Die Surf-Ikone

Die Fender Jaguar Solidbody: Cat Scratch Fever

Die Fender Jaguar
1962 inthronisierte Fender die Jaguar als teuerste Gitarre.

Sommer, Sonne, weiße Strände, hohe Wellen, reizende Girls in Bikinis und fröhliche Beach Partys – selten war das Leben so unbeschwert wie im Kalifornien der frühen 60er Jahre. Und den perfekten Soundtrack für dieses Lebensgefühl lieferten Surfrock-Bands wie Dick Dale & the Deltones, Chantays oder Surfaris mit ihren energiegeladenen Instrumental-Stücken.

Die Magie in diesen Songs lag einerseits in einer speziellen Spieltechnik mit Glissando- und Double-Picking-Techniken, sowie in einem glasklaren, brillanten Sound, inkl. einer exzessiven Anwendung des neu entwickelten Fender Reverb-Effekts. Mitten hinein in diese Surf-Euphorie präsentierte Fender 1962 sein neues Prunkstück, die Jaguar. Für 379 US-$, damit um 30 US-$ teurer als die Jazzmaster, wurde sie zum neuen Top-of-the-Line-Modell hochstilisiert.

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„Eine der besten elektrischen Solid-BodyGitarren, die je der Öffentlichkeit vorgestellt wurde“, so der Originalton von Fender. Hohe Ansprüche, denen jedoch schon bald ein tiefer Fall folgen sollte. Dennoch lief es zu Beginn erstmal gar nicht schlecht: Zahlreiche Surf-Bands griffen zu dem neuen Instrument, und selbst Carl Wilson von den Beach Boys setzte bei den frühen Aufnahmen eine Fender Jaguar ein.

Ende & Wiedergeburt der Fender Jaguar

Doch schon bald sollte es mit dem Traum des unbeschwerten Endless Summer vorbei sein. Mit der Ermordung John F. Kennedys und dem Eintritt der USA in den Vietnam-Krieg wurde die populäre Musik härter und politischer. Und was machten die neuen Gitarrenhelden Jeff Beck, Eric Clapton, Jimi Hendrix und Co.? Sie entschieden sich für eine Tele oder eine Strat. Die Jaguar und Schwester Jazzmaster hatten das Nachsehen und wurden Mitte der 60er Jahre zum Nischenprodukt degradiert. 1975 kam dann das endgültige Aus für die Fender Jaguar, nachdem die Nachfrage immer deutlicher nachgelassen hatte.

Für lange Zeit wurde es ruhig um die Jaguar. Doch dann, 15 Jahre nach ihrem vorläufigen Ende, gelangte sie durch die Grunge-Legende Kurt Cobain mit seiner Band Nirvana zu neuer Popularität. Das Debütalbum ‚Nevermind‘ soll Cobain komplett mit seiner modifizierten 65er Jaguar aufgenommen haben. Viele der jungen Bands in den 90er Jahren, wie z. B. Sonic Youth oder die Red Hot Chili Peppers, folgten dem Beispiel Cobains und griffen zu dem Urgetüm aus den 60ern. Aufgrund der wachsenden Beliebtheit der Jaguar brachte Fender Ende der 80er Jahre zunächst JapanReissues heraus, und ergänzte diese dann 1999 mit USA-Modellen.

Die Singlecoils der Jaguar
Zweiwege-Schaltung und gut abgeschirmte Singlecoil-Pickups waren Teil der gehobenen Ausstattung

 

 

Specs

Offensichtlich war man seitens Fender derart überzeugt von dem Design der Jazzmaster, dass man es geradewegs der Jaguar verpasste. Also, alles wie gehabt: Erlenkorpus im Offset-Waist-Design und ein AhornHals mit aufgesetztem Palisander-Griffbrett, das runde, später dann Block-Einlagen zierte. Alles wie gehabt? Weit gefehlt! Völlig Fender-untypisch betrug die Mensur der Jaguar nur 24″ anstelle der sonst üblichen 25,5″. Ein schnellerer und somit leichter zu bespielender Hals also. Das Basismodell der Jaguar war in der Standardfarbe Sunburst lackiert, in Kombination mit einem mehrschichtigen braunen Schildpatt-Schlagbrett.

Bei den mit 5 % aufpreispflichtigen Custom-Color-Lackierungen, wie z. B. Olympic White, Candy Apple Red oder Burgundy Mist, wurde je nach Bedarf alternativ ein weißes Schlagbrett installiert. Altbekannt, aber dennoch neu: Die Elektronik der Fender Jaguar. Hier diente wiederum als Vorbild die bereits vorhandene Schaltung der Jazzmaster, die um einige Features erweitert wurde. Die Jaguar bietet eine Art Zwei-Kanal-Schaltung an, d. h. mittels eines Schiebeschalters kann zwischen der Lead-Sektion und einer speziellen Rhythmus-Sektion umgeschaltet werden. Letztere verfügt über eigene Rollenregler zum Einstellen von Lautstärke und Klang.

Die Lead-Sektion ist dagegen mit einer Metall-Kontrollplatte mit drei Schiebeschaltern ausgestattet: Je ein Schiebeschalter zum Aktivieren des Halsbzw. Steg-Pickups sowie ein Bass-Cut-Schalter zum Absenken von Höhen. Beide Pickupskönnen einzeln oder in Kombination geschaltet werden. Sehr schön ausgedacht, aber wer brauchte so eine komplizierte Schaltung eigentlich?

Der Saitendämpfer der Jaguar
Zwischen Steg-Pickup und Brücke sitzt ein Saitendämpfer, den man zum Glück auch deaktivieren kann.

Die Teles und Strats aus dieser Zeit waren dagegen nur mit simplen Dreifach-Schaltern ausgerüstet, womit die Musiker anscheinend super klar kamen. Hinsichtlich der verwendeten Pickups auf der Fender Jaguar lernte man aus der harschen Kritik an den hohen Brummgeräuschen der Jazzmaster. Die völlig neu entwickelten Tonabnehmer brachten mehr Ausgangsleistung und wurden mit speziellen Abschirmblechen zur Vermeidung des typischen Singlecoil-Brummens versehen. Diese markanten Sägezähne flankierten die beiden Pickups jeweils an den Seiten.

Wurden anfangs noch flache Polstücke in die Pickups eingebaut, so wechselte man 1964 zu sog. staggered Polstücken, also jene mit unterschiedlichen Höhen. Last but not least ein Blick auf die verwendete Hardware. Wie bei der Jazzmaster wurde auch bei der Fender Jaguar das FloatingVibrato-System installiert. Es überzeugte durch eine relativ hohe Stimmstabilität und verfügt zudem über die sog. Trem-LockFunktion, welche das Feststellen des Vibratos im Falle einer gerissenen Saite ermöglicht. Die Brücke besteht aus sechs einzeln einstellbaren Saitenreitern.

Optisches Gimmick dieser Fender Jaguar ist eine Brückenabdeckung (Bridge Cover) aus Chrom. Doch Schreck lass nach: Auch bei Fender hegte man wohl Zweifel am handwerklichen Können der Musiker aus dieser Zeit – wie sonst lässt sich diese unsägliche Dämpfer-Einheit (Jaguar Mute) erklären, die schon fünf Jahre zuvor bei der Gretsch Country Gentleman durchgefallen war. Meine Meinung: Ein typischer Fall von Zuviel des Guten. Für eine sichere Stimmung sorgten die Kluson-Deluxe-Mechaniken, die später durch die hauseigenen F-Style-Mechaniken ersetzt wurden.

Fender Jaguar Anzeigen
Dreimal diente die Jaguar als Cover-Modell der Fender-Kataloge -Die Surfanzeige ist außerdem Legendär

Sound der Fender Jaguar

Also dann – rein das Gitarrenkabel in die Jaguar und das andere Ende mit einem 63er Fender Tube Reverb verbinden, der durch einen ebenso alten Fender Tremolux befeuert wird. Und jetzt bloß keine falsche Bewegung machen, sonst bricht ein vehementes Feuerwerk an Hallgezischel über mich herein. Aber dann, schon beim Anspielen des ersten Akkords, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter: Everybody’s gone surfin’ USA! Sofort lasse ich meinen Surf-Favoriten erklingen, ‚Pipeline‘ von den Chantays. Unübertrefflich (der Sound, nicht ich … ).

Mein Tipp: Einfach einmal eine der alten Scheiben aus der Surf-Ära auspacken und sich die Ohren zudröhnen lassen! Also gut, in Sachen Surfmusik mit viel Hall im Rücken macht die Jaguar schon mal eine sehr gute Figur. Aber wie klingt sie mit einem cleanen Vox AC30 oder einem verzerrten Marshall? Testkandidat Nummer Eins ist der AC30. Wie sollte es auch anders sein, produziert die Fender Jaguar hier eine gehörige Portion Twang. Klar, man stammt ja aus dem Hause Fender und hat Singlecoils an Bord. Allerdings kommt der Sound ganz anders rüber als bei einer Strat oder Tele.

Eigenwillig ist hier vielleicht das richtige Wort, und man kann gut nachvollziehen, dass dieser durch die kürzere Mensur etwas angedickte Sound hauptsächlich für die Rhythmusgitarre in Surf-Bands eingesetzt wurde, während der Lead-Part meist von der Jazzmaster oder einer Strat übernommen wurde. Dann der Härtetest mit einem Marshall. Ich bin positiv überrascht – auch hier kann die Jaguar ganz gut ihren Mann stehen. Sie verträgt erstaunlich viel Gain ohne mit dem typisch-lauten Singlecoil-Brummen zu antworten. Die Abschirmung macht’s möglich. Heraus kommt ein Heavy-Sound, der am ehesten in der Grunge-Ecke einzuordnen ist.

Mr. Kurt Cobain wusste wohl genau, warum er gerade zur Jaguar gegriffen hat. Wer sich den Jaguar-Sound Marke 90er Jahre einmal so richtig geben will, der sollte sich unbedingt das Intro von ‚Under the Bridge‘ anhören, gespielt von John Frusciante, EX-Gitarrist der Red Hot Chili Peppers. Gänsehaut pur!

Fender Jaguar und Fender Amp
Die magische Surf-Kombination – Fender Jaguar mit Fender-Amp

Zu guter letzt

Quizfrage: Was eignet sich sowohl zum Abrocken als auch zum Durchbrechen von Wänden? Na klar – Eine Fender Jaguar! Mick Jagger hat dies eindrucksvoll bewiesen im Video zu dem Stones-Song ‚Respectable‘. Freilich waren die Wände nur aus Pappe, aber dennoch: Beide, sowohl Mick Jagger wie auch seine blaue Jaguar, machen hier eine sehr gute Figur. Mit dieser Jaguar soll Mick die Amerika-Tournee Anfang der 80er Jahre bestritten haben.

Mehr zur Thema Fender Jaguar und anderen Fender Gitarren findest du in unserer Fender Sonderausgabe!

 

Aus Gitarre & Bass 04/2007

6 Kommentare zu “Die Fender Jaguar Solidbody: Cat Scratch Fever”
  1. Für mich ist die Jaguar die schönste aller Fender Gitarren!
    Aber was nicht so ganz stimmt ist dass Kurt Cobain damit die Nevermind eingespielt hat. Das tat er mit einer Left Hand Stratocaster HSS. Und das Debütalbum von Nirvana ist übrigens die Bleach…

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  2. “Viele der jungen Bands in den 90er Jahren, wie z. B. Sonic Youth oder die Red Hot Chili Peppers, folgten dem Beispiel Cobains und griffen zu dem Urgetüm aus den 60ern.”

    Nee, Nee, Jaguars und Jazzmasters waren in der Indie-Szene schon vor’m Kurt C. populär. Für Sonic Youth und andere Bands gehörten diese Fender Modelle schon längst zum Standard-Equipment.

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  3. Peter

    Der Bass-Cut Schalter dient also zum Absenken der Höhen…aha…grübel….hab’ ich in E-Technik nicht aufgepasst, oder schreibt hier ‘n Blinder über Farbe ?

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  4. René Gilly

    Für mich ist es immer wieder frustrierend und unverständlich, wie viele Beiträge zum Thema “Fender Jaguar” veröffentlicht werden, die diese Gitarre nur als ein Instrument zum dillentantischen Geschrammel darstellen. Ein paar simple Akkorde mit viel Hall und etwas Gebrauch des “floating tremolos” führen wirklich nicht dazu, den bisher verbreiteten Ruf dieser Gitarre angemessen zu korrigieren. Nach meiner Erfahrung ist die Jaguar ein sehr charaktervoll klingendes Instrument welches auch sehr vielseitig einsetzbar ist, sowohl mit einigermaßen ( es ist keine Les Paul, wohlgemerkt) singenden Cleansounds als auch mit einem ordentlichen Overdrive-/Distortionbrett. Eine Idee von den Möglichkeiten ist glücklicherweise von Phil X. auf Youtube/fretted Americana präsentiert worden und auch der Olli von ( ich denke, Ihr wisst schon – ich will hier keine Werbung machen) lässt sich nach anfänglicher Akkordarbeit zu einigen kraftvollen Licks bewegen. Hier hört man, dass die Jaguar in den richtigen Händen ein ernstzunehmendes Instrument mit einer hohen Ausdrucksqualität ist.
    Vielleicht können meine Zeilen ja dazu beitragen, dass die verbreitete Borniertheit gegenüber dieser Gitarrentype ein wenig abgebaut wird.
    Mit gitarristischen Grüßen
    René

    Antworten
    • Danke
      Zu 100 Prozent deiner Meinung
      Ich finde dieses konservative denken bei vielen gittaristen ganz ganz tragisch

      Antworten
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