(Bild: Dieter Stork)
Gitarren, Bässe und klassische Ami-Schlitten hatten schon immer Verbindungen. Fender nahm gerne Auto-Farben für die Custom Colours, die Fender Mustang erschien parallel zum Ford gleichen Namens, Gibson hatte Firebird und Thunderbird, die sogar von einem Karosseriehersteller designt wurden. Gretsch borgte sich den Namen Corvette bei Chevrolet, zuerst für eine günstige Hollowbody in den 50ern, dann für die erste echte Solidbody der Firma, die der SG Konkurrenz machen sollte.
1961 war das, und während die SG sich ihren festen Platz in der Musikgeschichte sichern konnte, blieb die Corvette immer etwas unter dem Radar. Einen Bass gab es seinerzeit nicht, aber jetzt! Mit dem Relaunch als CVT in der Electromatic-Reihe gibt es endlich auch was für die tieftönende Fraktion.
SCHÖN RETRO
Im ersten Moment dachte ich, das wäre nur ein Streamliner Jet Club Bass Single-Cut, den ich für die April-Ausgabe zum Test hatte, mit anderer Korpusform. Weit gefehlt. Das Styling ist in der Tat gleich: Der Korpus kommt wieder in der Farbe Vintage White, einem angenehm gilblichen Farbton. Der Hals hingegen ist in einem sehr dunklen, beinahe schwarz wirkenden transparenten Braun gehalten.
Auch beim Corvette (der offiziell wie gesagt CVT heißt, ich schreibe das im Folgenden der besseren Lesbarkeit halber aus) sorgen die Thumbnail-Inlays für klassisches Gretsch-Styling im Lorbeer-Griffbrett, welches auch hier von einem sauberen Binding eingeschlossen wird. Erster subtiler Unterschied: Die Einfassung erstreckt sich auch auf die Kopfplatte, die in ihrer Form dem Headstock ähnelt, den Gretsch mit der legendären White Falcon einführte.
Dass der Corvette sich direkt aus dem Karton so gut bespielen lässt, hätte ich nicht gedacht. Er fühlt sich genauso leichtgängig an wie der Jet Club, hat aber eine längere Mensur. Als Medium Scale ist er zwei Zoll länger als der Shortscale-Jet, und immer noch zwei Zoll kürzer als ein regulärer Longscale (oder für die Fans metrischer Angaben: mit etwa 81 cm genau zwischen 76 und 86 cm).
Während der Jet Club mit Nato-Body und -Hals nur mahagoniähnliches Material zu bieten hatte, verwendet Gretsch für den Corvette echtes Mahagoni für beide Komponenten. Leider hatte ich niemanden mit dendrologischer Expertise an der Hand, also glauben wir das mal. Gewichtiger ist der aktuelle Testbass auf jeden Fall, das spricht tatsächlich dafür.
Der Korpus kommt ohne größere Shapings aus, dafür aber mit etlichen so schicken wie praktischen Abschrägungen. Ein Beispiel hierfür ist die Verschraubung von Hals und Body, die entgegen dem Vintage-Styling ganz modern ohne Halshalteplatte gelöst wurde. Die Abschrägung am Halsfuß erleichtert gemeinsam mit der im unteren Cutaway den Zugang zu den hohen Lagen.
Ein fenderiger Blechwinkel zum Durchfädeln hält die Saiten an Ort und Stelle (eine Spende des Mutterunternehmens, Fender-NPS-Saiten in 40 auf 95), gekapselte Mechaniken im Gotoh-Stil bringen sie akkurat in Stimmung. Während sich der Stegpickup an ähnlicher Stelle wie beim Jet Club niedergelassen hat und ebenfalls ein Low Down Alnico Single Coil im schicken Chromgehäuse im Plastikrähmchen sitzt, macht der Halspickup seinem Namen alle Ehre und ist ganz schön nah an selbigem.
Das etwas größere Gehäuse beherbergt einen Humbucker, der ebenfalls mit Alnico-Magneten bestückt ist. Für jeden Pickup gibt es einen Volume-Regler in meiner Meinung nach logischer Anordnung: für den Hals vorne oben, für den Steg vorne unten und die passive Tonblende sitzt hinten oben. Das E-Fach ist so groß, dass die kleinen Potis darin fast etwas verloren wirken. Die Verkabelung mit den üblichen etwas überlangen Zuleitungen ist auf gängigem Niveau.
Handling, Sound und Resümee auf Seite 2 …
(Bild: Dieter Stork)
PUNCHT TIEF
Mahagoni hat den Ruf, schwer zu sein und drahtigen Klängen nicht zuträglich zu sein. Von beidem ist beim Gretsch Corvette jedoch nicht viel zu merken. Mit knapp vier Kilo ist er kein Federgewicht, aber gut tragbar und er hat eine gute Balance: Anders als der kurze Jet Bass ist der mittellange Corvette kaum kopflastig.
Ich muss mich auch sonst nicht anstrengen, denn der Bass spricht locker an. Die gute Bundabrichtung und die flache Saitenlage tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Der rechten Hand kommt der erwachsene Saitenabstand von 19 Millimetern zugute.
Für so viel verbautes Mahagoni ist der Corvette erstaunlich knackig im Trockenton. Gute Grundlage für die Tonabnehmer, diesen Eindruck komplett auf den Kopf zu stellen. Okay, das vermittelt jetzt vielleicht den falschen Eindruck, also etwas präziser: Die Tonabnehmer drücken dem Sound einen anderen, eigenen Charakter auf.
Ein Teil dessen ergibt sich schon aus der Position der Pickups. So nah am Hals bekommt der dort sitzende Humbucker eine Extraportion Wärme und Fundament, die sich mit dem gut definierten Holzton bestens mischt. Noch runder und voller wird es, wenn ich die gut abgestimmte Höhenblende ins Spiel bringe. Da wird es richtig muckelig, aber trotz übergezogenem Norweger-Pullover bleibt der Sound stabil genug, um nicht völlig undefiniert im Matsch zu versinken. Macht richtig Spaß, damit zu spielen!
Der Stegpickup knödelt solo dagegen wunderbar vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist. Je nach angeschlossener Verstärkung und Stellung des auch hier sehr gut funktionierenden Tone-Potis kann man damit sogar Jaco-esk jazzen, oder wie schon beim Jet Club Bass dem Radar-Love-Ton nachspüren, was eine knackigere Amp-Einstellung bedingt – im Original war das ein EB-3 an einem Fender Twin Reverb. Apropos EB-3, auch Sounds im Stil von Andy Fraser wie bei Frees ‚All Right Now’ sind nicht weit weg.
In Kombination klingt es dann fast ein bisschen wie beim Höfner Beatles Bass, da macht sich die Distanz zwischen den Tonabnehmern wieder bemerkbar. Die zwangsläufig entstehenden Auslöschungen in den Mitten geben dem Corvette Bass eine honky Note, gut für Old-School-Geschichten von Beat bis British Invasion, aber eigentlich zeitlos.
Ähnlich wie bei einem PJ-Bass, der ja meistens auch eine Humbucker/Single-Coil-Kombination darstellt, ist der Empfang von Einstreuungen am größten, wenn nur der Stegpickup aktiv ist. Er ist mittelstark, wenn beide Pickups voll aufgedreht sind, und gänzlich verschwunden, wenn nur der Hals-Humbucker aktiv ist. Alles ganz normal und in einem üblichen Rahmen.
Unbedingt erwähnenswert ist, dass der Ton beim Corvette Bass bis runter zur leeren E-Saite sehr schön gleichmäßig und mit stabilem Fundament kommt, ohne den oft zu beobachtenden Übergang zwischen punchiger A- bis G-Saite einerseits und der dagegen abfallenden E-Saite andererseits. Sicher auch ein Verdienst der mittleren Mensur und vor allem der allgemeinen Qualität des Gretschs.
RESÜMEE
Herzlichen Glückwunsch an Gretsch zur gelungenen Wiederauflage eines Basses, den es nie gab. Das hat sich jetzt geändert, und ich kann nur sagen: zum Glück! Der Electromatic CVT Bass ist nicht nur stylish und verbreitet dabei feine Vintage-Vibes, er liefert auch souverän die passenden Sounds dazu, mit einer Ausgewogenheit aller Saiten, die bemerkenswert ist.
Da macht es richtig Spaß, auszuloten, was der Bass zwischen weich und tief sowie knödelig und knackig alles zu bieten hat. Die Regler lassen dabei recht feine Nuancen zu. Gute Mischungen sind schnell gefunden. Die leichtgängige Bespielbarkeit und die gute Verarbeitung tragen dazu bei, dass ich dem CVT Bass eine klare Antestempfehlung für Sounds abseits der Fender-Norm gebe.
Plus
- Sounds
- Bespielbarkeit & Spielgefühl
- Retro-Optik
- Balance
(erschienen in Gitarre & Bass 12/2025)