Digital auf Augenhöhe?

Test: EVH 5150 Hypersonic 1×12 Combo

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(Bild: Dieter Stork)

Ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Gitarristen auf Röhrentechnik verzichten können, selbst wenn sie auf klassische Verstärker und Combos zurückgreifen wollen? Der EVH 5150 Hypersonic 1×12 Combo wagt diesen Schritt und präsentiert sich als ausgewachsener Combo-Verstärker mit entsprechendem Preisschild. Er hat den Anspruch, klanglich keine Kompromisse einzugehen. Wir versuchen uns an einer neutralen Alternative zur vermutlich erhitzten Diskussion am Musiker-Stammtisch.

Vor mir steht ein 50-Watt-Combo mit 1×12″ Bestückung im tolexbezogenen, bühnentauglichen Holzgehäuse. Der dreikanalige EVH 5150 Hypersonic 1×12 Combo ist in Schwarz und Elfenbein zu haben und bezieht sich äußerlich, bis auf das auf die Oberseite gewanderte Bedienfeld, deutlich auf den weiterhin verfügbaren EVH 5150 III 6L6 in der 1×12″-Combo-Version. Der große Unterschied: Es handelt sich um einen Verstärker mit digitaler Vorstufe und Class-D-Endstufe. Beim Anheben wird klar: Der Verzicht auf die Röhrentechnik, die grundsätzlich auch Übertrager und große Netzteile erfordert, hat das Gewicht beträchtlich von etwa 28 auf 17 kg gesenkt. Auf Rollen wurde deshalb verzichtet.

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SKEPSIS

Das oberste Bewertungskriterium eines Gitarrenverstärkers ist dessen Klang. Wie dieser letztlich entsteht und geformt wird, sollte hingegen bei der Bewertung eigentlich keine Rolle spielen.

Traditionell halten Gitarristen den Röhrensound in allen Ehren. Ein letztes gallisches Dorf, denn bei der Musikwiedergabe stören wir uns seit über 60 Jahren weder an Transistoren noch seit 1981 an der digitalen CD, die inzwischen sogar wieder verschwand und heute regelmäßig durch minderwertige Nachfolgeformate ersetzt wurde.

Zwar brachte uns das digitale Zeitalter bahnbrechende Entwicklungen, dennoch ist bei der Imitation eine gewisse Skepsis legitim: frühe Modeler trafen den Nagel noch nicht wirklich auf den Kopf. Dazu imitieren diese Geräte typischerweise den Klang aus der mikrofonierten Zuhörerperspektive. Hingegen liefert ein klassischer Vollverstärker oder Combo mit Box einen direkten Sound im Raum. Dieser Klang ist nun die Zielstellung unseres Testgeräts. Als irreführend empfinde ich die Bezeichnung 6L6 auf dem Gehäuse. Sie suggeriert mir Verfügbarkeit einer Röhrenendstufe, die eben nicht vorhanden ist. Das muss nicht sein!

Betrachtet man moderne Modeler, so verweisen diese bezüglich der Klangvielfalt die Röhrenkonkurrenz in die Ecke. Der dem Fender-Konzern zugehörige Hersteller EVH geht auch hier einen eigenen Weg und bleibt jenem Original treu, das im 100-Watt-Topteil-Format den Sound von Eddie Van Halen in seinen letzten Jahren definiert hat. Das nenne ich konsequent, denn eine derartige Beschränkung wäre tatsächlich nicht nötig, da der verbaute Signalprozessor auch völlig andere Sounds liefern könnte. Umgekehrt kennt man ähnliche Konzepte beispielsweise vom Boss Katana, allerdings nicht in der Preisklasse jenseits der eintausend Euro.

(Bild: Dieter Stork)

AUSSTATTUNG

Geboten werden die drei Kanäle Clean (grün), Crunch (blau) und Lead (rot). Jeder dieser Kanäle ist individuell in der Verzerrung, im Pegel und in der Klangfarbe über einen dreibandigen Equalizer regelbar. Aus Platzgründen teilen sich dabei die Kanäle 1 und 2 den Platz für die Bedienelemente. Sie sind dabei als sogenannte Doppelstockpotis ausgeführt – ein klarer Vorteil im Vergleich zum Röhrenmodell. Hinzu kommen für jeden Kanal durchsichtige Miniaturpotis, mit denen sich die Empfindlichkeit des integrierten Noise Gates justieren lässt.

(Bild: Dieter Stork)

Übergreifend gelten schließlich die Regler für die Intensität des integrierten Hall-Effekts sowie die Klangregelung der Endstufe (Presence und Resonance). Anders als im Röhrencombo gibt es hingegen keinen übergeordneten Pegelregler.

(Bild: Dieter Stork)

Auf der Rückseite finden sich der Schalter für die Stromversorgung sowie Mute-Schalter. Hinzu kommen ein Kopfhörerausgang, ein MIDI-Eingang, ein Fußschaltereingang, besagter serieller Effekt-Loop sowie ein symmetrischer XLR-Ausgang mit zuschalt- und regelbarer Lautsprechersimulation. Hinzu kommt eine USB-C-Buchse, die für Firmware-Updates genutzt werden kann.

Ergänzend gibt es einen Wahlschalter, der die Ausgangsleistung zwischen 50, 35, 25, 15, 5 und 1 Watt umschalten kann. Leise Pegel für den Heimbetrieb sind damit kein Problem.

(Bild: Dieter Stork)

Der mitgelieferte Fußschalter übernimmt mit fünf Tasten mitsamt farbiger Status-LEDs die Kanalauswahl sowie das Aktivieren/Deaktivieren des Nachhhalls und des seriellen Effektwegs. Er findet dankenswerterweise Anschluss über ein konventionelles Cat-5-Kabel – beiliegend in der bühnentauglichen Ethercon-Variante.

(Bild: Dieter Stork)

Leider merkt sich der Fußschalter nicht kanalabhängig, ob der Loop und Hall ein- oder ausgeschaltet sind. Alle fünf Funktionen lassen sich ebenfalls über MIDI-Controller adressieren. Über vordefinierte Programmwechselbefehle lassen sich zudem aber die gewünschten Kanäle einzeln aber auch gleichzeitig mit besagten Sonderfunktionen in einem Rutsch schalten.

LAUTSPRECHER UND BOXENSIMULATION

Im geschlossenen Gehäuse wurde ein 12″-Celestion-Treiber Typ EVH G12H Anniversary mit 30 Watt Leistung verbaut – das gleiche Modell wie im Röhrenmodell.

Bei Bedarf lässt sich dieser über die Mute-Schaltung deaktivieren. Ein Nachteil: Der Anschluss externer Boxen ist nicht vorgesehen.

Die digitale Boxensimulation arbeitet mit zwei umschaltbaren Impulsantworten. Sie liegt gleichermaßen an der im Pegel steuerbaren XLR-Buchse mit Ground-Lift-Funktion und am Kopfhörerausgang an. Bei Bedarf lässt sich die Simulation aber auch abschalten, um diese durch eine externe Lösung zu ersetzen.

Im Hinblick auf die Konkurrenz ist die Beschränkung auf zwei feste Impulsantworten sparsam. Dazu ist eine Möglichkeit, alternative Impulsantworten in die entsprechenden Slots laden zu können bislang nicht vorgesehen.

Praxis, Klang und mehr auf Seite 2

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