Teil 9

Homerecording: Stereoverfahren

Stereomikrofonie ist wie Sauerteigbrot: Man nehme einfache Zutaten, investiere etwas Zeit und Arbeit, natürlich mit dem nötigen Know-how, und heraus kommt (meistens) etwas gaaaanz leckeres. Ist nur die Frage, welches Rezept man versuchen soll. Deshalb möchte ich zum Abschluss der Mikrofon-Reihe noch einen Crashkurs zu diesem schönen Thema abliefern. Hierzu stelle ich eine kleine Auswahl bewährter Verfahren vor, wovon die meisten wie gesagt mit relativ einfachen Mitteln „nachzubauen“ sind.

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Stereoverfahren sind universell zu gebrauchen, z. B. zum Einfangen des natürlichen Raumklangs oder für standesgemäße Aufnahmen komplex abstrahlender Instrumente (Schlagzeug, Flügel, Akustik-Gitarre, Alphorn …). Oft nimmt man jedoch beides gleichzeitig auf, bei guten Räumen meist gewollt, umgekehrt aber auch manchmal nicht zu vermeiden. Dabei gibt es jedoch je nach Stereoverfahren, der dabei vorgegebenen Richtcharakteristik der involvierten Mikrofone sowie des Abstands zur Schallquelle noch einigen Spielraum, um das kritische Verhältnis zwischen Direkt- und Raumklang sowie die Stereobreite des Instruments nach den eigenen Vorstellungen abzustimmen.

D. h. für einen trockeneren Klang wählt man eher ein Verfahren mit gerichteten Mikrofonen und/oder verkürzt den Abstand zur Schallquelle. Des Weiteren sind bei kleineren Instrumenten (z. B. unsere Gitarre) eher Aufstellungen mit kleinem Mikrofonabstand und nicht zu großem Öffnungswinkel angebracht, da sonst leicht eine einseitig dominante Aufnahme entstehen kann. Ein Maßstab für die Wahl der Variablen ist die Realitätstreue, welche bei „Solo“ oder Konzertaufnahmen jedoch eher gefragt ist als bei „Band“-Arrangements.

Die wichtigste Zutat sind selbstredend die Mikrofone, zwei an der Zahl. Hierfür verwendet man in der Regel gute Kondensator-Mikrofone, und dabei in den meisten Fällen Kleinmembrane, um die Neutralität zu wahren. Prinzipiell kann man jedoch alle Mikrofontypen nehmen. Wenn man ein gutklingendes Mikro-Pärchen besitzt: Ab dafür! Dabei wäre ein „matched pair“, also ein selektiertes Zweier-Set mit möglichst identischem Frequenzgang, empfehlenswert.

Neben den Mikrofonen ist eine sogenannte Stereoschiene praktisch, sodass man mit nur einem Mikrofonstativ die erforderlichen Winkel und Abstände der meisten Verfahren bequem einstellen kann. Man unterscheidet drei grundlegende Arten von Stereoverfahren:

Intensitäts-Stereofonie

Diese beruht auf unterschiedlichen Pegeln beider Kanäle bei gleicher Phasenlage. Hierbei werden die beiden Mikrofonkapseln mit unterschiedlicher Ausrichtung in unmittelbarer Nähe zueinander angebracht. Hauptmerkmale sind eine gute Richtungsabbildung und Mono-Kompatibilität bei etwas geringerer Räumlichkeitsabbildung. Die zwei gängigsten Vertreter sind:

XY

Zwei gerichtete Mikrofone (Niere, Superniere …) werden mit der Kapsel unmittelbar übereinander positioniert und gegeneinander angewinkelt. Damit der aufgenommene Pegel über den Öffnungsbereich nahezu gleichbleibend ist, variiert der Öffnungswinkel je nach Richtcharakteristik: Niere=131°, Superniere=115°, Hyperniere=105°.

MS (= Mitte/Seite)

Bei diesem besonderen Stereoverfahren werden die Kapseln ebenfalls übereinander montiert, jedoch haben sie verschiedene Richtcharakteristika. Im Normalfall wird eine Kugel für das Mitten-(/Mono-)Signal und eine dazu quer liegende Acht für das Seitensignal verwendet. Für die Wiedergabe über „normal“ angeordnete Lautsprecher müssen die Signale allerdings erst per Summen- und Differenzbildung in ein XY-Stereosignal umgewandelt werden. Die genaue Matrixschaltung erspare ich mir an dieser Stelle, praktischerweise bieten aber die meisten Sequenzer ein Plug-In, welches diese Aufgabe für einen erledigt.

Da dieses Verfahren ein abgestimmtes Pärchen mit unterschiedlicher Richtwirkung erfordert, fällt es für alle, die nicht um jeden Preis MS praktizieren wollen, vermutlich flach.

Laufzeitstereofonie

Hier wird die Schalllokalisation durch Verzögerungen (Laufzeiten) zwischen den beiden Kanälen erreicht. Dazu gibt es verschiedene Verfahren, bei welchen zwei identische Mikrofone in einigem Abstand voneinander (17-200 cm) parallel aufgestellt werden. Je größer der Mikrofonabstand desto beeindruckender die Räumlichkeit, jedoch bei undifferenzierter werdender Richtungsabbildung. Dabei sollte der Mikroabstand auch in Abhängigkeit vom Abstand zur Schallquelle und dessen Größe dimensioniert werden (ausprobieren!).

Eine einfache Monosummierung beider Kanäle kann zu einem mehr oder weniger starken Kammfiltereffekt führen.

AB mit Druckempfängern (Kugel)

Bei dieser für Klassikaufnahmen am häufigsten favorisierten Technik kommen die hervorragenden Eigenschaften von KondensatorDruckempfängern zum tragen. Man unterscheidet zwischen „Klein-AB“ (Mikrofonabstand entspricht Ohrabstand, d. h. ca.17 cm) und „Groß-AB“ (größer!, oft ca. 1 m, teilweise aber noch größer wenn man sich traut … ).

AB mit Gradientenempfängern

Man kann auch gerichtete Mikrofone für die AB-Anordnung verwenden (N, SN,…). Sogar Bändchenmikrofone mit Achter-Charakteristik sind denkbar und eine empfehlenswerte Alternative z. B. für E-Gitarrenoder Schlagzeugaufnahmen. Wichtig ist hierbei die absolut parallele Aufstellung beider Mikros, um sicherzustellen, dass die Schallwellen einer Quelle im gleichen Winkel und somit mit möglichst gleichem Pegel auf die Kapseln treffen.

Äquivalenz-Stereofonie

Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Intensitäts- und Laufzeitstereofonie. Ähnlich wie bei unserem Gehör werden sowohl Laufzeit- als auch Pegeldifferenzen für die räumliche Abbildung verwertet. Somit sind eine gute Räumlichkeits- und Richtungsabbildung zu erwarten. Tatsächlich lassen sich die Ergebnisse hören, und bieten auch bei der Kopfhörerwiedergabe Vorteile gegenüber den beiden erstgenannten Prinzipien. Somit sind die folgenden Stereoverfahren sehr interessante Alternativen zu den bekannteren Platzhirschen und auf jeden Fall ein paar Aufnahmen wert.

ORTF

Nach den Richtlinien des ehemaligen französischen Rundfunks ORTF sollen hierbei zwei Nierenkapseln im Abstand von 17-17,5 cm Abstand mit einem Öffnungswinkel von 110° aufgestellt werden. Vorbild dieser Anordnung ist das natürliche Hören, welchem die hierbei erzielten Verhältnisse von Pegel- und Laufzeitdifferenzen nahezu entsprechen.

NOS

Bei diesem Pendant des niederländischen Rundfunks wurde lediglich an den Parametern des ORTF geschraubt: ebenfalls zwei Nierenkapseln jedoch mit 30 cm Abstand und nur 90° Öffnungswinkel. Also die etwas laufzeitigere Alternative zum ORTF, was eine etwas spektakulärere Räumlichkeit bei im Vergleich leicht schwächerer Ortungsfreudigkeit ergibt.

OSS

Ein anderer Ansatz der Äquivalenzstereofonie sind Verfahren mit Trennkörpern. Ein besonderer Vorteil ist, dass dabei auch hochwertige Druckempfänger-Mikrofone mit ihren Vorzügen besonders bei der Tieftonwiedergabe eingesetzt werden können. Eine einfache Variante ist die OSS- (= optimales Stereo Signal) Anordnung. Dabei werden zwei Druckempfänger wiedermal im Ohrabstand mit leichtem Versatzwinkel (bis 30°) aufgestellt, und dabei von einer dazwischenliegenden, runden Scheibe mit 30 cm Durchmesser getrennt.

Diese im Eigenbau einfach zu realisierende Scheibe sollte aus einer etwa 1 cm dicken Holzscheibe mit beidseitig aufgeklebten porösen Absorbern (Polyurethanschaum) bestehen. Der Absorber ist angedacht, um Kammfiltereffekte durch Reflexionen von der Scheibe zu verhindern, was wegen der geringen Dicke des Materials allerdings nur im oberen Frequenzbereich wirkt. Somit ist von etwa 1 – 4 kHz mit leichtem Kammfilter zu rechnen (darunter findet bei der Größe der Scheibe ausschließlich Beugung und keine Reflexion statt). Dadurch klingt das OSS im Präsenzbereich etwas muffig, was je nach Schallquelle aber nicht schlecht sein muss.

Kunstkopf- und Kugelflächenmikrofon

Aus Platzgründen müssen Interessenten die Theorie dieser spannenden Trennkörper-Mikrofone leider googlen, aber soviel kann ich noch erzählen: Der Kunstkopf liefert das realistischste Klangbild aller Stereoverfahren, allerdings leider nur über Ohrumschließende Kopfhörer. Dabei übersteigt die Abbildung das Stereobild bei weitem, und es kann sogar vorne/hinten und oben/unten unterschieden werden (also quasi Surround mit nur zwei Kanälen). Für die Lautsprecherwiedergabe sind die Signale leider völlig ungeeignet und somit hat der Kunstkopf in der Musikproduktion keine Bedeutung.

Das Kugelflächenmikrofon ist dem Kunstkopfprinzip ähnlich, jedoch ohne die klangfärbenden Ohrmuscheln. Die komplexe, frequenzabhängige Stereoabbildung liefert außerordentliche und vor allem Lautsprecherkompatible Ergebnisse. Für diejenigen, die sich ihre Mikrofone nicht in eine Kugel einbauen möchten, können für ähnliche Ergebnisse die Kapseln auch außerhalb, seitlich an einer schallharten 20 cm Kugel (eventuell geht auch ein etwas zu lange gebackener Sauerteig-Panettone) anliegend und auf die Schallquelle gerichtet positioniert werden. Mein Geheimtipp für Druckempfänger! Ja dann: viel Bass!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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