Extended Range Guitars

Extended Scale vs. Extended Range

(Bild: Simon Hawemann)

Seit nunmehr zwei Jahren schreibe ich monatlich diese Kolumne und es ist längst überfällig, auch mal ein bisschen die Regeln zu brechen!

Zur Erinnerung: Dies ist eine Kolumne über Extended Range Gitarren. Das heißt, kurz und knapp, dass lediglich Instrumente mit mehr als 6 Saiten und/oder 24 Bünden tatsächlich auch die Bezeichnung verdienen.

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Das gilt allerdings nicht für die Art Gitarre, auf die ich heute an dieser Stelle eingehen will: Es geht stattdessen um sechssaitige Gitarren mit Bariton Mensur – also Extended Scale, nicht Extended Range. Warum diese für die ERG-Szene trotzdem interessant sind, erfahrt ihr in dieser Folge.

Keller-Tunings

Machen wir uns nix vor: Ein bedeutender Teil des Extended-Range-Booms hat vorrangig mit den tiefen Tunings zu tun, die man mit sieben- und achtsaitigen Gitarren erzielen kann. Das Standard 8- String-Tuning liegt bei F# – nur zwei Halbtöne höher als ein viersaitiger Bass. Und trotzdem werden auch 8-Strings noch weiter runter gestimmt: Meshuggah haben ihre z.B. einen Halbton tiefer auf F gestimmt (genau wie auch meine Band Nightmarer), Animals as Leaders spielen in Drop E und Ion Dissonance gar in D# . 9-Saiter kommen ab Werk mit einem immens tiefen C#-Tuning, das den üblichen Sound einer Gitarre zugegebener Maßen schon etwas ad absurdum führt.

Auch wenn der Trend des immer tiefer Stimmens sich langfristig nicht wirklich behauptet hat, kann man doch sagen, dass sich der Standard fürs Downtuning durchaus über die Jahre konsequent weiter nach unten korrigiert hat. Bei 8- und besonders 9-Strings hat das Ganze natürlich schnell seine Grenzen erreicht (und teilweise überschritten), aber für die meisten Jungen ERG-Player ist ein Go-to-Tuning für 7-Strings mittlerweile eher Drop G# als das typische Standard H-Tuning.

Das Downtuning an sich hat streng genommen allerdings wenig mit der Anzahl der Saiten zu tun. Die meisten in Masse produzierten Bariton 7- und 8- Strings haben eh eine Mensur von 27 Zoll, können also streng genommen problemlos gleich tief gestimmt werden. Klar, man verliert in dem Fall natürlich an Range – stimmt man eine Bariton 7- String auf F# , büßt man natürlich die hohe E-Saite ein. Wenn man damit leben kann, kann das Ganze allerdings auch große Vorteile haben. Schließlich fühlt sich nicht jeder mit acht Saiten wohl.

Ich selbst habe über die Jahre etwas den Spaß daran verloren und mich schlussendlich dazu entschlossen, auf Bariton 7-Strings zurückzugreifen, inklusive Verzicht auf die extra hohe Saite, die mir eine achtsaitige Gitarre bietet. Als Rhythmusgitarrist ist der Verlust durchaus zu verkraften – und es ist ja nicht so, als ob man nicht auch ein paar Griffe oder Leads in höhere Lagen transponieren könnte.

Und für diejenigen unter euch, die einfach nicht mit mehr als sechs Saiten warm werden, aber auf Keller-Tunings nicht verzichten wollen, gibt es auch noch eine Lösung: Eine 6-Saiter mit Bariton Mensur! Man möchte meinen, dass ich in den knapp 20 Jahren, in denen ich runtergestimmte Gitarren spiele, irgendwann mal eine sechssaitige Bariton mein Eigen nennen konnte… aber Fehlanzeige! Ich stimmte in der Vergangenheit selbst sechssaitige Gitarren mit Standard Mensur bis auf Drop A# runter und nahm das, zugegebenermaßen gut als Stilmittel einsetzbare, lange Einschwingen der tiefsten Saite über Jahre in Kauf.

Doch Anfang diesen Jahres machte ich endlich ernst und bestellte meine erste Bariton 6-Semi-Custom. Während der Wartezeit auf das gute Stück legte ich mir direkt noch eine weitere Bariton Klampfe von Jericho Guitars zu und wie der Zufall es so wollte, kamen beide fast zeitgleich bei mir an. Natürlich will ich euch meine ersten Erfahrungen mit diesen Instrumenten nicht vorenthalten!

Organisches Understatement vs. 80er-Hommage

Eines vorweg: Meine beiden Bariton-Gitarren von Kiesel und Jericho Guitars könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Kiesel ist eine Semi Custom, Made in America, die Jericho hingegen wird in der gleichen Fabrik gefertigt, wie die kürzlich in dieser Kolumne besprochenen Strandberg Boden Import-Modelle. Ihr erinnert euch an mein Lob bezüglich deren Qualität? Das Gleiche gilt auch für die Jericho! Genau wie die achtsaitige Strandberg-Headless, ist die Verarbeitung und Qualität der Jericho Edge Premium 6 Bariton wirklich herausragend. Zweifellos handelt es sich bei beiden Instrumenten um zwei der besten Import-Gitarren, die ich je in die Finger bekommen habe. Wenn ich das z. B. mit Ormsby aus Australien vergleiche, muss sich die Jericho Bariton ganz und gar nicht verstecken. Im Gegenteil!

Die Edge Bariton ist komplett aus Walnuss und Wenge gefertigt und kommt mit einem Seymour Duncan Nazgul/Sentient Set. Der Nazgul hat mir in der 7- String-Ausführung vor einiger Zeit gar nicht gefallen, aber in der sechssaitigen Jericho klingt er ausgesprochen fett, bissig und liefert einen gehörigen Mid-Crunch – ich bin positiv überrascht! Darüber hinaus haben wir es bei dieser Bariton mit einer Mensur von 27 Zoll zu tun. Das entspricht meinen 7- und 8-Strings, die ich wie bereits erwähnt bis auf F Standard runterstimme. Mit den entsprechenden Saiten würde die Jericho das Tuning absolut mitmachen, auch wenn damit die Range in den höheren Registern doch arg begrenzt wäre.

Ich stimme die Edge Premium auf wahlweise A Standard oder Drop G und dieses Instrument macht beide Tunings locker mit. Straff und definiert werden selbst tiefste Akkorde wiedergegeben – da kommt Freude auf! Tiefer als Drop G will ich die Gitarre allerdings wirklich nicht stimmen. Ich weiß nicht, ob es da bei mir eine mentale Barriere gibt oder ich einfach nicht zu viel Range nach oben hin einbüßen möchte.

Die stark an die Telecaster-Form angelehnte Kiesel Solo 6 Baritone bietet nicht nur optisch ein krasses Kontrastprogramm, auch die Spezifikationen unterscheiden sich gewaltig. Ich bin dieses Mal von meiner üblichen Holz-Auswahl abgewichen und habe ausnahmsweise keinen Sumpfesche Korpus verbauen lassen. Stattdessen kommt die S6 mit einem Erle Korpus in schwarzem Crackle über einer Grau Metallic Lackierung daher und sieht somit deutlich weniger organisch als die Jericho Edge aus. Die Crackle Finishes haben im Hause Kiesel Guitars dieses Jahr ihren zweiten Frühling erlebt und ich konnte als Fan der 80er-Shred-Gitarren-Ästhetik nicht widerstehen.

Zusätzlich zum Crackle-Korpus habe ich mich für einen dreiteiligen Hals aus Walnuss und Purpleheart mit einem Ebenholz-Griffbrett entschieden. Die Mensur der Solo 6 Bariton ist allerdings ein halbes Zoll kürzer als die der Jericho, beträgt also 26.5’’. Deswegen stimme ich diese Gitarre auch vorerst nicht tiefer als A Standard. Das reicht ja aber auch!

Im direkten Vergleich fällt auf, dass die Jericho zunächst mal deutlich schwerer ist, als die Kiesel. Das überrascht mich nicht wirklich – Walnuss ist schließlich kein wahnsinnig leichtes Holz. Bei Kiesel Guitars konnte ich um ein möglichst leichtes Stück Erle bitten und die Kalifornier haben abgeliefert. Akustisch ist die Solo 6 Bariton deutlich lauter und brillanter als die an eine PRS-Form erinnernde Jericho Edge – am Amp klingt wiederum die Jericho einen Hauch aggressiver. Das mag an der leicht längeren Mensur oder vielleicht den Tonabnehmern liegen.

Während die Kiesel Lithium 7- und 8-String Varianten mich bisher nämlich überzeugen konnten, lässt das Pendant für 6-Saiter doch einige Wünsche offen. Beide Gitarren meistern ihre tiefen Tunings allerdings tadellos und haben nach unten noch etwas Spielraum – besonders natürlich die Jericho mit ihren 27 Zoll!

Rein von der Bespielbarkeit machen es mir jedenfalls beide Instrumente leicht. Das Halsprofil der Jericho ist zwar etwas fetter als ich es gewohnt bin, aber es ist dennoch absolut komfortabel zu spielen.

Fazit

Es kommt natürlich wohl ganz auf den Gitarristen an, ob eine Bariton 6-Saiter ein adäquater Ersatz für eine ERG sein kann. Rhythmus-Gitarristen dürften durchaus damit zurechtkommen, aber für Shredder sind die Einbußen an Range in den höheren Registern mit Sicherheit ein Ausschlusskriterium.

Wie man mit der verminderten Range umgeht, ist natürlich auch ein Thema: Ich selbst spiele durchaus viele dissonante Akkorde bis auf die höchste Saite auf meinen Bariton 7-Strings, muss auf einer tief gestimmten, sechssaitigen Bariton also ab und an etwas in die höheren Lagen ausweichen, um die gleichen Sounds zu erzielen. Dazu muss man dann schon bereit sein.

Ich bin gespannt, wie ausgiebig ich auf die Bariton 6-Saiter in Zukunft zurückgreifen werde. Ich kann mir zwar gegenwärtig noch nicht vorstellen, dass sie jemals mein geliebtes 7-String/F-StandardTuning ablösen werden, aber vielleicht hält es sich ja irgendwann die Waage.

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2018)

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