-35041 Marburg

www.musik-meyer.de

Preis: JTM-1H ca. 700

JTM-1C ca. 815

 

Plus

  • Sound
  • Zerrverhalten
  • Darstellung d. Instrumentendetails
  • Leistungsumschaltung
  • geringe Nebengeräusche
  • sehr gute Verarbeitung, Qualität d. Bauteile

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