Das Jazz-Brett

Japan Vintage: Ibanez 2399DX

Eine Gibson L5S (gelegentlich auch L-5S oder L5-S betitelt) habe ich wahrscheinlich zum ersten Mal auf einem Bild von John McLaughlin entdeckt, in der Zeit um 1973, als seine Alben ,Birds Of Fire‘ und ,Love Devotion Surrender‘ entstanden – letzteres bekanntlich in Kooperation mit Carlos Santana, der damals die abgespeckte Budget-Variante L6-S spielte, eine Naturholz-Gitarre, die von Ikea stammen könnte.

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Gibson stellte die L5S Ende 1972 als handliche Solidbody-Alternative für Jazz-Gitarristen vor, die ansonsten die dicke Archtop L-5 favorisierten. Sie bekamen hier also ein Edelbrett mit aufwendigem Binding, Ebenholz-Fingerboard, der klassischen Kopfplatte mit dem Flower-Pot-Motiv und dem L-5-Trapeze-Tailpiece. Die L5S hatte neben dem für eine Solidbody ungewöhnlichen Saitenhalter auch noch niederohmige Pickups, die schon auf der Les Paul Recording sowie der Les Paul Personal zum Einsatz kamen und wenig geliebt wurden. Und so wurde auch die L5S eine dieser neuen Gibson-Gitarren, die erst mal floppten.

Aber Gibson reagierte, und die L5S bekam irgendwann die klassische Humbucker-Bestückung. Pat Martino gehörte zu den ersten, die das verbesserte Instrument spielten, und auch einige bekannte Kollegen wie Paul Simon, Mark Farner von Grand Funk Railroad sowie Ronnie Wood und Keith Richards von den Rolling Stones griffen zur L5S. Wood bekam später, 2015, sogar mal ein Gibson-L5S-SignatureModel, das auf 300 Exemplare limitiert war und nur noch wenig mit dem Urmodell zu tun hatte. Dessen Produktion hatte man schon Mitte der 80er-Jahre eingestellt.

Der legendäre Pat Martino mit einer renovierten Gibson L5S auf dem Cover des US-Magazins Guitar Player vom Juni 1977.

COPY & PA$TE

Die Product-Manager von Ibanez hatten bekanntlich Anfang der 1970er-Jahre den amerikanischen Gitarrenmarkt sehr genau im Auge, und es wurde fast alles kopiert, was Gibson, Fender und Rickenbacker im Repertoire hatten oder neu vorstellten. Es gab aber – abgesehen von einigen raren Prototypen – kaum eine absolut exakte Gibson-Kopie von Ibanez, die meist auf andere Hölzer zurückgriffen, laminierte statt massiver Decken verbauten oder ganz einfach kleine Details variierten. Den Originalen am nächsten waren die L5S-, L-6S-, Les-Paul-Special und die Melody-Maker-Kopien von Ibanez, die die Ostasiaten erfolgreich dem Weltmarkt zuführten.

Die hier zu sehende Ibanez 2399DX ist so ein seltener geklonter Vogel, made in Japan. Sie hat ein ansehnliches Cherry-Burst-Finish und einen komfortablen, mittelschlanken Hals mit Rosewood-Griffbrett und 22 Bünden. Der aus Ahorn bestehende Body und der Hals mit der Open-Book-Kopfplatte sind mit fünfschichtigem Binding eingefasst.

Die schöne Open-Book-Kopfplatte mit dem Flower-Pot und den Star-Tuners
Feinste Handarbeit von Ibanez bis ins Detail: Sogar die Abdeckung des E-Fachs ist ästhetisch gelungen.
Messing auf Gold: Sieht nur fast so aus wie das echte Gibson L-5- Tailpiece.

 

Die Hardware protzt auch nach ca. 50 Jahren noch mit genug Gold. Die massiven Stimmmechaniken mit dem Stern auf der Rückseite sind typisch für die frühen 70er-Modelle. Die Harmono-matic-Bridge war 1:1 von Gibsons Harmonica-Steg kopiert und ganz klar Inspiration für die spätere Ibanez-Gibraltar-Bridge. Zwei Volume- und zwei Tone-Regler plus Toggle-Switch verwalten die beiden niederohmigen „Clear-Sound“- Pickups, die anfangs etwas sehr dezent rüberkommen, mit denen man sich aber durchaus anfreunden kann. Das rückseitig zugängliche E-Fach ist mit einer Holzplatte aus Ahorn-Furnier abgedeckt.

Mit satten 4,91 Kilogramm fällt diese Solidbody-Schönheit nicht gerade ,Light As A Feather‘ aus, liebe Archtop-Jazzer. Festkörper-Handschuhton geht aber, wie wir seit Ed Bickert und Mike Stern wissen, auch mit einer feinen Telecaster. Die 2399DX tauchte zum ersten Mal im Katalog von 1973 auf; die ersten Kopien hatten damals weder Seriennummern, noch das Ibanez-Logo auf der Kopfplatte. Bei der hier abgebildeten Gitarre handelt es sich um ein relativ frühes Modell, vermutlich von 1974 oder ’75.

Die erste Ibanez 2399DX im Katalog von 1973 (ganz rechts). Damals hatten diese Kopien weder Seriennummern, noch einen Namenszug auf der Kopfplatte.

Denn, analog zu Gibson, bekam die 2399DX 1976 zwei normale Humbucker, das Tailpiece hatte jetzt statt der Messing-Einlage eine aus Plastik bekommen, und die ehemalige Open-Book-Kopfplatte wurde im Zuge des angedrohten Rechtsstreits (Lawsuit) neutralisiert. Letzteres betraf auch andere Ibanez-Kopien, die dann nach und nach von immer besser werdenden, eigenen Kreationen verdrängt wurden. Der Rest der Geschichte ist bekannt – Ibanez wurde zum ganz großen Mitspieler auf dem weltweiten Gitarrenmarkt.

MONEY

Der Marktpreis der Ibanez-Kopie hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren mehr als verdoppelt. Heute wird die 2399DX, je nach Zustand und ob mit oder ohne Koffer, meist für ca. 2000 bis 3000 Euro angeboten – sofern man überhaupt mal eine findet. Für das Gibson-Original aus den 70ern werden in den USA mittlerweile umgerechnet 4000 bis 6000 Euro aufgerufen. Original und Kopien sind also doch noch zu gesuchten und beliebten Sammlerstücken geworden – ganz im Gegensatz zur bereits erwähnten L6S, die immer noch für relativ kleines Geld zu haben ist.

Die Ibanez 2399DX ist jedenfalls ein wunderbar schwingendes und klingendes Instrument mit sehr eigenem Jazz-Sound – ein absolut originelles Brett mit dem man aber auch ganz normal abrocken oder -bluesen kann, wie uns Todor „Tosho“ Todorovic von der Band Blues Company bestätigte. Tosho hat gelegentlich das Gibson-Original im Einsatz, ist aber schon länger auf der Suche nach der Ibanez-Kopie. Sein derzeitiges Hauptinstrument ist eine andere Ibanez aus den 70ern:

„Ich habe inzwischen zwei Ibanez 2467 Semiacoustics, die ich oft spiele. Vorher habe ich einige originale Gibson ES-345 besessen und sie dann wieder verkauft. Die beiden Ibanez bleiben aber definitiv bei mir! Denn diese Instrumente sind zwar teuer geworden, aber wirklich ihr Geld wert.“

Noch ein L5S-User: Tosho Todorovic von der Blues Company (Bild: Manfred Pollert)

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

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