Ein Booster für alles

Lehle Julian im Test

Booster von Lehle
(Bild: Dieter Stork)

 

Eigentlich steht die Firma Lehle für praktische Helferlein rund um die Themen Routing, Switching und Splitting. Der Julian Booster als Pedal der Kategorie Klangformung stellt deshalb einen regelrechten Ausrutscher in der Lehle-Produktpalette dar.

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Dabei ist Julian nicht der erste Booster aus dem Hause Lehle. Der beliebte Vorreiter nennt sich Sunday Driver und ist ein absolut cleaner, linearer 15-dB-Aufholverstärker und somit noch gut der Gruppe Problemlöser/ Tools zuzuordnen. Dessen diskrete JFET-Eingangsschaltung ist jedoch dafür prädestiniert, in Richtung Sound-Processing ausgebaut zu werden. So hat Burkhard Lehle nach eigener Aussage einen einmaligen Abstecher in diese Welt gewagt. Beim Julian wurde mit zusätzlichem Höhen- und parametrischem Mitten-EQ sowie einer interessanten Lo-Z Option der Weg frei gemacht, um vor einem guten Amp klangformend zu arbeiten.

 

Konstruktion des Lehle Julian

Bei den Geräten aus Voerde wird nichts dem Zufall überlassen, und das sieht man schon von Weitem. Vom Gehäuse über die Komponenten bis hin zur Verpackung ist hier alles etwas anders als üblich. Lehles bewährtes Grundrezept seit 1999 könnte lauten: Bester Sound und höchste Lebensdauer durch kompromisslose Umsetzung. So sind seit dem ersten Lehle-Pedal die meisten Schalter durch schnellere und wesentlich langlebigere Relais realisiert, natürlich mit einer vom Audiokreis getrennten Logik. Alle Relais und Schalter sind mit Goldkontakten versehen und bieten für die niedrigen Ströme von passiven Tonabnehmern bestmögliche Signalerhaltung, auch bei mehrfacher Pedal-Kaskadierung.

Der Lehle’sche Fußschalter-Mechanismus mit signalführendem Feder-Schiebeschalter verzeichnet die 5-fache Lebensdauer üblicher 3PDT-Schalter. Das An- und Ausschalten des Pedals geht allerdings nicht ganz knackfrei vonstatten, was beim Live-Betrieb auch mal stören kann. Das Pedal kann zwischen True- Bypass und gepuffertem Betrieb umgeschaltet werden, um sowohl für puristische Setups als auch für lange Kabelwege bestens gewappnet zu sein.

Der deutsche Booster ist gebaut wie ein Panzer und vermutlich nur mit Hammer und Meißel kaputt zu kriegen. Es gäbe noch eine ganze Reihe weiterer Anzeichen bester heimischer Ingenieurskunst zu erwähnen, aber ich verweise an dieser Stelle lieber auf die informative Lehle-Website, um noch etwas Platz für den entscheidenden Teil dieses Tests übrig zu haben.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Der Lehle Julian in der Praxis

In der EQ-Mittelposition agiert der Julian als linearer Clean-Booster und klingt, genau wie der Sunday Driver, absolut neutral – bei bestem Headroom und Nebengeräusch-Verhalten. Im Gegensatz zum SD kann Julian das Signal auch abschwächen, was z. B. bei einem heißen Verstärkereingang und Paula Hals-HB die einzige Lösung sein könnte, um ein cleanes Signal zu gewährleisten. Richtig interessant wird’s aber erst, wenn man seinem Spieltrieb freien Lauf lässt, und mit dem EQ sowie nicht zu zimperlichem Gain versucht, das Beste aus seinem (vorzugsweise Tube-)Amp hervorzulocken. Der parametrische Glocken-Mitten-EQ ist einstellbar zwischen 250 Hz und 5 kHz und kann +/-18 dB. Daneben gibt es einen High-Shelve EQ, der im linken Halbkreis als Weichmacher und im positiven Bereich mit bis zu 18 dB Boost als Aufheller arbeitet.

Kombiniert man viel Gain mit kräftigem Mitten- und Höhen-Boost, so nähert sich der Frequenzgang dem eines Treble-Boosters an und kann wie dieser bei markigen Lautstärken sogar mit einem cleanen Fender-Amp für einen durchsetzungsfähigen Rocksound sorgen. Dabei ist der neutrale Klang des Julian immer noch deutlich entfernt vom charakteristischen Sound eines alten Treble-Boosters auf Germanium-Transistor-Basis. Das ist aber weder gut noch schlecht, sondern einfach nur anders. Letztendlich entscheidet der Amp, ob er es mag, auf diese Weise gekitzelt zu werden. Durch den flexiblen EQ kann Julian aber selbst unbequemen Amps den Bauch kraulen und das Frequenzspektrum fast nach Belieben anpassen.

Eine weitere Shaping-Option ermöglicht der Hz/LZ Schalter, mit welchem man die Eingangsimpedanz von 1 MOhm auf 10 kOhm reduzieren kann. Diese eigentlich viel zu niedrige Impedanz findet sich in einigen alten Booster- und Fuzz-Pedalen und bewirkt zunächst eine starke Beschneidung der Höhen (bei normalen Pickups). In Kombination mit dem hubstarken Höhenregler ist diese Option aber eine weitere Möglichkeit, den Sound weitreichend zu formen.

Insgesamt gehen die Fähigkeiten des Julian weit über die Clean- und Treble-Booster Gangarten hinaus. Funky Mitten-Dips und twangige Präsenz-Boosts kann Julian genauso überzeugend aus dem Hut zaubern wie gescoopte Heavy-Mitten oder perlige Höhen für kristalline Pickings.

Die relativ breite Güte des Mitten-EQs ist sinnvollerweise für „musikalische“ Kurven gedacht, eignet sich deshalb aber weniger für die gezielte Beseitigung störender Resonanzen oder zur Feedback-Unterdrückung bei akustischen Instrumenten. Apropos, das Pedal ist natürlich nicht auf E-Gitarre limitiert, sondern kann auch bei Semi-Acoustics, Bässen bzw. prinzipiell allem mit Tonabnehmer gewinnbringend an den Start gebracht werden.

 

Resümee

Der Julian ist als flexibler Booster mit geschmackvollem, effektivem EQ gut zu gebrauchen und kann, in der Kombination mit den „Lehle-Steckenpferden“ Dynamikumfang, Rauschverhalten, Klangerhaltung, Langlebigkeit und, nicht zu vergessen, Design, als echtes Schmuckstück bezeichnet werden. Viele wichtige Sounds lassen sich mit dem Julian schnell realisieren, sodass dieser High-End-Allround-Booster in einer Vielzahl von Anwendungen glänzen kann. Vor allem ist er aber eine starke Klanger-weiterung für jeden guten Röhren-Amp. Ausprobieren!

 

Übersicht

Hersteller: Lehle GmbH

Produkt: Julian Parametric Boost

Anschlüsse: In, Out, AC/DC 9-20V In

Größe: 122 x 48 x 100 BHT/mm

Gewicht: 503 g

Vertrieb: Lehle GmbH, 46562 Voerde,

www.lehle.com

Preis: 215

 

Plus

  • Sounds
  • Konstruktion
  • Rauschverhalten

 

Minus

  • leichtes Knacken beim An-/Aus Schalten

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