Sharp dressed Lady

Harley Benton TE-90FLT Deluxe Series im Test

Ab und an hören wir den Vorwurf, wir würden nur teure Gitarren testen. Was so nicht stimmt, denn wir bemühen uns in jeder Ausgabe um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen günstigen, mittelpreisigen und teuren Instrumenten. Mit dieser scharfen Lady namens TE-90FLT aus der Deluxe Serie von Harley Benton betreten wir z. B. gerne den Günstig-Sektor unseres Gitarrenplaneten.

(Bild: Dieter Stork)

Na klar, wir alle wissen, wo dieses Design herstammt. Ein Urvater und ein Ziehvater waren hier gemeinsam am Werk und beeinflussten die Harley-Benton-Macher, das Musikhaus Thomann. Zum einen Urvater Leo Fender und sein Telecaster- Design, zum anderen Ziehvater Billy F. Gibbons, Guitarslinger der Little Ol‘ Band from Texas, ZZ Top! Denn Letzterer popularisierte genau in der Zeit, in der alle Welt dachte, dass das Telecaster-Design ausgereizt wäre, seine Cabronita, eine aufs Notwendigste abgestrippte Telecaster mit einem Pickup am Steg, ein Gretsch/TV-Jones Filtertron Humbucker. Die Cabronita schlug auf dem Tele-Markt wie eine Bombe ein – Cabronita war in aller Munde, und alle Blueser und Blues- Rocker interessierten sich wieder für die gute alte Tele. Das rief und ruft natürlich die Kopisten auf den Plan, und schon bald gab es reichlich Ableger dieser Idee in allen Preisbereichen. So wie eben diese Little Ol‘ Harley Benton.

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Heavy stuff

Kaum einer der Kopisten hat sein Werk jedoch so konsequent umgesetzt wie Harley Benton. Nicht nur, dass der Body mit FilterTron-Versionen von Roswell (gehören zum koreanischen Zulieferer WSC) bestückt ist, nicht nur dieses niedliche, an die Urmutter aller Teles erinnernde Pickguard, sondern vor allem der Reversed Headstock, also die umgedrehte Kopfplatte, beweisen, dass die Thomänner nicht nur Gibbons gut zugeschaut haben, sondern sich auch nicht scheuen, die weniger populäre, umgedrehte Kopfplattenform bei einem Budget-Modell zu verwenden. Klasse!

Schön schwer ist diese fränkische Cabronita- Version auch. So schwer, dass in den Esche-Korpus vorsichtshalber zwei große Kammern als sogenanntes Weight Relief gefräst wurden. Eine sitzt unter dem Pickguard, die andere dient als E-Fach, in dem sich die beiden Mini-500-kOhm-Potis etwas verloren vorkommen dürften. (Kennt jemand die Smuggler‘s Tele des Fender Custom Shop? An die musste ich denken, als ich das E-Fach aufschraubte … )

Unter dem Pickguard versteckt sich diese Hohlkammer, die das Gewicht reduziert und gleichzeitig ein schönes Versteck bietet. (Bild: Dieter Stork)

Weiteres zum E-Fach: Das ist säuberlich mit Abschirmlack ausgepinselt, der auch an Masse gelegt wurde. Außerdem hat die Rückseite ein großzügiges „Bauch“- Shaping bekommen, was bzgl. des Gewichts (der Gitarre) auch etwas hilft. Die Saiten laufen von hinten durch den Korpus und durch einen Einteiler-Steg, dessen Grundplatte und Saitenreiter aus Stahl bestehen. Die beiden Roswell-Humbucker im schicken Gretsch-Design werden von Master-Volume und -Tone geregelt, am oberen Korpusbereich sitzt – wie bei einer Les Paul – der Dreiweg-Schalter. Eigentlich die beste Position für einen Pickup-Schalter, finde ich.

In der sehr exakt gefrästen Halstasche ruht der mit vier Schrauben fixierte Ahornhals, auf den ein Ahorngriffbrett mit 22 Vintage-Bünden geleimt ist. Also ein sogenannter Maple-Cap-Neck. Weniger Vintage ist der Griffbrettradius von 12″. Intensives Saitenziehen ist also erlaubt und ohne Störgeräusche durch die Bünde möglich. Der Hals ist seidenmatt und dünn lackiert und hat ein „Modern- C“-Profil, das grundsätzlich eher schlank ist. Über einen wirklich gut gekerbten und geformten Kunststoffsattel laufen die Saiten vorbei an dem doch recht schmucklosen Harley-Benton-Logo hin zu den Tunern – verschlossene Rechtshand- Mechaniken, die also trotz umgedrehter Kopfplatte richtig herum drehen. Zwei Saitenniederhalter bringen die vier tiefen Saiten auf Sattelniveau herunter und sorgen für einen definierten Sound. Die Verarbeitung macht einen einwandfreien, ja exzellenten Eindruck. Alle Fräsungen sind z. B. sehr exakt ausgeführt, Sattel und Bünde gut abgerichtet und auch das Werks- bzw. Shop-Setup ist tadellos.

Eine als E-Fach getarnte Hohlkammer, die ebenfalls das Gewicht reduziert und den beiden Potis einen großzügigen Arbeitsplatz bietet. (Bild: Dieter Stork)

Mehr Rroarr als Rringg

Esche in dieser Gewichtsklasse und auch das dichte Bergahorn des Halses prägen den Klang der TE-90FLT – ein knalliger, sehr direkter, „anspringender“ Sound mit sogenanntem Mitten-„Nöck“ paart sich hier mit einem ungeheuren Bass-Druck. Da muss man aufpassen, dass das nicht zu viel des Guten wird, insbesondere, wenn der Hals-Pickup alleine und dann auch noch verzerrt am Werke ist. Aber – dafür schiebt die TE90 ohne Ende! Am Hals ist denn auch nur wenig Glocke, dafür gibt es am Steg auch keinen Eierschneider. Vielmehr sind sich beide Pickups, so unterschiedlich sie auch sein mögen, in einem zu hundert Prozent einig: Sie klingen fett! Und können damit sowohl clean als auch vor allem angecruncht und verzerrt voll überzeugen. Insbesondere der Steg-Pickup liefert einen breiten, definierten Strahl, der geradezu prädestiniert für fette, knochentrockene Riffs erscheint. Rrroarr – so klingt das dann.

Zu dieser Klangcharakteristik, aber auch zu einem Reversed Headstock, gehört das etwas steife Spielverhalten der dünneren Saiten vor allem in den oberen Lagen, dafür aber ein leichteres Greifen und Ziehen der dickeren Saiten. Ein typischer Tele-Twang wird denn auch nicht geboten, eine solche Cabronita-style-Gitarre ist eben für andere Sounds gebaut. Arbeitet das Volume-Poti gut mit Gitarrist und Gitarre zusammen, kann man dies vom Ton-Poti nicht behaupten. Erst tut sich auf ca. 7/8 des Regelwegs gar nicht, und ganz am Ende wird es dann ganz schnell dumpf. Da ist also noch Luft nach oben.

Roswell-Pickups – Humbucker, klanglich und optisch im Stil von Gretsch respektive TV Jones. (Bild: Dieter Stork)

So gut mir die beiden Pickups solo gefallen haben, so wenig hat mich der Kombi- Sound überzeugt. Unten wollig, oben eher hart und in der Mitte ausgedünnt … das kommt halt etwas leblos rüber. Diese Gitarre lebt halt von ihrem speziellen, drückenden Mittencharakter – sie hat mehr Rroarr als Rringg!

Alternativen

Na klar, erst mal im Fender-Lager stöbern. Da gibt es die mexikanische Classic Player Cabronita mit normalem Headstock für ca. € 700 Ladenpreis, und zusätzlich auch als schicke Thinline-Variante. Dann gab es zwei Squier Cabronitas, die aber auf der Fender/Squier-Seite nicht mehr zu finden sind, also anscheinend nur noch auf dem 2nd-Hand-Markt zu bekommen sind.

Eine mit zwei FideliTron-Pickups, Fenders eigene Filtertron-Versionen, und eine zweite mit einem FideliTron am Hals, einem klassischen T-Style-Pickup am Steg plus Bigsby. Auch eine schöne Kombi! Diese beiden waren im Laden neu für knapp unter € 300 zu haben.

Resümee

Well done! Das Musikhaus Thomann hat mit seiner Version eines Fender-Neoklassikers ganze Arbeit geleistet, vor allem, wenn man sich das Preis-/Leistungsverhältnis anschaut. Diese TE90 ist eine originelle Gitarre im vertrauten Look, die tolle Rock-Sounds raushaut und bei der es sich eben nicht um die 1001ste Kopie eines Fender-Klassikers handelt. Sondern nur fast.

Plus

  • Rock-Sounds
  • Design
  • Spielbarkeit
  • Verarbeitung
  • Preis/Leistung

Minus

  • Kombi-Sound
  • Wirkungsweise Ton-Poti

Aus Gitarre & Bass 12/2016

Kommentar zu diesem Artikel

  1. steht auch schon auf meiner Einkaufsliste 😉

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