Ich glaube, ich habe noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt, bei der mein Sound-Empfinden derart von der Tagesform abhängig war wie bei dieser Jaguar. Gestern kam sie mir noch irgendwie langweilig und schlapp vor, heute jedoch fließt es wie ein freudig plätschernder Kristallbach aus dem Amp und erfreut das Gemüt. Da fällt es schwer, sachlich zu bleiben …
Grundsätzlich wirkt die Jaguar tatsächlich eher zurückhaltend – nicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern aus einer vornehmen Art heraus. An trüben Tagen wie gestern kann dieser Charakter allerdings auch mal wie gebremster Schaum wirken, denn im Vergleich zu anderen Fender-Gitarren liefert sie von vielem recht wenig: wenig Sustain, wenig Druck, wenig Singen, wenig Offensive.
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Ein Analyzer oder Equalizer würde den Klangcharakter der Jaguar mit einer Frequenzkurve abbilden, die wie ein liegendes S aussieht – mit einer deutlichen Erhebung der unteren Mitten, einer Absenkung der oberen Mitten und unteren Höhen, und wieder einem Boost in den hohen Höhen, also dort, wo der Kristallbach so schön plätschert.
Im cleanen Amp-Betrieb klingt der Hals-Pickup süßlich-gemütlich und weniger offen und schlagfertig als etwa bei einer Strat. Es ist ein intimer Sound, der eine schöne, sehr erwachsene Artikulation bereitstellt und zum Zuhören des gerade eben angeschlagenen Tons animiert. Der Steg-Pickup wirkt mittig und knallig – das kann man mögen, muss man aber nicht. Besser erscheint mir die Kombi-Stellung, wenn beide parallel nebeneinander klingen: hell, offen, und wie geschaffen für einen guten Rhythmus-Sound.
Im Rhythm-Circuit ertönt der Hals-Pickup natürlich deutlich dumpfer als im normalen Schaltkreis. Ist das Jazz? Keine Ahnung – aber schon interessant, dass hier neben dem cleanen auch der mit einem Fuzz verbrämten Sound gute Ergebnisse vermeldet.
Das Regler-Layout des Rhythm-Circuit mit On/Off-Schalter und Volume- und Tone-Reglern (Bild: Dieter Stork)
Zurück zum Lead-Circuit: Der Hals-Pickup weist im Crunch-Sound ein interessantes Timbre auf, braucht dafür aber frequenzbezogen Platz. Hat er den nicht, taucht er im Gesamtbild unter. Der Steg-Pickup zeigt hier seinen eigenen eigenwilligen Charakter noch stärker: Weder Strat noch Tele nachahmend, tritt er kürzer, knalliger und direkter an. Gut!
Hochverzerrte Sounds mit der Jaguar machen kaum Sinn: Zwar klingen Lead-Lines sehr fett, aber Riffs und Akkorde werden schnell indirekt und dumpf. Diese Eigenschaften – und auch das relative geringe Sustain – sind das Produkt der spezifischen Konstruktionsmerkmale der Jaguar: Die kurze Mensur in Verbindung mit dem wobbeligen Free-Floating-Vibratosystem, die eindrücklich die DNA des Jaguar-Sounds prägen.
Aber wir haben ja noch ein Helferlein in der Hinterhand – den Würger! Durch den rechten der drei kleinen Schiebeschalter wird ein Hochpass aktiviert, der den Bassbereich beschneidet; und das tut den meisten Sounds richtig gut. So erzeugt der Steg-Pickup mit Distortion einen eigenwilligeren, richtig böse klingenden Spitzensound, während es in Clean- und Crunch-Modi sehr ausdrucks- und durchsetzungsstark nach Surf klingt.
Und da ist ja auch noch die Mute-Funktion: Ein kräftiger Druck auf den Hebel rechts neben der Brücke, und ein Gummistreifen presst sich von unten an die Saiten und bremst deren Schwingungen komplett aus. Aber Obacht, hier können leichte Verstimmungen passieren. Irgendwie erinnert dieser Plopp-Sound an die heute angesagten rubber bridges.
Doch mit der Mute-Funktion lassen sich auch sehr exakt abgedämpfte Rhythmus-Patterns spielen, die grundsätzlich anders klingen als nur von der Greifhand abgedämpfte Sounds. Instant palm-muting!
Es ist nachvollziehbar, dass die Jaguar bei den Beat- und Surf-Kapellen der 1960er-Jahre nicht umsonst als eine beliebte Rhythmusgitarre galt. Ihr zwar eigenwilliger, aber eher feiner und zurückhaltender Klangcharakter und das relativ geringe Sustain sorgten dafür, dass sie klanglich nie mit den Frequenzen einer zweiten (meist Fender-)Gitarre ins Gehege kam – sie war, und das ist sie auch heute noch – ein perfekter Team-Player.
BRIDGEPROBLEMS
Wir alle kennen die Vor- und Nachteile der vintage-korrekten Variante dieser Brücken-/Vibrato-Konstruktion: Die Strecke zwischen Brücke und Saitenhalter ist sehr lang, der Druck der Saiten auf die Reiter sehr gering. Das hat zur Folge, dass die Saiten, vor allem die tiefe E-Saite, bei harter Bearbeitung aus den Saitenreitern zu springen drohen. Außerdem kann es zu sogenannten Ghost Notes im Bereich hinter der Brücke kommen, die natürlich nicht alle mögen.
Wer dieses Vibrato-System ernsthaft nutzen will, tauscht normalerweise als Erstes die Brücke oder Saitenreiter aus und erhöht den Halswinkel durch Shimmen, um mehr Saitendruck auf die Brücke zu erzeugen. Oder holt sich den Buzz Stop, ein kleines Hardware-Accessoire, das den Andruckwinkel der Saiten auf die Brücke steiler gestaltet. Und es lohnt sich, denn vorausgesetzt, dass es gut eingestellt ist, belohnt einen dieses floating Vibratosystem mit butterweichen, beflügelnden Vibrato-Effeken, denen kein anderes Fender-System das Wasser reichen kann.
(Bild: Dieter Stork)
AUSBLICKE
Die Konzeption der Jaguar ergibt eine Bandbreite an Möglichkeiten, die kaum eine andere seriell produzierte Gitarre bietet. Einige sind …
Kill Switch: Der von den meisten sträflich vernachlässigte Rhythm-Circuit kann als Kill Switch dienen: Rhythm-Volume auf Null geregelt, lässt sich nun mit dem On/Off-Schalter der beliebte Stotter-Effekt ausführen.
Volume-Presets: Oder man genießt ein perfektes Preset-Szenario, etwa das blitzschnelle Umschalten von Rhythmus- auf Lead-Sounds.
Sound-Presets: Im Rhythm-Circuit stellt man in Verbindung mit viel Verzerrung beispielsweise einen so called „woman tone” ein, der dank der Höhenbedämpfung ohne viel Regeln wunderbar gelingt – und per On/Off-Schalter kann man im Nu zum Lead-Circuit und einem völlig anderen Sound springen.
Saiten-Varianten: Dank der kurzen Mensur haben die Saiten weniger Spannung als etwa bei einer Jazzmaster. Es empfiehlt sich deshalb zumindest probehalber der Griff zu einer höheren Saitenstärke – also z. B. statt eines .009er- einen .010er-Satz auszuprobieren. Das Sustain wird dadurch zwar noch etwas kürzer, der Sound aber direkter und knalliger. Wer es noch punchiger mag, besorgt sich Flatwound-Saiten – denn die kommen dem Charakter der Jaguar von Natur aus schon sehr nahe.
WÜNSCHE
Wenn ich mir etwas von Fender wünschen dürfte, dann wäre das …
Schiebeschalter-Mod: So praktisch die Schiebeschalter erscheinen, so groß ist die Gefahr, dass man beide Pickups versehentlich im Trubel eines Live-Auftritts abschaltet – einfach durch haptische Fehlbedienung oder durch zufällige Berührung mit dem Plektrum. Wäre ich Jaguar-Spieler, würde ich die Funktion der Schiebeschalter umkehren: nach unten an, nach oben aus. Ein Freund hat durch die Verwendung längerer Schrauben die Schalter tiefer in das Pickguard versenkt – auch eine gute Idee!
Treble Bleed: Im Vergleich zu den 250k-Potis einer Stratocaster lassen die Potis der Jaguar deutlich mehr hohe Frequenzen durch. Deshalb klingen Jaguars hell und strahlend – aber genau deshalb können sie auch schrill wirken, wenn man den Tonregler etwas herunterdreht. Man verliert dadurch die charmanten hohen Frequenzen. Dem kann durch ein passender, aus Widerstand und Kondensator bestehender Treble-Bleed-Schaltkreis entgegenwirken.
Geringeres Gewicht: Dies ist sicherlich eine sehr subjektive Empfindung, aber die 3,95 kg sind doch schon eine recht stattliche Ansage.
RESÜMEE
Die Jaguar ist die mit Abstand eigenständigste Gitarre der Top Four des amerikanischen Großherstellers Fender – Telecaster, Stratocaster, Jazzmaster, Jaguar. Während sich die anderen drei problemlos verschiedenen Musik-Genres zuordnen lassen, verweigert sich die Jaguar dieser Einordnung konsequent – Rock, Country, Blues, Hard-Rock, Metal kommen alle bestens ohne sie aus. Ein Hauch von Indie – der passt zu ihr, und ja: Surf, wo man die Jaguar erstmals als Rhythmusgitarre einsetzte, war damals ja auch Indie.
Gerade in dieser Unberechenbarkeit und der Abkehr aller Konventionen liegt ihr eigentlicher Charakter. Auch die neue Vintera-III-Version der Jaguar trägt dem konsequent Rechnung, denn praktisch alle Features des Mid-Sixties-Originals wurden übernommen. Und so steht sie nun in voller Pracht auf dem Markt – in einer Farbe, auf die selbst der Geächtete aus dem Sherwood Forest, Robin Hood, stolz wäre. Wie passend für eine Gitarre, die selbst zur Außenseiterin in der Welt der E-Gitarren wurde.
Ja, der Jaguar-Sound polarisiert: wenig Sustain, wenig Druck, wenig Beef. Dafür hören wir eine prickelnde Klarheit und eine vollmundige Artikulation, die so eng am Spieler hängt wie das intime Spielgefühl, das die kurze Mensur der Jaguar vermittelt. Zudem eröffnet die aufwendig bis ungewöhnliche Schaltung Möglichkeiten, die – mal abgesehen von Schwester Jazzmaster – keine andere Gitarre bietet. Und natürlich: Sie hat auch noch den großartigen Würger mit an Bord, der richtig prickelnde Sounds ermöglicht!
So ist es denn kein Wunder, dass auch die Jaguar von heute für dasselbe Erstaunen sorgt wie schon 1962. Was soll ich mit so einer Gitarre anfangen, welche Musik soll ich mit ihr spielen – das fragten sich damals alle, und manche fragen sich das noch heute. Die Antwort war und ist dieselbe: Spiele einfach deine eigene Musik.
Frei nach Star-Produzent Rick Rubin: „Pursue what is not worth your time“, also: „Beschäftige dich mit Dingen, die andere für sinnlos halten“. Womit wir auch schon bei der Pointe der Geschichte gelandet wären: Was 1962 als selbstbewusstes Prestigeobjekt für jeden und niemanden gedacht war, wird am Ende zum Instrument für alle, die sich keiner Schublade zugehörig fühlen wollen. Die Jaguar ist auch als mexikanische Vintera-III-Version immer noch das beste Instrument für Querdenker und Außenseiter, auch wenn Leo Fender das von seiner Wolke 7 aus sicherlich ganz anders sehen würde.