Nach dem kompakten BJF-S66, der sich klanglich an einem Blackface der Mitt-60er-Jahre inklusive der klassischen Reverb- und Tremolo-Effekte orientierte, legt die japanische Marke One Control mit dem BJF-S100 Head nach.
Um die typischen Rocksounds der späten 60er- und frühen 70er-Jahre sowie die EVH-Brown-Sounds der 80er-Jahre zu reproduzieren, stehen hier die legendären britischen Plexi-Amps im Fokus.
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Der Schwede Björn Juhl, der u.a. auch schon Effekte für Mad Professor und Barefoot FX sowie die One Control Micro-Pedale entwickelt hat, spendierte jedem Kanal des BJF-S100 ein regelbares Analog-Delay mit Tape-Echo-Eigenschaften. Während der Hersteller die maximale Delay Time mit 600 ms beziffert, messe ich im Test ca. 980 ms. Dies nur am Rande. Die kürzeste Delay Time liegt indes schätzungsweise bei 60 ms.
ROBUSTES KERLCHEN
Erwartungsgemäß übernimmt der Hersteller die bewährt robuste Bauweise des Vorgängermodells S66. Die aus 5 mm bzw. 10 mm massivem Aluminium gefräste Rückseite bzw. Front wurde auf den zweiteiligen Rahmen aus Alublech geschoben und verschraubt. Die Alu-Achsen der Potis, auf denen die griffigen metallenen Reglerknöpfe verschraubt sind, werden von den Bohrungen der Front geführt.
Im Innern treffen wir auf eine kleine und zwei große Platinen. Erstere, die über Distanzstücke mit der Endstufenplatine zuverlässig verbunden ist, trägt u.a. das erforderliche Kühlprofil. Sämtliche Kabelverbindungen sind gesteckt, die des Netzschalters mit isolierten Schuhen.
Während die rückseitigen Klinkenbuchsen die Endstufenplatine halten, hat man die der Vorstufe neunfach mit der massiven Frontplatte verschraubt. Vier kleine Gummifüße und ein stabiler, gegen Vibrationen gesicherter Klappgriff vervollständigen die Gehäuseausstattung. Hochwertige Komponenten und solide, vorbildliche Verarbeitung hinterlassen einen tadellosen Eindruck.
Zwar sind die vorstehenden Reglerknöpfe in keiner Weise geschützt, Potiachsen und -knöpfe dürften jedoch selbst massivster Beanspruchung standhalten. Der Stabilität von konventionellen Netzwerkanschlüssen stehe ich hingegen eher skeptisch gegenüber. Hier würde ich mir robustere RJ12-Buchsen (z.B. Neutrik) wünschen.
Hinter der analogen Transistorvorstufe, deren Rhythm- und Lead-Kanäle mit identischen Regelmöglichkeiten ausgestattet sind, sorgt eine Class-D-Endstufe für reichlich Power. Je nach Impedanz der angeschlossenen Lautsprecherbox (4, 8 oder 16 Ohm) leistet sie 100, 66 oder 30 Watt. Ein externes 24V-Schaltnetzteil besorgt die erforderliche Stromspannung über einen Niedervoltstecker mit innen liegendem Pluspol.
Neben Netzschalter und Netzteilbuchse stehen auf der Rückseite die Anschlüsse Delay, Channel und FX Loop für Einzelfußschalter zur Verfügung, während die RJ12-Buchse den optionalen Dreifachfußschalter aufnimmt. Es folgen ein einzelner Speaker Out, Preamp Out und die serielle FX Loop mit Send- und Return-Anschlüssen.
Das Innenleben präsentiert sich sauber verarbeitet und aufgeräumt, mit zwei Platinen und gutem Kabelmanagement. (Bild: Dieter Stork)
Vorne stehen neben dem Input in beiden Kanälen jeweils die Potis Gain, Mid, Bass, Treble, Presence und Master sowie Time, Level und Repeat des Analog Delays zur Verfügung. Dem Lead-Kanal hat man zusätzlich die Druckschalter Clarity und Body spendiert. Über einen kleinen Channel Switch können die Kanäle auch manuell angewählt werden. Eine zweifarbige LED signalisiert gleichzeitig den Amp- und Kanalbetrieb: Rhythm = grün, Lead = gelb.
Zwei winzige LEDs geben Auskunft über die Status von FX Loop (rot) und Delay (blau). FX Loop und Delay werden stets für beide Kanäle simultan geschaltet. Soll das Delay nur in einem Kanal aktiv sein, muss Delay Level im anderen zugedreht werden.
PLEXI & BROWN
Der Rhythm Channel soll die Klänge und Dynamik britischer Plexi-Amps aus den späten 60ern und frühen 70ern nachbilden, während sich der Lead-Kanal am legendären „Modded Amp Head” versucht, das den sogenannten Brown Sound von Eddie van Halen vertritt. Schalte ich den BJF-S100 ein, stelle ich fest, dass er bei aktivem Rhythm Channel, inaktivem Delay und 3-Band-EQ auf Mittelstellung ein etwas stärkeres Grundrauschen erzeugt als vergleichbare Transistorverstärker. Andererseits fällt positiv auf, dass der Lead-Kanal bei Vollaussteuerung von Gain und Lead Master keineswegs mehr rauscht.
Der stabile Griff ist gegen Vibrationen gesichert und klappbar. (Bild: Dieter Stork)
Zwar entlockt die während des Tests zur Verfügung stehende 1×12“-Celestion-Vintage-30-Box mit ihren 16 Ohm der Endstufe gerade mal 30 Watt, kann jedoch pegelmäßig selbst in einer lauteren Band mithalten und erweist sich damit uneingeschränkt als Gig-tauglich. Die volle Endstufenleistung von 100 Watt lässt sich beispielsweise mit zwei parallelgeschalteten 8-Ohm-Boxen erzielen.
Mit Hilfe von Vintage-Style-58er-PAFs und 60er-Strat-Single-Coils kann ich die meines Erachtens etwas knappen Clean-Reserven des Rhythm-Kanals recht gut ausloten. Während nämlich der Sweet Spot der PAFs bei Gain 2,5 liegt, entlocken die Einspuler dem Amp bei 4 erstes Anzerren. Zur Info: Die kaum erkennbaren Reglerskalen hat One Control mit 1-9 markiert, wobei schon die vollständig abgedrehten Gain-Potis hohe Pegel liefern.
Drehe ich Gain auf 1 – bei anderen Amps wäre dies Null –, lässt sich mit dem Master-Poti die Class-D-Endstufe gezielt in die erste Sättigung bringen – mit den PAFs bei Position 7, mit den Single Coils bei 9. Die klanglichen Resultate äußern sich in extrem dynamischen, akzentuierten, luftig transparenten Low-Gain-Sounds, die wunderbar auf die Volume-Potis der Gitarre reagieren. Ich drehe Gain weiter auf, die Verzerrung nimmt kontinuierlich zu, bis am Ende des Regelbereichs ein sattes, transparentes Hardrock-Brett mit Lead-Ambitionen ans Ohr dringt.
Dank Power, Dynamik und Durchsetzungsvermögen erinnert das tatsächlich an ein voll aufgedrehtes altes Plexi-Top. Quasi als Sahnehaube kann jetzt noch die Endstufe mit ihrer röhrenähnlichen Sättigung ins Spiel gebracht werden.
Wechseln wir in den Lead-Kanal. Gain ist noch komplett zu. Meine Ohren vernehmen fettes brillantes Crunch, das sich nahezu kontinuierlich bis auf druckvolles dynamisches High Gain Lead steigern lässt. Selbst komplexere Akkorde werden äußerst differenziert wiedergegeben und die Tonbildung wie auch die Arbeit mit dem Gitarren-Volume vorbildlich unterstützt.
So kann ich das Poti meiner 58er Les-Paul-Reissue bis auf 1,5 (no Treble Bleed!) herunterregeln, und ich vernehme einen brillanten und lebendigen Low-Crunch-Sound mit praktikablem Pegel. Klasse! Gleiches funktioniert auch bei der Strat, wenn ich deren Volume auf 2,5 reduziere.
Die Klangreglungen beider Kanäle zeigen ausreichende Wirkung für leichte Korrekturen. Insgesamt kommt der One Control BJF-S100 recht brillant daher, was mich dazu bringt, Treble und Presence eher zurückhaltend zu dosieren. Während der Clarity-Schalter des Lead-Kanals den Sound heller und klarer macht, erhöht Body dezent die Mitten und Bässe.
(Bild: Dieter Stork)
Das Analog-Delay zeigt echte Tape-Qualitäten, bei dem der Frequenzgang eines jeden Echos LoFi-mäßig abgespeckt wird. Entsprechende Settings der Level- und Repeat-Regler ermöglichen Endlos-Delays. Hat man in den Kanälen unterschiedliche Delay Times eingestellt, stelle ich bei Kanalwechseln kurze Glitch-Effekte fest, wie man sie von analogen Geräten kennt, wenn man während des erklingenden Effekts die Delay Time verändert.
Die fußschaltbare serielle FX Loop arbeitet klangneutral und bereitet weder mit Pedalen noch Rack-Equipment Pegelprobleme. Auch mit vorgeschalteten Pedaleffekten gibt sich der Amp sehr kooperativ.
RESÜMEE
Der One Control BJF-S100 Amp entpuppt sich als ideale und zudem klanglich flexiblere Ergänzung zum fenderesquen Vorgänger BJF-S66. Auch hier haben wir es mit analoger Halbleitertechnologie at its best zu tun, der jeder Blindtest Röhrenbauweise bescheinigen dürfte, sogar hinsichtlich des Spielgefühls. Unabhängig von der Zerrintensität überzeugen Ansprache, Dynamik, Transparenz und das enorme Durchsetzungsvermögen des Mini-Heads auf ganzer Linie.
Bereits die niedrigste Endstufenleistung von 30 Watt (an 16 Ohm) dürfte für die meisten Einsätze ausreichen, schließlich macht der Head ordentlich Alarm. Die beiden Analog Delays erlauben zahlreiche klassische Settings, die schaltbare FX Loop zusätzliche Effektmöglichkeiten.
Über den Preamp Out, dessen Nutzung den Speaker-Ausgang deaktiviert, lassen sich weitere Endstufen, Speaker-Simulationen o.ä. betreiben. Zwar trüben das Rauschen der Endstufe bei hohen Master-Settings und die ausschließlich per Fuß schaltbaren FX Loop und Delay ein wenig meine Begeisterung, dennoch bietet das winzige Topteil hohen Spaßfaktor dank erstklassiger (Röhren-)Sounds.