Teil 21

Homerecording: Songproduktion Teil 10 – Sound FX

Zu einem Song-Arrangement gehören nicht nur die einzelnen Instrumente und der Gesang, sondern oft auch kleine Lückenfüller und Effekt-Gimmicks, die das Ganze im Optimalfall noch etwas interessanter machen. So hat sich auch bei unserem Song einiges aus der Kategorie „Sounddesign/Sonstiges“ angesammelt, was ich der Vollständigkeit halber hier noch gerne kompakt zusammenfassen möchte.

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Zudem reiche ich noch schnell die Details zur (schon in der letzten Ausgabe heimlich eingeschlichenen) zweiten Rhythmus-Gitarre in den Strophen und Refrains nach. Diese spielt an der Seite dieser hochkarätigen Superband und sozusagen als krönender Abschluss der Aufnahmen niemand Geringerer als ich. Hierfür habe ich als Kontrast zu Simsis Paula meine 85er Squier-Strat genommen. Als Amp diente ein 78er Marshall JMP 2203 mit einer 4×12 TV Box (Greenbacks).

Da die Singlecoils auch im High-Input zu wenig am Amp-Gain kratzten, habe ich einen selbstgebauten, diskret aufgebauten Verzerrer vorgeschaltet (welchen Simsi auch für das Solo benutzt hat), um die Strat auf das Zerr-Niveau der Les Paul zu heben. Abgenommen habe ich die Box mit zwei Mikros: Einem SM57 für den oberen Frequenzbereich, mittig vor der Kalotte und so nah wie möglich, und einem t.bone RM700 Bändchen-Mikro für Grundton und Mitten. Dieses stand ebenfalls mittig, aber in etwa 5 cm Entfernung und leicht angewinkelt, um nicht die volle Nahbesprechungs-Breitseite abzubekommen.

In Logic habe ich das Ribbon zeitlich nach vorne zum Shure geschoben, um Kammfilter zu verhindern. Beide Mikros habe ich 1:1 zusammengemischt und ganz nach rechts gelegt (Simsi wanderte dafür ganz nach links). Dabei spiele ich in der Strophe leicht konträr zur ersten Gitarre, im Refrain spielen wir für die volle Gitarrendröhnung quasi das Gleiche. Ein schönes Anschauungsobjekt für kompromissloses L/R-Paning ist übrigens Slashs erstes Solo-Album ,Slash‘, wo einem in schön aufgeräumten Arrangements feine Gitarren von links und rechts nur so um die Ohren fliegen.

So, nun zur Effekt-Bastelstunde. Die Schwachstelle des Songs ist für meinen Geschmack das Intro, bei welchem zwar ein Spannungsbogen aufgebaut wird, aber dennoch bislang irgendetwas Tolles fehlte. Eine weitere problematische Stelle war die erste Strophe, in welcher Serkan in einer tieferen Lage singt und ihm deshalb dort etwas Durchsetzungskraft gegenüber der schon prallen Band fehlte. So habe ich die Not zur Tugend gemacht und mit einer kurzen Hörspiel-Einlage versucht, beides zu fixen.

Dafür habe ich Serkan für die 1. Strophe in eine imaginäre Telefonzelle verfrachtet, wo er bei abgespeckter Band und Telefon-EQ auf der Stimme (Bandpass von 300 Hz –3 kHz) seiner frisch gebackenen Ex etwas wichtiges per Telefon mitzuteilen hat. Passend dazu habe ich im Intro eine kleine Sound-Collage gebastelt, bei welcher jemand den Hörer abnimmt, eine Nummer wählt, sich zuerst verwählt usw.

Als kleine Spielerei habe ich das Telefon-Tuten passend zur Musik in der Tonhöhe mitgehen lassen und mit zunehmendem Hall aufgepustet. Keine Angst, das Hörspiel geht nach der ersten Strophe zu Ende wenn der Hörer aufgehängt wird und sich die Telefonzellentür (und schließlich auch Gesang und Band) wieder öffnet.

Künstlerisch wertvoller wären natürlich selbst aufgenommene FX-Klänge, für den Workshop habe ich mich aber einfach der vorgefertigten Logic-Sounds bedient. Ein ziemlich überstrapazierter und somit natürlich auch in diesem Song zu findender Effekt ist ein rückwärts abgespieltes Crash-Becken. Dieses wird gerne für große Übergänge und Akzente benutzt. Dafür habe ich den allerletzten und somit freistehenden Crash-Schlag ausgeschnitten, im Sample-Editor umgedreht und im Intro sowie im Solo-Teil an einigen Stellen als Betonung eingefügt. Um den Klang besser einbetten zu können, habe ich auf dem Kanal ein abgefahrenes Delay aus Logics Delay-Designer eingesetzt.

Eine gaaaanz tolle Spielerei habe ich am Ende des Solo-Teils eingebaut, wo ein markerschütternder „Urschrei“ von Serkan den letzten Doppel-Refrain stimmungsvoll einleitet. Hierbei habe ich den Schrei umgedreht, dann mit einem sehr langen (4,7 s) und sehr hellen Plate-Reverb versehen und wieder umgedreht. Was man nun hört ist die sich langsam aufbauende Rückwärts-Hallfahne auf Serkans Urschrei, auch wieder zusätzlich mit Delay verschönert.

Das gleiche habe ich zudem mit einer kurzen Textpassage in der dritten Strophe eingebaut. Diese Effekt-Idee habe ich übrigens in abgeänderter Form von Roger Waters ,Amused To Death‘ Album abgeguckt, wo ein Flaschengeist ziemlich beeindruckend in zwei Tonspuren gezwängt wurde (,Three Wishes‘). Ein sehr audiophiles Album (inkl. grandiosem Jeff Beck) und ein Füllhorn an musikalischen Sound-FX-Knallern!

Zum Schluss noch etwas aus der Trickkiste: Um die Refrains noch brettiger erscheinen zu lassen, habe ich Ollies Bass künstlich unter die Arme gegriffen. Dabei habe ich die Grundtöne des Basses mit einfachen Sinustönen per Keyboard eingespielt und dezent untergelegt. Dieser nun kontinuierliche Basspegel ohne unerwünschte Obertöne unterstützt die Gitarrenwand sehr effektiv und sorgt für eine imposante Fülle im Refrain (geeignete Speaker vorausgesetzt). In diesem Sinne, viel Bass!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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