Teil 31

Homerecording: Mixing – Tiefenstaffelung 1

Jeder kennt dieses Problem: Man hat (mal) etwas verstanden und einen guten Durchblick, und dann, wenn man es braucht, plötzlich: „Äh, wie war das nochmal, wie rum muss ich jetzt … ?“. Während man viele Sachverhalte auf Anhieb kapiert (z. B. wie man einen Stuhl benutzt) und wiederum andere Dinge nie versteht (z. B. „Die Nordströmsche Gravitationstheorie vom Standpunkt des absoluten Differntialkalküls“) bleiben etliche nützliche Informationen leider nur flüchtig als „Kurzzeitwissen“ im Kopf. Ein eindeutiger Kandidat für dieses unnötige Phänomen ist auch das folgende Thema mit seinen nicht wirklich schwierigen aber auch nicht ganz übersichtlichen Zusammenhängen – die Tiefenstaffelung.

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Damit ist die Illusion von Vorne und Hinten beziehungsweise Nah und Fern bei der Lautsprecherwiedergabe gemeint. Im Gegensatz zur Wahrnehmung von Richtung und „Breite“ bei der Stereofonie (siehe letzte Folge) funktioniert das Pendant auf der Längsachse völlig anders und benötigt besonders bei der künstlichen Erzeugung während des Mixdowns mehr Raffinesse als nur das Bedienen eines Drehreglers.

In Kombination mit der stereofonen Richtungs-Lokalisation können wir mit der Tiefenstaffelung die Elemente unseres Arrangements fast frei auf einer virtuellen Bühne platzieren. Dabei steht wie auf der echten Bühne normalerweise der Gesang ganz vorne, dicht gefolgt von Bass, Gitarre, Keyboards und Schlagzeug. Weiter hinten ist schließlich noch Platz für Percussion, Backing-Vocals und sonstiges Füllmaterial.

Aber wie geht das? Zum einen natürlich mit Räumlichkeit, entweder schon bei der Aufnahme eingefangen, oder später mittels künstlicher Hallprozessoren hinzugefügt. Aber es gibt auch noch eine ganze Reihe anderer Mittel für die Tiefenstaffelung, welche teilweise nur im Verbund zum gewünschten Effekt führen. In dieser Ausgabe schaffen wir leider nur einen einzigen Parameter künstlicher Halleffekte, dieser hat es allerdings in sich. In der nächsten Ausgabe komplettieren wir dann die Liste der zur Verfügung stehenden Maßnahmen für die Erschaffung von Tiefe. Los geht’s:

Pre-Delay (PD): Diese zeitliche Lücke zwischen Direktsignal („DS“) und ersten Reflexionen („ERs“, einzelne Reflexionen vor dem Einsetzen der Hallfahne) ist das vereinfachte Pendant zur „Initial Time Delay Gap“ beim natürlichen Hören in echten Räumen. Diese simple Verzögerung ist keine Raumkonstante, sondern nur ein individueller Wert bei festen Positionen von Instrument/Gesang und Hörer bzw. Mikrofon.

Das PD ist bei der Tiefenstaffelung mit der wichtigste Parameter. Und es ist einer der Gründe dafür, dass spontan ausgewählte Reverbs aus der Preset-Liste und unbearbeitete Faltungshall-IRs garantiert zu einer unausgegorenen Hall-Suppe ohne nachvollziehbare Tiefenstaffelung bzw. ohne „Vordergrund“ führen. Deshalb lässt man entweder ganz die Finger von Hallprozessoren (ernst gemeint, das geht auch), oder man weiß, zumindest bei diesem Parameter, genau was man tut.

Folgender Zusammenhang ist besonders verwirrend: Bei einer nahen Schallquelle ist das Pre-Delay „lang“, da der Schall über die reflektierenden Wände länger zum Mikrofon braucht als der Direktschall. Dabei ist das PD natürlich umso länger je größer der Raum ist. Ist die Schallquelle hingegen weit entfernt, dann ist das Pre-Delay „kurz“, da Direktsignal und Hall fast gleichzeitig ankommen. Die ERs nehmen in diesem Fall deutlich ab und verschmelzen mit der Hallfahne.

In einem sehr kleinen Raum ist bei einer nahen Mikroposition das PD naturgemäß auch relativ kurz (< 15 ms, 1 m Reflexionsweg = 3 ms). Aus diesem Grund erzeugen zu kurze PDs bei großen Räumen manchmal einen unnatürlichen Kleinraum-Effekt. Sehr kurze PDs führen zudem durch die Überlagerung von Direktsignal und Reflexionen zu Klangfärbungen. Ein guter PD-Spielraum für transparente Tiefenstaffelung ist deshalb 20-100 ms, was demnach eher etwas größeren imaginären Räumen/Sälen entspricht.

Je langsamer ein Instrument ist (Strings, Pad), desto länger darf das PD sein. Bei längerem PD hat man den Vorteil, dass durch die größere Separation weniger Nachhall bei gleichem Räumlichkeitseindruck genügt, was wiederum zu einem klareren aber eben nicht unbedingt trockeneren Klang führt (je 10 ms ca. 3 dB weniger Nachhall nötig).

Eine mechanische Hallplatte („Plate“) besitzt prinzipbedingt gar kein PD, weshalb fast immer ein Delay vorgeschaltet wird, bzw. bei digitalen Plates meist schon eingebaut ist. Dafür wird gerne ein Tape-Delay mit seinem variierenden, höhenarmen Delay eingesetzt. Dieses hat bei 15 IPS Geschwindigkeit ein Delay von 125-175 ms, was einer Nahabnahme in einem sehr großen Raum entspricht. Damit hätten wir übrigens eine häufige und sehr schöne Kombi mit einem brillanten Plate-Sound mit 2-2,5 s Delay. Das Ganze auf die Gitarre (und dem Songtempo angepasst, s.U.), Hall halb rechts, Gitarre halb links, und fertig ist der frühe EVH Reverb! Soll der Hall herausstechen und das Signal weit hinten liegen, kann man selten auch schon mal ganz ohne PD auskommen (z. B. Plate auf Percussion).

Eine bewährte Methode für einen tiefen aber unauffälligen Hall-Sound ist es, das PD dem Songtempo anzupassen. Eine Viertel bei 120 bpm entspricht einer halben Sekunde (60/bpm). Diesen Wert könnte man so lange halbieren bis man im mittleren 2-stelligen ms-Bereich ist und hätte so passende Werte für dieses Songtempo (1/64 = 31 ms, 1/32 = 62 ms …). Letzteres wäre ein schönes PD für den vorne stehenden Gesang, 31 ms oder 15 ms für die 2. Reihe (Snare, Gitarre, …) usw.

Zur groben Ausrichtung des PDs hier noch ein paar helfende Überlegungen: Der anfängliche Vergleich mit der Bühne hinkt etwas, was man aber erst versteht, wenn man die Bedeutung des PDs verinnerlicht hat.

Hätte man ein akustisches Ensemble auf einer Bühne und man selber würde im Zuschauerraum sitzen, so würde auch der vorne stehende Sänger entfernt klingen. Wäre die Band verstärkt, dann hätten alle Musiker Stützmikrofone mit einem jeweils ähnlichen Abstand und somit relativ ähnlichem, hohem PD, und würden teils verstärkt über die P.A. und teils akustisch am Hörplatz ankommen. Dabei würde die P.A. den Raumklang wiederum mit einem einheitlichen PD bzw. ITDG anregen. Was für ein Chaos!

Live-Sound/Konzert-Klang ist somit kein besonders gutes Vorbild für künstliche Tiefenstaffelung. Was will man also eigentlich nachbilden wenn es „natürlich“ aber gleichzeitig nicht verwaschen klingen soll? Am besten versucht man sich eine Band in einem Raum vorzustellen, wobei man selbst nah vor dem Sänger steht. So hätte der Gesang die benötigte intime Nähe, und auch der am weitesten entfernte Musiker würde nicht in einer diffusen Hallfahne versinken, sondern eben nur weiter hinten klingen.

In der Praxis könnte man für alle Instrumente jeweils eigene Hall-Instanzen mit dem gleichen Programm benutzen und jeweils das PD variieren. Alternativ könnte man verschiedene Subgruppen mit unterschiedlichem (Pre-)Delay einrichten (Vorne, Mitte, Hinten) und an einen einzelnen Hall (mit PD = 0 ms) schicken.

An dieser Stelle soll aber auch betont werden, dass Natürlichkeit bei der Tiefenstaffelung nicht zwingend ist. Es können auch unterschiedlichste Räume als Kontrast kombiniert werden, wenn es gut und interessant klingt und beim jeweiligen Musikstil nicht fehl am Platz wirkt. Wichtig ist jedoch, dass es auch einen „Vordergrund“ gibt und nicht alles Hinten ist.

Zum Schluss noch ein bisschen Allgemeines: Bei einigen Hallgeräten ist das PD auch als Lücke bis zur Hallfahne definiert. Dort muss man somit die Verzögerung zu den ERs separat justieren! Manche Geräte besitzen keine bzw. keine guten ERs. Manche Instrumente wie z. B. Bass oder Bass-Drum mögen prinzipiell keinen Hall (wenn sie knackig bleiben sollen).

Auch bei Hall gilt im Zweifel der abgenutzte Grundsatz: Weniger ist mehr. Alles staubtrocken ist aber auch langweilig, zumal heutzutage sehr trocken und mit exzessiver Direktabnahme aufgenommen wird. Dadurch fehlt die wärmende Färbung und Tiefe guter Aufnahmeräume. Somit ist das Addieren von Räumlichkeit wichtig, um moderne Aufnahmen nicht zu steril klingen zu lassen.

Es lohnt sich neben der künstlichen Tiefenstaffelung beim Mixdown auch das Thema Stereo-Mikrofonierung gelegentlich aufzufrischen. Zur Erinnerung auf die Schnelle: Laufzeitstereofonie (AB) bietet eine gute Tiefenstaffelung bei diffuser Richtungs-Lokalisation, bei Intensitätsstereofonie (z. B. XY) ist es genau umgekehrt.

Eine Mischung aus „echter“ und künstlicher Tiefenstaffelung ist der Faltungshall. Leider ist dort der Abstand von Mikrofon und Schallquelle fest eingebrannt und meistens sehr groß, und eignet sich somit am ehesten als Raummikro-Ersatz. Das aufwendige „Ocean Way Studios“ Plugin von Universal Audio hingegen ist ein sehr interessanter Hybrid, um mit allen wichtigen Parametern hochwertige IRs auf das eigene trockene Material anzuwenden.

Dennoch, eine gute Aufnahme mit einzigartigen, echten Reflexionen ist durch nichts zu ersetzen. Geniale Erklärungen rund um die Themen Stereofonie, Pre-Delay/ITDG, Näheeindruck u.v.m. findet man auf der einzigartigen Seite von Eberhard Sengpiel (www.sengpielaudio.com). Ja dann, viel Bass!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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