Teil 4

Homerecording: Neutral oder vorbehandelt?

In dieser Folge möchte ich noch einen praktischen Nachtrag zur unsagbar drögen letzten Ausgabe über Audio-Interfaces nachschieben. So soll nun thematisch passend noch die Grundsatzfrage erörtert werden: Soll man das Audiosignal ganz neutral, d. h. ohne jede Klangbeeinflussung aufnehmen, oder lieber mit Hilfe der Klangbearbeitung eines Channelstrips o. Ä. das Signal schon vor der Aufnahme in eine gewisse Form bringen?

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Auf den ersten Blick liegt der Vorteil der neutralen Aufnahme darin, dass man sich dabei technisch nur um die korrekte Aussteuerung kümmern muss, und dann rechnerintern mittels Plug-Ins in Ruhe, und vor allem nichtdestruktiv, seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Das Konzept des Channelstrips versteht seine Daseinsberechtigung darin, dass man durch (teilweise) hochwertige Analogtechnik das Signal nicht so aufnimmt wie es tatsächlich den Schallwandler des Mikrofons verlässt, sondern „besser“ oder zumindest brauchbarer.

So kann man bei einem Channelstrip je nach Ausstattung mit Hilfe von EQ, Kompressor/Limiter, De-esser oder wie auch immer gearteter Röhrenschaltung so lange an Knöpfchen drehen, bis man glaubt DEN Sound gefunden zu haben, bei dem der Laie staunt und der Kenner wohlwollend nickt. Das erscheint oberflächlich betrachtet aber nur sinnvoll, wenn diese analoge Bearbeitung tatsächlich nach wie vor nicht authentisch durch Software simuliert werden kann. Darüber wird viel diskutiert, teilweise leider ziemlich Voodoo-lastig. Da hilft keine Beratung und kein Forenstöbern, am besten, man macht sich selber ein Bild.

Um den Rahmen dieses Workshops nicht zu sprengen, habe ich mich auf einen Aspekt der „Instant-Klangbearbeitung“ beschränkt. Dynamics vor der Aufnahme haben zwar den Vorteil, eine bessere Aussteuerung und somit weniger Quantisierungsrauschen zu ermöglichen, ich halte das aber bei einer 24 Bit Auflösung in den meisten Fällen für vernachlässigbar (auch wenn ein Limiter z. B. bei langen Live-Aufnahmen i.d.R. mit einem wesentlich entspannter wirkenden Toningenieur in Zusammenhang steht).

Zudem findet man inzwischen so viele (auch native) hochwertige Dynamics- und EQ-Plug-Ins, welche sogar in den großen Studios immer mehr die Outboard-Racks verstauben lassen, dass mir auch hier ein Vergleich zu den analogen Gegenparts für unsere Zwecke eher als Luxus erscheint. Bleibt noch die Vorverstärkung. Und hier gibt es, ähnlich wie die begehrte Bandsättigung einer analogen Bandmaschine, eine weitere legendäre Klangveredelungsoption, die ebenfalls aus der Zeit stammt, als Siegfried und Roy noch Säbelzahntiger wegzauberten: Die Elektronenröhre.

Ihr wird ein geradezu mystischer Klang nachgesagt. Nüchtern betrachtet meint man damit nichtlineare Verzerrungen, die sich bei hoch ausgesteuerten Trioden-Röhrenverstärkern als besonders angenehm empfundene, harmonische Obertöne gradzahliger Ordnung (Oktave, dann die doppelte Oktave usw) äußern. Also wie bei unseren geliebten Bassmans, Plexis usw., wenn auch die Verzerrung beim Mikrofon-Vorverstärker eher subtil Anwendung findet.

Auch für diese Klangbeeinflussung gibt es natürlich zahlreiche Plug-Ins. Einige Leute zweifeln hier allerdings an der Überzeugungskraft solcher Simulationen, und begründen dies u. a. mit den nicht gänzlich erforschten Wechselwirkungen der Bauteile realer Röhrenschaltungen, welche man folglich auch schlecht simulieren könne.

Damit jetzt aber endlich zum praktischen Teil: … Ich hab’ da mal was vorbereitet: Ich habe ein kurzes, künstlerisch sehr wertvolles Arrangement mit sechs Spuren eingespielt, wobei ich die Signale jeweils gesplittet habe. Einmal habe ich die Signale neutral mit einem Presonus Firestudio Interface direkt aufgenommen und zudem das gesplittete Signal durch einen Universal Audio LA-610 Mk II Vollröhren-Channelstrip geroutet, dessen Line-Ausgang ebenfalls mittels des Presonus aufgenommen wurde.

Bei dem Universal Audio Gerät wurden die EQ- und Kompressor-Sektion nicht benutzt, um alleine die Unterschiede der Vorverstärkung untersuchen zu können. Der in den Audiobeispielen zu hörende „Mix“ ist bei den Aufnahmen genau gleich, und beinhaltet nur Lautstärke- und Panoramaveränderungen, ansonsten sind alle Signale komplett ohne jegliche Klangbearbeitung und Effekte. Ich habe mich für den Vergleich eines ganzen Arrangements anstatt einzelner Spuren entschieden, da ich mir erhoffte, die teilweise marginalen Unterschiede einzelner Spuren müssten in der Summe deutlicher zutage treten.

Zudem hielt ich es auch für interessant, wie sich die zusätzlichen Obertöne der Röhren-Aufnahmen im Mix machen. Ich muss gestehen, ein ganz wichtiger Punkt wird bei meinem Vergleich nicht beleuchtet: Der Einfluss beim komplexesten und meistens auch heikelsten aller Signale: der Stimme. Gerade für diesen zentralen Bestandteil der Musik erwarten viele Leute fast magische Wirkung von Röhren im Preamp oder Mikrofon. Mit oder ohne Gesang, an dieser Stelle sollte aber jedem der Schwachpunkt eines solchen Tests klar sein: die Berücksichtigung der Unterschiede zwischen der Vielzahl an Geräten, deren individueller Bedienung sowie den unendlich vielen denkbaren Signalen ist unmöglich.

Zu Beginn meiner Aufnahmen musste ich feststellen, dass, trotz des durchgängig eingestellten 10 dB Gain Boosts der „Tube“- Aufnahmen, bei einer normalen Aussteuerung keinerlei Unterschiede für meine Ohren zu hören waren. Erst beim regelrechten Prügeln des Eingangs, wodurch die Peakmeter-Nadel des LA610 nur noch wenig Informationsgehalt hatte und bedrohliche Klack-Geräusche von sich gab (was mich zum vorsorglichen Umschalten der Anzeige auf „Output“ veranlasste), stellten sich hörbare Verzerrungen ein.

Den Grad der Übersteuerung habe ich schließlich nach Gehör je nach Instrument mehr oder weniger stark eingestellt:

  • Track 1, Snare/HiHat (Neumann TLM103): mittlere Verzerrung, da sonst die HiHat zu bissig wurde und die Snare im Verhältnis zu leise.
  • Track 2, Bass-Drum (Beyerdynamic M88): ordentlich Verzerrung war vorteilhaft
  • Track 3, Bass (Hi-Z In): mittel, da er sonst zu unnatürlich klang
  • Track 4 Western Gitarre (TLM103): konnte relativ viel vertragen
  • Track 5, E-Gitarre > Treble-Booster > Röhrenamp > Jensen 12″ (Bändchen Mikrofon): ein bisschen, da die „doppelte“ Verzerrung sonst zu breiig wurde
  • Track 6, Glockenspiel (TLM103): etwas weniger als zuviel 🙂

Für den einfacheren AB-Vergleich musste ich die Röhrenaufnahme um etwa 2 dB leiser machen, da sie durch die zusätzlichen Obertöne bei gleichen Peak Levels lauter klingt. Auch wenn ich hoffe, dass ihr die Ergebnisse vergleicht und euch selber eine Meinung bildet, muss ich wohl doch ein paar Worte zum Ergebnis schreiben … So viel vorweg: Auch wenn die Virtuosität der instrumentalen Darbietungen leicht vom Beurteilen des Sounds abzulenken vermag, das große Ah-Ha Erlebnis bleibt vermutlich aus.

Selbst ein € 1500 teures, einkanaliges Vollröhrengerät wie der LA-610 MkII ist im Vergleich zu den Vorverstärkern eines € 600 teuren 26I/O Firewire Interfaces keine Wunderwaffe. Dennoch kann man erahnen, warum der Mythos Röhren-Sound existiert. Vor allem im Bassbereich macht sich das, was allgemein als „warmer“ Klang bezeichnet wird, positiv bemerkbar. Auch wenn der Unterschied (zumindest bei meinen Einstellungen) nicht ins Ohr springt, finde ich, dass das Duo Kick und Bass bei der Röhren-Aufnahme besser im Mix „sitzt“ und etwas „runder“ daherkommt.

Dafür büßen sie jedoch an Detailtreue ein (was bei meiner € 60 Bassdrum allerdings definitiv von Vorteil ist). In den Höhen ist die Veränderung der Hi-Hat recht offensichtlich, eine Aussage über besser oder schlechter fällt mir allerdings schon schwerer.

Um noch der Frage nach der Güte besagter Röhren-Simulations-Plug-Ins nachzukommen, habe ich als drittes noch ein Audiobeispiel bereitgestellt, bei dem ich die Einzelspuren der direkten Aufnahmen mit einem solchen Plug-In bearbeitet habe. Dabei habe ich mich für das Freeware Tool „Cyanide“ von SmartElectronix entschieden, welches für mich eine recht ähnliche Verzerrung bei vorsichtiger Dosierung des Inputgain erzeugte. Aber hört es euch um Himmels Willen selbst an!

Resümierend meine ich, dass zumindest die bei diesem Vergleich zum Vorschein gekommenen klanglichen Unterschiede die Anschaffung eines solch teuren „Frontend“ nicht wirklich notwendig erscheinen lassen. Für mich liegt der Vorteil eher in der flexibleren und vereinfachten Einflussnahme auf das Signal. Mit etwas Erfahrung kann man fraglos den Sound vor der Aufnahme „verbessern“, ohne später durch Software-Fummelei Zeit verplempern zu müssen. Eins ist klar, ohne Verschönerungs-Maßnahmen kommt kaum eine Aufnahme aus, man muss nur herausfinden, auf welchem Wege man selber zu besseren Ergebnissen kommt.

Meine zugegebenermaßen wenig spektakuläre Botschaft lautet daher: Selber ausprobieren und entscheiden! Soweit so gut (hoffe ich…).


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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