Ein Rückblick auf das vergangene Musikjahr und ein Ausblick auf 2026

Udo Pippers Bestandsaufnahme: Musik ganz ohne Absicht …

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Profi, Super-Fan und Hobbyist zugleich: Joe Bonamassa (Bild: J.A. Dunbar/Shutterstock)

In sturer Tradition möchte ich auf das vergangene Jahr zurückblicken und natürlich auch einen Ausblick auf das Jahr 2026 wagen. Denn vieles, das mich seit der Corona-Pandemie und, regional bedingt, auch seit unserer Flutkatastrophe hier im Ahrtal umtreibt, sehe ich jetzt sehr viel klarer. 2025 war ein Jahr, in dem sich manche Dinge offenbar in feste Bahnen begeben haben. Auch in der Kunst.

DER GENERALUNTERNEHMER

Die vermeintlich große Gemeinschaft der Musiker hat sich in verschiedenen Lagern neu gefunden. Soll heißen, wenn man sich entscheidet, Musik zu machen, weiß man jetzt ziemlich genau, woran man ist.

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Vieles ist sehr viel schwieriger geworden. Es gibt weniger Gigs, und wenn, für nur geringe oder keine Gage. Das, was sich früher Musikindustrie nannte, reduziert sich nun auf einige wenige Streaminganbieter.

Musiker sind somit nun Generalunternehmer, die ihr Schaffen meist allein zu Hause vollziehen. Komponieren, aufnehmen, mischen, mastern, vertreiben und bewerben: Alles wird selbst gemacht. Das soll für mehr Unabhängigkeit und Demokratie sorgen, erzeugt aber auch einen enormen Content-Stau auf dem Markt. Allein bei Spotify werden täglich 85.000 neue Songs hochgeladen. Und selbst wenn man es schafft, in diesem riesigen Universum etwas Aufmerksamkeit zu erzeugen, verdient man damit nicht mal einen Apfel und ein Ei. Nur wer es auf Millionen oder Milliarden Aufrufe schafft, bekommt ein bisschen Geld, während die Streamingbetreiber unfassbar absahnen. Die Branche wächst, obwohl die Musiker selbst nichts davon merken.

Wohl wissend, wer die neue Zielgruppe ist, überschütten uns die Musikpädagogen, Studio-Coaches und Equipmenthersteller mit Tipps auf YouTube, Facebook und Instagram, wie wir besser werden oder unseren Aufnahmen den letzten Schliff geben. „Diese Skalen muss jeder können“, „dies und das machen alle falsch“ oder „die ultimative Vocalchain für noch schnelleres Arbeiten“ werden da im Minutentakt hochgeladen. Manches davon (zum Beispiel Rick Beato) ist recht interessant, aber vieles nervt auch. Denn da kommt schließlich keiner mehr mit. Statt Musik zu machen, schaut man plötzlich den ganzen Tag im Netz nach Tipps und Tricks, nur um festzustellen, dass man bisher offenbar hinter dem Mond gelebt hat, von nichts eine Ahnung und vielleicht tatsächlich alles falsch gemacht hat.

Der kleinste Fortschritt nach fleißigen Übungsstunden wird außerdem sofort zunichte gemacht von offenbar Zehnjährigen, die zwanzigmal so gut an der Gitarre sind, wie man selbst. Die Konkurrenz ist daher riesig, allein schon deshalb, weil sie ständig über alle Bildschirme fliegt. Was also kann man noch spielen oder komponieren, das ein „Alleinstellungsmerkmal“ erkennen lässt, das alle so eifrig suchen? Somit hat ein Startup „Rockmusiker“ die Insolvenzgarantie beinahe schon im Portfolio. Für alle, die es dennoch versuchen, ist es eben so, wie beim Lottospielen: „Man weiß ja nie. Es haben ja auch schon welche gewonnen.“

Erstmal mag das alles schlimm klingen. Ist es aber eigentlich gar nicht. Das hat mir das vergangene Jahr auch gezeigt. Es gibt da neue Gruppierungen, denen man sich anschließen kann, und die immer noch zahlreichen Musikern Erfüllung versprechen.

DER BEWAHRER

Die mittlerweile neunzehnjährige Newcomerin Grace Bowers schreit es auf ihrem neuen Song fast punkig und frech heraus: „Ist mir scheißegal, wenn ihr mich einen Bewahrer nennt. Dann bin ich das halt und es macht mir Spaß“. Auch der charmante Lockenkopf haut in der Regel jeden Tag ein paar Licks auf ihrer Gibson SG auf Instagram oder TikTok raus. Sie klampft wie Clapton bei Cream, Jimmy Page oder Joe Perry, und schöpft damit mit aller Inbrunst aus der Vergangenheit. Die Seventies erleben ja derzeit aus vielerlei Gründen ein lebendiges Revival. Somit zitiert sie, mehr als neu zu erfinden. Warum auch nicht? Schon vor 25 Jahren sagte mir Jeff Beck: „Ist sauschwer geworden. Ich weiß oft nicht, was man mit einer Stratocaster und einem Marshall noch machen soll. Es war ja alles schon da!“

In der so genannten Klassischen Musik ist das schließlich Programm. Dort spielt man meist nur Musik, die gut hundert bis dreihundert Jahre alt ist. It’s the singer, not the song! Es gibt eben Genres, die verdienen es, bewahrt zu werden.

Als ich mal vor vielen Jahren Ali Neander wieder traf, sagte er zu mir: „Na, machst Du da in der Eifel noch Musik?“ „Neeee“, gab ich zurück, „ich weiß auch ehrlich gesagt nicht genau, welche Musik ich noch spielen könnte. Ist ja alles schon da, und dann auch besser, als ich es je könnte.“

„Na, dann werd doch Bewahrer“, lächelte er zurück. „Spielst halt wieder Cream und Santana, wie in der Schülerband.“

Hat nichts gegen Bewahrer: Ali Neander (rechts, mit Thomas Blug). (Bild: Udo Pipper)

Damals hat mich das verwirrt. Aber heute finde ich das cool. Er hatte recht. Wer einen Beruf und ein Auskommen im Rücken hat, kann spielen, wozu er Lust hat. Und oft sind das die Klänge der einstigen Helden aus der Jugend.

In den Clubs in meiner Gegend spielen heute ausschließlich Coverbands, mal ist es AC/DC, mal Queen oder die Rolling Stones, und zum ersten Mal habe ich auch eine ABBA-Coverband gesehen. Die waren richtig gut. Nur wenn man dann auch die Outfits und die Frisuren bis ins letzte Detail kopieren möchte, kann’s schnell auch mal peinlich werden. The Analogues aus Holland sorgen mit ihren Beatles-Covers europaweit für Furore. Das sollte man mal gesehen haben. Umwerfend gut!

DER SUPER-FAN

Super-Fans waren eigentlich schon immer auf dem Plan, nur nahm man das vielleicht noch nicht so richtig wahr. Sie haben sich meist einem bestimmten Gitarren-Modell (zum Beispiel 1959 Vintage Gibson Les Paul), einer bestimmten Band, bestimmten Aufnahmeverfahren (nur analog mit Bandmaschine) oder generell der aufregenden Jugendzeit, in der die Haare noch lang waren und man über die Sommerfestivals reiste, verschrieben. Das müssen nicht einmal Musiker sein. Ich kenne Sammler, die ihre Instrumente nicht beherrschen. Auch Tonstudio-Betreiber oder Produzenten können manchmal selbst keinen Ton spielen (wie der berühmte Rick Rubin).

Der Super-Fan weiß offenbar alles über seine „Götter“, ist belesen, viel gereist und regelmäßiger Konzertbesucher, auch wenn es mal ein paar Euro mehr kostet. Die Rush-Konzerte 2026 kosten im Parkett (zwischen Bühne und Mischpult) sagenhafte 1.300 Dollar pro Ticket. Ich musste zweimal hinschauen, als ich das gelesen habe. Aber die Konzerte sind fast ausverkauft. Das gönnen sich nur Super-Fans, oder? Es gibt auch viele erfolgreiche Youtuber, die selbst Super-Fans sind. Rick Beato ist auch hier wieder das beste Beispiel. Seine Liebe und Leidenschaft zu bestimmten Werken oder Bands ist einfach ansteckend und mitreißend.

DER HOBBYIST

Da ich einen Beruf und ein Einkommen habe, zähle ich mich heute selbst zu dieser Gruppe. Hobbyisten sind meist schon sehr, sehr lange mit der Branche verbunden, haben vielleicht früher einmal selbst ein bisschen professionell Musik gemacht, und können es einfach nicht lassen, quasi mit einem Fuß in der Tür zu bleiben. Manche kommen auch erst nach langjähriger, beruflich- oder familienbedingter Pause zum Hobby zurück. Die kaufen Gitarren und Amps, neuerdings eben Digitales, weil es fürs kleine Homestudio leise und praktisch ist, treffen sich mit Freunden, fachsimpeln, spielen mal einen Song, vergleichen ihre Pedale und Gitarren, besuchen Messen und Workshops, basteln sich einen Amp oder tauschen Pickups.

Manche spielen wieder ein bisschen mit alten Weggefährten und verlustieren sich auf kleinen Gigs, auf Partys und Stadtfesten. Auch ein Musikprofi kann nebenbei noch Hobbyist sein, wie Joe Bonamassa, der seine Sammlung ständig ausbaut und alles, aber auch alles über Gitarren wissen möchte. Wie er selbst schon ankündigte, will er mit der Profi-Musik irgendwann aufhören und sich nur noch seinem Hobby widmen. Die Psychogramme der Hobbyisten sind vielfältig. Die meisten sind aber entspannt und ziehen wirklich wertvolle Momente aus ihrer Leidenschaft. Sie gehören auch zu den Optimisten dieser Szene. Sie machen Musik, ganz ohne Absichten …

Bleibt nun wirklich abzuwarten, inwieweit moderne KI-Systeme diese Gruppierungen wieder aufmischen oder eventuell sogar bereichern. Da will ich keine Prognose wagen. Nur für die Profis wird es wahrscheinlich immer schwerer, da jetzt auch Laien Hits produzieren können, einfach per Knopfdruck. Ob die Zukunft nun ganz den Algorithmen gehören wird oder doch den Neuschöpfern und Bewahrern, wird sich somit schon sehr bald zeigen. Und mit den Folgen werden wir uns auseinandersetzen müssen.

Alles Gute für euch im Musik-Jahr 2026!


(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)

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