Kolumne

Till & Tone: Wir müssen reden!

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Die Naturwissenschaften haben mir schon als Kind nichts gegeben. Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Kunst: Ich habe Hörspiele gesuchtet, Bücher verschlungen, Musik, TV-Serien und Filme aufgesogen wie ein vertrockneter Schwamm und abgespeichert.

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In unserer kleinen Küche stand ein Radio auf der Eckbank. Morgens zogen mein Bruder und ich uns in der Küche an, während aus dem Radio knarzend Musik erklang. Jedes Mal, wenn ich heute ‚Hey Tonight‘ von CCR höre, habe ich genau vor Augen und Ohren, wie ich als 6-Jähriger in dieser kleinen Küche stand und fasziniert war von dem verzerrten, zirpig-rasiermesserscharfen Sound der Gitarre im Eröffnungs-Riff.

Wenn Fogertys raspelige Stimme einsetzte, war es um mich geschehen. Hühnerpelle, euphorische Glücksgefühle, Ohrenschmaus. Den ganzen Schulweg sang ich das Intro von ‚Hey Tonight‘ und ergänzte die Wörter, die ich nicht verstanden hatte, in Fantasie-Englisch.

Dasselbe gilt für ‚Hot Love‘ von T. Rex: „Schiehs mei wummel nigo ent, schiehs not werri, oh, ahaha!“ Ich war besessen von Sounds, unterschiedlichen Stimmklängen, Hook-Lines … und schon als Kind habe ich versucht, alles zu erfassen und nachzuahmen – was meinen Weg als Parodist, Imitator und Künstler definitiv vorbestimmt hat.

Nein, für Mathe, Chemie oder Physik hatte ich noch nie im Leben Kapazitäten frei. Was mich interessiert, an Kunst und Kultur, sind Emotionen, Gefühle – alles, was mit Sinneseindrücken zu tun hat. Zurzeit gibt es auf vielen Plattformen und in Kolumnen eine Diskussion um Physik und ihre Einflüsse auf die E-Gitarre.

Die verschiedenen Positionen werden sachlich, manchmal aber bockig, aggressiv und zum Teil sehr unsympathisch ausgetauscht. Aufeinander prallen: gehörte und erlebte Erfahrungen und Überzeugungen, physikalische Gesetze, Ego-Eitelkeiten, deutsche Rechthaberei, persönliche Anfeindungen. Was fehlt? Mangelnde Toleranz für andere Meinungen. Leben und leben lassen.

Und darum interessiert mich persönlich diese „Physik trifft auf E-Gitarre“-Diskussion überhaupt nicht. Jeder Mensch hat das Recht auf sein eigenes Glück, seine eigenen Erfahrungen. Jeder Mensch schmeckt, riecht, hört, sieht und empfindet anders. Ich höre, was ich höre.

Wenn vieles von meinen Empfindungen laut Physik nur Einbildung sein soll – mir doch egal. 2×3 macht 4, widdewiddewitt plus 3 macht Neune. Wer für seinen Gitarren-Kosmos Messwerte, physikalische Gesetzmäßigkeiten möchte … bitte, völlig in Ordnung! Mein Tipp, falls ihr mitdiskutieren wollt – beherzigt die alte Netz-Weisheit: Don‘t feed the trolls! Redet nur mit Menschen, die höflich bleiben.

SEXISMUS, GITARREN & ROCK‘N‘ROLL

Worüber ich auch reden muss: Neulich habe ich auf Social Media ein Video gesehen, ca. 15 Sekunden lang. Zu sehen war eine Frau Oberschenkel-aufwärts bis zum Hals. Kurzer, enger Rock, dazu ein knatschenges, tief ausgeschnittenes Oberteil.

Die sehr großen, üppigen Brüste der Frau wurden durch dieses Oberteil sehr betont. Die Dame spielte eine E-Gitarre. Dieses Video hatte keine Beschreibung, es gab also keine Begründung, „warum, weshalb, wieso“ dieses Filmchen überhaupt existiert. Aber ich dachte nur: Es ist mir egal, ob das Video zum Staunen, Lachen oder was-auch-immer sein soll.

ZZ Top geht doch auch ohne Sexismus.

Es ist 2026, aber Sexismus geht offensichtlich immer noch sehr gut im Rock‘n‘Roll-Guitar-Universum. Nun ist Sexismus auf Instagram, Facebook und TikTok nicht erst seit gestern ein globales Problem, Clips wie der oben beschriebene sind ja nur die Spitze des Eisbergs.

Mein zweiter Gedanke war: Haben wir uns über Jahrzehnte hinweg an Sexismus gewöhnt? In der Werbung, in Filmen, in der Musik, im täglichen Leben − Sexismus ist leider überall zu finden. Das Internet hat die Verbreitung sexistischer Inhalte potenziert. Gut ist: Er wird immer mehr benannt, geächtet und für nicht gut befunden.

Ich will hier nicht den Moral-Onkel geben, ich habe als humorschaffender Künstler selber lange anzügliche Witze über Körperlichkeiten, Männer, Frauen und lesbisch/schwule Menschen gemacht. Richtig gute − und schlechte, so viel ist mal klar. Da war die berühmte Gürtellinie auch schon mal ein Fußkettchen.

Das Bewusstsein, was daran nicht gut war, hat sich bei mir in den letzten zehn Jahren immer stärker entwickelt, unter anderem durch den gesellschaftlichen Diskurs, meine Frau (Beruf: Hochschuldozentin) und meine zwei erwachsenen Töchter. Die haben mich immer wieder gestellt, wenn ich meine erlernten und internalisierten Boomer-Stereotype von mir gegeben habe. Und so wurde mir klar: Einige Texte, Songs und Witze würde ich jedenfalls heute nicht mehr so bringen, weil ich eben neue Erkenntnisse habe.

DIE OBJEKTIFIZIERUNG DER FRAUEN

Wenn wir in die Geschichte des Rock‘n‘Roll − und natürlich auch von Pop und Rap − eintauchen, stellen wir sehr schnell fest: Egal, ob in Texten, Live-Shows, Videos oder Filmen – Frauen sind vornehmlich Lustobjekte, Chicks, „pretty things“, und werden „genommen, gejagt, angebetet, verflucht oder degradiert“. Wie sang und prangerte Lennon schon 1972 an: „Woman is the n****r of the world“!

Ja, genau derselbe Lennon, der angeblich auch nicht immer anständig mit Frauen umgegangen ist. Was seinen Text allerdings nicht falsch macht. Die Stones, deren Image, Repertoire, Promo und Bühnendeko seit Jahrzehnten explizite, sexistische Elemente beinhaltet, spielen seit einigen Jahren „Brown Sugar“ nicht mehr live. Man munkelt, weil gerade dieser Songtext frauenverachtend, voller rassistischer und sexueller Anspielungen ist.

Sicher haben Jagger/Richards da noch mindestens zehn weitere Text-Kandidaten im Angebot (‚Under my Thumb‘, ‚Some Girls‘, ‚Stray Cat Blues‘, ‚Starfucker‘ etc.), aber ein Zeichen ist gesetzt. Die hedonistischen 70er-Jahre waren voll mit Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll. Liedtexte im Rock wie ‚You‘re sixteen‘ oder der deutsche Schlager ‚17 Jahr, blondes Haar‘ romantisierten sexuelle Gelüste älterer Herren auf minderjährige Frauen. Eklig.

In der ARD-Fernsehshow ‚Musikladen‘ von Radio Bremen tanzten sehr knapp bekleidete Go-Go-Girls für lüsterne männliche Augen zur Musik. Wenn ich heute die Videos von ZZ Top aus den 80ern betrachte, wie ‚Gimme All Your Lovin‘‘, ‚Legs‘ oder ‚Sleeping bag‘: Alles Clips, in denen „sexy“ Frauen auf hohen Hacken, in kurzen Röcken und schwarzen Nylonstrümpfen Männer wuschig machen. Ironisch gemeint oder nicht, die Frau ist ganz klar Lustobjekt.

Das legendäre Video zu Robert Palmers ‚Addicted to Love‘ wurde damals schon sehr kontrovers diskutiert, entweder als sexistisch oder als gelungenes Beispiel für die ewige Objektifizierung von Frauen im Showbusiness: Sie werden reduziert auf ihre physischen Merkmale, ihr Äußeres oder ihre Sexualität − man(n) sieht sie als Objekt, Ware oder Anschauungsobjekt. Ich bin keinesfalls dafür, alte Videos, Cover oder Songs der Cancel Culture zu opfern. Aber wir sollten alle darauf achten, Sexismus in der Musik oder sonst wo nicht mehr zu bagatellisieren oder hinzunehmen.

DAS MUSSTE JA AUCH NOCH KOMMEN!

Zum Schluss das wohl unvermeidbare Thema: „Fender“. Wer hat nicht alles versucht, mit dem Thema in den letzten Wochen Aufmerksamkeit zu generieren. Für eine Handvoll Klicks mehr, oder was?

Ich hatte, ohne Hintergedanken, zu diesem Thema ein Bild von meiner Telecaster vom Gig im Jazz Club Bielefeld gepostet und las in einem Kommentar darunter: „Ich wurde schon angegangen, weil ich noch Fender spiele.“ Ich war überrascht, dann wiederum auch nicht. Meine Gedanken dazu: Obwohl ich einen VW fahre, stehe ich dem Unternehmen nicht erst seit dem Diesel-Skandal sehr kritisch gegenüber.

Fogertys richtiger Text

Konzern-Giganten wie Nike, Adidas, Apple etc. − das sind keine kuschelig-netten Wohlfahrtsorganisationen. Die ordnen ihrem gigantischen Profit eine Menge Moral unter. Ich trinke gerne mal ein Glas Coca-Cola, seit wann sind die ein „gutes“ Unternehmen?

Wer heutzutage Fleisch aus Massentierhaltung isst, hat meiner Meinung nach mehr Kacke an der Hacke, als wenn er seine Strat weiterspielt, die er in der Vergangenheit gekauft hat. Was kommt noch? Fender-Spieler verdammen, aber bei Mecces-Würger-Schling Burger mampfen und bei Amazon bestellen? Ich kann den selbstgerechten Mist von Leuten nicht mehr hören, die wie die meisten von uns selbst mit einem Bein knietief im Sumpf stehen.

Ich finde nicht gut, was Fender da macht, aber deswegen werde ich bestimmt nicht meine Teles in die Ecke stellen, die ich vor über zwanzig Jahren gekauft habe. Sehr heuchlerisch auch, wie sofort einige Stimmen laut nach Thomann gerufen haben, damit die Fender auf die Finger hauen. Zwar wurde jetzt tatsächlich ein Versuch in diese Richtung unternommen, aber hat man nicht von genau diesen Stimmen auch schon gehört, dass Thomann angeblich den Einzelhandel kaputt gemacht hat?

Was natürlich Humbug ist, aber wie sagte schon Konrad Adenauer, seinerzeit Gitarrist bei den Bundes Blues Brothers: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern…“ Lasst uns nur nicht den zweiten Teil des Zitates vergessen und beherzigen: „…nichts hindert mich, weiser zu werden!“

 


(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)

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