Himmelsstürmer

Eastman SB59 – SB59/v im Test

„A small step for mankind, but a giant step for Eastman.“ Das sagt die uns vor allem durch ihre bemerkenswerten Archtops bekannte Firma selbst über die Einführung der ersten Solidbody-Modelle SB59 und SB59/v. Die Modellbezeichnung verrät unmissverständlich das Ziel der ambitionierten Mission. Ist das ein Griff nach den Sternen?

(Bild: Dieter Stork)

Pepijn ’t Hart, Direktor und Product Manager von Eastman Europe, zeichnet – mit Hilfe bei der planungstechnischen Umsetzung von Artwork-Designer Pim Schilperoort – für die Entwicklung der neuen SB59-Modelle verantwortlich. Als Ausgangspunkt für das neue Solidbody-Design diente laut Eastman-Pressetext das Modell T184, eine 14″-Double Cutaway- Thinline mit von Hand geschnitzter Riegelahorndecke, die man zu einer Single-Cut-Gitarre mit firmentypischem Cutaway-Zuschnitt umgestaltete. Ja, nee – is klar! Pepijn: „Es war nie mein Ziel zu kopieren, ich wollte etwas Vertrautes, aber Einzigartiges schaffen.“ Zwei Ausführungen sind jeweils erhältlich: das Modell SB59 in den Farben Sunburst und Gold Burst mit hochglänzendem Nitro-Finish und das Modell SB59/v in den Farben Antique Classic und Antique Amber in einem speziellen Violin Varnish (Schellack Handpolitur mit Aging-Behandlung).

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Klassische Konzeption, bemerkenswerte Ausführung

Für seine erste Solidbody-Gitarre hat Eastman sich unübersehbar das klassische Single-Cutaway-Design der Gibson Les Paul als Vorlage gewählt und davon natürlich die begehrteste Version aus dem Jahre 1959. Wie oben schon erwähnt, hat man allerdings Wert auf eine eigenständige formale Gestaltung im Sinne der Firmenidentität gelegt. Bewährte Merkmale der klassischen Konstruktion wie u. a. 628er Mensur, Halsansatz am 16. Bund, 59er Halsprofil und 17°-Kopfplattenwinkel wurden natürlich dennoch in die Konzeption integriert. Beide Versionen verfügen demgemäß über einen Korpus von insgesamt rund 5 cm Stärke, gemessen am Halsansatz oben. Auf eine einteilige Mahagonibasis ist die Decke aus ‚bookmatched‘ gefügtem, geflammtem Ahorn gesetzt und deren Konturen sind tatsächlich von Hand geschnitzt. Ein cremefarbenes Binding fasst die Decke ein.

Die Gitarren kommen jeweils mit einem Hals aus einteiligem Mahagoni. Die Long- Neck-Tenon-Halsverbindung reicht bis unter den Hals-Pickup. Für das eingebundene Griffbrett wählte man Ebenholz anstelle von Palisander beim Gibson Standard- Vorbild (bekanntlich aber bei der LP Custom zu finden). Bundiert sind beide Instrumente mit kraftvollem Jescar-Bunddraht im Jumboformat. Ocean-Pearl-Inlays markieren die Lagen. Der klassisch gestaltete Kopf ist im Vintage-korrekten 17°-Winkel herausgeführt und mit Ebenholz belegt. Auch die Abdeckung des Halsstabzugangs hinter dem sorgfältig bearbeiteten Sattel aus Knochen besteht aus Ebenholz. Vintage-Style-Mechaniken von Gotoh, künstlich gealtert bei der SB59/v, komplettieren die Ausstattung.

Rundliche 59er- Hälse mit Nitro- Versiegelung, bzw. Antique Varnish (Bild: Dieter Stork)

Am Korpus laufen die Saiten ganz klassisch über eine Tune-o-matic Bridge und ein Stop Tailpiece von Gotoh, bei der SB59 finden wir diese Parts hochglänzend, bei der SB59/v patiniert. Auffällig ist bei beiden vorliegenden Prototypen der Hochstand der Bridge und des daran angepassten Saitenhalters. Demgemäß hoch ragt natürlich auch der Steg-Pickup aus seinem Rähmchen, um die nötige Nähe zur Saite zu erreichen. Laut Vertrieb wird vor Auslieferung der Serieninstrumente der Halswinkel noch korrigiert und damit die Ausrichtung des Steges und des Tonabnehmers deutlich tiefer ausfallen.

Elektrik: Die glanzlackierte SB59 kommt mit in cremefarbenen Rähmchen aufgehängten Seymour Duncans Standard ’59 Humbuckern (Alnico- 5-Magnete). Die SB59/v tritt mit Duncan ’59 Antiquity Humbuckern (Alnico-2-Magnete) an, Rähmchen wie Kappen weisen bei Letzterer künstliche Alterungsspuren auf. Geschaltet und verwaltet werden beide Gitarren konventionell mit einem Dreiwege-Pickup-Wahlschalter und individuellen Volume- und Tone- Reglern in traditioneller Platzierung. Ein Blick in die unbehandelt belassenen identischen E-Fächer zeigt saubere Verarbeitung der seriösen Komponenten (CTS Pots, Orange Drops). Das Modell SB59 ist in Perfektion mit einer hochglänzenden Nitro-Lackierung versiegelt; das Modell SB59v wird im hauseigenen Orchestral Strings Shop nach dem Motto „Vintage gets a New Varnish“ in Anlehnung an die große Zeit des Violinenbaus mit einer aufwendigen Schellackpolitur gefirnisst und einem Aging (Antiquisierung) unterzogen, um ihm den Look und den Griff eines 57 Jahre alten Instruments zu verschaffen.

Vortreffliche Handhabung, famose Sounds

Die für ihren Typ angenehm leichten Gitarren überraschen den Vintage-affinen Single-Cut-Spieler in der Handhabung keineswegs und wenn, dann nur positiv. Mit ihren rundlichen 59er Halsprofilen – die SB59 fällt im Vergleich eine Spur breiter und auch dicker aus – spielen sie sich auf Anhieb ganz wunderbar. Hervorzuheben sind dabei die ausgesprochen sauber verarbeiteten und glanzpolierten Jumbo-Frets, Bendings laufen darauf wie auf Schienen. Die Saitenlage konnte zudem bei beiden Versionen tief eingerichtet werden, was das Spiel besonders leicht macht. Einzeln angeschlagene Noten schwingen dennoch über das gesamte Register lang und frei aus. Wer einen besonders dynamischen Anschlag pflegt, würde die Saiten vielleicht sogar etwas höher einrichten, mir selbst kommt diese Einstellung aber sehr entgegen. Schon bei den ersten Akkorden erweist sich dann: hier wurde vieles richtig gemacht. Neben der schnellen Tonentfaltung ist das luftige und stimmlich perfekt aufgelöste Klangbild zu loben. Mit sehr schöner Saitenseparation sind Akkorde von beachtlicher Tiefenschärfe zu haben, der Ausdruck ist glockenrein und atemreich.

geschmackvoll gestaltete Kopfplatten (Bild: Dieter Stork)

Dabei erscheint die SB59 sogar noch einen Tick offener und lauter in der Tonentfaltung, aber das ist nun schon mit sehr gespitztem Ohr gehört. Beide Versionen liegen auf jeden Fall vom akustischen Eindruck her sehr dicht beieinander und der kann sich grundsätzlich wirklich sehen, bzw. hören lassen. Das verspricht einiges für die elektrische Umsetzung. Am Verstärker haben die verbauten Duncan- Pickups, welche sich durch die Verwendung verschiedener Magnettypen recht deutlich voneinander unterscheiden, mit der Wandlung der gesunden akustischen Grundvoraussetzungen in superben elektrischen Ton dann auch keine Probleme.

Ebenholzgriffbretter mit Premium-Bundierung (Bild: Dieter Stork)

Widmen wir uns zunächst der SB59: Die Standardausführung bietet uns über ihren SD ’59 Alnico-5-Humbucker am Hals ein volltönendes Klangbild mit einem guten Schuss Höhen und klarer stimmlicher Definition im Akkord dank bemerkenswert guter Saitenseparation. Der Anschlag wird schnell und dynamisch umgesetzt, verschiedene Spielweisen erfahren folglich eine facettenreiche Umsetzung. Überdies kommen gehaltene Noten mit atemreichem Schwingverhalten in Stellung, alles fühlt sich gesund und organisch an. Insgesamt sind in klaren Einstellungen offene und mit freien Höhen ausgestattete Sounds zu erreichen. Im Overdrive erzielen wir dann einen ausgesprochen fest intonierenden Ton, der mit guter Tonlänge zu überzeugen weiß. Singende Linien mit bemerkenswert vokalem Timbre sind damit kein Problem. Die Ansprache ist nun besonders sensibel, der Ton kommt leicht und willig. Auch sind in höheren Positionen schön schnalzende Linien mit viel Perkussion zu erzielen – fabelhaft!

Schalten wir auf den Humbucker in der Stegposition, so toppt der das satte Klangverhalten seines Bruders am Hals noch mit kompakt saftigem Strahl. Kernig, aber nicht zu fett in der Basstonumsetzung, warm und fokussiert in den Mitten, schmissig in den aufblitzenden Höhen, dazu obertonreich und leicht reizbar im Sinne von tonfarblicher Gestaltungsbeweglichkeit überzeugt er mit springlebendiger Tonwandlung, die er aus der SB59 geradezu leichtfüßig schlägt. Das alles ist von dringlicher Kraft und Durchsetzungsfreude gekennzeichnet, ja mündet in reiner Spielfreude.

Das Modell SB59/v trifft mit den Antiquity Humbuckern durch die Alnico-2- Magnete leicht anders akzentuierte Aussagen. Diese Pickups mit ihrer geringeren magnetischen Kraft tönen eher nicht so voll und kraftvoll und verfügen über etwas mehr Crisp im Ton. In der Halsposition kommt der Antiquity aber dennoch warm und jazzy, eine transparent aufgelöste und doch komplexe Darstellung prägt den Clean-Sound. Im Overdrive ist demgemäß auch nicht fettes Tonverhalten Trumpf, eher stehen Transparenz und eine gewisse Kehligkeit im Vordergrund. Das ist so speziell wie gut, erreicht aber in Sachen Offenheit und Strahlkraft nicht die Klasse der SB59 mit ihren Alnico-5- Pickups.

Auch der Antiquity Humbucker in der Stegposition kommt auf seine Weise gut in der Abteilung Clean, gerundet in der Höhendarstellung, tendenziell schlank in den Bässen und Tiefmitten und eher filigran in der harmonischen Auflösung belässt er immer etwas Draht im Ton. Allerdings kann auch er nicht den kraftvollen Glanz erreichen, mit dem der Standard SD 59er Humbucker in der SB59 antritt. Argument für ihn ist allerdings seine tendenziell ebenfalls kehlige Umsetzung, die manch einem wohl sogar auch besser gefallen könnte, als die Vollausleuchtung beim Schwesterinstrument.

Seymour-Duncan-Pickups & Gotoh-Hardware, mit und ohne Aging (Bild: Dieter Stork)

Im Overdrive reicht er folglich kaum an die forsch drückende Kraft des ’59er Duncan heran. Ihm fehlt es im direkten Vergleich vor allem in höheren Betriebstemperaturen des Amps etwas an innerer Substanz, wenn man so will an Rückgrat. Das ist aber auch schlicht eine andere Ästhetik und wirft eher die Frage nach Stil, Geschmack und Repertoire des Spielers auf. Dieser etwas grundtonärmere Klang hat seine besondere Eigenart, einen Charakter den manche Musiker vielleicht sogar dringend suchen. Er eignet sich damit wohl eher für Blues-Spieler, die etwa alte Peter-Green-Sounds lieben und weniger für den Hard Rock-Fan. Aber die Grenzen sind da natürlich fließend. Nach einer persönlichen Einschätzung gefragt, würde ich den leistungsstarken ’59er für den besseren und irgendwie auch moderneren Allrounder halten. Ihm sind schon auch klassische Aspekte abzugewinnen, aber die sind kraftvoll ausgerichtet und eignen sich auch für härtere Gangarten. Der Antiquitiy Humbucker mit seinem etwas spezielleren, mehr filigranen Sound indes kann andererseits durchaus Wünsche nach einer authentischen, absolut Vintage-orientierten Klangvorstellung erfüllen. Was die Vorbildfunktion eines originalen PAFs angeht: Gibson verwendete von 1956 bis 1961 durchaus verschiedene Alnico- Magnete und denkt man an die Handwicklung mit von Spule zu Spule unterschiedlichen Windungen, so gibt es ihn eigentlich gar nicht, diesen einen historischen PAF-Ton. So oder so – es hilft wieder einmal nichts: selbst in die Hand nehmen ist Trumpf!

Alternativen

Die Variationsbreite des klassischen Single- Cut-Designs ist aktuell enorm. Viele Hersteller suchen ihr Glück in der Interpretation des erst spät zu Ehren gelangten, heute aber zur Klang-prägenden Ikone aufgestiegenen und im Originalzustand schlicht unerschwinglichen Gibson Burst- Modells der späten 50er-Jahre. Das ist also gesetzter Standard und der Bogenschlag zum historischen Violinenbau des 16. Jahrhunderts mittels Schellackpolitur scheint da einerseits verständlich, ist aber andererseits auch stark rückwärtsgewandt und Politur allein macht natürlich noch keine Stradivari. Toll gemacht ist diese aufwendige Versiegelung bei der SB59/v dennoch und gut anfühlen tut sie sich ebenfalls. Mir sind wohl einzelne Versiegelungen von E-Gitarren mit Schellack auf Privatinitiative hin bekannt und auf Anfrage macht das wohl auch der ein oder andere kleine Gitarrenbauer, im seriellen Gitarrenbau indes ist mir das bisher noch nicht untergekommen. Da macht sich Eastman Erfahrungen aus dem hauseigenen, an europäischen Traditionen und Vorbildern orientierten Violinenbau zu nutze.

Resümee

Man muss ja nicht immer gleich nach den Sternen greifen, um sich einige zu verdienen. Eastman hat mit seinem ersten Solidbody-Modell SB59 und der Vintage- Variante SB 59/v alles richtig gemacht. Von der Konstruktion und Anmutung, über fabelhafte Spieleigenschaften bis hin zum Ton liefern die neuen Instrumente eine souveräne Vorstellung ab und stellen die inzwischen erworbene hohe Leistungskraft des chinesischen Herstellers unter Beweis. Zuvor schon hatte Eastman sich mit seinen viel beachteten Archtops Respekt verschafft, nun aber erfüllt man auch hohe Erwartungen im Bereich Solidbody. Geradezu erstaunlich ist die deutliche Differenz in der klanglichen Auslegung der baugleichen Instrumente, maßgeblich verursacht durch die unterschiedlichen Humbucker von Seymour Duncan.

Die SB59/v mit ihrem antiquisierten Violin Varnish ist dabei das deutlich filigraner tönende Instrument. Mit ihren Antiquity Humbuckern bietet sie ein tendenziell kehliges Tonverhalten von beachtlichem Vintage- Charme, das sich an dezidierte Klangvorstellungen wendet. Die SB59 dagegen trumpft mit schlagend selbstbewusstem und wendungsreichem Sound auf, den man fraglos modern nennen kann, dem andererseits aber auch Vintage-Qualitäten nicht ganz abzusprechen sind. Auf jeden Fall tönt das dynamisch agierende Modell kraftvoll, souverän, ja groß. Zwei charaktervolle Modellvarianten bieten uns am Ende die schöne Möglichkeit, ein Instrument nach unseren persönlichen Intentionen zu finden und das zu einem Preis, der tendenziell günstig ist. Eastman setzt mit seinen absolut gelungenen neuen Single Cuts also ein großes Ausrufungszeichen – sehr zum Selbstversuch empfohlen!

Plus

  • stimmiges Re-Design
  • Schwing- und Dynamikverhalten
  • 59er Halsprofile, super Bundierung
  • Seymour-Duncan- Humbucker
  • differenzierte Sounds
  • Spieleigenschaften
  • tendenziell geringes Gewicht
  • minuziöse Verarbeitung
  • Preis/Leistung

Aus Gitarre & Bass 05/2017

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