Die legendäre Fender Stratocaster wird 60!

Fender 60th Anniversary American Vintage 1954 Strat & 60th Anniversary Commemorative Stratocaster im Test

60 Jahre sind wirklich kein Pappenstiel, aber immer noch tritt unsere Grande Dame, die große alte Stratocaster, selbstbewusst ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und das mit gutem Recht. Fender legt uns zum runden Geburtstag ein authentisches Vintage 1954 Reissue-Modell und die modernisierte Gedenkausgabe des Evergreens auf Grundlage des originären Stratocaster-Designs zum Vergleich vor.

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Das 60th Anniversary Vintage 1954 Strat Jubiläumsmodell ist auf lediglich 1954 Einheiten limitiert und wird, wie das zeitgerecht ausgestattete 60th Commemorative Erinnerungsmodell auch, nur im Jahre 2014 erhältlich sein.

Konstruktion

So bekannt das grundsätzliche Prinzip auch sein mag, im Detail finden wir bei den Testmodellen doch eine ganze Reihe von unterschiedlichen Merkmalen. Inkorporierte Vintage-Treue trifft also auf das aktuelle, mit etwas Facelifting hier und Botox dort zeitgemäß aufgemöbelte Upgrade der alten Dame (und das ganz ohne Relic-Schinderei). Der Stratocaster liegt natürlich nach wie vor das wesentliche Konstruktionsprinzip der modularen Bauweise zugrunde, also die Montage aus vorgefertigten Einzelteilen. So ähnlich diese Parts auf den ersten Blick auch sein mögen, von der Güte der verschiedenen Bestandteile und ihrer Verarbeitung hängt letztlich die Qualität des Produkts ab. Bei beiden Testkandidaten handelt es sich natürlich um Serieninstrumente auf der Grundlage von modernem Maschineneinsatz.

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1-Ply oder 3-Ply Pickguard; Vintage 6-Punkt oder 2-Punkt Tremolo

Das hat durchaus Vorteile, erhöht etwa eine CNC-Fräse doch nicht nur die Produktionsgeschwindigkeit, sondern auch die Fertigungspräzision, sorgt also auch für eine gleichbleibende Güte der Parts. Die 60th Anniversary Vintage 1954 Strat verfügt über einen stark konturierten Eschekorpus in 2-Color Sunburst. Dem einteiligen Ahornhals mit Skunk Stripe auf der Rückseite verschaffte man ein kräftiges VintageC-Profil und natürlich den traditionellen Griffbrettradius von 7.25″. Im lackierten Griffbrett mit bestens abgerundeten Außenkanten finden sich 21 schlanke Vintage-Bünde. Die parallel nach hinten versetzte kleine Kopfplatte ist mit den gewohnt schlichten Kluson-Mechaniken ausgestattet.

Ein kleiner runder „Button“-String Tree hält die hohen zwei Saiten nieder, der schmale Sattel besteht aus Knochen. Am Korpus werden die Saiten von einem American Vintage Synchronized Tremolo mit Pat. Pending Bridge Saddles gekontert. Drei Special-Design 1954 Strat Singlecoil Pickups mit staggered Pole Pieces sind in gerundeten weißen Kappen im alten Bakelite-Look auf ein einschichtiges weißes Pickguard montiert. Geschaltet werden sie wie üblich allein oder zusammen von einem gebräuchlichen 5-Weg-Schalter (für authentische Vintage-Verschaltung liegt ein 3-Position Pickup Switch bei).

Neben dem generellen Volume-Regler oben stehen nachgeordnet zwei Tone-Regler zur Verfügung: Tone 1 für Hals- und Mittel-Pickup; Tone 2 für den Steg-Pickup. Versiegelt ist das 1954 Vintage-Modell mit einer dünnen 2-Color Flash Coat-Lackierung, welche die Holzmaserung durchscheinen lässt. Die 60th Anniversary Commemorative Stratocaster wartet ebenfalls mit einem konturierten Korpus in 2-Color Sunburst aus Esche auf. Ihr einteiliger Hals aus Ahorn, mit „Engraved 4-Bolt 60th Anniversary Neckplate with Micro-Tilt Adjustment“ auf den konturierten Halsfuß geschraubt, verfügt allerdings über eine moderne C-Form und ein Griffbrett mit 9.5″-14″ Compound Radius. Auch besitzt er 22 medium JumboBünde und der Übergang zur Kopfplatte wurde etwas markanter gestaltet.

Überdies finden wir ein 60th Anniversary Medallion und goldfarbene Fender Deluxe Cast/Sealed-Mechaniken mit White Pearloid Buttons auf seiner Rückseite. Zu nennen sind noch der „T“ Roller String Tree, der Sattel aus synthetischem Knochen, Dot-Markierungen im Griffbrett aus Perlmuttimitat und das eingelegte Bi-Flex Truss Rod System. Als Bridge fungiert ein synchronisiertes Vintage Style 2-Punkt Tremolo mit gestanzten StahlSaitenreitern. Die in dieser Version auf ein 3-Ply Pickguard geschraubten drei Special-Design 1954 Strat Singlecoil Pickups werden wie folgt verwaltet: Master Volume, Tone 1. (HalsPickup), Tone 2. No-Load Klangregler (Mittel- und Steg-Pickups); 5-Weg Klingenschalter wie üblich: Position 1. Steg-Pickup, Position 2. Steg- und Mittel-Pickups, Position 3. Mittel-Pickup, Position 4. Mittel- und Hals-Pickups, Position 5. Hals-Pickup. Die Verarbeitung der Commemorative Strat ist ebenfalls makellos, die Lackierung hier allerdings ein spiegelblankes Two-Color-Sunburst Hochglanz-Finish (Gloss Urethane).

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Schlichte Klusons vs. Deluxe Cast/Sealed Tuners with White Pearloid Buttons

Praxis

Es dauert immer eine ganze Weile, bis sich bei einem Vergleichstest Klarheit einstellt. Dieses ständige Hin und Her und Rein und Raus ist zwar lästig, fördert aber doch letztlich immer wieder deutliche Unterschiede zutage. Faktische einerseits, aber andererseits auch gefühlte. Das ist wie bei der Musik selbst: Nicht zwangsläufig packt und rührt dich das logisch Konstruierte oder das absolut perfekt Gespielte, da sind immer auch andere Dinge im Spiel. Bleiben wir beim Beispiel Musik und angenommen die spieltechnische Qualität gäbe den Ausschlag, wieso klingt dann David Garretts Version von ‚Smells Like Teen Spirit‘ zurückhaltend formuliert wie ein großes Missverständnis?

Charisma setzt absolut keine Vollkommenheit voraus – ein weites Feld und schwer zu beackern. Wir schweifen ab, zurück zum Thema: Die zwei vorgelegten Stratocaster-Modelle beziehen sich zwar auf den selben Ursprung, aber das eine ist eher eine Rekreation, das andere mehr eine moderne Fortschreibung mit Referenz an das alte Original. Letztere macht dann auch schnell klar, bei aller konzeptionellen Treue, sagen wir ruhig: Liebe zum ursprünglichen Stratocaster-Design − die Zeit ist nicht stehengeblieben. Dennoch beeindruckt zunächst die Vintage 1954 Strat mit ihrem satten Hals, der sich mit wunderbar eingerollten Griffbrettkanten wie jahrzehntelang eingespielt anfühlt – sehr schön! Der Hals ist einschließlich Griffbrett (eigentlich Greiffläche – ist ja ein Einteiler) glanzlackiert und das tut ein Übriges für ein perfektes Greifgefühl.

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Authentisch trifft auf modern: gravierte Halsplatten mit unterschiedlicher Anpassung

 

Im Gegensatz dazu wartet das Commemorative-Modell mit dem flacheren „Modern C“-Profil bei rundum satiniertem Hals auf, was sich mit den medium Jumbo-Bünden im flachen Compound-Radius offenbar an einen ganz anderen Spielertypus wendet. Wer solistisch orientiert spielt, der wird die guten Voraussetzungen einer flach eingerichteten Saitenlage insbesondere für Bendings in höheren Lagen zu schätzen wissen. Klar kamen Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan auch mit den alten Bedingungen einigermaßen zurecht, wie wir wohl wissen. Aber wer will schon was gegen verbesserte Bedingungen sagen? Wie viel Halsfett deine Hand verträgt, das ist schon wieder eine andere Sache. Schön allerdings ist dann auch noch der kleine Abgleich am Halsfuß vorn bei der Commemorative Strat, welcher die Bespielung der hohen Lagen erleichtert.

Zum Sound: Die Singlecoils der 1954 Vintage Strat sind auf zeitgemäß klare Tonwandlung gewickelt, also nicht etwa mit Texas Specials zu verwechseln. Dafür tönen diese Pickups aber auch besonders trocken, perlrund und glasig, was sich für traditionelle Spielweisen natürlich bestens macht. Wer gerne knopflert, twangt oder surft, kommt also voll auf seine Kosten. Zu loben ist die perfekte Saitentrennung und das schlanke, aber innerlich gut gefestigte, ungemein transparente Tonbild. Die Tonstaffelung ist dank des 5-Wegeschalters (soviel Modernität darf sein) variabel angelegt und so stehen auch diese schön kehligen KombiSounds zur Verfügung. In Overdrive-Positionen gefällt die 1954 Vintage-Version mit trockenem Punch. Das ist zwar kaum was für den Metallarbeiter, in Classic-Rock-Richtungen kommen die eher schlanken Zerrstrukturen aber durchaus gut. Rund und kehlig zugleich tönt der Hals-Pickup.

 

Er stellt den Anschlag akzentuiert heraus und liefert Sololinien mit hart umrissener Perkussion. Alles was nach durchsetzungsfreudigem Twang verlangt, wird dann mit dem scharf aufreißenden Ton des Steg-Pickups bestens bedient. Der fette Hals gibt natürlich auch noch ein ordentliches Plus an Sustain ins Klanggeschehen und mit dem bemerkenswert stabilen Ton lässt sich natürlich im gesetzten Rahmen sehr gut arbeiten. Die Commemorative Strat bleibt von der tonfarblichen Ausstattung der Pickups her zwar noch im gewählten Rahmen, kommt aber elektrisch schon deutlich kräftiger rüber. Das ist etwas verwunderlich, da es sich zumindest nominell ebenfalls um die Special-Design 1954 Strat Singlecoils handelt. Clean Sounds vermitteln jedenfalls ein tendenziell weiter gefasstes Klangbild, in allen Frequenzbereichen ist sozusagen etwas mehr an Volumen da. Das lässt die Höhen, vor allem beim Steg-Pickup, nicht ganz so spirrig und scharf erscheinen wie beim Vintage-Modell und gestaltet den Gesamteindruck voller und rundlicher. Ansonsten natürlich: klassische Strat-Sounds par excellence in allen Schaltpositionen bei klaren Verstärkereinstellungen.

Gain-Strukturen werden von diesem modernisierten Modell jedoch kraftvoller ins Bild gesetzt, bieten etwas mehr Fleisch bei Powerchords, Riffs und Co. für eine aktuellere Spielausrichtung. Auch die Commemorative Strat überzeugt darüber hinaus mit perkussiv starkem Anschlagsverhalten und liefert plastische Klangbilder mit schönem Draht im Ton bei Kraftakkorden. Mit effektiver Stringenz kann sie aber auch im Solospiel gefallen. Dabei hilft ihr auch die im letzten Tone-Regler (für Mittel- und Steg-Pickup) angelegte No-Load-Funktion. Am Ende des Regelwegs wird das zuvor wie üblich funktionierende Poti gänzlich aus dem Signalweg genommen, was den nun direkt auf Ausgang gelegten Ton generell vitaler, vor allem aber in den Höhen hörbar offener macht.

Das mit dem Vibrato-System bleibt ebenfalls Geschmacksache: Die einen schwören auf die 6-Punkt-Ankerung, meinen über eine bessere Schwingungsübertragung mehr Klang zu gewinnen – die anderen bevorzugen das 2-Punkt Messerkantenprinzip, halten dasselbe für verlässlicher in seiner Funktion und klanglich für durchaus gleichberechtigt. Das kriegt wohl jeder für sich selbst raus. Die Jubiläums-Designs bieten von der Handhabung und auch vom Klangverhalten her prinzipiell das, was man von ihrer jeweiligen Ausrichtung her auch erwartet.

Beide Gitarren lassen sich auf ihre Art bemerkenswert gut spielen und doch begegnen uns zwei Welten. Das kräftige Vintage-C-Halsprofil und die schlanken Bünde im rundlichen 7.5″-Radius der Vintage 1954 Strat fühlen sich natürlich grundsätzlich anders an, als das flachere Modern-C-Profil und die medium Jumbo-Bünde im nach oben hin flacher werdenden Compound-Radius der Commemorative Stratocaster. Wie der Hals in der Hand liegt, und ob sich die Saiten im oberen Halsbereich nach Bedarf gut ziehen lassen, mag für viele Spieler schon Anlass genug sein, sich für das eine oder andere Modell zu entscheiden.

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Vielleicht unterstützt ihn dabei auch noch die leicht versetzte Tongestalt, welche bei der VintageVersion tatsächlich tendenziell traditioneller, man könnte auch sagen: authentischer ausfällt, als das bei der Commemorative Strat der Fall ist, die etwas moderner klingt, ja klingen will, und mit der No-Load-Schaltung extra Punkte macht. Das Tremolo-System mit 6-Punkt- oder 2-Punkt-Aufhängung spielt bei der Wahl dann sicher auch noch eine Rolle. Vor eine Entscheidung gestellt, ginge ich mit der etwas kraftvolleren Commemorative Strat, aber darauf hätte ich vorher nicht gewettet und das bleibt natürlich sowieso eine Frage nach der Musik die man machen oder hören will. Der Interessent sollte für all diese individuell interessanten Punkte die Gitarren also auf jeden Fall vergleichend in die eigene Hand nehmen.

Resümee
Alle Achtung! Die Jubiläumsmodelle 60th Anniversary Vintage 1954 Strat und 60th Anniversary Commemorative Stratocaster beeindrucken in ihrer jeweiligen Ausrichtung mit fraglos souveränen Klang- und Handhabungseigenschaften. Zum 60. Geburtstag lässt man uns die Wahl zwischen einer weitgehend authentischen Nachbildung mit ebensolchem Sound, oder einem auf der bewährten Grundlage (Eschenkorpus mit einteiligem Hals) fortgeschriebenen moderneren Instrument. Klanglich können beide mit merklich versetztem Akzent, aber jeweils klassischen Strat-Sounds überzeugen und die Bespielbarkeit können wir dank der optimal bearbeiteten Hälse und ihrer Bundierungen nur loben.

Letztlich wird ausschlaggebend sein, ob der Hang zur Vintage-Nähe, also so nah dran wie möglich am Original, mit komplett glanzlackiertem, fettem Hals und traditionellem Tremolo oder die Bevorzugung der spieltechnischen Modernisierung mit mattiertem Hals samt Modern-C-Halsprofil, Compound Radius, 22 Bünden und 2-Punkt Tremolo der Vorzug gegeben wird. Na gut, der Preisunterschied ist auch nicht gerade unerheblich. Falsch machen kann man aber eigentlich nichts, nur entscheiden muss man sich halt. Tolle 60th-Anniversary-Strats – wir gratulieren!

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Danke für die sachliche Invormation, mir war die Funktion des unteren Klangregler mit dem spürbaren Wiederstand nicht klar und das Musikhaus könnte mir dies auch nicht erklären, bei meinem nächsten Besuch in Ffm. werde ich dem Verkäufer Euren Bericht empfehlen. DANKE!!! Die Gitarre finde ich super leicht zu bespielen, ich bin kein besonders Guter, gerade deshalb ein besonderes Lob an Fender. Guter Bericht, Danke.
    Beste Grüße, Udo.

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