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Hot Rod Mod: Marshall Guv’nor – Reparatur

Marshall Guv'nor(Bild: Marshall)

Mit dem Guv’nor gelang Marshall auf dem Pedalmarkt etwas, das die Firma bis dato nur im Amp-Bereich zu bieten hatte: ein echter Klassiker mit Kultstatus! Niemand Geringeres als Gary Moore soll mit seiner Les Paul, einem JTM 45 und eben einem Guv’nor-Verzerrer das Meisterwerk „Still Got The Blues“ eingespielt haben. Keine schlechte Referenz! Interessant ist die Entstehungsgeschichte des Verzerrers, die mehr mit den Marshall-Verstärkern zu tun hat, als man auf den ersten Blick sieht.

Marshall Guv'nor
Das Design des Guv’nors ist zumindest für heutige Augen ungewöhnlich. Die Potis sitzen hinten. Gut zu erkennen: die
abgebrochene Loop-Buchse meines Guv’nors.

der zerrer mit verstärker-genen

Der Guv’nor war zwar nicht Marshalls erstes Effektgerät, aber mit seinem Erfolg und dem Kult um ihn, legte er den Grundstein für die bis heute erfolgreiche Effektpedal-Serie der Briten. Und das, obwohl der Verzerrer nur von 1988 bis 1991 gebaut wurde. Die Ursprünge des Guv’nors reichen bis in die frühen 80er-Jahre zurück, als die JCM-800-Serie zum Inbegriff des Rock-Sounds wurde und der Marshall-Sound in Transistor-Technologie auf dem Markt eingeführt wurde.

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Ein unscheinbares kleines Produkt aus dieser Transistor-Sparte wurde zum Geburtshelfer des Guv’nors: Ein 12 Watt starker Micro-Stack – eher ein stylisches Wohnzimmer-Accessoire denn ein ernstzunehmender Gitarrenverstärker – bot den typischen rauen Marshall-Klang in so guter Qualität, dass einige Gitarristen das Topteil als Vorstufe für einen großen Verstärker missbrauchten. Selbst namhafte Profis integrierten den Winzling in die damals sehr populären Racksysteme.

Der nächste Schritt lag also auf der Hand: Jim Marshall steckte die Vorstufe des Micro-Stacks in ein Fußpedal und gab ihm seinen persönlichen Spitznamen „Guv’nor“ mit auf den Weg. Die ursprüngliche Konzeption als Verstärker macht den Guv’nor außerordentlich flexibel. Von Clean-Boost über Crunch bis knapp an den Hi-Gain-Bereich ist eigentlich alles möglich. Den typischen Marshall-Sound erreicht das Pedal durch die Nutzung von LEDs als Clipping-Dioden – das gab es vorher noch nicht. Populäre Konkurrenten wie Tubescreamer, Rat oder MXR Distortion Plus nutzen fast alle Siliziumdioden.

Die Flexibilität wird von der für einen Verzerrer ziemlich umfangreichen Klangregelung, die der Guv’nor als vollwertige Verstärkervorstufe mitbrachte, noch unterstützt. Auch einen „Loop“, der es erlaubt, ein oder mehrere Effektgeräte in den Guv’- nor einzuschleifen und gleichzeitig mit seinem Fußschalter zu aktivieren, war damals eine neue Idee, die der Guv’nor vom Micro-Stack geerbt hat.

klanglich top aber …

Das Design des Pedals erinnert eher an einen Fußschalter zum Kanalwechsel als an ein Effektpedal. Die Potis sitzen hinten an dem großen pultförmig abgeschrägten Gehäuse, wo sie zwar vor bösartigen Tritten geschützt, aber auch schlecht abzulesen sind. Der Fußschalter funktioniert als True Bypass. Allerdings nur auf zwei Ebenen, eine für den Ausgang, die andere für die LED. Der Eingang hängt immer im Signalweg. Klanglich transportiert der Guv’- nor die britische Rauheit mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und erfreulich direkt – als wäre man nah dran.

Er hat im positiven Sinne Ecken und Kanten, an denen sich das Ohr festbeißen kann. Er ist kein Schönfärber für Wohnzimmer-Sounds, sondern ein Teamplayer, der im Bandkontext die Frequenzlücken der Gitarre geschickt nutzt, um sich durchzusetzen. 1991 wurde der Guv’nor durch den Drive Master ersetzt, der wiederum 1998 dem bis heute erhältlichen Guv’nor Plus weichen musste. Während der Drive Master eine nahezu unveränderte Guv’nor-Schaltung hatte, war der Guv’nor Plus eine Neukonzeption, die auch erkennbar anders klingt.

Marshall Guv'nor
Der Enkel trägt zwar den gleichen Namen, klingt aber anders. (Bild: Marshall)

Den ursprünglichen Guv’nor-Sound findet man daher eher im Boutique-Bereich, wo das Kultpedal einige Enkel hat. Der Wampler Plextortion z. B. ist ein leicht modifizierter Guv’nor und auch der MI Audio Crunch Master und der Tonefreak Severe tragen noch Guv’nor-Gene in ihren Schaltungen. Das Schaltungskonzept funktioniert halt auch heute noch ganz wunderbar als Basis für heiße Marshall-Sounds.

Marshall Guv'nor
Die dezentere Weiterentwicklung findet man im Boutique-Bereich. Der Wampler Plextortion beruht auf dem Guv’nor. (Bild: Jason Wilding / Wampler Pedals)

Leider hat der erste Guv’nor nicht nur positive Eigenschaften in die Wiege gelegt bekommen. Er leidet, wie viele Marshall-Produkte dieser Zeit, an Potis, die zum Kratzen neigen. Meist kann eine Reinigung mit Kontaktspray aber noch Abhilfe schaffen. Falls nicht, müssen die Potis ersetzt werden. Das ist kein Hexenwerk und ist dank des einfachen Aufbaus und der großzügigen Dimensionen des Pedals leicht zu erledigen.

Ein zweites etwas schwach dimensioniertes Bauteil sind die Buchsen, die gerne brechen. So ist auch bei meinem Gerät die Loop-Buchse abgebrochen. Darum wollte ich mich schon immer mal kümmern, allerdings möchte ich die Buchse nur auslöten und nicht ersetzen. Den Loop habe ich noch nie verwendet und die Buchsenbohrung möchte ich lieber für die Montage eines Schalters nutzen, mit dem ich eine Mod schalten kann. Dazu kommen wir dann in der nächsten Folge. Jetzt geht es erst mal um die notwendigsten Sofortmaßnahmen: also die Reinigung der Potis und die Demontage der Loop-Buchse.

altenpflege

Um die altersbedingten Gebrauchsspuren zu beseitigen, muss das Pedal natürlich zerlegt werden. Das beginnt mit dem Lösen der vier Bodenschrauben. Die kurzen Blechschrauben sind ein weiterer Beleg für die eher rustikale Verarbeitung des Pedals. Beim Demontieren ist das noch egal, aber beim Zusammenbau nerven solche Schrauben ziemlich. Mit zu wenig Geduld und zu viel Gewalt hat man hier ganz schnell das Gewinde zerstört.

Marshall Guv'nor
Der Guv’nor von Innen: Oben die Platine mit den Buchsen, unten die Hauptplatine

Nach Abnehmen des Unterteils findet man innen zwei Platinen, die aber noch nicht demontiert werden. Zum Auslöten der Loop-Buchse ist es nämlich gut, wenn die Platine noch fest sitzt – auf fester Grundlage lötet es sich leichter. Das Auslöten erfolgt mithilfe einer Entlötpumpe. Die einzelnen Beinchen der Buchse werden mit dem Lötkolben erhitzt. Dann wird die vorgespannte Pumpe über die Lötstelle geführt und per Knopfdruck gelöst. Die ruckartige Entspannung sorgt für einen Unterdruck, der das Lötzinn in die Pumpe einsaugt.

Marshall Guv'nor

Den Vorgang wird man in der Regel mehrmals wiederholen, bis die Beinchen vom Lot befreit sind. Ein sanfter seitlicher Druck mit dem Schraubenzieher auf die Beinchen zeigt, ob die Verbindung schon gelöst ist und hilft ggf. auch etwas nach. Insgesamt funktioniert das Auslöten recht unproblematisch, obwohl die Buchse mit neun (!) Lötpunkten auf der Platine befestigt ist.

Ersatz für die Buchse findet man z. B. bei Tube Amp Doctor. Die „Fender Style Stereo Buchse mit Schalter“ (Artikelnummer FBST-FL-2) für üppige 4,70 Euro passt auch in den Guv’nor.

Marshall Guv'nor
Eine Kopfhörerbuchse für Fender-Verstärker passt auch im Guv’nor. (Bild: Tube Amp Doctor)

Wenn die Buchse draußen bleiben soll, muss noch eine Drahtbrücke zwischen den oberen rechten Lötpunkten der Buchsenbohrung gesetzt werden. Der Draht übernimmt den Job der Schaltbuchse und leitet das Signal weiter. Die restlichen Punkte bleiben frei.

Marshall Guv'nor
Nach dem Auslöten der Loop-Buchse muss noch eine kleine Drahtbrücke gelötet werden.

Jetzt kann die obere Platine durch Entfernen der Buchsenschrauben gelöst und die Buchse mit ggf. sanftem Hebeln entnommen werden. Die untere Platine muss nicht unbedingt raus, um den zweiten Reparaturauftrag zu erfüllen. Für die Kontaktspray-Behandlung kommt man auch bei montierter Platine ausreichend gut an die Gehäuseöffnungen der Potis heran. Ich empfehle hier das gute Deoxit D5 von Caig-Laboratories. Das Spray wird sparsam in die Öffnungen der Potis gesprüht. Danach die Potis drehen und den Vorgang wiederholen. In der Regel werden sich die Potis jetzt deutlich leichter drehen lassen und (hoffentlich) nicht mehr kratzen. Das überflüssige Kriechöl sollte noch mit einem Tuch abgewischt werden.

Marshall Guv'nor
Nach dem Absaugen des Lots kann die kaputte Buchse mehr oder weniger leicht entnommen werden. Meist ist noch zartes Hebeln notwendig.

In der nächsten Ausgabe schauen wir dann nach Mods für den Guv’nor.

Marshall Guv'nor
Auch die Potis meines Drivemasters funktionieren nach der Deoxit-Reinigung wieder einwandfrei.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2019)

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