Klassiker reloaded

Area59 Pat. Appld. Series Humbucker & The Beast Bucker im Test

Offenbar reißt die Nachfrage nach immer authentischer gefertigten, klingenden und (re)agierenden Klonen der legendären Gibson-Patent-Applied-For-Humbucker nicht ab. Unter dem Label Area59 bietet die deutsche Firma Crazyparts nicht nur künstlich gealterte Replacement Parts an, sondern auch drei verschiedene PAF- und ein Patent-Number-Modelle.

(Bild: Dieter Stork)

Neben 57er und 59er PAFs zählen zu dieser Reihe auch Klone der Pickups von Bernie Marsdens berühmter 59er Les Paul „The Beast“, die zuvor Eric Clapton, Paul Kossoff und Andy Frazer gehörte und bereits als Gibson Collector‘s Choice #8 in den Himmel der Gitarren-Stradivaris aufgenommen wurde. Anstelle der „Patent Applied For“-Modelle komplettieren mit Patentnummer-Stickern versehene sogenannte Patent-Nummer-Humbucker aus der Post-PAF-Ära 1962-65 das Area59- Quartett.

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Historisch korrekte Zutaten…

…sind nun einmal unverzichtbar auf dem steinigen Weg zum berühmten Burst Tone. So kommen auch bei den Area59s glatter, lackierter, handgewickelter (!) Spulendraht, speziell angefertigte Alnico- 5-Magnete (kurze bei den Pat-No-Pickups, 2,25″), schwarze Anschlusslitzen mit Push-Back-Textilmantel, paarig geflochtene Abschirmungen, Vintage-korrekte PAF-Basisbleche mit langen Montagewinkeln (allerdings ohne die markanten L-förmigen Abdrücke der Biegevorrichtung), Messingschrauben für die Spulenmontage und nicht zuletzt korrekt proportionierte Cheesehead-Polschrauben zum Einsatz. Die Butyrate-Spulenkörper werden gemäß der original 59er speziell für Crazyparts gefertigt.

Geschmackvoll geaged: Bernie Marsden The Beast Bucker DMC Nickel Cover (Bild: Dieter Stork)

Area59 verwendet unterschiedliche Alnico- 5-Typen für die Hals- und Steg-Humbucker. Gibson indes benutzte von 1957 bis 1961 quasi alles was ihnen vor die Flinte kam, und zwar nach dem Zufallsprinzip Alnico 2, 3, 4, oder 5. Je höher die Nummer umso höher deren magnetische Stärke. Während die 57er historisch korrekt ausschließlich mit schwarzen Spulen erhältlich sind, gibt es die 59er- und Pat.- Nr.-Modelle wahlweise in den Varianten Double Black, Double Cream und Zebra, gegen Aufpreis auch gealtert oder mit Kappen in Nickel, Gold, Chrom oder geaged.

… und die Bernie Marsden The Beast Bucker Basisplatte (Bild: Dieter Stork)

Schade, dass Crazyparts die 57er nicht mit Kappen geschickt hat, denn deren Authentizität hätte mich wirklich interessiert: Schließlich verwendete Gibson anfänglich gebürstete Edelstahlkappen und noch keine PAF-Sticker, kurz darauf aber die gewohnten vernickelten Neusilberkappen, wenn auch mit wesentlich schärferen Kanten, da sich die Presswerkzeuge mit fortdauerndem Einsatz abnutzten. Sämtlichen Pickup-Pärchen liegen Montageschrauben und Distanzfedern bei, sogenannte „slotted high adj. screws“. Alle Anschlusslitzen hat man mit 40 cm überaus großzügig bemessen. Sämtliche Probanden wurden höchst präzise und sorgfältig verarbeitet und die Spulen mit Klebeband geschützt. Auf ein Feedback-minderndes Wachsbad hat man zugunsten des Klanges verzichtet.Bernie Marsdens Beast Bucker, die in Kooperation mit Marc Ransley vom britischen Hersteller Mojo-Pickups entstanden sind, wurden geschmackvoll geaged und mit authentisch gealterten DMC-Nickel- Kappen versehen.

Nicht ohne Lötkolben

Klar, dass die Installation der perfekt in historisch korrekte Kunststoffrähmchen passenden Pickups nicht ohne einen adäquaten Lötkolben zu bewerkstelligen ist. Mit viel Geduld und etwas Fingerspitzengefühl lassen sich auch die widerspenstigen Distanzfedern zwischen Montagewinkel und Rähmchen zwängen. Abisolieren muss man die Litzen nicht, es reicht, wenn man sowohl die Abschirmung als auch die Textilummantelung der heißen Litze ein paar Millimeter zurückschiebt (Push Back). Abschließend werden die Saiten gestimmt und die Höhe der Pickups und Polschrauben justiert.

Während des Tests stand eine 83er Les Paul Reissue mit original „Short Magnet“- 61er-PAF-Pärchen (Hals 8,01 kOhm, Steg 7,93 kOhm) zum direkten Vergleich zur Verfügung. Sämtliche Pickups wurden auf derselben Gitarre Spur für Spur mit Clean- und Crunch-Sounds aufgezeichnet und zwar jeweils Hals-, Stegund beide Humbucker. Selbstverständlich blieben dabei sämtliche Einstellungen von mikrofoniertem Amp und Recording Equipment unangetastet.

Area59 Pat. Appld. 1957er Humbucker

Im Vergleich mit dem original 61er Hals- PAF fällt vor allem am cleanen Amp auf, dass der 57er nicht nur mehr Output liefert, sondern insgesamt auch fetter und runder tönt. Er lässt jeden Ton offen und luftig aufblühen, bleibt auch in den Bässen definiert und konkret und in den Höhen seidig und klar. Akkorde perlen ausgewogen und transparent aus den Lautsprechern. Diese Charakteristik zeigt sich auch beim crunchy Rhythmusspiel, bei dem zusätzlich zum warmen Fundament die Höhen einen dezenten Schub erhalten. Bei klarem Solospiel lässt sich die Klangfärbung des Pat. Appld. 1957er fast beliebig mit dem Anschlag variieren.

Dezent geaged: Cheesehead- Polschrauben und Nickel-Kappen der Pat-Number-Pickups (Bild: Dieter Stork)

Hier reicht das Spektrum von saftig schmatzenden Bässen über perkussive Mitten bis zu knackigen, bei Bedarf auch bissigen Höhen. Seine höhere Ausgangsleistung verleiht dezent zerrenden bluesigen Leadsounds mehr Sustain als die der 61er-PAF, wobei sich auch die Zerrintensität vorzüglich mit Anschlag und Volume-Poti variieren lässt. Der Vergleich der Steg-Humbucker liefert identische Ausgangsleistungen, was uns zeigt, dass der 61er-Steg-PAF erheblich pegelstärker als sein Nachbar ist. Während der 57er in den Bässen und Mitten runder und homogener tönt, spratzelt der 61er mehr in den oberen Mitten und Höhen, wo er insgesamt auch etwas klarer erscheint. Diese Frequenzbereiche werden bei Crunchsounds angehoben und stellen sich aufgrund der Verzerrung wieder ausgewogener dar.

Auch die Kombi beider 57er klingt runder, voller und perliger als die mittiger ausgerichteten original 61er. Die Area59 lassen sogar ein wenig Näseln erkennen und präsentieren sich in den Höhen und Obertönen klarer und spritziger. Charakteristische Hörbeispiele findet man beispielsweise bei Dickey Betts, Snowy White und Dave „Clem“ Clempson.

Area59 Pat. Appld. 1959er Humbucker

Die 1957er noch im Ohr, lassen sich die 1959er prima mit diesen vergleichen. Zunächst liefern die 59er einen Hauch mehr Output. Der Hals-Pickup klingt ebenso rund und ausgewogen und zeigt samtige aber auch etwas straffere, nicht ganz so tief reichende Bässe, die der Transparenz und dem Durchsetzungsvermögen gleichermaßen zugutekommen. Der Steg-Humbucker punktet derweil mit kraftvollen aber kompakteren Bässen, knackigeren, präsenteren Mitten und luftigeren, klareren Höhen, die bei intensivem Anschlag auch aggressiv zupacken können. Merke: Die eindeutig rockigere PAF-Variante, typische 59/60er Charakteristik halt. Im Simultanbetrieb tönen beide 59er ebenso glockig und leicht nasal wie die 57er, lassen jedoch ein paar Federn, wenn es um klangliche Tiefe und Klangvolumen geht. Am crunchy zerrenden Amp zeigen die 59er mehr Biss, und Leadsounds kommen dank breitem Obertonspektrum auch etwas aggressiver und direkter. Gleichzeitig lassen die leicht erhöhte Kompression des Verstärkers und das dadurch verbesserte Sustain jeden Ton singen. Auch die Pat. Appld. 1959er Humbucker zeigen exzellente Dynamik, die nuancenreiches Spiel und damit Tonbildung und -formung bestens unterstützt.

Neben Jimmy Page, Eric Clapton, Duane Allman, Peter Green, Gary Moore und Paul Kossoff haben noch etliche andere Guitar Heroes die typischen Klänge dieser PAFs mit ihren 59er- und 60er- Bursts auf Tonträgern verewigt.

Area59 Pat. Appld. Pat.No. Humbucker

Irrtümlicherweise oder mit Vorsatz klebte Gibson den PAF-Humbuckern nach Patenterteilung eine falsche Patentnummer auf. Statt der Nummer für Seth Lovers Humbucker (#2.896.491) verwendete man die von Les Pauls Trapez Tailpiece (#2.737.842), die noch jahrelang die Basisplatten zierte. Während man die Spulen der PAF-Vorgänger noch nach Gutdünken vollwickelte, hielt bei Gibson ab etwa 1962 eine optimierte Fertigungsweise Einzug, die den Humbuckern einen relativ konstanten Widerstandswert von 7,5 kOhm (+/-0,25 kOhm) bescherte. Die Area59 Pat.No.-Humbucker liegen indes mit jeweils 7,8 kOhm etwas darüber.

Fälschung ausgeschlossen: Stilgetreue Aufkleber mit Modellbezeichnungen (Bild: Dieter Stork)

Zunächst ist festzustellen, dass der Hals- Pat.No. erheblich weniger Output als sein 59er-Pendant abgibt, dafür aber mit dem 61er-Original exakt auf gleichem Level rangiert. Das interessiert mich jetzt aber brennend, und so vergleiche ich die Pat.No.s noch intensiver mit den 61er- PAFs. Das Ergebnis erstaunt mich über alle Maßen, denn die Area59 Pat.No.s gleichen den beiden Originalen fast bis ins Detail. Zunächst liefern sie absolut identische Ausgangspegel, klingen jedoch im unteren Frequenzbereich insgesamt einen Hauch voller, aber wirklich nur um Nuancen. Nun sind die Humbucker aus der Übergangsepoche (späte PAFs/frühe Pat.No.s) dafür bekannt, dass sie sehr clean klingen und relativ wenig Output und Mitten, dafür jedoch starke Höhen besitzen. Diese Attribute verleihen ihnen enorme Dynamik und hohes Durchsetzungsvermögen, übertragen jeden Saitenanschlag mit charakteristischem Schmatzen und lassen unabhängig von Regler- und Gain-Settings mitunter eine gewisse Verwandtschaft zur Tele erkennen.

Dafür verzeihen sie keine spieltechnischen Ungereimtheiten, da sie sehr präzise und direkt das Gespielte wiedergeben. Und genau das alles liefern auch die Area59-Pat.No.-Humbucker. Respekt dem Hersteller, wirklich klasse hinbekommen!

Area59 The Beast Bucker Bernie Marsden Signature PAF

Quasi als Krönung hat Crazyparts der Patent Applied Series den Bernie Marsden Signature PAF spendiert, der dem Original seiner legendären 1959er Les Paul mit dem Beinamen „The Beast“ bis ins letzte Detail nachempfunden wurde. Von der vorliegenden Fully-Aged-Version mit Zebra-Spulen und DMC-Covers (Dead Mint Club) gibt es eine limitierte Auflage von lediglich 100 Sets.

Fehlen: Die typischen L-Marks der Biegevorrichtung eines originalen PAF (Bild: Dieter Stork)

Gleich vorweg: Output-mäßig sind die beiden Beast Bucker mit den Pat.Appld. 1959er identisch, auch in der Paar-Kombination. Um die 7,4 kOhm des Hals-Pickups pegelmäßig zu kompensieren, verwendet Crazyparts offenbar einen stärkeren Alnico-5-Magneten. Klanglich unterscheiden sie sich vom 1959er Set nur in Nuancen. Im Clean- und Crunch-Betrieb erscheint der Hals-Beast einen Hauch offener, aggressiver, obertonreicher und artikulierter als sein 1959er-Pendant. Den gleichen Eindruck hinterlässt auch der Steg-Pickup: Etwas luftiger, spritziger und höhenreicher bei angezerrtem Solospiel, in den Bässen genauso präzise, straff und definiert.

(Bild: Dieter Stork)

Auch das Humbucker- Pärchen fährt diese Schiene, wenngleich dabei die Unterschiede noch geringer ausfallen. Alles in allem macht das Beast-Bucker-Set einen offeneren und vitaleren Eindruck und gibt sich in allen Situationen überaus dynamisch. Ob dieses Set de facto mit dem von Bernie Marsdens Original-Beast identisch ist, wage ich allerdings zu bezweifeln, die klangliche Tendenz wurde jedoch eindeutig und verblüffend charakteristisch getroffen. In der High-end-aged-Version nicht nur klanglich, sondern auch optisch ein Leckerbissen!

Resümee

An der Pat.-Appld.-Pickup-Serie hat der deutsche Vintage-Replacement-Parts- Spezialist Crazyparts sicherlich lange tüfteln müssen. Die klanglichen, dynamischen und damit charakteristischen Eigenschaften von Gibson-Humbuckern der „besten“ Jahrgänge nachzubilden, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Das braucht seine Zeit. Unterm Strich muss ich konstatieren: Very well done!

Natürlich lassen sich solche Pickup-Klassiker nicht einfach 1:1 nachbilden, weil es schon aufgrund der damaligen riesigen Fertigungstoleranzen bei Gibson den einen PAF-Sound nicht geben kann, und die Spielweise der User wie auch die Schwingeigenschaften der jeweiligen Gitarre maßgeblich zum Sound beitragen, vom verwendeten Equipment ganz zu schweigen. Es gilt also, eine gesunde und möglichst angenäherte Mixtur aus unzähligen Faktoren zu vereinen. Die Pickups der Area59 Pat-Appld.-Serie klingen fantastisch und wurden aus hochwertigen historisch korrekten Materialien und Komponenten vorbildlich verarbeitet. Den Vogel schießt dann auch tatsächlich der Bernie-Marsden-Signature- PU ab, aus dem Quartett mein persönlicher Sound-Favorit, allerdings auch zum fetten Preis.

Inzwischen hat Crazyparts die Serie durch einen Snowy White Signature Pat.Appld. 1957er erweitert, den der Namensgeber in einer Dave Johnson Goldtop spielt. Populäre User des Pat.Appld. 1959er sind bislang Nalle Colt und Gary Grainger, Songwriter und Sidemen von u.a. Rod Stewart, Ringo Starr und Roger Daltrey.

Plus

  • authentische Sounds
  • Dynamik
  • Verarbeitung
  • Aging (The Beast Humbucker)

Minus

  • Preis (The Beast Bucker)

Soundfiles


Aus Gitarre & Bass 01/2017

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