Im Interview

The Hives: Sauber & Schrill

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(Bild: PIAS)

Es gibt extrem nerdige Gitarristen – und es gibt Niklas Almqvist aka Nicholaus Arson: Er ist eine Urgewalt an den sechs Saiten, betrachtet sein Instrument jedoch als reines Handwerkszeug und findet nichts langweiliger, als groß darüber zu lamentieren. Die Ironie: Drückt man die richtigen Knöpfe, tut er genau das – wie beim Gitarre & Bass-Interview in Brüssel.

Der 48-jährige Schwede ist der ältere Bruder von Hives-Sänger Pelle Almqvist − und dessen exaktes Gegenteil: Ein eher ruhiger, sachlicher, introvertierter Typ, der sich gerne vornehm zurückhält. Dabei droht er auf der Bühne regelrecht zu explodieren: Da präsentiert er sich gerne als energetischer, kraftvoller Gitarrist, der den Sound der Hives mit seinen kantig-metallischen Riffs, seinem rasanten Tempo und seiner physischen Präsenz prägt.

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Das aktuelle Album der Band ‚The Hives Forever Forever The Hives’ ist eines der erfolgreichsten der Bandgeschichte – und erreichte sogar die Top-10 der deutschen Charts. Der Anlass für ein ausführliches Gespräch.

Nicholaus, als ich deinem Bruder Pelle erzählt habe, dass ich mit dir über Gitarren sprechen werde, hat er laut gelacht. Er meinte, das Interview solle ich doch besser mit ihm führen – wie meint er das bzw. warum sagt er das?

Oh, das stimmt. Und es liegt einfach daran, dass er der nerdige Typ in der Band ist – derjenige, der alles weiß. Also mit Ausnahme davon, wie man richtig singt. (lacht)

Wie kommt das?

Ich schätze, er ist ein verdammter Kontrollfreak und mischt sich einfach in alles ein. Also in alles, was irgendwelche Auswirkungen auf die Musik haben könnte und worauf er den Daumen haben möchte. Deshalb heißt es bei den Hives von Anfang an: Du kannst diese oder jene Saiten nicht benutzen, verwende besser diese Art von Plektrum, lass die Finger von dieser Gitarre, usw. Er hat zu allem eine Meinung und will, dass sie verbindlich und bindend ist. Er stellt also Gesetze und Regeln auf – nur nicht für sich selbst.

Und du hältst nicht dagegen – nach dem Motto: „Ich bin der Gitarrist und ich weiß, was ich tue?”

Doch – also zumindest dann, wenn mir klar ist, dass ich Recht habe. (lacht) Aber eben nicht, wenn etwas tatsächlich besser sein könnte; was vorkommt. Nur: Meinen Sound habe ich schon seit 25-30 Jahren nicht mehr groß geändert. Er ist eigentlich immer derselbe.

Warum?

Wenn du etwas hast, das gut ist, gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern. Dasselbe gilt für die meisten Bands, die wir mögen – wie die Ramones. Als sie gefunden hatten, wonach sie suchten, haben sie einfach damit weitergemacht. Als AC/DC wussten, was sie wollten, haben sie genauso reagiert. Für uns gilt dasselbe.

Nur: Pelle weiß definitiv mehr über Gitarren als ich. Ich meine, ich war mal weitaus fanatischer, aber als ich die Gitarre gefunden hatte, nach der ich lange gesucht habe – und die passenden Amps und alles andere – war ich halt glücklich damit. Ich brauchte mich nicht mehr groß damit beschäftigen. Außerdem habe ich seit Ewigkeiten denselben Roadie. Er kümmert sich um alles und repariert auch, wenn es nötig ist. Er sorgt dafür, das alles funktioniert und die Gitarren immer so klingen, wie mir das vorschwebt. Was will ich mehr?

Hand aufs Herz: Wie schwierig ist es im Garagenrock- und Punkrock-Metier, immer wieder mit etwas aufregend Anderem und Neuem aufzuwarten? Oder muss man einfach so resistent wie AC/DC oder die Ramones sein und sich nicht darum scheren?

Na ja, die Ramones sind ja auch mal schwach geworden. ‚End Of The Century’ ist zum Beispiel ein Album, für dessen Cover sie kein schwarzes Leder getragen haben. Dafür mussten sie damals wirklich heftige Kritik einstecken. (lacht) Genau wie Kiss mit ‚Lick It Up’.

Insofern: Alle weichen mal von ihrem Pfad ab – egal, wie hartnäckig sie ihn verfolgen. Und alle brauchen neue Herausforderungen. Aber deswegen habe ich doch nicht vor, etwas an meinem Gitarren-Sound zu verändern. Alles andere gerne, aber das nicht. Was jetzt nicht heißt, dass ich nur rumsitze und nichts tue. Ich konzentriere mich nur auf andere Dinge.

Und bislang verspürst du keine Notwendigkeit für etwas Neues?

Nicht, was meinen Gitarrensound betrifft. Deshalb experimentiere ich da auch nicht mehr. Früher war es zum Beispiel so, dass wir oft mit geliehenem Equipment aufgetreten sind und ich immer todunglücklich war. Heute fällt es mir auch viel leichter, meinen Sound zu finden.

Einfach, weil ich die nötigen Einstellungen quasi aus dem Effeff kenne: Ich weiß genau, wie viel Distortion ich brauche. Deswegen kann ich eigentlich direkt loslegen. Und das ist eine Sache, die mit der Zeit kommt – ein Erfahrungswert.

Worin besteht dein Setup? Was spielst du auf dem Album?

Eine Fender Custom Telecaster durch Fender-Amps. Etwa einen Vibrolux, das ist der, den ich momentan am häufigsten einsetze. Manchmal – je nachdem wo wir spielen – greife ich auch auf einen kleineren Amp zurück. Wie einen Princeton oder etwas in der Art. Sind wir aber im Studio und nehmen auf, sind es immer unterschiedliche Sachen. Einfach, weil dort mehrere Amps zur Verfügung stehen. Die probiere ich zumindest mal aus.

Nicks Fender Telecaster Custom (Bild: Wright)

Aber auf den letzten zwei Alben war es wirklich nur mein Standard-Setup. Bei unserem Debüt habe ich einfach die eine Gitarre verwendet, die ich damals besessen habe. Beim zweiten waren es dann sämtliche Modelle, die unser Produzent im Studio rumstehen hatte – wie eine Travis Bean. Danach habe ich nur noch meine Standard-Sachen eingesetzt.

Aus dem einfachen Grund, weil wir wollen, dass The Hives auch immer nach The Hives klingen – und nicht anders. Also stöpsele ich mich ein und lege los. Vigilante (Carlstroem, zweiter Gitarrist der Band, Anm. d. Red.) spielt seine Epiphone und ich die Fender Tele Custom – durch die Fender-Amps.

Das einzige, was ich auf diesem Album noch probiert habe, ist ein Standel-Custom-Amp, den ich in den 90ern für etwa 200 Euro gekauft habe. Den habe ich aktuell auch auf Tour dabei. Er hat einen schärferen Sound als die Fender-Teile. Also sehr schrill und sehr sauber. Sie werden oft für Pedal-Steel-Gitarren verwendet.

Bei den Hives kommen meistens Fender-Amps zum Einsatz (Bild: Wright)

Also passend zu deinem Sound, der ohnehin sehr trocken, schrill und sauber anmutet?

Ganz genau.

Verwendest du bewusst wenige Effekte?

Ich habe lediglich ein Fuzz-Pedal. Und zwar eines, das relativ neu ist. Also etwa 15 Jahre alt – so lange greife ich mittlerweile darauf zurück. Das andere, was bei mir immer zum Einsatz kommt, ist ein Digital Delay. Das war lange Zeit das einzige, was ich überhaupt hatte – um diese Art von „Rockabilly Slapback” zu erzielen. Außerdem besitze ich noch ein Auto-Wah, das nutze ich etwa fürs Intro von ‚Hate To Say I Told You So’.

Übersichtliches Pedalboard: Crowther Audio Prunes & Custard, Boss DD-3, AW-3 & BF-2 sowie Voodoo Lab Pedal Power 3 Plus, Peterson Strobo Stomp HD und Skrydstrup BF2M Buffer

Worin besteht die Faszination deines Klangbildes?

Weil es schon genug von dem anderen Zeug gibt. Als wir angefangen haben, hat jede Band einen Marshall JCM-800 verwendet. Das nächste große Ding war dann ein Peavey 5150, anschließend haben alle auf Mesa Boogies und solche Sachen geschwört. Eben jede Menge undynamische Distortion – in einem Ausmaß, dass es einfach nur langweilig war. Außerdem nimmt dieser Kram unglaublich viel Platz ein. Wenn man die fetten Gitarren ins Klangspektrum seiner Band einbauen wollte, ergab sich daraus ein echtes Problem.

Unser zweiter Gitarrist, Vigilante Carlstroem, hat zum Beispiel immer zur Midrange tendiert. In der jüngsten Vergangenheit hat das öfter mal gewechselt. Da war es mal mehr in der Mitte oder er hatte auch mehr Höhen – abhängig von den Gitarren, die er verwendet hat. Auf einem Album wie ‚Veni Vidi Vicious’ war er in der Mitte und ich hatte die Höhen.

Das ließ sich besser platzieren. Und ich weiß noch: Wir hatten mal einen Produzenten, der schon mit Jimmy Page gearbeitet hatte – und ich fragte ihn: „Wie bekommt Jimmy das Schlagzeug so fett?” Darauf er: „Nicht leicht. Du musst die Gitarren extrem dünn klingen lassen, um das hinzukriegen.” Das haben wir dann einfach übernommen. (lacht)

Im Ernst?

Ja, im Grunde konkurrieren alle Instrumente innerhalb des Frequenzspektrums miteinander. Und im Nachhinein bin ich baff, dass wir das schon damals erkannt haben. Ich schätze, wir haben einfach versucht, das so gut wie möglich hinzubekommen und die einzelnen Klänge zu platzieren, wo sie hingehören.

Denn es ist doch so: Wenn du eine Bluegrass-Truppe zusammenstellst, ist von vornherein klar, welche Instrumente da am Start sind: Eine Mandoline, ein Banjo, eine Gitarre und was-noch-immer. Da gibt es bestimmte Regeln. Und wenn es an die Soli geht, werden halt alle anderen Mikros geschlossen.

Es geht darum, dass die Instrumente einander komplementieren – und das gilt auch für eine Band mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im Sinne von: Es klingt gut, wenn man einander Platz lässt und da nicht irgendwelche Wettkämpfe austrägt. Ich selbst habe mich halt immer von scharfen Gitarrensounds angezogen gefühlt. Mein erster richtiger Gitarrenheld war nicht umsonst Angus Young.

Ein Meister der Riffs.

Unbedingt. Obwohl: Bei AC/DC ist er eher der Solo-Meister. Das ist sein Ding: Die langen Soli. Dafür greift er auf einen sehr schrillen Sound zurück. Es ist ein Gitarrensound, der sagt: „Hier bin ich – versteckt euch!” (lacht)

Und mein zweitliebster Gitarrist, den ich erst ein bisschen später entdeckt habe, ist Yngwie Malmsteen. Er ist ebenfalls sehr schrill. Wahrscheinlich stammt meine Vorliebe für diesen Gitarrensound nicht zuletzt von ihm. Denn als ich auf AC/DC abgefahren bin, war ich sehr jung – gerade mal sechs Jahre.

Aber bei Yngwie war es so, dass ich auch viele Interviews gelesen habe. Darin hat er Sachen erzählt, wie: „Es ist wichtig, einen Single-Coil-Pickup zu verwenden, weil die Humbucker Mist sind – es muss viel schriller klingen.” Und ich dachte: „Wow, das macht Sinn.”

Wie viel Equipment hat sich bei dir über die Jahre angesammelt?

Na ja, es ist entweder so, dass man Sachen behält oder sich von ihnen trennt. Was mich betrifft, habe ich mich schon früh in unserer Karriere entschieden, wirklich alles zu behalten. Also zumindest so lange, wie ich selbst in der Band aktiv bin. Was danach passiert, bleibt abzuwarten.

Vielleicht behalte ich es für immer, aber zumindest so lange, wie ich Mitglied der Hives bin. Einfach, um immer wieder auf einen bestimmten Sound, den ich auf einem Album benutzt habe, zurückgreifen zu können. Das halte ich für wichtig.

Gibt es eine Signature-Gitarre von den Hives?

Ja – eine. Sie stammt von einem Typen, der in unserer Heimatstadt Eishockey-Profi war und dann zum Gitarrenbauer wurde. Er ist etwa in meinem Alter und die erste elektrische Gitarre, die er je gebaut hat, war für mich. Das war ein Riesenspaß – eben das mit ihm zusammen zu planen und umzusetzen, denn wir haben viel rumexperimentiert und zig Sachen ausprobiert.

Ich benutze sie übrigens immer noch, wenn wir in den USA touren. Sie steht dort in einem Lagerhaus mit einer kompletten Ausgabe unseres Equipments – einfach, um nicht damit reisen und es nicht verschiffen zu müssen.

Insgesamt habe ich zwischen 10 und 15 Gitarren, aber nur zwei oder drei benutze ich wirklich im Studio wie auf der Bühne. Hinzu kommen ein paar akustische Modelle. Vigilante, unser zweiter Gitarrist, hatte mal einen eigenen Gitarrenladen. Deshalb hat er Trillionen von Gitarren – und Pelle war auch immer ein leidenschaftlicher Sammler. Das gilt für so ziemlich alle Jungs in der Band – außer für mich. Selbst Chris, der Drummer, hat mehr Gitarren als ich.

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)

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