Konsum in schweren Zeiten

Parts Lounge: Verrückte Welt …

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Fender Masterbuilt-Stratocaster nur mit Wartezeit lieferbar (Bild: Udo Pipper)

Spätestens seit den letzten Wochen können wir auch in der Parts Lounge die schrecklichen Ereignisse auf der Welt nicht mehr ausblenden. Natürlich schauen wir zuerst auf den fürchterlichen Krieg in der Ukraine, die instabile politische Weltlage, die immer noch relevanten Corona-Infektionen und schließlich auch auf die drängenden Fragen zur Klima-Politik. Wer hätte gedacht, dass buchstäblich die ganze Welt derart heftig aus den Fugen geraten könnte? Nicht nur manche Fakten sind dabei extrem einschüchternd, sondern auch die enormen Verunsicherungen und Ängste. Worauf kann man sich noch verlassen? Und sicher fällt es mir schwer, all diese Ereignisse auf die Versorgungslage und den Konsum von uns Musikern herunterzurechnen. Aber das ist mein Job, denn schließlich ist die verrückte Weltlage auch längst bei uns Musikern angekommen …

Daher drängt sich zumindest der Versuch auf, die Situation nach zwei Jahren Pandemie und mehreren Wochen Krieg etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Natürlich muss eine solche Betrachtung vage und unvollständig bleiben, denn ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob meine Schreibe in den kommenden Wochen noch aktuell oder gültig ist. Die Weltlage ändert sich beinahe täglich und das mit teils ungeheurer Dynamik.

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DIE PANDEMIE

Vor etwa zwei Jahren rauschten wir völlig unvorbereitet in den ersten Lockdown. Plötzlich ging gar nichts mehr. Alles musste schließen, darunter Musikgeschäfte und natürlich sämtliche Auftrittsmöglichkeiten. Für Berufsmusiker die schiere Katastrophe. Kurzfristig half der Staat durch eine „Soforthilfe“-Zahlung aus. Aber das war nur für die kommenden drei Monate gerechnet. Wer konnte da ahnen, dass sich das so vehement hinzieht? Und schon bald verdichteten sich die Gerüchte, dass der Staat diese Zahlungen nur für Betriebsausgaben vorsah und den vermeintlichen Geldsegen schon bald wieder zurückverlangen würde. Welcher Musiker hat schon Betriebsausgaben?

Die plötzlich zur Verfügung stehende Zeit wurde genutzt, um „Corona“-Alben aufzunehmen. Auch ich hab eins gemacht, wahrscheinlich auch einfach aus Verzweiflung. Schon hierbei war es nötig, auch auf Kontakte weitgehend zu verzichten. Home-Studios wurden in Windeseile aufgerüstet, die Vernetzung der Musiker ebenfalls enorm verdichtet. Im Zentrum des Konsums standen daher bald DAWs (Digitale Audio Workstations), Mikrofone und Plug-Ins. Jeder, der konnte, investierte für die eigenen vier Wände. So mancher dachte, dass eine möglichst autarke Arbeitsweise den Lebensunterhalt oder zumindest die Aufmerksamkeit retten könnte. Es ging herbei keineswegs um Statussymbole, sondern um den schieren Überlebenskampf. Streaming-Konzerte wurden Ersatz für Live-Konzerte. Die Kulturwelt wurde damit endgültig ins Netz verbannt.

Die Gitarristen rüsteten sich somit auch für die teils widrigen Umstände für solche Arbeitsweisen. Nicht jeder verfügt über ein freistehendes Eigenheim mit schallgedämpften Studioräumen. Also musste ein Modeling-Amp her oder zumindest ein möglichst leiser Bedroom-Amp. Mit der Zeit galten 15 Watt als bereits „viel zu laut“, was ein 100-Watt-Topteil mit 4x12er-Box in vielen Musikgeschäften zu Ladenhütern machte. Gitarrenlehrer boten und bieten immer noch Online-Kurse an, sendungsbewusste Hobby-Musiker präsentieren sich derweil zu Tausenden in selbst produzierten YouTube- und Facebook-Videos.

Auch die Profis fanden sich bald gerahmt im bemühten Hobbyismus. Da sieht man dann Annie Lennox oder Lady Gaga zuhause am Klavier, alles natürlich mit iPhone-Sound, Joe Bonamassa klimpert auf einer neu erstandenen Gitarre und Keith Richards kündigt im gemütlichen Gartenstuhl die neue Stones-Tour an. Dazwischen Millionen von Hobby-Musikern, die ihre Lieblings-Licks präsentieren. Das war neu und natürlich schon verrückt genug.

KONSUM IN SCHWEREN ZEITEN

Während sich die zum Lockdown gezwungenen Musiker schon bald gar nichts mehr leisten konnten, begaben sich die betuchteren Hobbyisten auf die Suche nach Trostkäufen. Lockdown-Zeit wurde auch am Computer verbracht, um neue Spielzeuge zu finden. Schon bald erzielten Hersteller von Fußtretern und Zubehör jeglicher Couleur enorme Umsatzzuwächse. Man schaute auf YouTube das neue Demo-Video, klickte aufgrund der spontanen Begeisterung schnell mal den Kauf-Button und durfte sich dann zumindest auf eine kleine Abwechslung freuen.

Daneben stiegen die Preise von begehrten Fußtreter-Ikonen bald ins Unermessliche. Manche davon sind einfach nicht mehr verfügbar, andere verlangen aufgrund der enormen Nachfrage und einer mit der Pandemie einhergehenden Rohstoffknappheit schon mehrere Jahre Lieferzeit. Auf den begehrten King Of Tone von Analogman muss man indes schon etwa vier Jahre warten.

Vier Jahre Wartezeit: Analogman King Of Tone (Bild: Udo Pipper)

Auch die edleren Modelle von Gibson und Fender wurden bald Mangelware. Auf eine Fender Masterbuilt-Strat wartet man mittlerweile ebenfalls Jahre. Und dennoch werden sie gekauft. Auch Kunden rufen mich an, weil sie nicht mal einen Fender Champ oder einen Toneking-Verstärker erstehen können. Alles ausverkauft!

Mein Banker erklärte mir, dass die große Unsicherheit in der Welt und der aufkommende Negativ-Zins die betuchteren Kunden dazu treibt, „in schöne Dinge“ zu investieren: „Wenn das Geld nur rumliegt, wird es weniger, und kaum einer weiß, ob man es morgen noch ausgeben kann.“ Es ist schon total verrückt, dass gerade der (hoffentlich vorübergehende) Niedergang der Live-Kultur dazu führt, dass manche Instrumentenhersteller umso mehr verdienen.

Investor-Dreams: Preise für Pre-CBS-Strats steigen rasant (Bild: Udo Pipper)

VINTAGE EXPLODIERT …

Wie bereits erwähnt, wächst das Interesse der Käufer vor allem an nicht mehr erhältlichen Produkten. Und das auch, weil die Preise seit zwei Jahren so vehement steigen. Eine Pre-CBS-Stratocaster in manierlichem Zustand kostet bereits über 30.000 Euro. Ein Klon Centaur Pedal (gesehen auf www.reverb.com) schon manchmal über 8.000 Euro.

Gesehen auf Reverb.com: Klon Centaur Pedal für 8.000 Euro (Bild: Udo Pipper)

Vintage Les Pauls liegen gar bei knapp 300.000 Euro. Ein 50s Fender Tweed Deluxe Amp wird bereits für 7.000 Euro oder mehr angeboten. Ende unbekannt. Wen interessiert es noch, wie diese Teile klingen? Offenbar ist nur noch die zu erwartende Dividende interessant. Während der Pandemie sind die Preise für begehrte Vintage-Instrumente um bis zu 40 Prozent gestiegen. Und dieser Trend hält an. Da kommt keine Aktie mit …

59 Fender Tweed Deluxe für 7.000 Euro (Bild: Udo Pipper)

UND JETZT AUCH NOCH KRIEG …

Und während all dieser verrückten Zeiten bricht nun auch noch ein Krieg herein. Die Welt hält den Atem an. Und auch bei Musikern sitzt die Schockstarre offenbar tiefer denn je zuvor. Gerade durfte man sich noch über leichte Corona-Lockerungen freuen und damit auf die Aussicht auf Live-Konzerte im Frühjahr und Sommer. Jetzt verlieren offenbar sogar manche Vintage-Investoren die Lust. Krieg lähmt offenbar jeden.

Zudem zerrütten die Ereignisse die Weltwirtschaft. Täglich erreichen uns Nachrichten von heftigsten Sanktions-Maßnahmen, Materialknappheiten, enormen Verteuerungen von Produkten und Rohstoffen. Teile des Welthandels liegen bereits brach oder erfordern große Geduld bei Lieferketten. Verrückter geht es eigentlich nicht mehr. Musiker sehen sich nun auch moralisch im Konflikt. Kann man in diesen Zeiten überhaupt noch fröhlich Musik machen? Woher nimmt man noch die Lust auf gute Klänge und die Seele streichelnde Kultur? Man kann froh sein, wenn man noch eine Nacht durchschlafen kann.

Dennoch kommt der Krieg auch in kürzester Zeit bei uns Gitarristen an. Wo man hinhört, gibt es Verknappung. Wartezeiten auf bestimmte Instrumente dauern jetzt noch länger. Papier, bestimmte Metalle, Chips, Holz, Kabelmaterial, dazu immer noch Ausfälle durch mit Corona infizierte Mitarbeiter.

Anfang März sorgte Electro-Harmonix-Gründer Mike Matthews zusätzlich für eine bedrückende Nachricht. Russland habe nun seinerseits die Ausfuhr von Verstärkerröhren bis auf weiteres sanktioniert (mindestens für 2022). Matthews gehört in Russland eine der größten Röhrenfabriken der Welt. Dort werden Marken wie Sovtek, Svetlana, Electro-Harmonix, Tung-Sol, Mullard, SED und andere produziert. Von heute auf morgen war Schluss. Nix mehr! Diese Nachricht wurde kurze Zeit später revidiert, trotzdem habe ich bei einigen deutschen Vertrieben nachgefragt.

TAD-Chef Andreas Hecke gab an, dass die „Lage dramatischer nicht sein könnte“. Man habe ad hoc praktisch eine Verhundertfachung der Anfragen. Umso erschreckender ist diese Nachricht vor dem Hintergrund, dass mit Shuguang in China wohl durch einen gescheiterten Umzug und dem damit einhergehenden Personal-Abgang ein weiteres riesiges Werk schließen musste. Der Neuerrichtung der Produktionsstätte wurde seit nunmehr zwei Jahren die Genehmigung nicht erteilt, was vermutlich das Ende der Shuguang Electron Tube Factory bedeutet.

Vergleichsweise sicher kann sich der Weltmarkt noch beim relativ kleinen slovakischen Hersteller JJ bedienen. Dieses Werk kann aber nur 10 Prozent der Nachfrage decken und hatte schon vor dem Krieg aufgrund der Pandemie und der Rohstoffverknappung eine Wartezeit von etwa 20 Monaten.

Im Moment läuft der Weltmarkt in Sachen Verstärkerröhren also in einem sehr fragilen Notbetrieb. Das ist vielleicht für den einzelnen Gitarristen, der mal ein neues Endstufen-Pärchen für seinen Amp braucht, vorerst nicht wirklich dramatisch. Der bekommt aktuell noch welche in oft kleineren Stückzahlen oder auf dem Gebrauchtmarkt. Aber für große Hersteller wie Fender, Boogie, Marshall, Peavey, Vox, Bogner, Magnatone, Orange, Hiwatt und viele mehr, die täglich in ihren Produktionen tausende davon benötigen, ist das eine schwierige Situation. Hamsterkäufe sorgen nun dafür, dass auch die Lagerbestände der Glaskolben erheblich dezimiert werden.

Doch Andreas Hecke macht Mut. Man arbeite daran, die bereits etablierte TAD-Redbase-Serie auf gängige Röhrentypen zu erweitern, um weiter den Weltmarkt bedienen zu können. Neben der immer noch erhältlichen 6L6 und EL34 würde man in wenigen Monaten auch 6V6, EL84 und Doppeltrioden wie die ECC83 oder ECC81 aus eigener Produktion wieder anbieten.

Röhren-Nachwuchs in schwierigen Zeiten: TAD-Redbase-Serie (Bild: Tube Amp Doctor)

Umso irritierter war ich, als ich bereits in einigen Internetforen Reaktionen von Gitarristen dazu gelesen habe, die offenbar beruhigend auf solche Nachrichten eingehen wollten und schon das Ende des Röhrenverstärkers als „durchaus verkraftbare Entwicklung“ postulierten. Die Röhre sei eh überholt, und nun vollstrecke eben eine unschöne Entwicklung den lange überfälligen Todesstoß. Mal ehrlich: Ist uns jetzt alles egal? Natürlich gibt es für alles Alternativen. Aber Rock’n’Roll ohne Röhren-Amps? Für mich schlicht unvorstellbar, bei allem Respekt für Transistor- oder Modeling-Lösungen.

Die Folgen dieses fürchterlichen Krieges sind offenbar nicht absehbar. Der Welthandel steht Kopf und wird sich wohl oder übel in den nächsten Jahren wieder neu sortieren müssen. Zunächst hoffe ich jedoch einfach nur auf einen Waffenstillstand oder am besten gleich auf ein schnelles Ende dieses fürchterlichen Krieges.

In diesem Sinne …  Udo Pipper


(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022
Gitarre & Bass 5/2022
IM TEST: Zoom B6 +++ Framus Wolf Hoffmann WH-1+++ Valco FX KGB Fuzz, Bloodbuzz und Five-O +++ Sandberg California Central +++ Origin Effects Bassrig +++ Lava ME 2 Freeboost & ME 3 +++ One Control Strawberry Red +++ Fender Player Plus Meteora HH & Active Meteora Bass +++ Marshall 2525H & JVMC212 Black Snakeskin LTD

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Lieber Udo,da stimme ich dir voll und ganz zu! Es ist sehr richtig,momentan betrachtet scheint global alles irgendwie aus den Fugen geraten zu sein,und ein baldiges Ende ist wohl auch nicht abzusehen.

    Ich besitze selbst mehrere alte Vollröhren Combo Verstärker,und hoffe sehr daß ein notwendiger Röhrenwechsel noch möglichst lange in weiter Ferne bleibt.Benutze eh’ nur die niedrigste Wattzahl-Einstellung,nur Zimmerlautstärke,und den Masterregler (falls vorhanden) immer schön flach
    halten.Das geht ja auch.

    Wie sich derzeit doch vieles zu unserem Nachteil verändert.Aber es geht ja irgendwie immer weiter.Der Trend scheint zukünftig immer stärker in die exakte Zielrichtung gut bespielbarer und sehr solider reiner Akustikgitarren aus regionaler Manufaktur zu laufen.

    Die faktischen Vorteile liegen anscheinend auf der Hand,denn man benötigt für eine pure Akustikgitarre überhaupt keinen teuren Strom,ist transportbedingt durchaus sehr flexibel,braucht keinerlei bleischweres Equipment zu schleppen,und der natürlich erzeugte wunderbare Klang spielt sowieso in der ersten Liga.

    Eine Akustische wird dauerhaft bestimmt eine echte Option,bzw. Alternative bezüglich unkomplizierter Musikalität werden.

    Überrascht war ich jedoch nicht sonderlich darüber,daß derzeit so manche Hardwareteile für akustische Gitarren mittlerweile Mangelware sind.Akute
    Produktionsengpässe und damit verbundene Lieferschwierigkeiten sind u.a. wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine momentan an der traurigen Tagesordnung.

    Man kann nur sehr hoffen,daß dieser absolut sinnlose Krieg eiligst beendet wird,keine weitere Corona-Pandemie Mutante,-keine nachfolgenden Affenpocken,-sowie Erdbeben,Überflutungen,Tornados und verheerenden Waldbrände mehr vorherrschen,damit unser Nervenkostüm endlich mal wieder zur Ruhe kommen kann.

    In diesem Sinne….
    ….viel Spaß beim musizieren.

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    1. Das wird geil. Guns n Roses, Metallica, oder irgendeine Metal/Rock Band mit Akustik Gitarren im Stadion, natürlich ohne A-Verstärker, weil die würden ja teuren Strom benötigen… Ich würde mal sagen, bleiben wir realistisch 😉

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      1. Ja,geht schon klar,“ bleiben wir realistisch,und versuchen wir das Unmögliche“.Zitat: Che.

        Strom wird teurer,Gas wird teurer….
        Ich finde die Alternative zur reinen Akustikgitarre wirklich sehr gut!
        Viel besser,als gar keine Musik mehr zu machen! Metallica rein akustisch?— warum denn nicht? Das gab es bisher leider noch nicht.

        Aber, einige wenige Gitarristen und Musiker waren,und bleiben wohl auch zukünftig absolut schwierig und aufdringlich renitent.Ballernder Heavy Metal und Lärm der betäubt,war gestern,riesiges,bleischweres Amp
        -Equipment ist z.Zt. nicht mehr so angesagt,und Stadion-Rock lediglich nur noch für hochgradig Hörgeschädigte.

        Und zum Trost: spätestens im nahenden Herbst/Winter wird sehr wahrscheinlich schlußendlich die Zeit des Stadion-Rocks mit „Schnauzmaul-Nasenschutz“ und Mindestabstand/Impfungen wieder richtig aktuell werden.Geschweige denn Live-Events wieder total abgesagt und verboten werden.Das ist Fakt.Das wird dann wieder schön.
        Aber,die Prediger wissen ja stets immer im Voraus,daß die Corona-Pandemie weltweit längst vorbei ist.Träumt doch ruhig naiv weiter,und lasst die kreativen Akustikgitarren Musiker einfach mal spielen,wie es uns beliebt.
        Intoleranz scheint das Credo der Unbelehrbaren „Schwermetaller“ zu sein.
        Gute Nacht🌛 ihr „Schlauberger.“

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