(Bild: Dieter Stork)
So herrlich ein aufgedrehter Röhrenverstärker auch klingen mag, man muss auch mit dem Pegel umgehen können. Mit der zweiten Ausgabe des Two notes Torpedo Reload hat der Hersteller aus dem französischen Saint-Gély-du-Fesc eine Lösung im Programm, die sich als analoges Bindeglied zwischen Verstärker, Lautsprecherbox und Aufnahme versteht.
WAS MACHT DIE KISTE?
Am Anfang steht ein reaktiver Lastwiderstand, der den Ausgang eines Gitarrenverstärkers mit einem Richtwert von bis zu maximal 200 Watt sicher abfängt, variabel reduziert und auf Line-Pegel bringt. Gleichzeitig sollen der Klang, die Interaktion mit der Box und das spezifische Spielgefühl aufrechterhalten werden.
So gelangt das Signal einerseits über symmetrische Ausgänge an ein Audio-Interface oder Mischpult, andererseits wird es parallel an eine Class-D-Transistorendstufe geleitet, die das Signal wieder auf den gewünschten Ausgangspegel zum Betrieb mit ein oder zwei Boxen bringt. Die bereitgestellte Leistung liegt bei 215/120/50 Watt an 4/8/16 Ω oder 2 x 150 Watt an 4 Ω. Dabei ist der Pegel fein dosierbar, sodass man auch zuhause zu später Stunde spielen kann.
Der Trick der doppelten Verstärkung: Man kann die Röhrensektion aufdrehen, in die Endstufensättigung treiben und seinen Verstärker im Sweet Spot betreiben, ohne dabei den Putz der Wände zum Bröckeln zu bringen. Ebenso ist es möglich, kleinen Röhrenverstärkern per Reload-Endstufe unter die Arme zu greifen.
Schließlich bietet der Reload II auch Line-Eingänge und kann damit auch Amp-Modeler in Stereo für die Bühne verstärken oder für eine reale Mikrofonierung vorbereiten.
ANALOG MIT SOFTWARE-BEIGABE
Two notes verzichtet im Reload II bewusst auf eine Lautsprechersimulation. Obwohl der französische Hersteller hierfür so geschätzt wird, versteht sich das Testgerät als rein analoge Lösung und überlässt die digitale Lautsprechersimulation selbstbewusst dem Computer. Hierzu wird das Produkt mit einer Lizenz der Software Genome Reload II Edition ausgeliefert, die auf die hauseigenen DynIR-Impulsantworten zurückgreift, aber auch als Modeling-Amp mit Effektsektion arbeiten kann.
Ein weiterer Unterschied zum Vorgänger: Auf einen DI-Ausgang und HiZ-Eingang wurde verzichtet, weshalb sich der Reload II nicht mehr als typischer Reamper versteht.
RUNDGANG
Die Verarbeitung des Reload II ist mustergültig: Ein robustes Metallgehäuse, hochwertige Anschlusstechnik, stabile Regler und ein integriertes Netzteil sorgen für Zufriedenheit. Die ansprechende Optik des Desktop-Geräts wird durch dekorative Seitenteile aus Holz aufgewertet. Es kann aber dank mitgelieferter Adapter auch in einem 19″-Rack platziert werden. Der rückwärtige Lüfter dient der Wärmeabfuhr und arbeitet in den meisten Fällen quasi unhörbar.
(Bild: Dieter Stork)
Das Gerät selbst arbeitet aktiv. Über einen Regler wird der angeschlossene Verstärker im Pegel angepasst, was durch drei LEDs visualisiert wird. Eingangsseitig, auf der Rückseite, lässt sich zudem die Impedanz des Verstärkers wählen.
Weiterhin hat man für jeden der beiden Kanäle die Wahl, auf den Verstärkereingang oder auf die ebenfalls verfügbaren Line-Eingänge zuzugreifen. Der Ausgangspegel an die beiden Boxenausgänge wird über gerasterte Cab-Regler kontrolliert, während die Line-Ausgänge unabhängig über separate Regler gepegelt werden.
Für jeden Kanal steht ein eigener Einschleifweg bereit, der sich im Pegel und im Mischungsverhältnis regeln lässt. Die Loops lassen sich dabei einzeln oder gemeinsam über einen Fußschalter aktivieren.
VARIABLER LASTWIDERSTAND MIT IMPEDANZKURVE
Ein Lastwiderstand ersetzt den Lautsprecher im Signalweg. Simple Lösungen nutzen große Widerstände, die die eingehende Energie absorbieren und in Wärme umsetzen. Obligatorisch ist dabei der Schutz des Röhrenverstärkers. Die hohe Kunst ist allerdings das Erreichen eines überzeugenden Klangergebnisses und Spielgefühls.
Der Vorteil reaktiver Systeme ist dabei die bidirektionale Interaktion zwischen der Gitarre und der Schaltung, ganz so, wie es auch bei einem echten Lautsprecher geschieht, dessen Schwingspule bei der Rückbewegung Strom in die Endstufe zurückfließen lässt. Das reaktive Schaltnetzwerk imitiert dieses Verhalten, analog und latenzfrei, was sich im Spielgefühl äußert.
(Bild: Dieter Stork)
Für den Reload II wurde der variable, reaktive Lastwiderstand gänzlich überarbeitet. Dazu hat sich der Hersteller mit Celestion zusammengetan und die Impedanzkurve der Schaltung mit einer frequenzspezifischen Kennlinie versehen, die Celestion als typisch für einen Gitarrenlautsprecher definiert hat – ein wichtiger Unterschied zur Konkurrenz und zum Vorgängermodell.
PRAXIS
Die Pegelreserven dürften in der Praxis selbst für den Bühnenbetrieb absolut ausreichen, sofern man nicht stets mit einem voll aufgerissenen Plexi an einer 16-Ohm-Box spielt. Als praktisch erweist sich, dass der Reload II ausgangsseitig variabel hinsichtlich der Impedanz ist. Er kann damit als praktischer Impedanzwandler fungieren.
Die Endstufe kann, muss aber nicht neutral arbeiten. Pro Kanal stehen Presence- und Depth-Regler (4 kHz, 75 Hz) sowie Mojo-Schalter zur Simulation einer „hart arbeitenden” Endstufenröhre bereit, die den Klang prägen. Dazu gibt es pro Kanal einen der besagten Effektloops, die ebenfalls einen echten Mehrwert darstellen.
Zwar lässt sich nur ein einzelner Verstärker anschließen, dieser kann aber plötzlich in Stereo an zwei Boxen strahlen. Prinzipiell lassen sich so auch Dry/Wet/Wet-Szenarios erstellen oder die Möglichkeit, den gezähmten Verstärker über eine externe Stereoröhrenendstufe mit Effekten zu betreiben.
KLANG
In seiner Funktion als variabler Abschwächer für einen Röhrenverstärker setze ich den Torpedo Reload II an einem Marshall JCM800 2203 ein. Nachdem man den Regler für den Eingangspegel justiert hat, stellt man den Verstärker nach Belieben ein und justiert die Ausgangslautstärke am Cab-Regler. Über die Depth- und Presence-Regler kann man die Klangfarbe des neu verstärkten Signals weiter verändern. Etwas Vorsicht ist dabei mit dem Presence-Regler geboten, da dieser etwas zur Schärfe neigt.
Letztlich liefert der Reload II klanglich eine wirklich saubere und praxisgerechte Leistung ab. Das Spielgefühl und die Dynamik werden ebenfalls gut übertragen. Inwieweit sich die initiale Abschwächung klanglich auswirkt, hängt auch vom Grad der Pegelreduzierung ab. Für mich spielt Two notes diesbezüglich aber in der obersten Liga mit.
Wer bei der erneuten Verstärkung Vorurteile gegenüber Class-D-Endstufen hat, sollte dem Gerät eine Chance geben. Technisch agiert die Endstufe herrlich rauscharm und liefert in aller Regel überzeugende Ergebnisse, die sich über die beiden Klangregler und den Mojo-Taster flexibel formen lassen. Bestechend ist die Möglichkeit, den gesamten Lautstärkebereich nutzen zu können und dabei den Eigenklang des angeschlossenen Verstärkers beizubehalten.
Bleibt noch der Aspekt der Lautsprechersimulation, den der Reload II selbst nicht abdeckt. Prinzipiell lässt sich daher jede Hard- und Software für diese Aufgabe nutzen. Die mitgelieferte Software Genome bietet hierzu Zugriff auf die herstellerspezifischen DynIRs, die als marktführend einzuordnen sind.
(Bild: Dieter Stork)
Diese platzieren etliche Impulsantworten verschachtelt in einem Container und ermöglichen dem Anwender so eine Auswahl des virtuellen Mikrofons und dessen Positionierung, ohne hierfür ständig neue Impulsantworten aufrufen zu müssen. Da dieser Vorgang in der DAW stattfindet, kann der Klang zudem später beim Mischen ganz bequem verändert werden. 24 solcher DynIRs gehören zum Lieferumfang und lassen sich jederzeit durch Zukäufe erweitern.
Ganz nebenbei ist Genome auch ein vollwertiger Amp-Modeler und Effektprozessor. Wer eine Hardware für diese Aufgabe bevorzugt, könnte beispielsweise aber auch zum Two notes Opus greifen, der ebenfalls einen Modeling-Amp, Effekte und Impulsantworten bietet.
ZIELGRUPPE
Der Reload II ist ein hochwertiger variabler Lastwiderstand, mit dem sich ein vorhandener Verstärker zähmen oder aufblasen beziehungsweise für den Stereobetrieb nutzbar machen lässt. Gleichzeitig handelt es sich um eine ausgefuchste Endstufe, mit der sich beliebige Line-Signale in guter Klangqualität verstärken lassen.
Aufgrund der fehlenden integrierten Lautsprechersimulation ist der Reload II kein direkter Konkurrent zur OX Box von Universal Audio oder zum Boss Waza Tube Amp Expander. Für den Bühnenbetrieb hätte das durchaus einen Mehrwert dargestellt. Insofern ordnet sich der Reload II funktional eher in der Nähe der Fryette PS-2 ein. Das funktioniert dank einer zweikanaligen Endstufe und doppelten Effekt-Loops sogar in Stereo. Super!
RESÜMEE
Der Two notes Reload II ist ein absolut wertiger, multifunktionaler Helfer für den Studiobereich. Er bietet einen ausgezeichneten, regelbaren Lastwiderstand, mit dem sich laute Verstärker zähmen lassen. Dank einer integrierten Stereoendstufe können ihre spezifischen Klangeigenschaften dann wieder flexibel wiedergegeben werden – mitsamt eines stereophonen Effektloops.
Auf Reamping und eine integrierte Lautsprechersimulation wird verzichtet, nicht jedoch auf eine mitgelieferte Software, die eine Nutzung der bewährten DynIRs ermöglicht. Volltreffer!
Plus
- hervorragend klingender reaktiver Lastwiderstand
- integrierte Stereoendstufe mit Klangregelung
- Stereo-Effektloop
Minus
- keine integrierte Lautsprechersimulation
- kein DI-Ausgang/HiZ-Eingang wie im Vorgänger
ÜBERSICHT
| Fabrikat |
Two notes |
| Modell |
Reload II |
| Gerätetyp |
Reaktiver, variabler Lastwiderstand, Reamper, Stereoendstufe |
| Herkunftsland |
Frankreich |
| Technik |
analog |
| Leistung |
ca. 215/120/50 Watt an 4/8/16 Ω; 2 x 150 Watt an 4 Ω, Class-D-Endstufe |
| Gehäuse |
Metall mit Holzseitenteilen, 19″-kompatibel (2 HE), rückwärtiger Lüfter, 4 Gummifüße |
| Anschlüsse |
Rückseite: 2x Line In (TRS), 2x Line Out (XLR), 2x Send (TS), 2x Return (TS), Footswitch (TRS), Amp In (TS), 2x Cab Out, Stromversorgung (IEC) |
| Regler |
Front: Amp In Level, 2x Cab, 2x Output, 2x Depth, 2x Presence, Rückseite: 2x Dry/Wet |
| Schalter |
Front: Power, 2x Line/Amp, 2x Mojo, Rückseite: 2x Ground Lift, 2x -10/+4 (Loop), 2x Dry/Wet Mix, Dual Mono/Link A>B, FS Mode, Amp Impedance |
| Einschleifweg |
2x seriell/parallel |
| Besonderheiten |
Genome Reload II Edition |
| Gewicht |
6,9 kg |
| Maße |
365 x 89 x 240 BHT/mm |
| Internet |
www.two-notes.com |
| Zubehör |
Netzkabel, Rackwinkel |
| Preis (Street) |
ca. € 999 |
(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)