In dieser Ausgabe geht es um die konkreten Parameter, die den Klang einer E-Gitarre bestimmen sollen. Die Physik kann hier viel leisten, bleibt aber, was die eigentliche Wesenheit der Klänge beschreibt, unvollständig. Im Klartext heißt das, dass man aus jeder noch so preisgünstigen E-Gitarre mit einem guten Setup und unter Beachtung bestimmter mechanischer Aufbereitungen ein sehr gutes Instrument machen kann.
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Der Kaufpreis spielt, im Gegensatz zu meinen Jugendjahren, kaum noch eine Rolle. Wenn alles funktioniert und die Gitarre gut eingestellt ist, wird sie für Rock’n’Roll auf jeden Fall taugen. Das Potenzial für die Abbildung bestimmter Klangfarben sollte man jedoch davon ausklammern.
Klangfarben sind wie Signaturen, etwa die Unterschrift eines Individuums, oder der Klang einer bestimmten menschlichen Stimme. Hermann von Helmholtz wusste das schon vor langer Zeit und berief sich in dieser Sparte seiner Forschung auf das sogenannte Fouriersche Theorem, wonach die Komplexität von Klangfarben praktisch unendlich groß sei.
Sie sind abhängig nicht nur vom Instrument selbst, sondern auch durch die Parameter sämtlicher angrenzender Wissenschaften wie zum Beispiel Akustik, Signalverarbeitung, Musikinformatik, Musikpsychologie und den auditorischen Neurowissenschaften.
Unser „Problem“ ist nun, all diese komplexen Parameter auf eine endliche Zahl an Aussagen oder Daten über Klänge zu reduzieren. Und das ist praktisch unmöglich. Komplexe Systeme lassen sich nur aus ihrer Gesamtheit verstehen. Auch gelten in diesen die so genannten „Wenn-Dann“-Theoreme mitunter nicht mehr. Ursache und Wirkung bleiben oft verschleiert.
Während der eine Pickup die Gitarre geradezu aufblühen lässt, bleibt der gleiche Pickup in einer anderen scheinbar wirkungslos.
„CUES“
Auf unserem Planeten leben etwa 8 Milliarden Menschen, und jeder von ihnen hat eine eigene Klangfarbe in der Stimme und einen eigenen Fingerabdruck. Wir kennen alle das Phänomen, dass man vertraute Stimmen am Telefon, und selbst dann, wenn das akustisch oft recht bescheiden klingt, wiedererkennt. Man kann auch noch bei Santanas Gitarre im schäbigen Küchenradio eine Gänsehaut bekommen.
Diese Vertrautheit ist eben der Schlüssel zu unserer Hörempfindung. Und genauso komplex wie die Klangfarbenvielfalt der menschlichen Stimmen ist vermutlich das Wesen unserer Empfindungen, wenn wir sie hören. Macht daher die Analyse von Klangfarben überhaupt noch einen Sinn?
Verantwortlich sind vermutlich gewisse „Cues“, die das Wesen auch auf der komplexesten Ebene noch wie ein Fingerabdruck abbilden. Das sind Eigenschaften, denen im Grunde auch eine unendliche Vielfalt von semantischen Attributen innewohnt. Es kommt eben darauf an, mit welcher Vorstellung man an ein Instrument herangeht.
Ich erlebe in meiner Werkstatt Kunden, denen geht es darum, dass eine E-Gitarre möglichst vielseitig einsetzbar ist. Jemand sucht vielleicht DIE EINE Gitarre, die zu ihm, seiner Musik und seiner Band passt. Ein anderer ist dagegen verliebt in den Sound seines Bridge-Pickups, intoniert darauf Blues-Licks mit seiner ganz eigenen, unnachahmlichen Stimme, obwohl die Gitarre vielleicht Deadspots hat, mittelmäßig intoniert und schlecht die Stimmung hält.
Da uns diese Cues so unendlich komplex begegnen, ist es praktisch unmöglich, die exakt gleiche Gitarre zweimal zu bauen. Wir können keineswegs so tief in die Anfangsbedingungen aller Bestandteile eintauchen, dass man sie bei der Wiederholung einer Konstruktion exakt nachbilden könnte.
Sie reichen praktisch hinunter bis auf Quantenebene. Und da herrscht bekanntlich Unschärfe per se. Und genau deshalb ist die „Physik der E-Gitarre“ nur eine Teilwissenschaft, aus der sich zwar viele nützliche Daten ableiten, aber nicht sämtliche Eigenschaften vollständig beschreiben lassen.
E-Gitarren sowie alle anderen Instrumente haben in diesem Sinne gar keinen Klang, sondern nur bestimmte Potenziale, die vielleicht nur geübte Spieler vollständig ausloten können. „It’s the singer, not the song“! Von der Qualität eines Pinsels lässt sich kaum auf die Qualität des Gemäldes schließen.
JEFF BECK
Hauptsache Linden-Body: Jeff Beck signiert sein Gitarren-Model für einen Fan 1998. (Bild: Udo Pipper)
Wieder fällt mir dazu ein Beispiel von meinem Besuch bei Jeff Beck ein. Er zeigte mir sein Musikzimmer, ein Raum, in dem er ein kleines Studio hatte und an der Wand hingen all seine Gitarren. Ich bestaunte vor allem eine alte, schwarze Gretsch Duo Jet, die direkt vor meiner Nase hing.
Ich fragte: „Wow, tolle Gitarre. Klingt sie gut?“ Beck lächelte und ging hinüber zu der Gitarre, hielt sein rechtes Ohr ganz nah daran und sagte: „Keine Ahnung! Ich höre nichts.“ Damit war alles gesagt.
Er beschrieb später seine Lieblings-Stratocaster als eine Art Herausforderung. „Ich möchte sie beherrschen, und sie hält mitunter dagegen, so, als wolle sie mich beherrschen. Aber nur so lange, bis ich sie durchschaut habe und austrickse.“
Man müsse das Tone-Poti immer etwas herunterdrehen, ebenso die Lautstärke, damit sie perfekt klingt. Da er wahnsinnig flache Saitenlagen bevorzugte, müsse man sie ganz vorsichtig anschlagen, damit man sie nicht überspielt: „Dann nämlich macht sie nur noch Pling-Pling“.
Bei Open-Air-Konzerten sei sie problematisch, weil dann der Lack in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit klebrig wird. Bei einer anderen Stratocaster zeigte er mir, dass er gerade mit Bodies experimentiere. Er hatte bei Fender ein Dutzend davon in allen möglichen Holzsorten bestellt und probiert.
Zum Schluss habe er einen Linden-Body favorisiert. Lag das nun an der Holzsorte oder an der (für uns unsichtbaren) Molekularstruktur dieses einen Bodies? Das wissen wir eben nicht, und war Jeff Beck auch ziemlich egal. Vielleicht gab ihm das Gewicht des Bodies auch nur ein gutes Gefühl.
MEHR ALS PHYSIK
Wie Professor Zollner beschreibt, ist es kaum möglich, in einem Blindtest einen Mahagoni-Body zweifelsfrei etwa von einem Swamp-Ash-Body zu unterscheiden. Aber genauso zweifelsfrei gibt es Näherungen, die sich bestimmten Holzsorten zuschreiben lassen.
Eindeutig bleibt das jedoch nie. Aber es gibt zumindest statistisch und für das geübte Ohr Allgemeinplätze. Und darauf spielen die Gitarrenbauer in der Supergain-Diskussion an. Natürlich lehrt die Erfahrung, dass unterschiedliche Hölzer bei der Konstruktion eine Rolle spielen.
Wir können aber auch niemals den „Body-Klang“ vom Gesamtkonstrukt isoliert betrachten. Und das gilt für jeden Baustein einer E-Gitarre. Erst in der Gesamtheit und der Wechselwirkung aller Bausteine untereinander entstehen die emergenten und unverkennbaren Klangfarben. Und die spezifischen Fähigkeiten des Künstlers müssen wir dann noch dazu addieren.
Alex Dovnar aus Minsk aka. Dr. Nitro taucht wie kaum ein anderer in die Klanggeheimnisse alter Les Pauls. (Bild: Udo Pipper)
Erst dann ist die Information für uns komplett. Und hier erreichen wir wirklich so etwas wie Unendlichkeit, manche nennen es sogar Lebendigkeit. Wir brauchen also keinen Gegenentwurf zur Physik der E-Gitarre, sondern nur eine Erweiterung in angrenzende Wissenschaften, um wirklich zu verstehen, was die Eigenschaften dieser Instrumente ausmachen.
Mit diesem Anliegen hatte ich bereits meinen Workshop 2017 auf dem Guitar Summit in Mannheim gehalten.
Wir sollten uns aber auch nicht täuschen lassen durch die Aufzählung von teils kontrafaktischen und dennoch oft bereits normativen Parametern, die sich nicht auf das Potential einer E-Gitarre herunterrechnen lassen. Und in diesem Bereich darf man durchaus streiten.
Bringt Aging etwas für den Klang? Ist der Lack wirklich wichtig? Was taugen so genannte Einschwingsysteme? Ist eine 59er Les Paul immer besser als eine Neue? Bringen dicke Saiten den dickeren Klang?
Diese Fragen sind allein deshalb so kritisch, weil sie sich kaum messen lassen. In diesem Sinne kann es auch sehr plakativ werden, denn die Hersteller wollen ja stets mit Alleinstellungsmerkmalen werben. Dann ist es eben „Masterbuilt“, eine „Limited Edition“, „Murphy-Lab-Approved“ und so weiter.
Nur, was soll uns das sagen? Das klingt dann schon mal etwas aberwitzig. Natürlich üben ganz bestimmte Instrumente eine gewisse Faszination auf uns aus, und der können wir uns oft nicht entziehen. Die Gründe dafür sind genauso unendlich, komplex und daher einzigartig, wie wir selbst einzigartig sind. Die Suche nach der perfekten E-Gitarre ist und bleibt eine Entsprechungs-Lehre.
Man verliebt sich in eine, oder eben nicht. Die Probleme beginnen immer dann, wenn die Vorstellung sich nicht mit dem Angebot in Einklang bringen lässt. Dann beginnt die ewige Suche …