Ich liebe es, in meiner Lieblings-Eisdiele direkt neben dem Ausgabe-Tresen zu sitzen und der To-go-Kundschaft zuzuschauen. Dort lässt sich der kleine Kevin ausgiebig Zeit mit der Wahl seiner Kugeln, während sich die kleine Sofie partout nicht zwischen Becher oder Waffel entscheiden kann. Beide Elternpaare hören das ungeduldige Scharren der Warteschlange hinter ihnen stoisch gelassen nicht. Einmal Joghurt, einmal Vanille … nein, doch lieber Mango! Oder vielleicht Azurro? Streusel?
Diese Eisdiele ist für mich einfach ein inspirierender Ort, denn hier spielt das ganz normale Leben und schafft Freiraum im Oberstübchen. Neulich grübelte ich dort im Vorfeld dieses Artikels über Sinn, Zweck und Daseinsberechtigung der Fender Jaguar.
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Bei meiner bevorzugten bescheidenen Eiskreation – je eine Kugel Vanille und Schoko, halbe Portion Sahne, Erdbeersauce – kam dann die Erleuchtung: Genau wie der Tresen vor mir, an dem Kevin, Sophie und alle anderen aus einem überbordenden, bunten Angebot ihre eigene, ganz persönliche Mischung zusammenstellen können, wollte die Fender Jaguar 1962 genau das sein – der Tresen für jeden Geschmack, die eine Gitarre für alle Gitarristen.
EINE FÜR ALLE
Bild: Dieter Stork
Bild: Dieter Stork
Fender stellte 1962 mit der Jaguar ein Instrument vor, das genreübergreifend für nahezu jeden Musiker taugen sollte. Alles, was man damals von einer E-Gitarre erwartete, sollte die Jaguar in sich vereinen. Dazu kommt, dass diese Gitarre von Anfang an vor allem auch Prestigeobjekt sein sollte, mit dem Fender demonstrierte, was im modernen Gitarrenbau möglich war – sowohl im Design als auch in der Technik.
Solche hohen Ansprüche erfordern nicht nur eine ausgereifte Entwicklungsleistung, sondern auch ein kreatives Marketing, damit nicht noch einmal das passiert, was der 1958 vorgestellten Jazzmaster geschah. Die war kommerziell gefloppt, denn kein Jazzmusiker interessierte sich für dieses Brett – bis ausgerechnet die Krach-Piloten der Surf- und Rockabilly-Fraktion, also die Antipoden des konservativen Jazz, die Jazzmaster für sich entdeckten und den etablierten Strat- und Tele-Spielern auf wilden Partys an kalifornischen Stränden zeigten, wie die Zukunft des Rock’n’Roll klingen könnte.
Damit die Jaguar also diesem Schicksal entging, hatte man sie mit Features gespickt, die vom Jazzer bis zum Surfer alles abdeckten, was man sich nur wünschen konnte. Und mehr! Schauen wir sie, die übrigens auch für unser Testmodell gelten, uns mal näher an …
Die kurze Mensur von 24″ (= 610 mm) versprach eine Spielbarkeit, wie man sie von Gibson her kannte – ja, sogar noch etwas geschmeidiger, denn die Jaguar unterbot Gibsons 24,75″-Maß noch um ein gutes Stück. Die beiden Singlecoils waren zudem heißer gewickelt als bei Fender üblich, um mehr Output aus den Pickups zu kitzeln und damit an die Soundfülle von P90s zu erinnern. Außerdem steckten sie in gezahnten Metallgehäusen, die das lästige Brummen der Singlecoils reduzieren sollten.
Die in zwei unabhängige Kreise aufgeteilte innovative Schaltung der Jaguar wurde von der Jazzmaster übernommen. Den Lead-Circuit regelte man über logarithmische Master-Volume- und Master-Tone-Potis mit je 1 MOhm und 0,01-uF-Kondensator – Widerstandswerte, die in Vollauslenkung ordentliche Höhenreserven bereitstellen sollten.
Zwei Schiebeschalter kümmerten sich um das individuelle An- und Abschalten der Pickups, ein dritter aktivierte über einen 0,003-uF-Kondensator ein Hochpassfilter, das dem Sound eine gehörige Portion Bässe wegnahm – und die Musiker zu dem treffenden Beinamen „Strangle Switch“ (= Würgeschalter) inspirierten.
Der Rhythm-Circuit aktivierte den Hals-Pickup solo und lieferte einen dunklen, „jazzigen“ Rhythmus-Sound. Geregelt wurde er über zwei Rollpotis – Volume mit 1 MOhm, Tone mit 50k und 0,01-uF-Kondensator.
Zwischen Brücke und Pickup wartete die Mute-Funktion: eine Art Gummikissen, das an die Saiten herangeführt wird und für einen extrem abgedämpften Sound sorgte – für akzentuierten Rhythmus, Palm-Muting-Ersatz, Plingplong-Arpeggios oder andere Eskapaden.
Zwei Pickup-Schalter und der Würger in Form des „Strangle Switch“ (Bild: DIETER_STORK)
Optisch lehnte sich die Jaguar stark an die Jazzmaster an, deren Korpus-Silhouette sie weitgehend übernahm. Beim Rest allerdings legten sich die Designer richtig ins Zeug: Angesichts des angedachten stolzen Preises scheuten sie kaum Kosten noch Mühen, um ein unverwechselbares Instrument hinzustellen. Besonders auffällig: das Pickguard, in dem die beiden Pickups saßen und um das sich sämtliche Bedienelemente auf drei separaten Metallpanels verteilten.
Ich wäre sehr gerne bei den Sitzungen dabei gewesen, in denen der Name für dieses neue Modell festgelegt wurde. Denn auch in diesem Punkt schien man aus dem Jazzmaster-Desaster gelernt zu haben – bloß keine zu eng gefasste Klientel so direkt ansprechen! Und selbst wenn: Welche hätte man denn ansprechen sollen?
Die Surfer waren noch nicht auf dem Plan und hätten auch nicht das Geld, die Jazzer waren als Zielgruppe verbrannt, und die Rock’n’Roller, Country-Musiker und Blueser brauchten das ganze Zeug nicht, mit dem die neue Jaguar antrat. Also benötigte dieses Modell einen allgemeinen, am besten zeitlosen Namen, der Wertigkeit, Glanz und Gloria versprach. Und gab es da im fernen England nicht dieses eine Auto, dem eine große Zukunft als Design-Ikone prophezeit wurde, obwohl es doch erst kaum ein Jahr auf dem Markt war?
Dieser Jaguar E-Type? Nennen wir unser Topmodell doch einfach Jaguar – und der Weg zum Erfolg ist geebnet. So dachte man in Fenders Chefetage − und war sich auch nicht zu schade, entsprechende Werbekampagnen zu lancieren, in denen die Jaguar-Gitarre und das Jaguar-Auto gemeinsame Sache machten.
Fender-Werbekampagne von 1962: die Jaguar mit dem Jaguar … (Bild: Fender)
Die Jaguar war also rundum eine stattliche Erscheinung und rechtfertigte auf diese Weise Fenders Entscheidung, sie als Topmodell des E-Gitarren-Programms zu positionieren, eindrucksvoll. Ein wahres Spitzenmodell – und das hatte seinen Preis!
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Wenn eine Serie Vintera heißt, darf man davon ausgehen, auf deutliche Vintage-Gene zu treffen. Waren die Modelle der Vintera-I- und II-Serien noch auf Jahrzehnte ausgerichtet – Fifties, Sixties & Co. –, widmet sich die neue Vintera-III-Reihe nun kürzeren Zeiträumen. Unsere mexikanische Sherwood-grüne Jaguar ist einer Mid-Sixties-Jaguar nachempfunden, und das Äußere der Gitarre ist historisch absolut korrekt. Alle Features des klassischen Vorbilds wurden authentisch umgesetzt – auch die umstrittenen, Stichwort: Brücke.
Immer schick: Der „matching headstock“ (Bild: Dieter Stork)
Wer meint, dass die kurze 61-cm-Mensur eventuell nicht zu den eigenen Spielgewohnheiten passen könnte, dem rate ich zu folgendem Test: Einfach einen Kapo auf den ersten Bund einer Strat, Tele oder Jazzmaster setzen und schauen, wie es sich dann so spielt, denn dieses Setting entspricht der 24″-Mensur. Und beim Testen bedenken, dass so nur die Länge der Mensur simuliert wird, aber nicht die bei der Jaguar vorliegende geringere Saitenspannung.
Die Vintera-III-Jaguar liegt sehr gut in der Hand, alle Dimensionen sind stimmig und greifen ineinander, die Verarbeitung lässt keine Makel zu – und ein Hals mit einer kurzen Mensur lässt sich natürlich sehr bequem bespielen! Es ist schon auffällig, wie schnell man hier spielen und welche Intervalle man plötzlich benden kann … da muss man schon aufpassen, dass man im Überschwang nicht aus der Kurve fliegt.
Johnny Marr Signature
Johnny Marr Signature Jagua (Bild: Fender)
Johnny Marr, ehemaliger Gitarrist von The Smiths und erfolgreicher Solokünstler, zählt zu den bekanntesten Jaguar-Spielern überhaupt. Sein charakteristischer Sound ist eng mit diesem Modell verbunden, weshalb Fender ihm zwei unterschiedliche Signature-Modelle nach seinen Vorstellungen auf den Leib schneiderte.
Die auffälligste Änderung des ersten Modells betrifft die Elektronik: Der traditionelle Rhythm-Circuit entfiel komplett zugunsten eines deutlich praxisnäheren Layouts mit Master-Volume, Master-Tone, einem 4-Wege-Schalter und, platziert auf dem oberen Korpushorn, gleich zwei Bright-Switches. Neben den klassischen drei Jaguar-Sounds bietet Position 4 des Schalters eine serielle Pickup-Schaltung für mehr Output und Druck.
Der erste Bright-Switch wirkt wie der klassische Strangle Switch (Hochpassfilter) und gestaltet dadurch den Sound drahtiger und perkussiver, während der zweite Bright-Switch in ähnlicher Weise exklusiv auf den seriellen Pickup-Sound in Schalterstellung 4 wirkt. So wird verhindert, dass es hier zu fett oder zu mittig wird, und es wird erreicht, dass sich der Sound besser in den Gesamtsound der Jag integrieren lässt.
Neu ist die in einer limitierten Auflage erschienene Johnny Marr Signature Special – in Schwarz. Im Unterschied zum ersten Signature-Modell gibt es hier drei Lipstick-Pickups von Kent Armstrong und einen dritten Schiebeschalter, der den mittleren Pickup an- bzw. ausschaltet. Alles andere ist identisch.
Limited Edition Johnny Marr Signature Special (Bild: Fender)
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(Bild: DIETER_STORK)
KLINGKLANG
Ich glaube, ich habe noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt, bei der mein Sound-Empfinden derart von der Tagesform abhängig war wie bei dieser Jaguar. Gestern kam sie mir noch irgendwie langweilig und schlapp vor, heute jedoch fließt es wie ein freudig plätschernder Kristallbach aus dem Amp und erfreut das Gemüt. Da fällt es schwer, sachlich zu bleiben …
Grundsätzlich wirkt die Jaguar tatsächlich eher zurückhaltend – nicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern aus einer vornehmen Art heraus. An trüben Tagen wie gestern kann dieser Charakter allerdings auch mal wie gebremster Schaum wirken, denn im Vergleich zu anderen Fender-Gitarren liefert sie von vielem recht wenig: wenig Sustain, wenig Druck, wenig Singen, wenig Offensive.
Ein Analyzer oder Equalizer würde den Klangcharakter der Jaguar mit einer Frequenzkurve abbilden, die wie ein liegendes S aussieht – mit einer deutlichen Erhebung der unteren Mitten, einer Absenkung der oberen Mitten und unteren Höhen, und wieder einem Boost in den hohen Höhen, also dort, wo der Kristallbach so schön plätschert.
Im cleanen Amp-Betrieb klingt der Hals-Pickup süßlich-gemütlich und weniger offen und schlagfertig als etwa bei einer Strat. Es ist ein intimer Sound, der eine schöne, sehr erwachsene Artikulation bereitstellt und zum Zuhören des gerade eben angeschlagenen Tons animiert. Der Steg-Pickup wirkt mittig und knallig – das kann man mögen, muss man aber nicht. Besser erscheint mir die Kombi-Stellung, wenn beide parallel nebeneinander klingen: hell, offen, und wie geschaffen für einen guten Rhythmus-Sound.
Im Rhythm-Circuit ertönt der Hals-Pickup natürlich deutlich dumpfer als im normalen Schaltkreis. Ist das Jazz? Keine Ahnung – aber schon interessant, dass hier neben dem cleanen auch der mit einem Fuzz verbrämten Sound gute Ergebnisse vermeldet.
Das Regler-Layout des Rhythm-Circuit mit On/Off-Schalter und Volume- und Tone-Reglern (Bild: Dieter Stork)
Zurück zum Lead-Circuit: Der Hals-Pickup weist im Crunch-Sound ein interessantes Timbre auf, braucht dafür aber frequenzbezogen Platz. Hat er den nicht, taucht er im Gesamtbild unter. Der Steg-Pickup zeigt hier seinen eigenen eigenwilligen Charakter noch stärker: Weder Strat noch Tele nachahmend, tritt er kürzer, knalliger und direkter an. Gut!
Hochverzerrte Sounds mit der Jaguar machen kaum Sinn: Zwar klingen Lead-Lines sehr fett, aber Riffs und Akkorde werden schnell indirekt und dumpf. Diese Eigenschaften – und auch das relative geringe Sustain – sind das Produkt der spezifischen Konstruktionsmerkmale der Jaguar: Die kurze Mensur in Verbindung mit dem wobbeligen Free-Floating-Vibratosystem, die eindrücklich die DNA des Jaguar-Sounds prägen.
Aber wir haben ja noch ein Helferlein in der Hinterhand – den Würger! Durch den rechten der drei kleinen Schiebeschalter wird ein Hochpass aktiviert, der den Bassbereich beschneidet; und das tut den meisten Sounds richtig gut. So erzeugt der Steg-Pickup mit Distortion einen eigenwilligeren, richtig böse klingenden Spitzensound, während es in Clean- und Crunch-Modi sehr ausdrucks- und durchsetzungsstark nach Surf klingt.
Und da ist ja auch noch die Mute-Funktion: Ein kräftiger Druck auf den Hebel rechts neben der Brücke, und ein Gummistreifen presst sich von unten an die Saiten und bremst deren Schwingungen komplett aus. Aber Obacht, hier können leichte Verstimmungen passieren. Irgendwie erinnert dieser Plopp-Sound an die heute angesagten rubber bridges.
Doch mit der Mute-Funktion lassen sich auch sehr exakt abgedämpfte Rhythmus-Patterns spielen, die grundsätzlich anders klingen als nur von der Greifhand abgedämpfte Sounds. Instant palm-muting!
Es ist nachvollziehbar, dass die Jaguar bei den Beat- und Surf-Kapellen der 1960er-Jahre nicht umsonst als eine beliebte Rhythmusgitarre galt. Ihr zwar eigenwilliger, aber eher feiner und zurückhaltender Klangcharakter und das relativ geringe Sustain sorgten dafür, dass sie klanglich nie mit den Frequenzen einer zweiten (meist Fender-)Gitarre ins Gehege kam – sie war, und das ist sie auch heute noch – ein perfekter Team-Player.
BRIDGEPROBLEMS
Wir alle kennen die Vor- und Nachteile der vintage-korrekten Variante dieser Brücken-/Vibrato-Konstruktion: Die Strecke zwischen Brücke und Saitenhalter ist sehr lang, der Druck der Saiten auf die Reiter sehr gering. Das hat zur Folge, dass die Saiten, vor allem die tiefe E-Saite, bei harter Bearbeitung aus den Saitenreitern zu springen drohen. Außerdem kann es zu sogenannten Ghost Notes im Bereich hinter der Brücke kommen, die natürlich nicht alle mögen.
Wer dieses Vibrato-System ernsthaft nutzen will, tauscht normalerweise als Erstes die Brücke oder Saitenreiter aus und erhöht den Halswinkel durch Shimmen, um mehr Saitendruck auf die Brücke zu erzeugen. Oder holt sich den Buzz Stop, ein kleines Hardware-Accessoire, das den Andruckwinkel der Saiten auf die Brücke steiler gestaltet. Und es lohnt sich, denn vorausgesetzt, dass es gut eingestellt ist, belohnt einen dieses floating Vibratosystem mit butterweichen, beflügelnden Vibrato-Effeken, denen kein anderes Fender-System das Wasser reichen kann.
(Bild: Dieter Stork)
AUSBLICKE
Die Konzeption der Jaguar ergibt eine Bandbreite an Möglichkeiten, die kaum eine andere seriell produzierte Gitarre bietet. Einige sind …
Kill Switch: Der von den meisten sträflich vernachlässigte Rhythm-Circuit kann als Kill Switch dienen: Rhythm-Volume auf Null geregelt, lässt sich nun mit dem On/Off-Schalter der beliebte Stotter-Effekt ausführen.
Volume-Presets: Oder man genießt ein perfektes Preset-Szenario, etwa das blitzschnelle Umschalten von Rhythmus- auf Lead-Sounds.
Sound-Presets: Im Rhythm-Circuit stellt man in Verbindung mit viel Verzerrung beispielsweise einen so called „woman tone” ein, der dank der Höhenbedämpfung ohne viel Regeln wunderbar gelingt – und per On/Off-Schalter kann man im Nu zum Lead-Circuit und einem völlig anderen Sound springen.
Saiten-Varianten: Dank der kurzen Mensur haben die Saiten weniger Spannung als etwa bei einer Jazzmaster. Es empfiehlt sich deshalb zumindest probehalber der Griff zu einer höheren Saitenstärke – also z. B. statt eines .009er- einen .010er-Satz auszuprobieren. Das Sustain wird dadurch zwar noch etwas kürzer, der Sound aber direkter und knalliger. Wer es noch punchiger mag, besorgt sich Flatwound-Saiten – denn die kommen dem Charakter der Jaguar von Natur aus schon sehr nahe.
WÜNSCHE
Wenn ich mir etwas von Fender wünschen dürfte, dann wäre das …
Schiebeschalter-Mod: So praktisch die Schiebeschalter erscheinen, so groß ist die Gefahr, dass man beide Pickups versehentlich im Trubel eines Live-Auftritts abschaltet – einfach durch haptische Fehlbedienung oder durch zufällige Berührung mit dem Plektrum. Wäre ich Jaguar-Spieler, würde ich die Funktion der Schiebeschalter umkehren: nach unten an, nach oben aus. Ein Freund hat durch die Verwendung längerer Schrauben die Schalter tiefer in das Pickguard versenkt – auch eine gute Idee!
Treble Bleed: Im Vergleich zu den 250k-Potis einer Stratocaster lassen die Potis der Jaguar deutlich mehr hohe Frequenzen durch. Deshalb klingen Jaguars hell und strahlend – aber genau deshalb können sie auch schrill wirken, wenn man den Tonregler etwas herunterdreht. Man verliert dadurch die charmanten hohen Frequenzen. Dem kann durch ein passender, aus Widerstand und Kondensator bestehender Treble-Bleed-Schaltkreis entgegenwirken.
Geringeres Gewicht: Dies ist sicherlich eine sehr subjektive Empfindung, aber die 3,95 kg sind doch schon eine recht stattliche Ansage.
RESÜMEE
Die Jaguar ist die mit Abstand eigenständigste Gitarre der Top Four des amerikanischen Großherstellers Fender – Telecaster, Stratocaster, Jazzmaster, Jaguar. Während sich die anderen drei problemlos verschiedenen Musik-Genres zuordnen lassen, verweigert sich die Jaguar dieser Einordnung konsequent – Rock, Country, Blues, Hard-Rock, Metal kommen alle bestens ohne sie aus. Ein Hauch von Indie – der passt zu ihr, und ja: Surf, wo man die Jaguar erstmals als Rhythmusgitarre einsetzte, war damals ja auch Indie.
Gerade in dieser Unberechenbarkeit und der Abkehr aller Konventionen liegt ihr eigentlicher Charakter. Auch die neue Vintera-III-Version der Jaguar trägt dem konsequent Rechnung, denn praktisch alle Features des Mid-Sixties-Originals wurden übernommen. Und so steht sie nun in voller Pracht auf dem Markt – in einer Farbe, auf die selbst der Geächtete aus dem Sherwood Forest, Robin Hood, stolz wäre. Wie passend für eine Gitarre, die selbst zur Außenseiterin in der Welt der E-Gitarren wurde.
Ja, der Jaguar-Sound polarisiert: wenig Sustain, wenig Druck, wenig Beef. Dafür hören wir eine prickelnde Klarheit und eine vollmundige Artikulation, die so eng am Spieler hängt wie das intime Spielgefühl, das die kurze Mensur der Jaguar vermittelt. Zudem eröffnet die aufwendig bis ungewöhnliche Schaltung Möglichkeiten, die – mal abgesehen von Schwester Jazzmaster – keine andere Gitarre bietet. Und natürlich: Sie hat auch noch den großartigen Würger mit an Bord, der richtig prickelnde Sounds ermöglicht!
So ist es denn kein Wunder, dass auch die Jaguar von heute für dasselbe Erstaunen sorgt wie schon 1962. Was soll ich mit so einer Gitarre anfangen, welche Musik soll ich mit ihr spielen – das fragten sich damals alle, und manche fragen sich das noch heute. Die Antwort war und ist dieselbe: Spiele einfach deine eigene Musik.
Frei nach Star-Produzent Rick Rubin: „Pursue what is not worth your time“, also: „Beschäftige dich mit Dingen, die andere für sinnlos halten“. Womit wir auch schon bei der Pointe der Geschichte gelandet wären: Was 1962 als selbstbewusstes Prestigeobjekt für jeden und niemanden gedacht war, wird am Ende zum Instrument für alle, die sich keiner Schublade zugehörig fühlen wollen. Die Jaguar ist auch als mexikanische Vintera-III-Version immer noch das beste Instrument für Querdenker und Außenseiter, auch wenn Leo Fender das von seiner Wolke 7 aus sicherlich ganz anders sehen würde.