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Gibson Les Paul Studio Faded 2016 T & Traditional 2016 T im Test

Abseits des Custom Shop hat Gibson für das Jahr 2016 seine Modellreihen in Traditional (T) und High Performance (HP) gesplittet und mangels Kundenzuspruch etliche der innovativen 2015er Features quasi wieder in die Traditional-Tonne befördert.

Gibson Les Paul Studio Faded_01
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Somit sagt das Anhängsel „T“ eigentlich schon alles: Keine G-Force Auto-Tuner mehr, kein justierbarer Nullbundsattel, keine Titan-Bridges, keine breiteren Hälse und Griffbretter usw. Offenbar sind die meisten Gitarristen doch eher konservativ gepolt und präferieren bewährte Features. Wer jedoch nicht auf die zahlreichen Neuerungen des vergangenen Jahres verzichten möchte, wird mit den gleichen Gitarrenmodellen in der High-Performance-Reihe fündig.

Konstruktion der Gibson Les Paul Studio Faded 2016 T & Traditional 2016 T

Welche Hölzer für eine konventionelle Les Paul verwendet werden, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dennoch gibt es bei unseren Testkandidatinnen Unterschiede hinsichtlich Holzqualität, -dichte und Weight Relief (Hohlkammern bzw. Bohrungen). Hier wie dort findet für die Hälse und Bodies Mahagoni Verwendung. Während Erstere einteilig und eingeleimt sind, behält sich Gibson bei der Traditional vor, ob deren Bodies ein- oder zweiteilig sind, bei der Studio sogar ob zwei- oder mehrteilig. In unserem Fall sind beide hälftig zusammengefügt, der der Studio aber auch 5 mm dünner. Zudem verwendet der Hersteller Mahagoni mit den vier Dichtegraden High, Medium, Low und Ultra-Low. Je niedriger umso wertiger und damit teurer. So wird beispielsweise die Dichte des Studio-Korpus mit Medium, die der Traditional mit Ultra-Low angegeben.

Die Ahorndecken klassifiziert Gibson je nach optischer Attraktivität in zehn Stufen von C bis AAAA. Während die neue Studio Worn eine schlichte C-Decke ohne Flammung und Binding besitzt, ziert die 2016er Traditional eine ansprechende dezent geflammte AA, die von cremefarbener Einfassung und warmem Honey Burst in Szene gesetzt wird. Die tadellose Hochglanz-Nitrolackierung der Traditional schlägt sich natürlich im Vergleich zum seidenmatten braunen Studio Worn Finish vor allem im Preis nieder. Letzteres besitzt die Haptik von imprägniertem, glattgespieltem Holz, dessen Poren nicht nur sicht- sondern sogar fühlbar sind. Für stark schwitzende Hände die ideale Oberfläche. Schwarz strukturierte, eingelassene Kunststoffplatten verschließen die rückseitigen Schalter- und E-Fächer.

Die Elektrik der LP Studio ruht auf einer Platine mit ausnahmslos gesteckten Kabelverbindungen, die der Traditional auf einem Blech mit konventioneller handverlöteter Verdrahtung. Die zuverlässig packenden Klinkenbuchsen werden von Zargenplatten aus schwarzem Kunststoff bzw. verchromtem Blech gehalten. Seit 2014 verwendet Gibson größere und damit sicherere Aluminiumgurtknöpfe. Mit kurzen Halsfüßen und Neigungen von 5 Grad hat man die Mahagonihälse in die Bodies geleimt. Anders als die ergonomischen Übergänge der High-Performance-Modelle kommt hier der klassische stufige Neck Joint zum Einsatz. Das etwas dickere Palisandergriffbrett der Les Paul Traditional wird von cremefarbenem, an den Bünden hochgezogenem Binding mit schwarzen Sidedots umsäumt. Bei der Studio Faded sind die Sidedots natürlich weiß. Vorne erleichtern trapezförmige Acryl-Inlays die Orientierung.

Sowohl die schlanken recht hohen Bünde als auch die Kerben der selbstschmierenden TekToid-Sättel wurden per Computer-gesteuertem PLEK-Verfahren optimal abgerichtet, alle Bundkanten verrundet und poliert. Beste Vorraussetzungen also für niedrige Saitenlage. Die um 17 Grad geneigten Kopfplatten tragen tadellos arbeitende Grover „Green Key“ Vintage Tuner. Korpusseitig werden die Saiten von Tuneo-matic-Stegen geführt und von Stoptails gehalten. Die Höhenjustierung der Nashville Bridge erfolgt neuerdings komfortabel mittels Inbusschlüssel. Während bei der Les Paul Studio Burstbucker Pro Pickups die Saitenschwingungen wandeln, übernehmen dies bei der Traditional 57 Classic Humbucker. Verwaltet werden sie mit Hilfe von je zwei Volumeund Tone-Potis mit zylindrischen Speed-Knöpfen und einem Dreiwegschalter.

Die Gibson Les Paul Studio Faded 2016 T & Traditional 2016 T in der Praxis

Während die Studio Faded dank ihrer holzigen Oberflächen die angenehmere Haptik bietet, erfreut die Traditional mehr das Auge. Klar, dass sie insgesamt wertiger rüberkommt, kostet dafür auch fast das Dreifache. Beide Hälse liegen komfortabel in der Hand, die BunddrahtEnden der Studio geben sich trotz sorgfältiger Abrichtung holpriger und könnten noch etwas stärker verrundet werden. Am Gurt wie auch auf dem Bein zeigen beide Gitarren Ausgewogenheit. Soweit alles im grünen Bereich, würde da nicht das enorme Gewicht der Traditional am Gurt zerren. 4,35 kg sind für eine weight reliefed (gewichtsreduzierte) Les Paul meines Erachtens einfach too much.

Bereits unverstärkt unterscheiden sich beide Probandinnen erheblich, klingt das schlichte Modell doch kraftvoller, lauter und erdiger und schwingt auch intensiver. Sicherlich ist das u. a. ihrem Modern Weight Relief zu verdanken, welches nicht nur größere sondern auch drei zusätzliche Tonkammern mitbringt. Derweil tönt die Traditional eleganter, offener, feiner und nuancierter, empfiehlt sich also eher für den Klanggourmet, dessen Sounds primär aus dem Anschlag resultieren. Ist die Studio also ein unzivilisiertes Raubein?! Mitnichten, denn auch sie reagiert nuanciert und dynamisch. In Puncto Sustain und Obertonangebot nehmen sich die Beiden nicht die Butter vom Brot, denn hier wie dort schwingt jeder Ton oder Akkord langsam und gleichförmig aus, und die Obertöne schaffen es locker bis zur dritten Ebene. Der akustische Eindruck bestätigt sich auch am Verstärker.

Die Alnico-5- Magnete bescheren den Burstbucker Pros fettere, druckvollere Sounds mit ausgeprägteren Mitten, straffem Drive und aggressiverer Attack, ohne allzu viel vom typischen PAF-/ Les-Paul-Charakter zu nehmen und Transparenz und Dynamik zu beeinträchtigen. Druckvoll, warm aber differenziert klingt der Hals-, straff und knackig der Steg-Pickup, glockig perlend die Kombi beider. Alles in allem bodenständige, erdige Blues- und Rock-, -Rhythm- und -Leadsounds mit hohem Durchsetzungsvermögen selbst am zerrenden Amp. Bereits 25 Jahre hat Gibson die 57 Classic Humbucker am Start, die sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Sie klingen klarer und luftiger als die Burstbucker Pro, reagieren etwas sensibler auf Anschlag und Volume-Poti und fühlen sich Genre- übergreifend im Spektrum von Jazz über Blues bis Hardrock zu Hause.

Eine gute Wahl also für die 2016 Les Paul Traditional, die mit bluesig schmatzenden HalsPickup-Klängen, drahtigen, bei Bedarf auch bissigen Bridge-Sounds und runden, glockenklaren In-Between-Sachen überzeugt. Trotz ihrer klanglichen Unterschiede liefern beide 2016er Modelle die typischen Clean-, Crunch- und Leadsounds klassischer Les Pauls.

Resümee

Welch clevere Maßnahme von Gibson, die 2016er Modelle als separate Traditional- und High-Performance-Reihen anzubieten! So können weniger konservativ gepolte Gitarristen die Vorzüge der moderneren HP-Modelle nutzen, die anderen dürfen sich derweil an der Traditional-Serie erfreuen. Jedenfalls kann sowohl die preiswerte Les Paul Studio Faded als auch die luxuriösere Les Paul Traditional, deren einziges Manko ihr Übergewicht ist, absolut überzeugen.

 

Plus

  • Sounds
  • Schwingfreude & Dynamik
  • Hardware
  • Verarbeitung
  • Spielbarkeit
  • Preis/Leistung (LP Studio)

Minus

  • Gewicht (LP Traditional)

 

Gibson Les Paul Studio Faded_profil
2 Kommentare zu “Gibson Les Paul Studio Faded 2016 T & Traditional 2016 T im Test”
  1. André

    Frage hatte eure zur Verfügung gestellte faded Studio die Mechaniken mit dem Gibson Deluxe oder Kluson Deluxe Schriftzug ?

    Antworten
    • Stefan Braunschmidt

      Hallo André!
      Ich fürchte, dass das für uns nicht mehr so leicht nachzuvollziehen ist, weil wir die Gitarre natürlich schon lange an den Hersteller zurückgeschickt haben. 🙁

      Beste Grüße aus der Redaktion!
      Stefan

      Antworten
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