Produkt: Gitarre & Bass 10/2019
Gitarre & Bass 10/2019
INTERVIEWS: Toto & ZFG – FAMILIENTREFFEN, The Allman Betts Band, In Extremo, Jared James Nichols, Nathan Navarro u.v.m. +++ TEST: Kemper Profiler Stage, Engl Savage 120 Mark II, Gretsch G5655TG Center Block Jr., Ibanez Fingerstyle-Collection, Reverend Rick Vito Soulshaker, Phil Jones Bass BP-800, Dingwall NG3 Combustion 5, Fender Vintera ’70s Telecaster Thinline & ’50s Precision Bass
Workshop

Parts Lounge: Alnico Speaker – Teil 2

Celestion Alnico Blue 15 Watt

Nachdem wir in der letzten Ausgabe die legendären Stärken der beiden berühmtesten Alnico-Lautsprecher Jensen P12Q und Celestion Silver Bulldog beleuchtet haben, widmen wir uns in dieser Folge verschiedenen Repliken, die diese Sounds aufgreifen sollen.

Die Vintage-Lautsprecher dienen dabei stets als Referenz. Vor allem hat mich dabei interessiert, wie stabil und zuverlässig die modernen Lautsprecher arbeiten. Mit einer Leistung von etwa 15 Watt sind die historischen Vorbilder nicht gerade Kraftpakete. Im 1×12-Betrieb bieten sie zwar überraschend viel Wirkungsgrad und damit Lautstärke, laufen aber stets Gefahr überlastet zu werden und durchzubrennen.

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Celestion Alnico Blue, Gold und Cream

Für das Celestion-Lager stehen dazu reichlich Probanden parat, die diesem Problem entgegenwirken sollen. Der sogenannte Alnico Blue ist das exakte Gegenstück zum alten Vorbild. Aber auch hier fällt die Leistung mit 15 Watt recht bescheiden aus. Dafür tönt dieser Lautsprecher nach ein paar Tagen Einspielphase wirklich sehr nahe am Original. Er klingt nur ein wenig spritziger in den Höhen und im Tiefton etwas wuchtiger und fetter, man könnte eben auch sagen „moderner“.

In einem Tweed Deluxe oder AC15 laufen diese Lautsprecher perfekt und sicher. Man muss sich auch keine Sorgen machen, wenn man gerne voll aufdreht. Das steckt der blaue Alnico mühelos weg.

Celestion Alnico Gold 50 Watt

Vor gut zehn Jahren präsentierte Celestion mit dem Alnico Gold eine 50 Watt starke Alternative, etwa für lautere Combos oder 1×12-Anwendungen. Diese Version musste für die erweiterte Leistung ein paar Alnico-Höhen einbüßen. Er spricht nicht ganz so feinfühlig an wie sein kleinerer Bruder und klingt insgesamt etwas dunkler und wärmer. Entscheidend sind solche Abweichungen aber nur im direkten Vergleich mit dem Alnico Blue. Tatsächlich klingt dieser Lautsprecher sogar etwas näher am historischen Vorbild, denn auch dieser Speaker hat – vielleicht aufgrund seines Alters – ein wärmeres Spektrum und einen etwas trägeren Antritt.

Celestion Alnico Cream 90 Watt

Vor gar nicht langer Zeit legte Celestion mit dem Alnico Cream noch eine Schippe drauf, denn dieser Speaker soll bis 90 Watt stabil bleiben. Dass dieser Wurf durchaus gelungen ist, zeigt mein Test. Der Speaker bleibt klanglich etwas wärmer, etwa gleichauf mit dem Alnico Gold, präsentiert aber eine etwas kompaktere Wiedergabe. Bässe und Höhen scheinen kontrollierter und bleiben damit bei höheren Lautstärken absolut kontrolliert. Damit empfiehlt sich diese Version sogar für kleinere Amps. Der Tweed Deluxe leidet beispielsweise nicht selten an einer Übertreibung in den oberen und unteren Registern bei maximalen Lautstärken. Der Alnico Cream sorgt dafür, dass der Sound dabei konturierter bleibt und schärfer abbildet. Nur im Antritt bei leiseren Tönen läuft dieser Speaker etwas langsamer als sein blauer Verwandter. Absolut erstaunlich ist die Stabilität dieses Lautsprechers, der sogar einem voll aufgedrehten Marshall JMP 50 oder JTM45 standhält. Und hier liegt vermutlich auch die Zielgruppe für dieses Produkt. Endlich kann man ganz zeitgemäß den geliebten 45-Watt-Amp an einem einzigen Alnico-Zwölfer betreiben und muss sich keine Sorgen machen, ob er das Ende des Gigs noch erlebt. Auch hier erinnern die etwas wärmeren Mitten noch mehr an den alten Silver Bulldog. Nur bei sehr leisen Passagen fehlt ihm die luftige Dynamik des alten Vorbilds.

Insgesamt kann man beobachten, dass die Celestion Alnicos mit steigender Leistung etwas Hochton-Sparkle und Ansprache verlieren. Wer es heavy mag, den könnten bisher die teils vorlauten „edgy“ Sparkle- Höhen beim Blue oder Gold gestört haben. Der Alnico Cream dagegen klingt obenrum bereits so zahm, dass er sich sogar für Heavy Metal-Sounds empfiehlt. Hier erinnert er etwas an den Celestion Vintage 30, allerdings mit etwas tieferen Mitten, einer angenehm schmatzigen Kompression und einer weitaus größeren Gefälligkeit im Hochton.

Tone Tubby Hempcone

Der anfängliche Hype um die knallroten Wunderlautsprecher mit der sagenhaften Hanf-Membran und einem Alnico Magnet aus Kalifornien scheint heute etwas verflogen. Eric Clapton, Billy Gibbons oder Carlos Santana waren vor gut 15 Jahren, als diese Lautsprecher in sämtlichen Testberichten in den Himmel gelobt wurden, zugkräftige Werbeträger. In unseren Breiten sind sie einfach weiterhin schwer zu finden und natürlich nach wie vor recht teuer.

Tone Tubby Alnico Red 50 Watt

Beworben wurden die Tone Tubbies einst als optimaler Ersatz für einen alten, eingespielten Celestion Blue oder Silver Alnico. Ihr Wirkungsgrad hinkt einem Celestion Blue deutlich hinterher und mit den sprichwörtlichen Sparkle-Höhen geizt der Hempcone schon in einem Maß, dass er hierzulande oft als matt beurteilt wurde. Er ist tatsächlich der leiseste Lautsprecher im Testfeld. Unwillkürlich greift man zum Volume-Poti an der Gitarre, um sich zu vergewissern, dass man auch wirklich voll aufgedreht hat.

Dennoch wollte ich diesem Speaker hier noch einmal eine faire Chance geben, und das war auch gut so. Denn er gefiel mir beim Test wieder deutlich besser als ich ihn in Erinnerung behalten hatte. Vielleicht verstehe ich das Design heute auch besser als vor 15 Jahren, als ich mir einige davon zugelegt hatte, die jedoch alle zugunsten anderer Lautsprecher weichen mussten. Seit jeher gelingt es amerikanischen Unternehmen nicht wirklich, den wahren Charakter britischer Klangkulturen zu kopieren. Vielleicht wollen sie das aber auch gar nicht. Mitunter sorgen die US-Vorlieben auch einfach nur dafür, dass man jenseits des großen Teichs anders hört. Egal ob Verstärker oder Lautsprecher, amerikanische Produkte besitzen ein hartnäckig abweichendes Mitten- und Hochtonspektrum als europäische.

Wo man dem alten Celestion Silver Bulldog diesen weltberühmten Bell-Tone bescheinigen möchte – ein Synonym für diesen typisch offenen und glitzernden Hochton – klingt der Tone Tubby eher gedeckelt und mehr nach Holz als nach Klangschale. Ein ganz ähnlich bedämpftes Höhenspektrum haben übrigens auch die alten Jensen Alnicos. Bis auf diesen kleinen Unterschied liegt sein Klang wirklich nahe am alten Vorbild. Er zeigt stets etwas mehr Kante und Härte und hat noch prägnantere Mitten als der alte Celestion. Die Textur einzelner Töne ist auch etwas körniger und kratziger. Er hat dadurch aber genau diese kehlige Resonanz wie man es etwa auf alten Neil-Young-Aufnahmen oder bei ZZ-Top hört. Das Opener-Riff von ‚Tush‘ etwa misslingt mit dem alten Celestion, mit dem Tone Tubby klingt es jedoch überaus überzeugend. Er passt auch besser zu einer in offener G-Stimmung präparierten Telecaster für so manches Rolling- Stones-Riff. Erst recht präsentiert er schnelle Chicken-Picking-Läufe viel akzentuierter als der Celestion. Da ist immer eine Spur mehr Schmutz und Knackigkeit im Ton, die offenbar nur dieser Speaker zu transportieren vermag.

Um diesen schon abgedroschenen Vergleich vielleicht noch ein allerletztes Mal zu bemühen, könnte man auch sagen, dass der Tone Tubby eben klingt wie ein alter Celestion Alnico, in den man diese typisch kalifornischen Dumble-Mitten gemischt hat. In manchen Passagen tönt dieser Lautsprecher sogar ein wenig nasal. Der hölzerne Charakter schafft aber auch Abhilfe bei einem müden Stratocaster-Ton mit diesen unerwünschten Fizzle-Höhen oder bei einem zu mulmigen Front-Pickup in einer Les Paul. Die Kontur verliert man mit diesem Lautsprecher nur selten. Der etwas müde Wirkungsgrad verführt sogar dazu, den Amp weiter aufzudrehen bis in einen Bereich, wo der Tone Tubby seine Stärken voll ausspielen kann.

Er liefert einen „raspy“ Crunch-Ton, der Billy-Gibbons- Fans oder Texas-Bluesern generell zur Ehre gereicht. Die 50 Watt Leistung merkt man ihm hier gar nicht an. Er zerrt sogar etwas früher als der deutlich schwächere Alnico Blue. Vermisst man bei der modernen Version des Blue vielleicht die Wärme oder die sprichwörtlich alte Rauheit, wird man bei diesem Lautsprecher fündig. Er taugt auch durchaus als Ersatz für einen verzweifelt nach einem alten Jensen Alnico Ausschau haltenden Musiker, der endlich mit seiner Strat den ‚Blue Jean Blues‘ so authentisch wie möglich nachstellen oder mit einem Tweed Deluxe im Rücken und einer Gretsch am Hals Rockabilly spielen möchte. Auch hier kommt er dem Musiker mit Leichtigkeit entgegen.

Vielleicht muss man sich ein paar Minuten an das Ausspielen dieser Charaktereigenschaften gewöhnen, dann kann es aber auch passieren, dass man von diesem Speaker einfach nicht mehr loskommt. Wichtig wäre hier noch zu erwähnen, dass der Tone Tubby erst nach einer längeren Einspielphase wirklich so klingt wie hier beschrieben. Die Hanf-Membran präsentiert sich frisch ausgepackt eher zickig und abweisend. Da sollte man mit seinem Urteil schon abwarten bis dieses Produkt im wahrsten Sinne „eingenudelt“ ist.

Beruhigend war für mich nach dieser Testphase die Tatsache, dass man bei allen Probanden für jeden Geschmack einen hervorragenden Alnico-Sound finden kann, ohne bei Ebay für schlapp gespielte Originale unnötig Geld zu verbrennen.

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2019)

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