Teil 29

Homerecording: Mixing – Tape Machine Sound

In der letzten Folge habe ich kurz über den Sinn und Zweck von Analog-Hardware-Emulationen für die rein digitale Audio-Produktion philosophiert. Für die auf den Geschmack Gekommenen möchte ich nun den soliden, handwerklichen Teil der Mixing-Reihe (vorübergehend) vollends verlassen und mich einigen Spezial-Tools für analoge „Nebeneffekte“ widmen.

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Bei einem Blick auf die Produktpaletten der Hersteller fällt auf, dass der Anteil von Plugins, die keine richtigen Effekte sondern Dinge wie analoge Bandmaschinen, den Klang analoger Mischpult-Kanäle (ohne deren eigentliche Klangbearbeitung) oder analoge Summierung nachbilden, ständig wächst.

Diesen feinen Sound-Zutaten wird erstaunlicherweise erst jetzt – nach über 30 Jahren Digital-Audio – eine wichtigere Rolle beigemessen. Vielleicht liegt es daran, dass solche Software für die Audioproduktion nicht wirklich zwingend nötig ist. Es ist schon schwer genug, den komplexen Klangeinfluss z. B. einer Mehrspur-Bandmaschine in Worte zu fassen und dabei auf dem Teppich zu bleiben. So wird in den Umschreibungen von Herstellern, Profis oder Interessierten, der Fantasie oft freier Lauf gelassen und so mancher alten Kiste unbeschreibliche, mystische Eigenschaften zugeschrieben.

Dabei sind im Gegensatz zu tiefgefrorenen Gitarren die klangbeeinflussenden Effekte eines technischen Gerätes noch relativ gut messbar und rational erklärbar. Deshalb möchte ich nun Letzteres versuchen, und mich aus Platzgründen in dieser Ausgabe auf die inzwischen salonfähige und auch für unsere Zwecke sehr lohnenswerte Gattung der Tape-Emulationen beschränken.

Was bei der digitalen Produktion selbsterklärend als erstes komplett aus dem Signalweg verbannt wurde, sind analoge Magnetband-Recorder, vor allem die Multitracker. Eigentlich könnte man sich darüber freuen, denn diese Relikte von Anno Dazumal sind hochkomplizierte, wartungsintensive Präzisionsgeräte mit jeder Menge den Klang beeinflussenden Fehlergeneratoren, welche zum Teil noch in gegenseitiger, teuflischer Wechselwirkung stehen.

Auch ich kenne 1/4″ Senkelband-Schneiden und die Arbeit mit einer 2″ Studer A800 noch aus der Praxis, und habe deren umständliche Handhabung zugegebener Maßen lange Jahre weniger als gar nicht vermisst. Nüchtern betrachtet sind wir mit der heutigen Technik, ihrem riesigen Dynamikumfang sowie ihrem klaren, ungefärbten Klang eigentlich ganz weit vorne.

Da wir als Musiker oder Musikliebhaber aber meist natürlichen Ursprungs sind, haben wir uns an diesen imperfekten Klang von Bandmaschinen, wie wir ihn von den meisten unserer Lieblingsplatten kennen, gewöhnt und ihn unterbewusst mit dem Kommentar „jawoll“ abgespeichert. Da kann die digitale Auflösung noch so hoch und der Wandler noch so ausgereift sein, wir stehen auch mit geschlossenen Augen mehr auf Rundungen.

Aber was genau macht den „Sound“ einer Bandmaschine aus? Häufige Umschreibungen sind Wärme, Tiefe und Größe. Auch der „Glue“-Effekt wird ständig betont, eine Art magischer Uhu, den auch ein paar begehrte Kompressoren absondern und welcher die Tracks im Mix irgendwie besser zusammenpappt.

Insgesamt sollen Mixe durch das alleinige Durchlaufen einer guten Bandmaschine erst richtig zum Leben erweckt werden, leichter zu mischen sein sowie weniger EQ und Kompressor nötig haben. Das klingt ja soweit schon mal alles ganz vielversprechend. Technisch gesehen haben wir es bei den Begleiterscheinungen von Studer, Otari und Co. mit verschiedenen dynamischen, nichtlinearen (und somit schwierig zu simulierenden) Unreinheiten zu tun. Unter anderem passiert Folgendes:

• magnetische Bandsättigung
• Weichzeichnung der Transienten (Achtung!)
• zunehmende Kompression hoher Frequenzen
• tieffrequente Überbetonung je nach Band-Tempo
• Frequenz-Verschwimmungen durch Band-Unebenheiten
• verschiedene Arten von Rauschen
• Übersprechen
• Bandlaufschwankungen

Man kann sich also vorstellen, dass weniger authentische Simulationen den ein oder anderen dieser Aspekte unter den Tisch fallen lassen, oder mit einfacheren Mitteln wie z. B. Multiband-Kompression manches Verhalten ähnlich herbeiführen, anstatt authentische Emulationen zu schaffen. Glücklicherweise haben sich einige der gewissenhaftesten Hersteller mit großem Aufwand und Know-how daran gemacht, sich der Herausforderung Tape-Emu zu stellen. Das beschert uns wieder einmal den Luxus, aus dem Vollen schöpfen zu können und dabei sogar noch wählerisch sein zu dürfen.

In diesem Sinne möchte ich mich hier frei nach dem Motto „more bang for your buck“ auf zwei für Musiker besonders empfehlenswerte Produkte konzentrieren. Unabhängig davon möchte ich aber empfehlen, per Demo den Einfluss und die Unterschiede solcher Software anhand eurer eigenen Mixe selbst zu vergleichen. Denn gerade bei dieser feingeistigen Art von Klangbearbeitung sind Hörbeispiele mit fremdem Material, womöglich noch auf dem PC-Lautsprecher, eher desillusionierend, da bei seriösem Gebrauch eher subtil.

Nur in der eigenen Mix-Umgebung und mit eigenem Material kann man den Effekt vernünftig wahrnehmen und schließlich für die eigene Arbeit realistisch einordnen. Eine anerkannte Größe am Markt ist das Plugin „Virtual Tape Machines“, kurz VTM von Slate Digital. Hinter dieser Firma steht der Tausendsassa Steven Slate, bekannt geworden durch seine aufwendigen Drum-Samples, sowie der Software-Spezialist Fabrice Gabriel.

VTM beherbergt beide, für uns gleichermaßen interessanten, Maschinen-Arten: Eine Multitrack-Maschine, konkret eine 2″ Studer A827 16- Spur, sowie ein Stereo-Master-Deck, in diesem Falle die 1/2″ Studer A80 von Mastering-Legende Howie Weinberg. So kann man also (am besten im ersten Insert) in seinen Einzelspuren mehrere Instanzen im Multitrack-Mode einschleifen, und zudem im Master-Kanal ein Master-Tape laufen lassen.

Die Software gewährt folgende Eingriffe: Geschwindigkeit (15 oder 30 ips, schneller = mehr Höhen, weniger Bass), Tape-Sorte (Quantegy GP9 = modern, mehr Höhen-Headroom > mehr Transienten oder Ampex 456 = Vintage = weicher), Bias (Normal = optimierte Automatik + zwei Alternativen für frühere oder spätere Sättigung der Höhen > Letzteres besser für Transienten!), Level-Regler für Tape-Aussteuerung und Ausgangslevel, optionale Gruppenbildung für globales Bedienen, Level-Kalibrierung der einzelnen Gruppen (bis zu 8), und globale Regler für Rauschunterdrückung, den Grad der Gleichlauf- und Amplitudenschwankungen sowie für die Bass-Abstimmung.

Damit beschränkt VTM sich aufs Sinnvolle und Wesentliche und geht nicht zu weit in die Tiefe der noch zahlreicheren (aber nicht unbedingt geliebten) Parameter und Justage-Optionen einer echten Bandmaschine > musician proofed!

Um bei UAD in den Genuss einer Multitrack + Mastertape Kombi zu gelangen, muss man fürs „Magnetic Tape“-Bundle (Studer A800 24Track + Ampex ATR-102 Master-Tape) elitäre $ 479 lassen, dazu kommt noch die DSP-Hardware. Waves hat mit dem „Eddie Kramer Master Tape“ noch eine Ampex 350/351 Emulation im Angebot. Auch interessant, aber so richtig lohnt sich eine Investition in solche Software meiner Meinung nach erst im vielfachen Multitrack-Einsatz.

Deshalb möchte ich als interessante Alternative lieber noch etwas aus deutschen Landen vorstellen: „Satin“ von u-he. Die Berliner Software-Schmiede hinter Urs Heckmann hat sich ebenfalls am Thema Tape-Emu zu Schaffen gemacht. Satin versteht sich als „Tape Construction Kit“ und bietet eine sehr breite aber nicht minder niveauvolle Soundvielfalt von 2- Spur-Master-Maschinen über Multitracker bis hin zu Effekten wie Delay (bis Reverb) und Flanger – allesamt auch sehr nett für uns Saitenzupfer!

Für die FX wurden weitere virtuelle Köpfe hinzugefügt, zudem wurde der Implementation verschiedener Rauschunterdrückungs-Systeme von Dolby und DBX große Aufmerksamkeit beigemessen. Auch diese haben einen wichtigen Einfluss auf den Klang einer Bandmaschine, und bieten zudem bei regulärer als auch „falscher“ Benutzung weitere Klangoptionen. So ist mit Satin z. B. auch der „Dolby-Trick“ möglich, in dem man den A-Type Encoder (=Dolby A) einschaltet, den Decoder aber auslässt (siehe Audiofiles).

Dadurch wird bei leisen Passagen das Top-End mit einer Emphasis im beliebten „Air“-Bereich versehen, während der Frequenzgang bei lauten Stellen linear bleibt (schön für Gesang oder A-Gitarre). Ansonsten ist die Parameterauswahl bei Satin immens und fördert den Spieltrieb, Stressgeplagte können sich aber auch zurücklehnen und einfach die Presets samt Studer und Ampex für sich arbeiten lassen.

Bezüglich meines Lieblingsthemas Transienten-Erhaltung darf man sich über ein paar extra Einstelloptionen definitiv freuen. So ist für maximalen Transienten-Punch eine eher niedrigere Pre-Emphasis, eine EQ-Kurve mit maximalem Höhen-Roll-Off (IEC 7.5 IPS), modern Tape (GP9) und ein eher höherer Bias zuträglich. Beim Einstellen aber genau hinhören, dass noch Höhen übrig bleiben und es nicht zu hohl klingt! Auf die praktische Group-Funktion muss man auch bei Satin nicht verzichten, sodass die Parameter für einen kompletten Mix schnell geändert werden können.

Unter den Audiofiles finden sich Beispiele zu VTM und Satin. Hierbei offenbart Satin bei vergleichbaren Einstellungen (A827/15ips/GP9) etwas mehr Top-End und eine unauffälligere, weichere Sättigung (was man aber natürlich noch nach Belieben tweaken kann). Aber was ist jetzt authentischer? Keine Ahnung! Ja dann: viel Bass!?


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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