Test: Eminence Karnivore by Kristian Kohle & DV-77 Mick Thomson
von Ulf Kaiser,
Anzeige
(Bild: Eminence)
Wir alle lieben den Druck, den ein oder mehrere 12″-Gitarrenlautsprecher erzeugen. Das ist der klassische Sound der E-Gitarre. Es mag jede Menge Gründe geben, einen Modeler oder eine Lautsprechersimulation zu nutzen, doch eine passende Kombination aus Röhrenverstärker und Box im Raum bleibt ungeschlagen.
Eminence erweitert sein Programm nun um zwei moderne Speaker für die härtere Gangart: den Karnivore, entwickelt mit Musikproduzent und Toningenieur Kristian Kohle, und den DV-77 Signature Speaker für den Slipknot-Gitarristen Mick Thomson. Ob sie das Haus in seinen Grundfesten erschüttern werden?
Anzeige
Optische Täuschung
Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man seinen Lieblingsmusiktitel über eine kleine Bluetooth-Boombox, ein Küchenradio oder auf einer anständigen HiFi-Anlage hört. Ein wenig anders läuft es bei Gitarrenlautsprechern. Auf der Bühne kennen wir ein recht uniformes 4×12″-Format. Unterschiede gibt es bei der Frontbespannung, während das Holzgehäuse bestenfalls um wenige Zentimeter von der Marshall-Norm abweicht.
Bild: Eminence
Bild: Eminence
Drin stecken stets Treiber mit 12″-Pappmembranen, die einander ebenfalls ziemlich ähnlich sehen. Im Stage-Rider steht dann schon mal: „Die Band reist mit Topteilen an, eine 4×12″-Box sollte vor Ort gestellt werden.“ Und auch im Studio ist es natürlich bequemer, die dort vorhandene Box zu nutzen. Wird schon passen!
An dieser Stelle übertreibe ich ganz bewusst, denn es ist sicherlich keine Entdeckung, dass ein alter Greenback durchaus anders klingt als ein Vintage 30 oder ein EVM12L. Wer sich aber einmal die Mühe macht, Boxen und Lautsprecher mit einem Umschalter direkt zu vergleichen, wird feststellen, dass dies einen wesentlichen Einfluss auf das Gesamtergebnis hat, der genauso groß sein kann wie die Wahl des Verstärkers. Grund genug, sich zwei neue Entwicklungen von Eminence anzusehen, die von namhaften Endorsern auf einen modernen Wunschklang abgestimmt wurden.
Moderne Konstruktion
Laut Karnivore-Mitentwickler Kristian Kohlmannslehner teilen der DV-77 und der Karnivore einige Gemeinsamkeiten. Sie gehören einer frischen Generation von Eminence-Lautsprechern an, die auf der CV-75-Plattform aufbauen. Ausgangspunkt der Produktentwicklung waren frühe britische Celestion-Vintage-30-Typen.
Der moderne Eminence Karnivore neben seinem Urahn, dem Celestion Vintage 30. (Bild: Ulf Kaiser)
Auf dieser Basis entstanden zwei Eigenentwicklungen, die sich insbesondere für den Metal-Bereich empfehlen sollen. Der stabile Lautsprecherkorb und die Konuskonstruktion sind beinahe identisch beziehungsweise eng verwandt.
Dabei wurden Anpassungen vorgenommen, die eine kontrolliertere Führung der 1,75″-Schwingspule gewährleisten sollen. Das Ergebnis sind zwei Lautsprecher, die durchaus unterschiedlich klingen und die man auch nicht mit einem Vintage-30 in einen Topf werfen sollte.
DV-77 Mick Thomson Signature
Der Signature-Lautsprecher des Slipknot-Gitarristen Mick Thomson wurde von Eminence in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Mike Smith (ehemals Omega Ampworks) entwickelt. Der Lautsprecher setzt auf einen kräftigen Keramikmagneten (50 Unzen, circa 1,42 kg), verträgt 70 Watt Leistung und wartet mit einer hohen Empfindlichkeit von 100,6 db (1 W/1 M) auf. Das Gewicht liegt insgesamt bei 4,72 kg.
Der klangliche Fokus ist klar: Hier geht es um druckvollen und klar definierten High-Gain-Sound moderner Ausprägung. Wer Micks Signature-Verstärker von Rivera kennt, weiß jedoch, dass sich Thomson auch im Bereich unverzerrter und angezerrter Klänge bewegen kann. Im Lieferumfang enthalten: Zwei Plektren im Mick-Thomson-Design.
The Karnivore by Kristian Kohle
Der Karnivore versteht sich als Lösung für High-Gain-Spieler, die einen aggressiven, aufgeräumten, aber dennoch stimmigen Klang suchen. Kristian “Kohle” Kohlmannlehner hat sich längst einen Namen durch seine Arbeit als Metal-Produzent gemacht.
An anderen Stellen unterscheidet sich die ansprechend mit einem roten Korb und genregerechter Grafik versehene Konstruktion bewusst vom DV-77. Hier sollte ein eigenständiger Lautsprecher konzipiert werden. Wichtig war dabei auch stets die Produzentenperspektive, also das Verhalten des Lautsprechers bei der Mikrofonierung.
So arbeitet der Karnivore beispielsweise mit einem etwas kleineren aber dennoch kräftigen Keramikmagneten (45 Unzen, circa 1,27 kg), was in einem breiteren Bassbereich resultiert. Generell soll der Karnivore etwas aggressiver klingen. Dazu sind die Mitten im Vergleich zum DV-77 etwas zurückgenommen. Die Belastbarkeit liegt hier bei 60 Watt und die Empfindlichkeit bei 98 dB (1 W/1 M).
Praxis
Beide Speaker werden in der Standardprozedur in der Box befestigt. Hierzu stehen acht Bohrungen bereit, sodass sich hier die entsprechende Festigkeit und Ausrichtung erzielen lassen dürfte. Die Polarität ist am Anschlussbereich klar gekennzeichnet und hält pro Pol zwei Abgriffe für Kabelschuhe bereit.
Das Lautsprechergehäuse selbst nimmt durch seine Abmessungen, die Wandstärke und den Grad der Bedämpfung durchaus Einfluss auf das Klangergebnis. In meinem Fall wurden die Speaker paarweise über Kreuz in einem ungedämmten Randall 4×12 Nuno Bettencourt Gehäuse montiert.
(Bild: Ulf Kaiser)
Der Einbau erfolgte frontseitig. Die Box hat in etwa Standardabmessungen und ist mittig durch einen stabilisierenden Balken mit der Rückwand verbunden. Sie stand zudem auf Rollen.
Als Testverstärker kamen ein Rodenberg British Legend mit 100 Watt sowie ein Sniper + von Ground Zero Amplification zum Einsatz. Die Testlautsprecher hatten jeweils eine Impedanz von 16 Ohm und wurden durch den paarweisen Betrieb jeweils mit acht Ohm betrieben.
(Bild: Ulf Kaiser)
Klang
Beide Lautsprecher haben eine moderne und direkte Abstimmung, die für das härtere Genre sowie für tiefere Stimmungen bestens geeignet ist. Im Vergleich zu klassischen Vintage-Konstruktionen würde ich die Stoßrichtung als aufgeräumter, druckvoller und weniger lieblich bezeichnen. Palm-Mutes, Chugs und Riff-Stakkatos gelingen vorbildlich, aber durchaus auch Lead-Sounds.
Der Karnivore ist positiv mächtig im Bassbereich, aber eben auch aufgeräumt. Sein Mittenbereich ist präsent, ohne aufdringlich oder umgekehrt harmlos zu klingen. Im Höhenbereich klingt der Karnivore nicht scharf, sondern eher abgerundet.
Auch der DV-77 klingt modern, aber eben etwas anders. Er fällt im Bassbereich nochmals straffer aus und klingt deshalb ein Stück perkussiver. In den Höhen empfinde ich diesen Speaker als offener, stelle aber auch hier keine störenden Härten fest. Und wieder ist der Mittenbereich präsent, aber nicht überbetont.
Betrachtet man die vom Hersteller angegebenen Frequenzgangkurven, so ist bei beiden Lautsprechern eine Betonung im Bereich von ca. 1.500 bis 4.000 Hz erkennbar. Im Direktvergleich klingt der Karnivore in den Mitten allerdings leicht zurückgenommen, wodurch er aggressiver wirkt. Wie sich das letztlich im Kontext des Gesamtsounds auswirkt, hängt von der Mischung und dem eigenen Geschmack ab. Auch die Mikrofonierung spielt hier eine große Rolle.
Eine Empfehlung möchte ich bewusst nicht aussprechen, da bei verzerrten Klängen ein breites Spektrum an Vorlieben existiert. Hinzu kommt, dass man den Klang eben auch im Zusammenspiel mit dem EQ am Verstärker vornimmt und reine A/B-Vergleiche somit nicht besonders aussagekräftig sind. So profitiert der Karnivore beispielsweise von höheren Presence-Einstellungen, während der DV-77 je nach persönlicher Vorliebe ein wenig mehr Bass am Verstärker verträgt.
Dennoch: Bei Crunch-Sounds sehe ich den Karnivore aufgrund seiner Klangfülle im Vorteil, bei unverzerrten Klängen hingegen den offeneren DV-77. Letztlich sind Lautsprecher immer auch eine Geschmacksfrage, denn unsere Wahrnehmung ist ebenfalls durchaus individuell. Was dem einen Hörer als Mittennase auffällt, bezeichnet der nächste als „spitz“.
Resümee
Der Eminence Karnivore und der DV-77 sind zwei famose Gitarrenlautsprecher, die moderne Rock- und High-Gain-Sounds mit Bravour meistern. Der Hersteller aus Kentucky beweist, dass es nicht immer die britische Alternative sein muss. Es darf also durchaus etwas Abwechslung sein, denn Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft.
Beide Speaker erhalten für den Einsatz in modernen Rock- und Metal-Genres meine absolute Empfehlung, selbst wenn sie mit einem Aufpreis einhergehen. Die Produkte sind wahlweise mit acht oder 16 Ohm zu haben.