Der 53-jährige Björler, der die meiste Zeit über gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jonas (Bass) Hauptsongwriter von At The Gates war, findet sich nun in der merkwürdigen Situation wider, neue Musik einer Band zu promoten, die in ihrer bekannten Form eigentlich Geschichte ist. Ein Gespräch über Handwerk und Kreativität in ungewissen Zeiten.
Als Gitarrist Anders Björler die von ihm mitbegründeten At The Gates 2017 verlässt, weil er die Leidenschaft für die Band verloren hat, nimmt diese die beiden Alben ‚To Drink From The Night Itself‘ und ‚The Nightmare Of Being‘ zusammen mit Jonas Stålhammar als Ersatz auf.
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Von ihm trennen sich die schwedischen Death-Metal-Pioniere 2022, woraufhin Björler zurückkehrt und man mit dem Komponieren für die nächste LP beginnt. Bald darauf wird bei Sänger Tomas „Tompa” Lindberg ein adenoid-zystisches Karzinom entdeckt, dessen Behandlung sich mit der Arbeit am Album überschneidet.
Lindberg singt alle seine Parts für ‚The Ghost Of A Future Dead‘ ein, ehe er im September 2025 infolge von Komplikationen während seiner Therapie stirbt. Die verbliebenen Musiker beschließen, das fertige Album zu veröffentlichen, doch an Weitermachen ist ohne den Frontmann nicht zu denken.
Anders, unser letztes Gespräch liegt 13 Jahre zurück. Damals meintest du, du seist zuerst Songwriter und dann Gitarrist. Würdest du das heute noch so unterschreiben?
Ja, ich bin noch derselbe Mensch und habe dieselben Einflüsse wie damals. Mir ist auch immer eindeutig bewusst, für welche Band oder zu welchem Zweck ich zu einem gegebenen Zeitpunkt komponiere. Ob man will oder nicht, man nimmt eine gewisse Grundhaltung ein, und auch wenn ich weiß, dass ich mich jetzt gerade auf At The Gates konzentriere, versuche ich, nichts zu erzwingen.
Was uns von Anfang an ausgezeichnet hat, war unser breites Spektrum an Einflüssen von klassischer Musik über Oper und Jazz bis zu verschrobenem Folk. Ich glaube, das hat uns auch immer von der Masse an Death-Metal-Bands abgehoben und dafür gesorgt, dass wir nicht immer rein nach Metal geklungen haben. Die Musik war stets sehr aggressiv und Metal-typisch, aber manche Melodien sind es nicht.
Gab es ein bestimmtes Ziel oder einen Rahmen, als ihr mit ‚The Ghost Of A Future Dead‘ begonnen habt? Tomas war für seine tiefgründigen Texte bekannt, die oft auch einem thematischen roten Faden folgten?
Wir haben uns eigentlich keine Vorgaben gemacht. Es ist kein Konzeptalbum, beruht aber wieder auf existenzialistischer Philosophie. Tomas war fasziniert von der Weite des Weltraums, daher gehen seine Texte etwas stärker in diese Richtung und sind gewohnt düster. Da ich zur Band zurückgekehrt war, äußerte Tomas den naheliegenden Wunsch, wieder ein bisschen in die Richtung unseres Klassikers ‚Slaughter Of The Soul‘ und unseres Comeback-Albums ‚At War With Reality‘ zu gehen.
Ich für meinen Teil hatte aber kein Interesse daran, das alte Material zu kopieren. Unser gemeinsamer Nenner waren dann direktere Songs, die schneller auf den Punkt kommen. Ich finde das Album etwas extremer als die letzten beiden; ‚The Nightmare Of Being‘ war eher progressiv.
Wie war es, nach deiner Auszeit wieder in die Band einzusteigen?
Wieder dabei zu sein und diese Energie zu spüren war sehr schön. Meine Freude daran, Musik zu schreiben, kehrte zurück und hat sich, glaube ich, auf die anderen in der Band übertragen. Ich bildete mich nach meinem Ausstieg weiter und habe heute einen Job im Finanzbereich. Meine Tätigkeit läuft zu 100 Prozent digital, weshalb ich von zu Hause oder auf Tour arbeiten kann, was natürlich sehr praktisch ist.
Während meiner Pause wurde mir klar, wie wichtig das Musikmachen für mich ist.
Wie würdest du deine Beziehung zu Leadgitarrist Martin Larsson beschreiben, und hat sie sich seit deiner Rückkehr verändert?
Überhaupt nicht, denn wir sind immer Freunde geblieben, wohnen in derselben Stadt und sehen uns regelmäßig. Das Songwriting lag in all den Jahren ohnehin meistens bei Jonas, Tomas und mir, während Martin immer sehr gute Ideen beisteuert und ein feines Händchen fürs Arrangieren hat. Dabei hat er eng mit unserem Drummer Adrian Erlandsson zusammengearbeitet.
Gibt es auf dem neuen Album ein bestimmtes Riff oder einen Part, der dir besonders viel bedeutet oder auf den du stolz bist?
Vielleicht der Mittelteil von ‚Parasitical Hive‘. Er ist nicht gerade typisch für At the Gates, sondern recht komplex, was ihn hervorstechen lässt.
Du hast ein breites Spektrum an Einflüssen erwähnt, darunter klassische Musik und Filmsoundtracks. Im Song ‚Interstellar Death‘ wird es gegen Ende fast sinfonisch, woher kommt das?
Das ist eines meiner Stücke. Mit dem Refrain haben wir uns ein bisschen schwergetan, denn ursprünglich sollte er in der Variation ganz am Ende überall im Song vorkommen, doch schließlich haben wir ihn für die ersten beiden Male aufs Wesentliche gekürzt und zum Schluss noch eine Melodie daruntergelegt.
Was klassische Musik angeht, ist Jonas vermutlich noch stärker von ihr beeinflusst, als ich es bin. Er steht insbesondere auf russische Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, die sehr finstere Werke mit vielen Dissonanzen und vertrackten Melodien geschrieben haben.
Wenn du für dich Gitarre spielst, greifst du dann auch zu klassischen Werken?
Tatsächlich habe ich früher ein wenig Barockmusik gespielt, als ich meine erste Akustikgitarre bekam. In meiner Anfangszeit als E-Gitarrist hatte ich das Instrument in jeder freien Minute in den Händen; ich spielte in meinem Zimmer und im Beisein meiner Eltern, schwänzte sogar die Schule dafür.
Jonas und ich haben irgendwann angefangen, uns genauer mit Musiktheorie zu befassen, viele Bücher ausgeliehen und alles Mögliche gelernt, darunter eben auch klassische Sachen. Richtig vertieft haben wir das nie, und Unterricht hat auch niemand von uns genommen, doch unsere Kenntnisse reichen aus, um uns zu verständigen, wenn wir gemeinsam Musik machen.
(Bild: Ester Segarra)
Du hast sowieso relativ spät mit dem Gitarrespielen begonnen, nicht wahr?
Ja, das stimmt. Ein Freund − Björn Munkner, der allererste Bassist von At The Gates − hatte eine E-Gitarre, auf der wir beide gespielt haben, das muss 1989 gewesen sein, als ich 16 war. Er hatte mehrere Metallica-Tabulaturbücher, aus denen wir Riffs lernten. Wir arbeiteten uns vollständig durch ‚Master Of Puppets‘ und ‚Ride The Lightning‘.
Als ich im Februar 1990 17 wurde, hatte ich genug Geld gespart und kaufte mir meine erste E-Gitarre. Tomas hatte ich erst im vorangegangenen Herbst kennengelernt, und er drängte Jonas, Björn und mich, eine Band zu gründen. Dieses Projekt hieß Infestation, und dann löste sich Tomas andere Band Grotesque auf, woraufhin wir uns mit Adrian und Alf Svensson zusammentaten. So entstanden At The Gates. Als es im Juni oder Juli 1990 so richtig losging, spielte ich erst vier Monaten Gitarre. Ich lernte aber schnell, weil ich mich eben ständig damit beschäftigte.
Bist du eher ein intuitiver oder ein analytischer Gitarrist?
Ich denke, ein intuitiver. Ich spiele mit einer Punkrock-Attitüde aus dem Bauch heraus und mache mir nicht viel aus der technischen Seite des Gitarrenspiels, Effekten und dergleichen. Im Idealfall stecke ich einfach eine Gitarre in einen Verstärker, und es klingt perfekt. Ich brauche auch nicht viele Pedale.
Als ich noch mit meinem Bruder bei The Haunted war, benutzte ich selten etwas anderes als einen Marshall Valvestate 8100 oder einen Peavey 5150; dazu hatte ich einen Fußschalter, sonst nichts. Gemutet habe ich mit dem Volume-Regler.
Du spielst Gitarren von unter anderem Caparison und Solar. Welches Setup hattest du im Studio für ‚The Ghost Of A Future Dead‘?
Wir haben zuerst Demos aufgenommen und sie ans Fascination Street Studio zu Jens Bogren geschickt, damit er sich vorab ein Bild machen konnte. Wenn ich zu Hause Demos anfertige, verwende ich Toontrack EZmix mit einer Marshall-Simulation, die wirklich gut klingt.
Im Studio haben wir dann irgendeinen Diezel-Amp und einen Mesa/Boogie Dual Rectifier miteinander kombiniert. Das ist also nichts Besonderes, sondern im Grunde gängiges Metal-Equipment. Das Geheimnis liegt in der Spielweise, der Ton kommt aus den Fingern. Ich spiele zwar sehr impulsiv, stelle aber gleichzeitig auch hohe Ansprüche an mich. Vor allem die Phrasierung muss genau meinen Vorstellungen entsprechen, die Sechzehntel müssen absolut tight sein.
Bild: Anders Björler
Diezel VH4 & Mesa/Boogie
Dual Rectifier
Bild: Anders Björler
Das neue Album
wurde in den
Fascination
Street Studios mit Audio Engineer Jens Bogren aufgenommen.
Du sollst eine ungewöhnliche Technik beim Spielen von Triolen haben, auf die dich Jeff Loomis von Nevermore hingewiesen hat.
Ja, mir war das gar nicht bewusst, ich kenne es nicht anders. Auch beim Wechsel zwischen den Saiten spiele ich Triolen konsequent mit Wechselschlag und beginne immer mit einem Upstroke. Das ist sehr minimalistisch und effizient, weshalb Jeff es sich von mir abgeschaut hat. Ihm fiel das auf, als er mich irgendwann einmal bei einem Soundcheck spielen sah.
Gibt es sonstige technische Aspekte deines Spiels, die du heute anders angehen würdest, wenn du neu anfangen könntest?
Ehrlich gesagt hätte ich während der ersten Monate gerne einen Lehrer gehabt. Das mit dem Upstroke ist bei mir verinnerlicht und ein Bestandteil meines Stils geworden. Sowohl was Theorie angeht − Noten lesen lernen − als auch spieltechnisch wäre ein Lehrer zu Beginn gut gewesen. Andererseits lässt sich natürlich auch sagen, dass ich ohne Lehrer einen einzigartigen Stil entwickeln konnte.
Hat sich deine Beziehung zur Gitarre mit dem Älterwerden verändert?
Oh ja, ich hatte schon einige Schwierigkeiten mit den Fingern – keine Arthritis, aber Schnappfinger, wogegen ich Spritzen bekommen habe. Mein Bruder musste sich sogar schon an einem Finger operieren lassen. Das Alter macht sich körperlich bemerkbar, was sich wiederum aufs Spielen auswirkt.
Das erste The-Haunted-Album wurde komplett mit Downstrokes eingespielt, das könnte ich heute auf keinen Fall mehr. Damals gab es einen Grund dafür, dass wir so spielten – wir hatten kein Alternate Picking geübt, sondern es wie die frühen Metallica oder Anthrax gehalten. So um die Jahrtausendwende herum brachte ich mir dann den Wechselschlag bei.
Davon abgesehen habe ich Rücken-, Schulter- und Handgelenkprobleme. Das ist alles nichts Ernstes, aber deutlich schlimmer als noch mit 20. Fakt ist, dass ich jetzt mit 53 nicht mehr alles spielen kann, was ich will, auch wenn man sich immer wieder anspornt und es trotzdem versucht. Ich frage Jonas oft, warum er so schwierige Sachen schreibt. Manche seiner Riffs muss ich einen Monat lang üben.
Ihr promotet jetzt dieses Album, und Konzerte stehen ohne Tomas außer Frage. Habt ihr schon darüber nachgedacht, was danach kommen könnte?
Nein, es ist noch zu früh. Was das Weitermachen betrifft, will ich aber nicht wieder den gleichen Fehler machen wie bei unserer Auflösung 1996, die wir für endgültig hielten. Im Augenblick konzentrieren wir uns darauf, das Album zu veröffentlichen und alles so zu regeln, wie Tompa es sich gewünscht hat.
Tribut-Shows für ihn wären irgendwann einmal denkbar, doch wir haben noch nicht über so etwas gesprochen. Einfach aufzuhören, Musik zu machen, halte ich für mich persönlich für unwahrscheinlich. Ich mache weiter, weiß aber noch nicht, in welcher Form.
Björlers Neural DSP Quad Cortex mit drei Preset-Sounds (Bild: Anders Björler)
Zum Abschluss: Wenn du dir aussuchen könntest, wie die Leute auf ‚The Ghost Of A Future Dead‘ reagieren, was würdest du dir wünschen?
Dass sie sich das Album aufmerksam anhören. Meiner Meinung nach fasst es die Geschichte von At The Gates hervorragend zusammen, weil es etwas aus jeder unserer Schaffensphasen enthält. Und ich glaube, es ist auch ein würdevolles Vermächtnis für Thomas.