Björn Meyer: Über sein neues Album, Klänge und Mehr!
von Andreas Schiffmann,
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(Bild: Fredrik Gille)
Für Björn Meyer legt der Bass nicht bloß ein musikalisches Fundament. Der seit 30 Jahren in der Schweiz lebende Schwede verfolgte die Idee, den E-Bass als ausdrucksstarke, vollwertige Stimme zu verwenden, bereits in so unterschiedlichen Projekten wie Bazar Blå und Nils Bärtschs Ronin.
Nun ist beim legendären Jazzlabel ECM sein zweites reines Soloalbum ‚Convergence‘ erschienen. Im Gespräch rekapituliert der 60-Jährige die nicht alltägliche Entstehung der Songs und beschreibt, wie im Studio mit minimalen Mitteln ein Maximum an Klang erzielt wurde.
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Du hast als Kind Klavier gespielt und später unter anderem Gitarre. Wie bist du schließlich zum Bass gekommen?
Die Gitarre war das erste Instrument, das mich im Bandkontext und sozial gepackt hat. Ich spielte als Jugendlicher in Punkbands. Außerhalb Stockholms, wo ich aufgewachsen bin, hatte die Stockholmer Jazzszene ihre Proberäume. Ich wohnte fünf Minuten entfernt, also haben wir dort immer gejammt, und es gab auch Kurse.
Eines Tages sah ich bei einer dieser Jamsessions einen Bass in der Ecke stehen. Es war ein Fender Precision, glaube ich, und ich dachte: Ich probier den mal aus. Die Vibration, die Resonanz in meinem Körper hat mein Leben völlig geändert. Von dem Moment wusste ich: Das ist mein Instrument.
Ich kaufte mir sofort einen Bass, spielte ihn andauernd und ging zurück zu meinen Lieblingsplatten, die ich dann aus der Bassperspektive hörte. Wobei mir klar wurde, dass das, was mich immer daran gereizt hatte, der Bass war. Er machte die Gitarre von Pat Metheny oder Paco de Lucía, die Idole von mir waren, noch großartiger, als sie es ohnehin schon waren.
Die Rolle des Basses in der Band, was man da alles machen kann von unten – das hat mir schlagartig bewusst gemacht, wohin ich musste. Ich studierte Computerwissenschaft und dachte anschließend: Ich muss probieren, nur Bass zu spielen, und so ist es dann geblieben.
Im Laufe der Jahre hattest du immer wieder auch multikulturelle Projekte. Reizte dich das auch von Anfang an, verschiedene musikalische Kulturkreise auszuloten mit dem Bass?
Nicht bewusst, es geschah einfach so. Zu jener Zeit − Mitte bis Ende der 1980er − gab es einen Austausch mit Kuba. Viele gingen dorthin, studierten Percussion und brachten dann Gastlehrer mit zurück. Weil oft ein Bassist fehlte und ich in der Nähe wohnte, wurde ich angerufen und konnte praktisch vom ersten Tag an mit wahnsinnig guten Musikern jammen.
Björns 6-Saiter von Michael Tobias
Meine erste aktive Band machte Latin-Jazz, wodurch ich einen Perkussionisten kennenlernte, der Flamenco spielte, und in einem Flamenco-Orchester landete, wo jemand aus Marokko mitsang, sodass ich mit Nordafrika in Kontakt kam. Gereizt hat mich der Umstand, keine klare Rolle zu haben. Über den Nyckelharpa-Spieler Johan Hedin bin ich schließlich auf schwedische Volksmusik gestoßen, in der es eigentlich keine Basstradition gibt. Die Kombination aus elektrischem Bass und akustischer Gitarre gefällt mir aber sehr gut.
Wenn man dein neues Album ‚Convergence‘ mit seinem 2017er Vorgänger ‚Provenance‘ vergleicht, ist da eine gewisse Kontinuität zu hören. War das auch dein Anliegen, den Faden gewissermaßen weiterzuspinnen?
Mein Anliegen war die Weiterführung des Konzepts E-Bass als vollwertiges Soloinstrument in einem akustischen Setting. Das bezieht sich auf die Art, wie wir aufgenommen haben – nicht mit Direct Input und anderem elektronischen Zeug, sondern in einem schön klingenden Raum, der die ausgegebenen Klänge zurückwirft, dieses Wechselspiel war mir wichtig. Ich habe auch nicht gesagt: Ich muss neues Material schreiben oder in diese Richtung gehen, sondern seit dem ersten Konzert mit ‚Provenance‘ Ideen zusammengetragen, die sich mit der Zeit weiterentwickelten. Hinzu kamen Präparationen am Instrument und verschiedene Spieltechniken, bis ich plötzlich ein neues Repertoire hatte.
Nach sechs Konzerten in Japan fiel mir auf, dass ich kein einziges Stück von ‚Provenance‘ gespielt hatte. Die Musik ist also neu, doch ‚Provenance‘ sollte nicht das einzige Album in dieser Machart bleiben, weil es vielleicht auch ein bisschen meine musikalische Sprache widerspiegelt, die ich auf ‚Convergence‘ in gewisser Hinsicht weiter vertieft habe. Man muss auch sagen, was in den letzten paar Jahren auf der Welt passiert ist – große Umbrüche, humanitäre Krisen überall und Chaos –, hätte man sich vorher nie vorstellen können, weshalb ich dachte: Ich muss irgendwie einen Boden finden und das alles irgendwo reinpacken. Viel von dieser turbulenten Zeit ist in die Musik geflossen.
So wie du es beschrieben hast, scheinen die Stücke größtenteils aus Improvisationen auf Tour entstanden zu sein, kann man das so sagen?
Es gibt drei Hauptrichtungen: Da wären zuerst improvisierte Sachen wie ‚Rewired‘, die mir in meiner Musik generell wichtig sind; es soll jeden Abend ein bisschen anders klingen, und als Solist habe ich ja die Freiheit, zu machen, was ich will. Zur zweiten Art von Stücken gehört ‚Nesodden‘, das letzte auf dem Album. Es ist vor einer kleinen Hütte am Meer außerhalb Oslos entstanden, wo wir nach einem Festival übernachtet haben. Diese Melodie kam einfach so raus, und in ungefähr einer Stunde war es fertig, so etwas passiert mir nicht oft.
Ich spiele jeden Tag, und wenn mir etwas in den Sinn kommt, das spannend klingt, schreibe ich es nieder oder nehme es auf. So entstand ‚On Hope‘, wo in den ersten vier Takten die Leersaite in der Mitte mitschwingt. Das hatte für mich etwas Meditatives, und ich entwickelte es in verschiedene Richtungen weiter. Am Ende hatte ich irgendwie zehn Versionen, die alle etwas hätten werden können, doch durch viel Spielen und Feintuning bin ich dann zur endgültigen Fassung gelangt.
Diese Prozesse kommen bei mir häufig vor. ‚Magnetique‘ ist auch ein gutes Beispiel mit diesem rhythmischen Pattern, dessen Tonalität zunächst gleich bleibt, sich dann inkremental verschiebt, sodass man kaum bemerkt, wie sich das tonale Zentrum ändert, und schließlich zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Das Album enthält ansonsten nicht so viele Stücke mit Jazzharmonie, und dieses ist spieltechnisch einfach, macht aber etwas mit mir. Ich konnte unterschiedliche harmonische Wege einschlagen, weil die Grundkomposition quasi das Muster war, und je nachdem, welche Töne ich hineingegeben habe, entstand daraus ein anderes Gebäude.
Die Aufnahmen fanden in den Bavaria Musikstudios in München statt, welches Equipment kam zum Einsatz?
Ich spiele seit 1995 einen MTD 6-Saiter, eine sehr frühe Version einer damals neuen Serie. Ich suchte gar kein neues Instrument, war aber in New York und traf Michael Tobias in einem Laden. Er drückte mir diesen Bass in die Hand, und auch da war beim ersten Ton klar: Das ist mein Instrument, obwohl er es nicht für mich gebaut hatte.
Ich habe zwar auch akustische Bassgitarren für andere Sachen, doch ein Großteil von dem, was ich je gemacht habe, wurde mit diesem einen Bass gespielt – außer viereinhalb Monate lang, als die Lufthansa mein Instrument irgendwo vergessen hatte. Das war eine harte Zeit, bis ich ihn wiederbekommen habe. Allerdings muss ich sagen, wenn ich heute Aufnahmen höre, die ich damals mit anderen Bässen gemacht habe, klingen sie gar nicht so anders. Das Besondere ist das Gefühl des Instruments, weniger das klangliche Ergebnis. Wenn ich diesen Bass spiele, fließen Ideen; würde ich andere zum Komponieren benutzen, käme auch etwas anderes heraus, glaube ich.
Dann arbeite ich seit vielen Jahren mit der unglaublich guten Firma Metric Halo zusammen, deren ULN-2 ich benutze. Das ist eigentlich ein Computer-Audio-Interface, aber mit super Preamps, eingebauten EQs, Reverb, Kompressoren, Delay und so weiter. Mir geht es hauptsächlich um die EQs und ein ganz offenes Routing, weil ich mit so verschiedenen Settings spiele, sei es zusammen mit dem Oud-Spieler Anouar Brahem, was sehr leise ist, oder in größeren Bands mit Schlagzeug. Mit dem Metric Halo kann ich alles abdecken.
Manchmal brauche ich nur einen Output, ein andermal drei, also je einen für mich, für die anderen Bühnenmonitore und für FOH. In empfindlichen Klangräumen mit vielen Mikrofonen muss ich darauf achten, Problemfrequenzen zu vermeiden, und mit einem einfachen Bassverstärker auf der Bühne wäre es unmöglich, einen anständigen Sound für die ganze Band zu liefern. Mit dem Metric Halo kann ich jeden Monitor, jeden Amp, jede Situation zum Klingen bringen. Solange es nicht verzerrt oder etwas kaputt ist, kann ich über einen Markbass, einen Ampeg oder irgendwelche Aktivmonitore spielen.
Im Studio hatten wir zwei Genelec-8030-Monitore für den Klang im Raum zusammen mit einer 2×12-Box von SWR für ein bisschen Tiefe. Der Raum, in dem auch ein Sinfonieorchester probt, klingt super, und etwas weiter entfernt stellten wir noch zwei kleinere Genelec 8020 als Satelliten für Stereoeffekte auf. Ansonsten verwendeten wir viele Mikrofone; nah am Instrument für die Saitengeräusche, natürlich von den Lautsprechern und mitten im Raum. Ein klein wenig vom Line-Signal meines Preamps brauchten wir ebenfalls, während wir Experimente mit Grenzflächenmikrofone auf dem Bass letztlich bleibenließen.
Live kommen mehrere Volume- und Expression-Pedale zum Einsatz. (Bild: Björn Meyer)
Bevorzugst du bestimmte Saiten?
Ich verwende MTD-Roundwounds und hatte nie einen Grund, andere auszuprobieren. Kurz nachdem mein Bass verlorengegangen war, stand eine Tour in Japan an, wo ich mir einen MTD von Bubby Lewis auslieh, der mit Flatwounds bespannt war. Das klappte auch, obwohl ich nicht auf die Idee gekommen wäre, selbst welche aufzuziehen.
Auf einem anderen Bass spielte ich lange DR-Saiten, wobei die Qualität mittlerweile bei allen Marken so hoch ist, dass ich die Wahl nebensächlich finde. Für mich müssen sie nur einen klaren Klang haben, gerade wenn ich sie präpariere.
Setzt du unterschiedliche Stimmungen ein?
Nein, aber Präparationen. Ich habe ein paar Paperclips, die ich auf dem Griffbrett anbringe wie einen Kapodaster für eine einzelne Saite zum schnellen Umstimmen, sodass die offene B-Saite dann beispielsweise zu C wird. Oder ich verwende Kork am siebtem Bund der beiden höchsten Saiten G und C, um Flageolets nicht greifen zu müssen.
Was empfindest du jetzt nach der Veröffentlichung von ‚Convergence‘, ist es ein Abschluss für dich oder Teil eines fortlaufenden Prozesses?
Zunächst einmal ist es im Gegensatz zu Bands oder Projekten ein anderes Gefühl, ein Soloalbum herauszubringen. Es gab eigene Erwartungen und Erwartungen seitens der Hörer, die das erste Album kannten. Kurz vor der Veröffentlichung stellte ich mir schon die Frage: Wie kommt das an? Ich hatte ein paar schlaflose Nächte, obwohl ich seit 1989 spiele und den Prozess gewissermaßen kenne.
Als Abschluss sehe ich es in dem Sinn, dass es jetzt draußen ist und ich nichts mehr daran machen kann. Schlussendlich habe ich mich riesig gefreut. Michael Hinreiner, der Tonmeister, und Manfred Eicher als Produzent sind so ein tolles Team.
Jetzt will ich einfach nur spielen, denn das Album live umzusetzen ist noch einmal etwas ganz anderes, und die Reaktionen in einem Raum voller Menschen zu erleben beflügelt mich. Insofern ist das Album ein Anfang, das Sprungbrett für die kommenden Konzerte.
Gibt es noch etwas auf dem Bass, das für dich nach wie vor unerforscht ist?
Ganz bestimmt. Es ist schwer in Worte zu fassen, doch wenn ich mich an mein Erlebnis jenes ersten Basstons erinnere, glaube ich, die Welt wäre eine völlig andere, wenn Kinder Bass statt Blockflöte lernen würden. Ich habe nichts gegen Blockflöten, aber wenn der ganze Körper vibriert, ist das etwas Besonderes. Ich versuche immer, in die Tiefe zu kommen und das mit wenig Aufwand klar nach außen zu bringen.
Es geht nicht darum, nur Subwoofer auf der Bühne zu haben, sondern vielleicht um das Training des eigenen Gehörs: Was höre ich da alles, und wie kann ich es nach außen bringen? Präparation ist ganz spannend, Technik auch, wobei ich das große Glück habe, mit ganz vielen Kulturen und Spielweisen in Berührung zu kommen. Wie gehen Oud-Spieler mit dem Plektrum um, was tun Flamenco-Gitarristen mit der rechten Hand? Es gibt noch viel zu forschen.
Falls ‚Convergence‘ eine Botschaft vermitteln soll, welche wäre das?
Mitgefühl, Hoffnung, Vertrauen. Der Titel hat für mich persönlich viele Bedeutungen, aber in den letzten Jahren gab es so viel Polarisierung. Diskurs und Respekt gehen verloren, man kann doch verschiedene Meinungen haben und trotzdem menschlich bleiben. Konvergenz anstelle dieser Polarität, langsam wieder zusammenzukommen, miteinander zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden, das wäre ein Traum.