Produkt: Gitarre & Bass 7/2019
Gitarre & Bass 7/2019
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Workshop

Slide Guitar: Tech Talk

Nach elf Folgen von Slide Guitar hast du hoffentlich den Einstieg in diese Spieltechnik geschafft und bist mit der E- und G-Stimmung einigermaßen vertraut. Da vermehrt Anfragen zur Equipment-Auswahl für den guten Slide-Gitarren-Ton kamen, gibt es diesmal ein paar Tipps und Gedanken zur technischen Seite der Slide- Gitarre.

(Bild: Martin Schmidt)

Der Slide

Slide-Röhrchen gibt es aus verschiedenen Materialien und in diversen Größen. Glas ist relativ leicht und gibt einen warmen, vollen Klang. Entscheidend ist die Wandstärke des Slide – ein dickerer Slide produziert tatsächlich einen volleren Ton. Die Delta- Blues-Musiker sägten wirklich ein Stück einer Wein-oder Bierflasche ab und glätteten die Enden. Wer es authentisch mag, kann das machen, sollte sich aber der Verletzungsgefahr durch nicht geglättete Glaskanten bewusst sein.

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Duane Allman benutzte ein Coricidin- Fläschchen, das ursprünglich Pillen gegen Husten und Bluthochdruck enthielt. Dieses oben geschlossene Slide-Röhrchen gibt es mittlerweile als Reissue von verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen Wandstärken. Ein Nachteil von Glas ist die Tatsache, dass es beim Herunterfallen zerbricht. Nimmt man gerne den Slide vom Finger, um reguläre Parts zu spielen, ist da Vorsicht geboten, wenn man den Slide aufs Pedalboard wirft.

Messing–Slides erzeugen einen schärferen, höhenreicheren Ton, sind dafür aber unzerstörbar. Manche Gitarristen schneiden einfach ein Stück eines Leitungsrohres ab und schleifen die Enden. Neben dieser Old-School-Methode gibt es natürlich fertige Modelle zu kaufen. Besonders günstige Messing-Slides sind recht dünn und klingen nicht ganz so voll, haben dafür nicht das hohe Gewicht der dickeren Modelle.

Keramik-Slides klingen etwas bedeckter im Ton, bieten aber ein gutes Spielgefühl, da die raue Keramik-Innenseite den Handschweiß gut absorbiert. Besonders der geschlossene Glas-Slide neigt in dieser Hinsicht zum Rutschen auf dem Finger. Was die Größe und Weite angeht, hängt diese zuerst von der Handgröße und Fingerdicke ab. Der Slide sollte nicht zu fest und nicht zu locker sitzen. Ich setze den Slide auf den kleinen Finger und bevorzuge einen Durchmesser, der dem Finger etwas Spielraum lässt, sodass man durch Strecken oder Krümmen den Druck auf die Saite variieren kann. Für Akkorde in offenen Stimmungen sollte der Slide alle sechs Saiten abdecken können. Für Single- Note-Linien auf den hohen drei Saiten kann man aber auch mit einem kurzen Slide arbeiten, der den übrigen Fingern mehr Bewegungsfreiheit für regulär gegriffene Gitarren- Parts lässt. Will Ray von den Hellecasters benutze für solche Kombinationen einen Slide-Ring von ca. 2 cm Länge, den er drehen konnte.

Messing-Slides in zwei Wandstärken (Bild: Martin Schmidt)

Gewicht und Material wirken sich auch auf das Sustain des Tons aus. Generell kann man sagen, dass ein Slide mit dickerer Wandstärke einen längeren Ausklang erzeugt. Spielt man eher schnelle Slide- Parts mit viel Gain, ist das nicht ganz so wichtig, für lange, gefühlvolle Melodien im Stil von Ry Cooders ‚Paris, Texas‘- Soundtrack allerdings schon. Ein schwerer Slide ermüdet allerdings auch schneller den Unterarm. Spielt man ein ganzes Set mit dem Slide, kann ein dickwandiger Messing-Slide zu Handgelenk- oder Unterarm-Schmerzen führen. Da hilft nur Ausprobieren um einen guten Kompromiss zwischen Ton und Spielkomfort zu finden.

Die Gitarre

Wer es ernst meint mit dem Slide-Gitarrenspiel, kommt um eine speziell für diese Technik präparierte Gitarre nicht herum. Die Saitenlage sollte deutlich höher sein als bei einem regulär gespielten Instrument. Auch ein etwas höherer Sattel vereinfacht das saubere Spiel in der Leersaiten- Position. Ich benutze eine 70er-Jahre Strat, bei der die E-Saite am 12. Bund einen Abstand von ca. 3mm zum Griffbrett hat. Wichtig ist auch, dass die Saiten alle denselben Abstand zum Griffbrett haben, damit der Slide auf alle Saiten den gleichen Druck ausübt und beim Akkordspiel nicht manche Töne unsauber klingen.

Das Modell der Gitarre ist dabei Geschmackssache. Southern-Rocker wie Warren Haynes, Duane Allman und Derek Trucks bevorzugen für ihren fetten Ton Gibson-Modelle wie die SG oder Les Paul. Johnny Winter schwor auf eine Firebird und Slide-Wizard Sonny Landreth nutzt eine Stratocaster. Wichtig ist, dass sich Frequenzgang der Gitarre und Slide-Ton ergänzen – auf einer etwas dumpfer klingenden Gibson kommt ein höhenreicher Messing-Slide für meinen Geschmack besser zur Geltung als auf dem schreienden Steg-Pickup einer Stratocaster. Viele Gitarristen nutzen aber auch Gitarren, die einen eher dünnen Ton haben und in Kombination mit dem Slide einen interessanten Ton produzieren.

Keramik-Slide, abgerockt (Bild: Martin Schmidt)

Danelectro oder andere Sixties-Einsteiger- Gitarren sind auf vielen Aufnahmen zu hören und bieten eine kostengünstige Möglichkeit, eine Extra-Slide-Gitarre zu erstehen. Was die Saitenstärke angeht, empfiehlt es sich, für Slide auf dickere Drähte zurückzugreifen. Da man die Töne nicht mit den Fingern greift, sondern mit dem Slide, empfehlen sich Sätze von .011 aufwärts. Gerade die hohen Saiten, G, H und E profitieren deutlich vom höheren Saitenzug und intonieren besser. Ich persönlich setze mittlerweile einen .012 Satz mit umwickelter G-Saite ein. Sonny Landreth vertraut auf die Stärke .013 bis .056. je nachdem, wie viele Nicht-Slide-Parts zu spielen sind, gilt es einen guten Kompromiss zu finden. Dicke Saiten mit hoher Saitenlage machen Slide-Parts komfortabel, aber bei Barré-Akkorden und anderen durchgehenden Rhythmusparts wirklich keinen Spaß – und irgendwann auch Schmerzen. Spielt man nur gelegentlich Slide-Parts, kann man eine niedrigere Saitenlage mit einem leichteren Slide kompensieren. Das geringere Gewicht verringert den Druck auf die Saiten, sodass man auch mit einer regulär eingestellten Gitarre ohne zu viele Nebengeräusche arbeiten kann. Jumbobünde, 009er-Saiten und Shredder-Einstellung würde ich trotzdem nicht empfehlen.

Light oder heavy? (Bild: Martin Schmidt)

Problematisch ist das Einsetzen unterschiedlicher Stimmungen auf der Bühne. Von einer offenen E- in eine offene G-Stimmung umzustimmen, verlangt Bandkollegen und Publikum eine Menge Toleranz und Geduld ab. Entweder bringt man also mehrere Instrumente in den benötigten Stimmungen mit, oder man versucht, die Stimmung mit dem Umstimmen einer Saite zu faken. G-Saite auf G# ergibt Open E auf den oberen Saiten, die hohe E-Saite auf D ein Open G-Tuning. Für die Nicht- Slide-Songs ist man dann schnell wieder im Standard-Tuning.

Amps & Pedale

Da es beim Slide-Spiel viel um Ton und Dynamik geht, ist ein leicht angecrunchter Sound oft die beste Wahl, da man so mit leichtem Anschlag fast clean spielen und bei härterer Gangart der rechten Hand mehr Gain und Dreck erzeugen kann. Ein weit aufgedrehter Fender-Amp oder ein moderates Overdrive-Pedal sind hier für mich die beste Wahl. Falls der aufgedrehte Amp zu laut ist, verwende ich gerne ein Lovepedal Cot 50 in Verbindung mit einem Fulltone Fulldrive oder Rockett Archer zum Boosten. Bei cleanen Sounds muss man mit geringerem Sustain leben, was man aber mit etwas Hall gut kompensieren kann. Viele Slide-Gitarristen setzen auch gerne einen Kompressor ein, der besonders auf den hohen Saiten dem Ton etwas mehr Ausdauer und Fülle verleiht, allerdings auch die Dynamik einschränkt. Passt meiner Meinung nach gut zu modern- rockigen Slideparts und weniger zu traditionellen Blues-Licks im Open-Tuning. Interessante Sounds kann man auch mit einem Delay produzieren. Ein langes Delay um die 400 ms mit drei bis vier Wiederholungen erzeugt die klassischen Space-Sounds von alten Hendrix und Pink Floyd-Platten. Ich bin aber auch ein großer Fan von Slide-Gitarre mit Slapback- Sound. Das leicht scheppernde Echo passt gut zur archaischen Sound-Charakteristik der Slide-Sounds und verleiht dem Ton etwas mehr Raum ohne wirklich nach Hall zu klingen.

Saitenlage 12. Bund (Bild: Martin Schmidt)

Wer sich abseits der Blues- und Rock-Pfade bewegen möchte, hat mit dem Slide auch die Möglichkeit Ambient-artige Klänge zu kreieren. Auf vielen Underground-Rock- Platten der Achtziger sind Slide-Sounds mit langem, surfartigem Hall zu hören, die viel Atmosphäre und flächenartigen Klang produzieren. Auch fiesere Verzerrer machen bei solchen Anwendungen eine gute Figur. Fuzz, großer Hall und ein langes Echo schaffen schnell eine sehr filmische Atmosphäre, in der man mit wenigen langen Noten große Wirkung erzielen kann und trotzdem den anderen Instrumenten und dem Gesang nicht im Wege steht. Kein Wunder, dass man solche Klänge oft in Soundtracks hört – von Ry Cooder bis zu Alexander Hacke und Jakob Ilja.

In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Experimentieren mit Slides, Gitarren, Effekten und Amps! Ab der nächsten Folge beschäftigen wir uns dann mit dem Slidespiel in der Standard-Stimmung. Anregungen, Wünsche und Kritik kannst du wie immer loswerden unter martin@the-incredible-mr-smith.com.


Aus Gitarre & Bass 02/2017

Produkt: Gitarre & Bass 5/2019
Gitarre & Bass 5/2019
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Kein Bock auf diese dumme Glasrotze… gibt es die auch aus Hackfleisch?

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  2. Glasrotze passt! Da Glas scheppert; das ist so weil Glas mitschwingt (Glasharp) und weil das dünne Zeug auf der Saite hüpft. Also lerne, Slide immer aus Metall und so schwer das es nicht hüpft. Sliden kann man auf fast jeder Gitarre nur auf Nylonsaiten nicht. Originell ist z.B Slide auf dem E-Bass, Akustisch geht nur 6-string wirklich gut es sei denn man ist Leo Kottke. Ich spiele Slide am liebsten auf meiner Resoking von H.B Metallsteg und Brücke aus Metall, dicke 13er Saiten Zerre aus dem Amp Delay und Hall, manchmal Chorus davor. Wer noch eins drauflegen will nutzt ein Wahwah.
    Probiert es aus.

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  3. Ich habe früher nur Messing-Bottlenecks benutzt, heute bevorzuge ich Dunlop 234 mit sehr dickwandigem Glass, 13er Drop-Down Tuning Saiten von DR auf der umgebauten E-Gitarre, auf open D gestimmt. Der Sattel muss dafür angepasst werden und natürlich der Saitenabstand vergrößert werden. Ebeno viel Spaß bereitet mir das Bottleneck-Spiel auf der Johnson-Dobro. Mit der Zeit findet man für sich das beste Material.

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