Individuell & handgewickelt

Zehn Jahre Amber Pickups: Wolfgang Damm im Gespräch

Früher einmal waren E-Gitarren-Tonabnehmer schlicht produktgebundene Standards. Der Gitarrist nahm hin, was die Firmen in ihre Modelle eben so einbauten. Das ist natürlich längst Geschichte, denn heute suchen Musiker dezidiert nach dem richtigen Tonwandler für ihren Sound. Passionierte Spezialisten wie Wolfgang Damm haben nicht nur neue Standards entwickelt, sondern liefern auch noch den Pickup für das ganz individuelle Klanggefühl.

FOTO: Franz Holtmann

Hobby

Wolfgang Damm kommt vom Dorf und in seiner handwerklich orientierten Familie wurde viel repariert und selbst gebaut. Gitarre spielen lernte er erst mit 17 Jahren, aber auch da musste er immer erst einmal Dinge modifizieren und bastelte an der Technik herum. In den 80er-Jahren gab es noch wenig greifbare Informationen zur Gitarrentechnik und -elektrik und so war Experimentiergeist gefragt. Bald schon nahm Wolfgang einen Humbucker auseinander, um herauszufinden woher das Pfeifen kam und wie man das eventuell abstellen konnte. Mit Bastelkleber wollte er lose Drähte fixieren, aber das Lösungsmittel des Klebers zerstörte die Isolierung des Drahtes und damit die Spule. Wolfgang war um eine Erfahrung reicher. Er machte natürlich weiter, baute sich aus einem elektrischen Küchengerät sogar bald schon eine erste Wickelmaschine mit mechanischem Zählwerk, besorgte sich dünnen Kupferdraht von einer Firma die Motoren baute und kam zu achtbaren Ergebnissen. Zur Finanzierung seines Lehramtstudiums nahm er einen Teilzeit- Job als Gitarrenprüfer beim Vertrieb M&T in Marburg auf. Nach dem ersten Staatsexamen stieg er dann als Produkt- Manager von Heritage Guitars in Vollzeit ein, was sich als wichtige Weichenstellung für seine spätere Karriere erweisen sollte.

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Profession

Sechzehn Jahre lang war Wolfgang Damm Produkt-Manager für Gibson und Epiphone bei M&T, bevor er sich 2006 entschied, seine eigene Firma Amber Pickups zu gründen. Die guten Kontakte zu der von ihm am Anfang seiner Vertriebstätigkeit noch betreuten Firma The Heritage, bestehend aus ehemaligen Gibson-Mitarbeitern, die weiterhin in den alten Hallen in Kalamazoo fertigten, ermöglichten ihm die Vertiefung seiner Ambitionen. 1990 bis 1992 verbrachte er seinen kompletten Sommerurlaub in Kalamazoo, experimentierte mit alten Gibson-Leftover-Parts, die noch ungenutzt in den Ecken herumlagen und wickelte seinen ersten P-90-Pickup. Als er dann günstig eine Heritage-Jazz-Gitarre ohne Pickups erwerben konnte, entstand die Idee zum P-94-Pickup in Humbucker-Größe.

FOTO: Franz Holtmann
Wolfgang bei der Arbeit

„Ich war P-90-Fan und hätte diesen Pickup gerne da drin gehabt, wollte aber an der Gitarre nicht herumsägen und dachte: Probier doch mal, ob das nicht auch anders geht.“ Aus alten Gibson- Spulen und schönem Riegelahorn baute Damm 1994 zwei Spulenkörper, die genau in die vorhandenen Fräsungen passten. „Das sah dann hübsch aus, als die fertig waren, und es hat sehr dynamisch geklungen. Da musste man einfach weitermachen.“ Wolfgang kaufte daraufhin Magnete für 1000 Pickups und bis 1996 fertigte er diesen Tonabnehmer dann zunächst selbst in kleinen Auflagen (immerhin etwa 700 Stück), vertrieben wurde der von M&T. Die Spulenkörper aus Kunststoff fräste ihm ein Freund, später investierte er noch in eine Spritzgussform, das Magnetmaterial lieferte Gibson. Später gelang es Damm, Gibson für dieses Tonabnehmer-Modell zu interessieren. Seit 1997 wird der P-94-Pickup, für die Wolfgang immer noch die Spulenkörper liefert, nun schon von Gibson in Lizenz hergestellt und weltweit vermarktet.

FOTO: Franz Holtmann
Archtop mit neuem Floating-Pickup

Wolfgang setzte sich neue Ziele und nutzte den frei gewordenen Raum, um sich dem Thema „Singlecoil“ zu widmen. Anlass dazu gab die Anfrage der deutschen Gitarrenbauer Launhardt, Heidlindemann und Kraushaar, die für ein gemeinsames E-Gitarrenprojekt Strat- und Tele-Pickups suchten. „Bei dem Tele- Pickup sollte etwas herauskommen, was dem Original etwa entspricht, aber mit etwas besserem Dynamikverhalten. Dann sollte es einen geben der klarer und heller war und einen der ein bisschen weicher und sanfter war, also nicht nur diesen einen Vintage-orientierten Typen. Ich wusste schon, mit welchen Komponenten ich was erreichen kann und das Ergebnis kam da dann auch schon sehr nah ran.“ 1997 kamen also schon die ersten Sätze für Strat-Style-Gitarren, „Power Blues“ und „Vintage“ heraus, die auch schon bald in Instrumenten namhafter Hersteller landeten, 1998 folgte dann das „Country“- Set für T-Style Gitarren. Zu dieser Zeit hatte sich Wolfgang im Übrigen auch längst schon jene zwei aus Motor und Antrieb alter Pearl-Vibraphone bestehenden Wickelmaschinen gebaut, die heute noch im Einsatz sind.

FOTO: Franz Holtmann
Spulenkörper bereit zum Wickeln

Nicht nur der bemerkenswerte Gibson- Deal lenkte einige Aufmerksamkeit auf den hessischen Pickup-Dreher, auch die stetige leidenschaftliche Vertiefung in dieses Metier und die fortlaufende Auseinandersetzung mit interessierten Musikern führten zu immer mehr Projekten, Anfragen und brachliegenden Ideen, die ihn letztlich in der Entscheidung bestärkten, eine eigene Firma zu gründen. 2006 stieg Wolfgang Damm dann nach 16 Jahren „mit einem weinenden Auge“ bei M&T aus und machte sich auf zu neuen Ufern.

FOTO: Franz Holtmann
Kerstin verlötet Anschlusskabel

Operation Humbucker

Seiner heutigen Frau wegen zog Wolfgang Damm von Marburg nach Riebnitz- Damgarten an die Ostsee und startete in eine ungewisse Zukunft. Trotz guter Kontakte war natürlich überhaupt nicht sicher, ob die eigene Firma denn auch ihren Mann ernähren würde, aber überraschenderweise war schnell eine tragfähige Ebene erreicht und Wolfgang konnte sich einem Thema widmen, das ihn schon in der Vorbereitungsphase stark beschäftigt hatte: der Humbucker.

„Ich hatte den Gedanken, dieses Bedeckte, Muffige aus den Standard-Pickups rauszunehmen, wie man das u. a. von dem Gibson 57er Classic oder den Seymour Duncans kennt. Und das hab‘ ich auch geschafft. Die Klangergebnisse waren dann so gut, dass ich daraufhin meine Classic-Serie vorgestellt habe. Damit bin ich dann nach Köln gefahren, habe sie zwei, drei Händlern vorgestellt und der Redaktion von Gitarre & Bass. Die Händler haben auch alle sofort gekauft, dann kam der G&B-Testbericht über die Classic-Serie heraus und da war ich im Geschäft.“

Diese Idee der Entschleierung entsprang im Übrigen eher einer Eingebung, als technischem Verständnis und bezog sich auf das Wachsen von Pickups. Ohne Wachs, so die Vorstellung, sollte der Klang weniger bedeckt sein und Wolfgang löste die Aufgabe, indem er die Komponenten so fixierte und mit einer speziellen Silikonmasse bedämpfte, dass das gefürchtete Pfeifen, Grund für die verbreitete Wachserei, ausblieb. „Ich denke, ich baue den bestklingenden Humbucker.“ Ähnlich verfährt er im Übrigen mit P-90 und P-94- Typen – Singlecoils wachst auch er.

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Klangvorstellungen

Wolfgang entwickelte seine Standards vornehmlich im Vintage-Bereich, aber natürlich versucht er auch immer, den Vorstellungen seiner Kunden gerecht zu werden, sucht das entsprechende Feedback. Wie nähert man sich also an in der Klangbeschreibung? Sind Sounds denn sprachlich überhaupt artikulierbar? „Das kann klappen oder auch nicht. Man muss dazu auf der gleichen Ebene sprechen. Ich versuche die Beschreibung immer an anderen bekannten Pickups festzumachen.“ Grundsätzlich gilt für ihn: „Der Unterschied zwischen dem Alnico2 und dem Alnico5-Magneten ist ganz allgemein der, dass der Alnico2-Magnet ein bisschen weicher klingt und der Alnico5 etwas aggressiver. Meistens wird der Alnico2 im Humbucker für die Halsposition verwendet, nicht so sehr für die Stegposition, obwohl man ja für die Halsposition etwas mehr Brillanzen gebrauchen könnte und die Stegposition ruhig ein bisschen gedämpft sein dürfte. Ich überlege, ob ich das nicht besser umdrehe, weiß aber nicht, ob der Markt das akzeptieren würde. Die besten Ergebnisse erziele ich mit dem technisch gealterten Alnico5- Magneten. Der spricht noch viel schneller an, ist lebendiger und spritziger als alles andere.“

Pickup-Palette

Inzwischen bietet das Humbucker-Programm Zugriff auf verschiedene tonfarbliche Ausrichtungen. Das Classic-Programm differenziert sich in die drei Varianten Standard, Rock und Hot, dazu kommt noch der „59 Crosspoint“, der viel gerühmte „Spirit of 59“-PAF-Typ „der schlägt sie alle, wenn man den Vintage- Ton haben will“, und als letzter Zugang der „Custom Hot 60“ mit Keramik-Magnet (kann aber auch mit AlNiCo V bestellt werden). Natürlich sind neben „90 Classic“ Rock’n’Roll-Pickups auch noch die Singlecoils der P-94-Serie (Classic oder Amber- Versionen) im Programm. Unter dem Begriff Surf-Style-Pickups finden sich Einspuler für Strat-Typen mit Klangauflösungen von „Vintage“ über „Power Blues“ bis neuerdings auch noch „61 Special“ und „Screaming 69“.

Twang-Style-Pickups für Tele-Typen gibt’s als Vintage-, Countryund Blues-Typen. Anfang dieses Jahres wurden die ersten Free-Floating-Pickups in Humbucker- und Singlecoil-Ausführungen für die Montage am Hals von Jazz- Gitarren fertiggestellt. Die ersten davon gingen nach Tschechien zu NBE Guitars, wo bereits die Maybach Guitars mit normalen Humbuckern und Singlecoils von Amber ausgestattet wurden, wie optional auch die Gitarren der Hausmarke Jolana. Die neuen Archtops von Stromberg besitzen ebenfalls diese Amber-Free-Floating- Jazz-Pickups. Das Angebotsprogramm wurde aktuell auch noch um Mini-Humbucker erweitert. „Nach all den Jahren habe ich jetzt die Bauteile zusammen und die ersten Prototypen gebaut. Ich hatte bisher einfach nicht die Zeit dafür gefunden.“

Amber Aktuell

Wolfgang wird mittlerweile von zwei Mitarbeiterinnen unterstützt: „Kerstin, gelernte Feinmechanikerin, hat einen guten Überblick und ist handwerklich sehr begabt, da kann ich mir noch was abgucken, und sie hat absolutes technisches Verständnis – wunderbar.“ Eine zweite Teilzeitkraft ergänzt seit einiger Zeit das kleine Team. Das jährliche Produktionsvolumen bei Amber lag vor vier Jahren noch bei unter 1000 Einheiten, hat sich aber in letzter Zeit nicht zuletzt durch den Zuspruch größerer Hersteller enorm erweitert: „Ich denke, dass wir in diesem Jahr 2000 Pickups bauen werden.“ Wolfgang arbeitet mit Passion nicht nur an seinen Standard-Pickups: „Ich hab‘ für Gerhard Schwarz z. B. einen Charlie Christian-Pickup gemacht, oder jetzt wollen Kunden Firebird-Pickups. Die hab‘ ich dann erst mal analysiert, hab mir Magnete und Grundplatten herstellen lassen und auch schon Ideen, wie man das anders und besser machen kann. Das braucht alles Zeit für die Entwicklung und Geld, um die richtigen Parts und Werkzeuge zusammenzubringen.“

Coda

Amber Pickups ist heute ein etablierter Name. Die differenzierte Klangfarblichkeit und Dynamik dieser von Wolfgang Damm immer noch selbst von Hand gewickelten Tonabnehmer wird vor allem im Vintage-orientierten Lager hochgeschätzt, aber darauf lässt sich die Spannweite in der Anwendung seiner Produkte kaum eingrenzen. Neben größeren Firmen wie Vigier oder Maybach setzen auch auf Custom-Fertigung spezialisierte unabhängige Gitarrenbauer wie Gerhard Schwarz von Schwarz Custom Guitars oder Oliver Baron von Helliver Guitars auf den Amber-Sound. Der Reverend in Zusammenhang mit seiner neuen Helliver Trapezoid Hollow: „Wolfgang Damm ist eine Bereicherung für die Elektrische Gitarre. Sein Amber-Pickup Classic Rock in der Trapezoid ist eine umwerfende Ergänzung zum potenten Ton dieses Instruments. Ich weiß ja nicht, welche Art von Magie er bei seiner Arbeit anwendet, aber warum fragen? Fest steht, dass gerade der sogenannte Mystery Factor, also das, was nicht genau erklärt werden kann, die unwiderstehliche Anziehungskraft eines Musikinstruments ausmacht.“

www.amberpickups.de


Aus Gitarre & Bass 01/2017

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