Sie rumpelrocken wieder!

Im Interview: Ronnie Wood von den Rolling Stones

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(Bild: Kevin Mazur)

Sie rumpelrocken wieder – und wie: Auf ihrem 25. Studio-Album ‚Foreign Tongues’ geben sich die Rolling Stones so rau und ungeschliffen wie eh und je. Einfach, weil das Spaß mache, Teil der künstlerischen Freiheit wie Selbstverwirklichung sei und zudem eine hohe Kunst darstelle, die viel zu oft unterschätzt würde.

Damit sind Keith, Mick und Ronnie auf einer Wellenlänge mit Neil Young – und auch textlich kommen sich beide Seiten immer näher. Gitarre & Bass hatte die Ehre, eine kurzweilige halbe Stunde mit Mr. Wood in einem Londoner Nobelhotel zu verbringen.

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Du bist jetzt 51 Jahre bei den Stones. Wie fühlt es sich an, das so lange zu machen und immer noch neue Musik zu veröffentlichen? Gibt dir das einen Kick oder ist es reine Routine?

Oh Mann, es ist das Größte – und es hat immer noch eine unglaubliche Energie. Zumal wir so kreative Leute wie Steve Winwood im Studio hatten, der einen Hauch von Ray Charles eingebracht hat. Das hat für ein richtig gutes Gefühl gesorgt. Und das Ganze hat auch Schwung, weil wir so aufgeregt waren, endlich wieder zusammen zu spielen. Das ist immer noch etwas Besonderes, das wir sehr genießen.

Seit eurem letzten Album ‚Hackney Diamonds’ sind knapp drei Jahre vergangen. Warum ein – für eure Verhältnisse – so schneller Nachfolger?

Das liegt an Andrew Watt, der einen unfassbaren Enthusiasmus einbringt. Er ist ein junger Kerl mit einer Menge Leidenschaft. Ein echter Fan und ein sehr guter Musiker, der uns auch einfach mal vorspielt, was ihm vorschwebt. Wir hören ihm zu und das inspiriert uns. Es ist ein bisschen wie in den Jimmy-Miller-Tagen, Ende der 60er/Anfang der 70er, als die Stones alle paar Jahre ein neues Album gemacht haben. Wir sind wieder in diesem Modus – was toll ist. Die Leute müssen nicht mehr zehn, elf Jahre auf uns warten – wir kriegen das wieder schneller hin.

Was ist Andrews Geheimnis? Wie bringt er euch zum Arbeiten?

Indem er versucht, uns zu motivieren – mit Sprüchen wie „macht schon – lasst uns was an den Start bringen, das uns einen Grammy beschert.” (lacht) Solche Sachen. Und unsere Reaktion ist meistens: „Ruhig, Bruder – wir machen nur ein bisschen Musik.” Aber: Es funktioniert. Er stachelt uns tatsächlich an. Und er hat etwas Magisches. Nicht zuletzt, weil er es schafft, dass da plötzlich Stevie Wonder im Studio auftaucht oder sich Elton John per Telefon meldet und uns alles Gute wünscht. Er kennt jeden und er nutzt das, um uns anzuspornen, was sehr clever ist.

Handelt es sich bei diesen 14 Stücken um sogenannte „first takes” – um Erstversuche beim Aufnehmen der Songs?

Na ja, um ehrlich zu sein: Vielleicht ist das, was man da hört, auch der dritte Versuch. Aber es sind alles frühe Versionen, die sehr rau und direkt sind. Einfach, weil wir dieses Gefühl lieben – diese Spontaneität, die darin steckt. Es ist nicht bis ins Letzte ausgefeilt, sondern nur skizziert. Und das hat etwas Simples, Frisches, Cooles. Es ist unsere Antwort auf diese Welt da draußen.

Auf ‚Foreign Tongues’ finden sich auch zwei Coverversionen. Darunter ‚You Know I’m No Good’ von Amy Winehouse. Warum habt ihr euch für dieses Stück entschieden?

Einfach aus Respekt vor ihr – und weil wir das für etwas hielten, womit wohl niemand rechnen würde. Also ein Stück, das nicht ganz so offensichtlich für die Stones ist. Amy war eine wunderbare Person, wirklich sehr nett und süß. Es ist uns eine Ehre, ihr entsprechenden Tribut zu zollen. So sehe ich das …

Sie war eine tragische Figur, die mit ihrem Erfolg und mit der ganzen medialen Aufmerksamkeit nicht klargekommen ist.

Sie war ihre eigene schlimmste Feindin. Sie wusste nicht, wann man aufhören muss – und sie hatte leider niemanden, der sie in irgendeiner Form unterstützt hätte. Was eine Schande ist. Wir haben da ein wahnsinniges Talent verloren – und das viel zu früh.

Welche Instrumente spielst du auf dem neuen Album?

All die Gitarren, die man von mir kennt: Die Sunburst Strat von 1955, die 64er White Firebird, die rote ’67er Strat – also das Übliche.

Und durch welche Verstärker?

Oh, auch da ist es im Grunde dasselbe, was ich immer benutze: Ein 50er Fender Tremolux, ein 56er Fender Tweed, ein ’58er Twin und ein Fender Vibro King. Das Teil ist das Neueste, was ich habe – und es hat auch schon über 30 Jahre auf dem Buckel. Ich nutze den Amp, um einen Sound zu erzielen, wie ihn Hank Marvin von den Shadows hatte – aber natürlich nur, wenn wir den brauchen.

Die Stones hast du zum ersten Mal beim Richmond Jazz und Blues Festival 1964 erlebt. Welche Erinnerungen hast du daran?

Ich war regelrecht gefesselt von ihrem Auftritt. Im Ernst. Ich dachte: „Eines Tages werde ich in dieser Band spielen.” Mir war nur nicht klar, wie ich das anstellen sollte. Ich bin dann regelmäßig zu ihren Konzerten gegangen und war jedes Mal schwer beeindruckt. Ich dachte: „Das ist meine wahre Band, Mann.” Irgendwann sind sie mir dann tatsächlich mal auf der Straße begegnet. Das war nach dem Tod von Brian Jones – als sie Mick Taylor in die Band aufnahmen. Da habe ich Mick und Keith im Hyde Park getroffen, wie sie gerade aus einer Limousine gestiegen sind. Sie nickten mir zu und meinten: „Wie geht’s?” Ich stammelte „gut” – und sie: „Wir sehen uns, Mann.” Ich dachte: „Früher als ihr denkt.” Als Mick Taylor dann fünf Jahre später wieder ausgestiegen ist, war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Da hat mich Mick angeschaut und meinte: „Ich will die Faces nicht kaputt machen. Aber wenn ich kurz vor dem Verzweifeln bin, kann ich dich dann anrufen?” Ich meinte „selbstverständlich.” Und ein Jahr später, als ich gerade in Los Angeles war, hat er das dann getan.” Es war die Erfüllung all meiner Träume.

Gilt das nicht auch für deine Zeit in und mit der Jeff Beck Group – mit Rod als Sänger?

(lacht) Das war ebenfalls nicht schlecht. OK, ich hatte viele Träume. Und Jeff war einer meiner besten Freunde – er war quasi wie mein Bruder. Ich hatte ihn mal auf Tour getroffen, als er noch bei den Yardbirds war. Er meinte zu mir: „Eines Tages werden wir etwas zusammen machen.” Und dann hat sich meine Band The Birds aufgelöst, und die Yardbirds ebenfalls. Also rief ich ihn an und meinte: „Was machst du jetzt, Mann?” Und er: „Komm vorbei. Lass uns treffen. Ich habe auch noch diesen Sänger. Keine Ahnung, ob du ihn kennst – sein Name ist Rod Stewart.” Und ich: „Ach, Rod, klar kenne ich den.” Und Jeff weiter: „Würdest du dann den Bass übernehmen?” Ich sagte ja, obwohl ich gar keinen hatte. Einfach, weil ich Herausforderungen liebe.

Rod zählt leider nicht zu den Gästen des neuen Stones-Albums – dafür aber Paul McCartney, und das schon zum zweiten Mal in Folge. Warum hat es 60 Jahre gedauert, ehe das zustande kam?

Gute Frage. Ich schätze, es hat einfach nie geklappt. Aber er hat in mehreren Interviews erklärt, dass es eines seiner großen Ziele im Leben wäre – also mit den Stones zu spielen. Und nachdem das auf ‚Hackney Diamonds’ endlich passiert ist, war er stolz wie Oskar. Also wirklich so, als ob er sich einen langgehegten Traum erfüllt hätte. Aus den ‚Hackney Diamonds’-Sessions stammt auch ‚Covered In You’, das wir für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben haben. Somit ist er jetzt schon zum zweiten Mal auf einem unserer Alben.

(Bild: Kevin Mazur)

Bleibt die Frage: Werden die Stones mit diesem Album touren?

Hoffentlich. Ich meine, nicht mehr in diesem Jahr, aber vielleicht 2027. Es gibt nichts, was ich lieber täte. Und es ist einfach das, was man als Musiker und als Band tut. Man muss den Ball am Laufen halten, immer neue Sachen ausprobieren und gleichzeitig der Vergangenheit Tribut zollen. Wenn die Stones das nächstes Jahr hinbekommen – warum nicht? Lasst uns das angehen. Das ist zumindest meine Einstellung.

Ist das angesichts von Keiths fortgeschrittener Arthritis überhaupt möglich?

Das ist der Elefant, der gerade im Raum steht – und es ist ein verdammt großer. (lacht) Aber wie heißt es so schön: Alles ist möglich. Und deshalb werden wir irgendwann einfach eine Münze in die Luft werfen und schauen, wie sie landet – ob es Kopf oder Zahl ist. Das ist die Art, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Damit haben wir bislang immer richtig gelegen.

Und bis es soweit ist gehst du erst einmal auf Solo-Tour?

Ich spiele ein paar Gigs mit meiner Solo-Band – einfach, um in Übung zu bleiben und meine Finger und Gelenke in Schwung zu halten. Das ist wichtig, wenn man sie dann – ab einem bestimmten Punkt – wieder dauerhafter Belastung aussetzen will. Das geht nicht ohne entsprechende Vorbereitung.

Am 3. September gastierst du im Kölner E-Werk – was erwartet uns da?

Stücke aus meinen ersten beiden Solo-Alben – aber auch all die Sachen, die ich mit anderen Leuten gemacht habe. Also den Faces und natürlich den Stones.

Zum Beispiel?

‚Hey Negrita’ und ‚Dance’. Es ist ein Mix aus meiner gesamten Karriere. Und ich denke, er wird sehr interessant und auch großen Spaß machen. Ich habe schließlich Imelda May und Chanelle Haynes als Sängerinnen dabei. Außerdem Andy Newmark, den Drummer von Sly And The Family Stone. Ein toller Typ.

Stimmt es, dass du parallel an einem neuen Faces-Album arbeitest?

Ja, Mann! Deswegen habe ich Roddie erst vor ein paar Tagen gesprochen. Der Plan ist, gegen Ende des Jahres wieder ins Studio zu gehen und die Stücke abzuschließen, mit denen wir 2025 begonnen haben. Ich finde, es sind ein paar richtig gute Sachen dabei. Also solche, die die Leute positiv überraschen werden.

Das wolltest du Anfang der 2010er schon einmal mit Mick Hucknall von Simply Red angehen. Woran ist das gescheitert? War er kein guter Ersatz für Rod The Mod?

Doch, das war er. Er hat stimmlich sogar sehr gut gepasst. Mick hat all die Noten erreicht, die Roddie längst nicht mehr hinkriegt. (kichert) Und ich weiß gar nicht mehr genau, was damals passiert ist bzw. woran das gescheitert ist. Wir haben aber definitiv ein paar Konzerte in England und in Japan gespielt. Wenn ich mich recht erinnere, hatte Mick dann keine Zeit mehr, weil er irgendwelche anderen Tourverpflichtungen hatte, die sich nicht verschieben ließen. Übrigens hat er mich neulich aus heiterem Himmel angerufen und meinte: „Ronnie, ich bin da, wenn du mich brauchst – ich würde gerne noch mal aushelfen, wenn du mit den Faces auf Tour gehst. Wenn es etwas gibt, das ich tun kann, lass es mich wissen.” Das fällt mir gerade wieder ein. Und wer weiß, vielleicht komme ich tatsächlich darauf zurück. Danke, dass du mich daran erinnerst. (lacht)

Verdrängst du das Alter einfach – sind das nur Zahlen, die dir nichts bedeuten?

Es ist eine Sache, über die nicht rede – weil es mir nicht wichtig ist. Und ich habe das Gefühl, dass so etwas wie Zeit eigentlich gar nicht existiert. Ich meine, wir Menschen sind wahrscheinlich die einzigen Lebewesen, die sich Sorgen darum machen – für alle anderen ist sie völlig bedeutungslos. Selbst Einstein hat gesagt, dass Zeit nur etwas ist, das wir uns quasi selbst auferlegen. Wie eine Art Gefängnis. Und wenn man mich fragt, hat er damit vollkommen Recht.

Bei allem, was du durchgemacht und erlebst hast, grenzt es an ein medizinisches Wunder, dass du überhaupt noch lebst. Wirst du deinen Körper der Wissenschaft überlassen?

(singt) „I left my body to science, but I’m afraid they turned it down”. (lacht) Ja, Mann – ich bin immer noch hier, trotz aller Unkenrufe. Ich habe den Krebs gleich zwei Mal besiegt und wurde erst vor ein paar Monaten als „kerngesund” eingestuft. Ich meine, das ist doch etwas, oder?

Bedauerst du dann, es in den 60ern, 70ern und 80ern so wild getrieben zu haben – oder bist du letztlich sogar stolz darauf, dass alles überlebt zu haben?

Ich bedaure rein gar nichts. Und ich würde heute alles genauso machen, wie damals. Denn wie heißt es so schön: Man kann nichts umgehen, wenn man am Ende wirklich etwas erreichen will. Ich schätze, da bin ich der lebende Beweis.

Nach dem Motto: Es macht dich erst zu dem, wer du heute bist?

Ja, und deshalb würde ich rein gar nichts daran ändern. Ich bin völlig zufrieden mit mir.

Fragst du dich manchmal, wie du so weit kommen konntest – wie dein Körper so lange durchgehalten hat?

Ich schätze, ich habe gerade noch rechtzeitig mit dem Rauchen aufgehört. Das war vor der Geburt meiner Zwillinge, also vor zehn Jahren. Ich hatte 54 Jahre lang geraucht – und zwar richtig viel. (kichert) Aber der Krebs hat zum Glück nur meine linke Lunge befallen, von daher waren die Ärzte noch in der Lage, da etwas zu retten – also mich. Ich hatte verdammt großes Glück. Dessen bin ich mir bewusst.

Demnach ist ‚Foreign Tongues’ nicht das berühmte letzte Mal, sondern die Reise der Stones geht noch ein bisschen weiter?

Das tut sie. Wir werden uns bestimmt bald wieder sprechen – zum nächsten Album. Das meine ich vollkommen ernst.


(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)

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