Bunt, shaky, dünn!

Höfner Contemporary Verythin Limited, E-Gitarren im Test

Na, da wird es den ein oder anderen German-Vintage-Puristen aber ordentlich schaudern, wenn er diese mutigen Kreationen des chinesischen Höfner-Werkes zu Gesicht bekommt. So bunt kann die Welt sein, man muss es nur wollen!

(Bild: Dieter Stork)

Und Höfner wollte! Parallel zu den klassischen Varianten dieses neben dem „Beatle“- Bass 500/1 vielleicht bekanntesten Modells der Franken wurden dank der günstigen Produktionsmöglichkeiten im eigenen Werk in Peking, was eine prima Spielwiese für ausgefallene Ideen ermöglicht, neue Verythin-Abenteuer abseits eingetretener Pfade realisiert. Was sich z. B. in dieser Limited Edition dokumentiert, von der wir drei Exemplare hier vorliegen haben.

Anzeige

Konstruktion

Wie alle Verythins hat auch dieses neue Quartett einen sehr schlanken Thinline- Korpus, dessen Zargenstärke gerade mal 33 mm misst. Und das bei einer ausgewachsenen Größe von knapp 42 cm an der breitesten Stelle. Sympathischer Flunder- Style! Und wie bei vielen Instrumenten der Contemporary-Reihe wird auch hier aus dem historischen Vollresonanzein zeitgenössisches (= contemporary) Semiakustik-Design, bei dem ein Mittelblock aus Fichte im Korpusinneren Boden und Decke verbindet und Futter für die Verschraubung von Pickups und Steg- Konstruktion bietet. Das hilft natürlich, wenn es darum geht, die Verythin in einer lauteren Umgebung ohne Rückkopplungen erklingen zu lassen.

(Bild: Dieter Stork)

Allen Sondermodellen ist die Konstruktion mit geleimtem Hals mit Übergang zum Korpus am 18. Bund, die verwendeten Materialien (Fichtendecke, Ahorn-Rücken und -Zargen, Ahornhals, Palisandergriffbrett … ) und die „Gibson-Mensur“ von 628 mm gemein. Schick auch die cremefarbenen Einfassungen um Decke, Rücken, Griffbrett und Kopfplatte, das schwungvolle Schlagbrett und die Vintage- Mechaniken im Kolb-Design. Die Unterschiede liegen also nur in der optischen Erscheinung, der Pickup-Bestückung und der Steg-Konstruktion. Und in den wunderschönen Namen HCT-VTHSGR, HCC-VTH-MBL und HCT-VTH-MGR. Dabei steht HCT für Höfner Contemporary, VTH für Verythin und erst die letzten Ziffern kennzeichnen das jeweilige Modell. Schauen wir uns die also mal einzeln an.

SGR: Korpus und Halsrückseite sind in Metallic Silver lackiert, die Decke hat zudem in zentraler Position einen grünlich- türkisen „Rallye“-Streifen bekommen. Zwei Höfner-Full-Size-Humbucker übertragen den Ton, und als Stegkonstruktion arbeiten eine sogenannte Tunamatic- Brücke mit Rollen-Saitenreitern und ein Bigsby-Vibratosystem. MBL: Identisch mit der SGR, nur in anderer Farbverteilung – Metallic Blue mit silbernem Streifen auf der Decke. MGR: Identisch mit SGR und MBL, aber in Metallic Green – ich sage dazu: Giftgrün –, mit schwarzem Streifen auf der Decke und schwarzer Hardware.

Die Verarbeitung ist auf den ersten Blick in Ordnung. So ist der Knochensattel gut abgerichtet, ebenso die Bundstäbe, die an ihren Enden auf dem Binding sitzen. Schaut man genauer hin, sieht man hier und da allerdings kleinere Lackierfehler wie z. B. an den Innenseiten der F-Löcher.

Praxis

Der Hals der Verythin war schon immer einer der besten, was seine Griffigkeit angeht. Denn er ist schön breit, dabei aber nicht klobig oder eckig, sondern gleichmäßig rund und irgendwie genau richtig! Höfner promotet diese Edition mit der Aussage: „Alles geht – Beat, Blues und Rock und so weiter.“ Aber: So ganz stimmt das nicht! Die Humbucker-Versionen dieser Verythin sind zwar auch in der Lage, typische Beat-Sounds zu liefern, aber ihre Stärken liegen eher im Blues und Blues-Rock-Bereich und reichen nicht direkt an den typischen Liverpool-Sound heran. Denn der ist direkt, eher dünn, brillant, und sehr knackig. Und wurde in den Sixties, auf die sich Höfner gerne beruft, vorwiegend durch Solidbodys mit Singlecoils oder hohle Thinline-Gitarren mit P-90s erreicht, wie z. B. Epiphone Casino.

(Bild: Dieter Stork)

Die Humbucker dieses Trios mögen aber lieber Rock als Beat. Dieses Verhalten ändert sich auch dann kaum, wenn der Verstärker das Crunchen beginnt; der Hals-Humbucker kommt rund und satt rüber, der Steg-Pickup nimmt die Vorlage des Amps auf und versucht – dank seiner fokussierten Mittennase – muskulös-mittig das Beste aus der Situation zu machen. Das geht! Wenn die bunten Thinlines mit verzerrten Sounds konfrontiert werden, benehmen sich die drei Humbucker- Damen nun endlich so, als ob sie von der Leine gelassen worden wären! Insbesondere ihr Steg-Pickup beißt sich mit seiner Mittennase im Zerrsound fest und liefert ein schlagstarkes, sattes Rockbrett, mit dem sich sehr gut arbeiten lässt.

Resümee

Höfner stellt mit der limitierten Serie der Verythin in der Contemporary-Ausführung Gitarren vor, die durch ihre Farbgestaltung und das Bigsby-System auf- und aus dem Rahmen fallen. Die mit Humbuckern bestückten Verythins können vor allem in verzerrten Rock- und Blues-Umgebungen gefallen. Wer sich dort vorwiegend aufhält, für den könnte solch eine Verythin in der Tat eine spektakuläre Neuanschaffung sein. Neben drei hier vorgestellten Farben ist das gleiche Modell auch in Transparent Black, Olive Green, Gold Top und Power Blue, eine Art Metallic Hellblau, erhältlich.

Plus

  • Blues-/Rock-Sounds
  • Spielbarkeit
  • Design
  • Live-Tauglichkeit
  • Mut zur Farbe

Minus

  • kleinere Verarbeitungsmängel

Aus Gitarre & Bass 01/2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: