Teil 28

Homerecording: Der Equalizer – Teil 3

In den ersten beiden Teilen dieser EQ-Reihe habe ich neben der Theorie auch die Hauptmerkmale der Klassiker SSL, Neve und Pultec vorgestellt. In dieser Ausgabe möchte ich noch zwei weitere, besonders „musikalische“ Classic-EQs für den schnellen Weg zum Ziel präsentieren, sodass man danach gut für den EQ-Wahnsinn gewappnet ist.

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Zuvor aber noch ein bisschen Text zur Einstimmung. Beim Mixing „in the box“, also im Computer, digital, via DAW und Audio-Interface, ist es mit mitgelieferten Standard-PlugIns schwierig bis unmöglich, einen weichen, seidigen Analog-Sound wie damals hinzubekommen. Digital fügt dem Signal nichts hinzu, sondern nimmt ihm höchstens, zumindest bei schlechter Auflösung, etwas weg. Digital ist schlicht zu steril, wenn wir den Analog-Sound wollen (was ja nicht immer der Fall sein muss).

Analog-Sound ist, vereinfacht, das Produkt fehlerbehafteter Technik, welche Ecken und Kanten wegbügelt. Das kann gut aber auch nachteilig sein, und ein guter Engineer kennt die speziellen Eigenschaften und jongliert damit, bis was Tolles dabei rumkommt. Wenn wir wollen, dass unsere DAW-Tracks nicht so normal und langweilig klingen, müssen wir ihnen irgendwie noch das gewisse Etwas verabreichen.

Wenn man es versucht technisch zu erklären, dann fehlen unseren meist direkt gewandelten Signalen zusätzliche Harmonische Obertöne, Phasenverschiebungen, Rauschen und „spezielle“ Veränderungen der Hüllkurve oder der Frequenzverteilung, damit Gesang, Gitarre oder Schlagzeug klingen wie bei ,The Wall‘.

Arbeitet man digital, muss man all das, was im analogen Studio von selbst passiert, durch komplizierte Simulationen nachbilden. Diese High-Tech ist kräftig im Kommen, und Beispiele davon habe ich schon in Form von einigen guten Kompressor- und EQ-Plugins vorgestellt.

Besonders interessant finde ich es, wenn die zugrunde liegende simulierte Hardware einen kräftig gefärbten, archetypischen Analog-Sound inne hat, damit sich das Einschleifen in der Spur so richtig lohnt. In diesem Sinne habe ich zum Abschluss der EQ-Reihe noch zwei besonders empfehlenswerte Schätzchen aus der Analog-Kiste gekramt.

Einer davon ist der Trident A-Range EQ. Dieses Design von Malcolm Toft aus dem Jahre 1971 wurde für das gleichnamige Mischpult entwickelt, wovon insgesamt nur 13 Stück gebaut wurden. Meisterwerke von Queen bis Metallica wurden über diese britischen Pulte aufgenommen, und besonders der EQ dieser Konsole genießt einen legendären Ruf. Man kann ihn buchstäblich für alles benutzen, und es ist schwer, das Signal damit nicht zu verbessern – und das intuitiv und schnell. Ideal also, wenn man als Musiker keine großen Ambitionen hat, ein Technik-Nerd zu werden.

Viele Leute wie Michael Wagener oder Tony Maserati schwören auf seinen Classic-Sound bei Gitarre, Bass, Gesang, Snare, Toms, Kick, A-Gitarre, Piano usw. Der A-Range ist quasi der Inbegriff des warmen, britischen EQs, wobei er noch färbender agiert als ein Neve. Ein weiterer Grund für seine Beliebtheit ist seine eigenständige Verzerrung sobald der Headroom zur Neige geht.

Wenn man nicht sein Auto für eines der wenigen Originale verkaufen möchte, hat man Glück, da zwei der besten Software-Adressen einen A-Range im Angebot haben, Softube und UAD. Witzigerweise haben beide zeitgleich an der digitalen Umsetzung gearbeitet, ohne zu wissen, dass sie jeweils nicht die Einzigen waren, die eine Lizenz zur Emulation bekommen hatten. Schließlich kamen die beiden Plugins kurze Zeit hintereinander raus.

Malcolm Toft lobt übrigens auf der Homepage des einen Herstellers dessen A-Range Plugin überschwänglich als sehr authentisch, was man auf der Seite des anderen Herstellers vergeblich sucht. Ein versteckter Hinweis des Designers persönlich?

Ein greifbarer Unterschied der beiden unabhängigen Versionen ist der zusätzliche Saturation-Regler bei der Softube-Variante. Dabei haben die Schweden genau das Übersteuerungsverhalten eines Kanalzuges des A-Range Pultes analysiert und emuliert, und als getrennt per Poti zumischbare Verzerrung eingebaut. Dabei unterscheidet sich die Verzerrung ausdrücklich von der Saturation anderer Softube Plugins.

Wie der in der letzten Folge vorgestellte Pultec hat auch der A-Range einen besonders gelungenen Sound bei Dips in den unteren Mitten. Hier ein paar Magic-A-Range-Frequenzen fürs erste Ausprobieren (Demo!). Bass: 250 Hz raus, Gitarre/Gesang: 500 Hz raus, Snare: 5 kHz rein, Bass/Vocals: 100 – 150 Hz rein.

Was klingt wie bescheuerte Kochrezepte sollte man einfach mal blind ausprobieren und staunen. Wenn es mit diesem EQ nicht besser klingt, ist das Instrument kaputt! Der zusätzliche Saturation-Regler der Softube Version ist über das EQing hinaus eine geniale und einfache Möglichkeit, Gesang, Bass usw. weitergehend aufzumöbeln.

Das andere ausgewählte Kleinod klassischer EQs ist der noch etwas ältere, diesmal amerikanische Vertreter, der API 550A. Dieses aus den letzten 40 Jahren Musikgeschichte nicht wegzudenkende Design von Saul Walker wird seit 2004 wieder gebaut und ist gefragt wie eh und je. Er stellt zum oben vorgestellten britischen Trident einen schönen Kontrast dar, da er präziser und klarer zur Sache geht, aber trotzdem ebenfalls das Signal hörbar färbt. Zudem steht sein Klang für Präsenz, Punch und Durchschlagskraft, prädestiniert also für Drums.

Auch für Gitarre, Bass und Gesang ist der 550A eine anerkannte Waffe, er kann aber wie der A-Range getrost in jedem beliebigen Kanalzug benutzt werden. Im Gegensatz zum Trident gibt es beim API keine Interaktion der Bänder. Zudem arbeitet der 550A „reziprok“, d. h. Boost- und Cut-Kurven sind horizontal symmetrisch.

Walker hat für diesen EQ Ende der 60er auch die „Proportional-Q“ Charakteristik erfunden, wie wir sie auch von Neve kennen, wobei große Amplituden schmale Kurven und umgekehrt ergeben. Dadurch konnte Walker guten Gewissens auf den Q-Regler verzichten und das Gerät in eine so kleine Kassette packen (der A-Range kommt auch ohne Q-Regler aus, hier muss man aber durchgängig mit einem mittleren Q-Faktor von ca. 1,2 vorlieb nehmen).

Als unbekümmerter Musiker-Tonmann ist man mit dem API deshalb gut bedient, da man nur mit dem Gain-Regler sowohl smoothe Kurven als auch kräftige Scoops machen kann ohne darüber nachzudenken. Das feine, diskret aufgebaute Design von Walker ermöglicht einen auch für heutige Verhältnisse sehr üppigen Headroom, wodurch mit dem analogen 550A umso mehr sorglos drauflos geschraubt werden kann.

Digital muss man sich diesbezüglich dank interner Fließkomma-Verarbeitung ohnehin keine großen Gedanken machen, und auch bei diesem EQ muss man glücklicherweise nicht auf authentische Plugins verzichten. UAD und Waves haben jeweils einen 550A innerhalb ihrer API-Bundles im Angebot.

Hier noch auf die Schnelle ein paar 550A-Kennenlern-Settings (falls man sich noch nicht selber traut). Gesang: Härte raus (5 – 7 k), Mitten rein (1,5 k). Gitarre: 200 Hz, 5 k jeweils rein (ergibt auch relativen Mitten-Dip). Bass (mit Online Audiofile): 800 Hz rein mit Gain auf Rechtsanschlag! Ja dann: viel Bass!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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