Teil 7

Homerecording: Amp-Mikrofonierung

Nun kommen wir endlich zu einem Thema, welches unter ambitionierten Gitarristen ähnlich präsent ist wie Arzt-Serien im Fernsehen: Die traditionelle Abnahme von Verstärkern mithilfe von Mikrofonen.

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Auch wenn dieses in die Jahre gekommene Aufnahmeverfahren schon oft breitgetreten wurde, und wahrscheinlich auch schon alles dazu gesagt wurde (bis auf diesen finalen Text natürlich), kommen wir in diesem Workshop nicht drum herum. Im Gegenteil, ich weiß nicht, ob es beim „Recording“ für uns noch was wichtigeres geben kann, als möglichst viel über dieses auf den ersten Blick banale aber oft mystifizierte „Handwerk“ zu wissen.

Heutzutage hat man die Qual der Wahl, wenn es darum geht, auf welche Art man sein elektronisches Saiteninstrument auf das Speichermedium bannen möchte. Zur Auswahl stehen neben besagter offensichtlicher Methode auch D.I.- Boxen, „Power Attenuators“ und Amps, welche mit Rec-Outs inklusive analoger Speaker-Simulation versehen sind. Zudem gibt es spezielle Recording-Preamps und digitale Modeler.

Aus evolutionären Gründen hören wir die E-Gitarre besonders kritisch. Beim Bass hingegen sind wir z. B. durch den unterentwickelten Präsenzbereich zwischen 2 und 4 kHz (außer vielleicht beim Slap-Bass … ) und das tiefergelegte Obertonspektrum etwas weniger feinfühlig. Und siehe da: Seit jeher wird der Bass ohne Bedenken direkt aufgenommen, und Jeff Beck hat ihn sogar jahrelang komplett weggelassen (allerdings eher aus dem tontechnischen Irrglauben heraus, sein zugegebenermaßen exorbitanter Gitarrenton könnte sonst nicht genug „Platz“ im Mix haben … ).

Wie dem auch sei, auch die Bass-Abnahme mit Mikro hat namhafte Anhänger, was vor allem bei „Sound-machendem“ Setup auch einleuchtet. Dabei ist es allerdings ratsam, das D.I.-Signal zur Sicherheit zusätzlich aufzunehmen, da die ausladenden Wellenlängen beim Viersaiter gehobene Anforderungen an Mikrofon und Raum stellen. Es kann also auch gut sein, dass eine Mischung aus Mic- und Direktsignal schließlich das beste Ergebnis liefert.

Der unerfahrene, herumjuxende E-Gitarrist, welcher zum ersten mal versucht, den gerade liebgewonnenen Sound seines Stacks mit einem Mikrofon einzufangen, wird wahrscheinlich erstmal am Boden zerstört sein. Leider ist es meistens nämlich etwas fummelig, den voluminösen Klang eines Gitarrenverstärkers und -lautsprechers auf einen vergleichsweise kleinen Monitor- oder HiFi-Lautsprecher zu transportieren (zumal dies aus physikalischen Gründen sowieso nur eingeschränkt möglich ist).

Auf die Schnelle ist da manchmal nichts zu machen. Der angestrebten Sound ergibt sich i. d. R. durch Ausprobieren mit verschiedenen Mikrofonen, deren Position und eventuell deren Kombination. An dieser Stelle ist es wichtig am Ball zu bleiben, und sich nicht vorzeitig von den verlockenden, teuflischen Softwarelösungen abwerben zu lassen.

Bevor man aber irgend ein Mikrofon anstöpselt, sollte man etwas Zeit für die Optimierung des aufzunehmenden Setups investieren. Neben frischen Saiten sollte auch der Rest des Equipments in würdevollem Zustand sein. Besonders tückisch bei der Aufnahme sind mitschwingende, rasselnde Teile am Verstärker oder in näherer Umgebung. Übermäßig rauschende und brummende Geräte sollten mal zum Doktor geschickt werden.

Auch der Standort des Brüllwürfels ist von Belang. So hat man pro Wand +6 dB Bassanteil. Stellt man den Amp also in die Zimmerecke, bekommt man einen schönen Bums. Bei einer fetten Multi-Speaker-Box kann man darauf getrost verzichten. Zur Aufnahme werden allerdings auch gerne kompakte, puristische aber besonders hochwertige Röhren-Amps mit kleinen Speakern eingesetzt. Dafür kann der Standort in der Ecke mal ausprobiert werden. Reflektierende Gegenstände und Flächen in Mikrofonnähe sollten natürlich vermieden werden.

Überhaupt kann ein angenehmer Raumklang auch bei einem Mikrofon direkt vor dem Spannstoff nicht schaden – also ruhig ein bisschen mit Decken, Mobilar, gefüllten Badezubern o. Ä. experimentieren. Schließlich muss man sich noch für einen Speaker entscheiden. Wenn man nur einen hat, ist die Wahl relativ einfach. Hat man verschiedene Cabinets zur Auswahl, wird man wohl seinen Liebling nehmen, aber auch bei Gehäusen mit mehreren Lautsprechern mikrofoniert man normalerweise immer nur einen. Da auch baugleiche Speaker oft unterschiedlich klingen, sollte man mit gespitzten Ohren den einen ausfindig machen.

Für einen breiteren Sound werden auch manchmal zwei etwas unterschiedlich klingende Speaker abgenommen und im Mix stereo wiedergegeben. Dieser marginale Effekt ist jedoch meistens keine Offenbarung, sodass sich zur Verbreiterung eher Doublings oder Stereo Effekte anbieten. Bei einem Stereo-Amp-Setup ist eine Aufnahme beider Kanäle natürlich Pflicht. Ein altes Indianersprichwort lautet ja: „The Edge in Mono? Wat’n Quatsch sacht der Bono.“

Wenn die Wahl des Speakers getroffen ist und der Sound steht, muss man sich noch für ein Mikrofon entscheiden. Man sollte bewusst auch erstmal nur mit einem speziellen Mikro starten, um dessen Eigenschaften bei unterschiedlichen Positionen zu verinnerlichen – Einstein hat schließlich auch erst mit der speziellen Relativitätstheorie angefangen … Zur Auswahl stehen zahllose Mikrofone unterschiedlicher Gattungen und Preiskategorien.

Der Klassiker für verzerrte Gitarren (sowie für Snare und David Bowie) ist das SM57 von Shure. Dieses seit 1965 gebaute dynamische Tauchspulenmikrofon wurde für einen geringen Abstand zur Schallquelle konzipiert. D. h. beim zu erwartenden Nahbesprechungseffekt bei kleiner Distanz ist der Bass immer noch im Rahmen. Dafür wird jedoch gezielt der für Gitarre, Gesang und Snare besonders wichtige Druck/WärmeBereich bei ca. 200 Hz hervorgehoben. Der prägnante Peak bei etwa 6 kHz verschafft dem Mikro zudem seinen durchsetzungsfähigen, hellen Klang.

Andere bewährte Gitarrenmikros sind das ebenfalls legendäre MD421 oder die neueren E906/E606, allesamt von Sennheiser. Aber auch die vor einigen Jahren fast tot geglaubten Bändchenmikrofone sind durch ihre Impulstreue und griffige Mittenabbildung zurecht hoch im Kurs. Allen voran hat die Firma Royer Labs mit ihrem nicht ganz billigen R-121 in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt.

Aber auch günstigere „Ribbons“ können durch ihre Vielseitigkeit von Blues bis Heavy punkten. Natürlich eignen sich auch die sonst so begehrten Kondensatormikrofone zur Amp-Abnahme. Dabei werden sie üblicherweise eher als zusätzliches Mikro in etwas größerem Abstand für den Raumklang eingesetzt, gerne auch in Röhrenausführung. Es spricht aber nichts dagegen, ein Condenser als einzigen Schallwandler direkt vor den Speaker zu packen, sofern der Grenzschalldruckpegel dies zulässt. Allgemein gilt auch hier wieder: Ausprobieren geht über Sinnieren!

Da Mikrofone und deren Eigenheiten ein ziemlich komplexes Thema darstellen, werde ich demnächst wohl noch mal etwas ausführlicher darauf eingehen. Bezüglich der Mikrofonposition sollte man wissen, welche Eigenschaften ein Speaker und dessen Gehäuse haben. So ist genau in der Mitte des Lautsprechers der Klang am obertonreichsten und härtesten (1A). Je weiter man an den Rand geht, desto bassiger und weicher wird’s (1B). Positioniert man das Mikro direkt am Speaker, kommt der Nahbesprechungseffekt bei Druckgradienten-Mikrofonen, und da vor allem bei Bändchen voll zum Tragen. Zudem wird dort der Anteil des Raumklangs auf ein Minimum reduziert.

Eine weitere Option auf der Suche nach dem Sound ist das Anwinkeln des Mikros (1C). So fängt man quasi einen etwas breiteren Mix zwischen „innerem“ und „äußerem“ Klang der Membran ein, wobei schon kleinste Bewegungen deutliche Unterschiede bedeuten. Dabei spielt es auch eine Rolle, welche Richtcharakteristik das Mikro hat. Bei der üblichen Niere und deren Sonderformen hat man ja bei 0° Einfallwinkel den maximalen Pegel, während bei 60° Einfall je nach Frequenz schon um die 5 db leiser aufgenommen wird.

Somit ist ein am äußeren Rand positionierter Mikrofonkopf, der nach innen „guckt“ eher höhenlastig als umgekehrt. Der für frontal eintreffenden Schall etwas weitere Weg und der dadurch etwas geringere Pegel und Nahbesprechungseffekt muss dabei allerdings auch noch berücksichtigt werden. Wenn man nun noch in Betracht zieht, dass der Schall, welcher das Laufzeitglied des (gerichteten) Mikros (mit dessen Hilfe die Richtcharakteristik durch Phasen-Auslöschungen geformt wird …. aaaaaahhhh) zuerst erreicht, eine andere Frequenzverteilung aufweist als der Schall von vorne, wird einem ganz schwummerig im Kopf.

Von daher empfehle ich: Am besten nicht zu viel nachdenken und einfach am Mikro drehen bis es passt. Und als wäre es nicht genug, es gibt noch mehr Möglichkeiten: Je weiter man mit dem Mikrofon weg geht, desto mehr macht sich logischerweise der Raum bemerkbar, und man erhält eher den natürlichen Gesamtklang des Speakers (2). Nahbesprechungs-Mikros wie das SM57/58 sind für einen größeren Abstand allerdings weniger geeignet. Besagte Bändchen brauchen hingegen meist etwas Distanz oder müssen zumindest ziemlich mittig vor dem Speaker sitzen.

Kondensatormikros sind da flexibler und können es meist überall tun. Geht man mit dem Mikro mehr als einen Meter vom Chassis weg, so kann man dessen Output nur noch als zusätzliches Raumsignal nutzen (und würde vermutlich ein Stereo-Verfahren wählen). Das ist bei besonders wohliger Akustik interessanter als der übliche Hall aus der Dose, bei Standardräumen aber leider meist keine Bereicherung.

Irgend ein frei denkender Toningenieur ist irgendwann auch auf die Idee gekommen, einen Amp von hinten abzunehmen (3). Dieses Signal eignet sich meist auch eher als Unterstützung für ein frontseitiges Mikro und muss in diesem Fall in der Phase gedreht werden. Diese Methode funktioniert übrigens auch bei geschlossenen Amps/Cabinets und liefert eine dunkle bis warme Note. Bei der Kombination mehrerer Mikros sind Phasenauslöschungen durch den Kammfiltereffekt nicht zu vermeiden, stellen aber manchmal einen gewünschten Effekt durch einen eigenständigen Sound dar, welchen man sonst nur durch frivoles EQing erreichen würde.

Der gewiefte Leser merkt schon, es gibt einige Möglichkeiten, die Schwingungen der Membran in elektrische Spannung zu wandeln. Aber bloß nicht von den endlosen Möglichkeiten erschlagen lassen – alles kann, nix muss! Und normalerweise macht es auch ein bisschen Spaß, besonders wenn der Sound dann tatsächlich schnittiger ist als bei den alternativen Aufnahmeverfahren!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Vergleich von 51 Mikrofonen vor dem E-Gitarrenverstärker, darunter dynamische Klassiker, moderne Bändchen- und Kondensatormikrofone:

www.soundandrecording.de/tutorials/mikrofonvergleich-vor-dem-e-gitarrenverstaerker/

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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