Ex-Rage-Gitarrist

Victor Smolski: Almanac ist eine Art „Best Of Smolski“

Gespräche über Victor Smolski kann man nicht ohne Superlative führen, zu außergewöhnlich sind die handwerklichen Fähigkeiten und der künstlerische Facettenreichtum dieses Ausnahmemusikers. 15 Jahre lang war der weißrussische Gitarrist das musikalische Rückgrat der deutschen Power-Metal-Formation Rage. Im Herbst 2014 fand die Zusammenarbeit ein jähes Ende, doch bereits im Sommer 2015 präsentierte Smolski seine neue Band Almanac und realisiert auf deren Debüt-Album konsequenter als jemals zuvor seine Vision eines mit Klassik durchtränkten Heavy-Metal.

Victor Smolski
Mathias Mineur

Der Haussegen bei Rage hing schon länger schief, implodierte dann aber vollends auf der 2014er-Herbst-Tournee, die sich organisatorisch und kommerziell als mittelschweres Desaster entpuppte. Als die Band nach zermürbenden Wochen wieder zu Hause war, hatte sich die Besetzung mit Smolski, Sänger/Bassist Peavy Wagner und Schlagzeuger André Hilgers endgültig auseinandergelebt. Smolski stieg aus, schüttelte sich kurz und stürzte sich dann in die Arbeiten für eine geplante Soloscheibe. Auf halber Strecke revidierte der 47-Jährige die ursprünglichen Planungen jedoch und formierte stattdessen seine neue Band Almanac. Seit März steht das Debüt ,Tsar‘ in den Läden, parallel dazu spielte die Band ihre erste Tournee.

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Best of Smolski

Mir geht es nur um die Musik, nicht um Ruhm oder Geld.

 Victor, war die Trennung von Rage unvermeidbar? Oder handelte es sich eher um eine Kurzschlusshandlung?

Victor Smolski: Nein, überhaupt nicht. Es ging schon länger in die falsche Richtung. Wir haben immer weniger geprobt, es gab zunehmend weniger Ideen, immer weniger Energie, dagegen viel zu viel Routine, zu wenig Qualität. Der Name Rage stand immer für besonders gute Live-Shows, dieser Ruf ging mehr und mehr verloren. Deswegen funktionierte unsere letzte Tournee auch nicht. Die Planung war katastrophal, es ging nicht mehr um den Spaß an der Sache, sondern nur noch um die Gagen. Am Ende war dann auch unsere Freundschaft am Boden. Auf einer solchen Basis kann ich nicht arbeiten.

Ist es schwer für dich, wieder von vorne anzufangen?

Victor Smolski:  Nein, denn wenn die Songs Spaß machen und die Gruppe sich untereinander versteht, bin ich restlos glücklich. Bei uns gibt es keine Egos auf der Bühne, wir sind eine Band mit starken Charakteren, die aber alle an einem Strang ziehen. Mir geht es nur um die Musik, nicht um Ruhm oder Geld. Alles andere kommt dann von selbst.

Wo würdest du Almanac musikalisch einsortieren?

Victor Smolski: Diese Scheibe ist ohne Kompromisse entstanden, sie ist zu 100% das, was ich machen möchte, eine Art „Best Of Smolski“. In den Songs findet man alle meine Gedanken und künstlerischen Vorstellungen. Almanac spielen Power Metal mit symphonischem Anteil. Mein Ziel war: Es muss hart sein, es muss knallen und grooven, und es muss Tiefgang haben.

 

Effektpedale ohne Kabel

Kommen wir zu deinem aktuellen Setup bei Almanac. Es ist offenbar seit Jahren unverändert geblieben.

Victor Smolski: Das stimmt. Es besteht schon seit geraumer Zeit aus meinen Custom-Gitarren, jeweils einem amerikanischen und einem japanischen Yamaha Custom-Shop-Modell, die beide auf der RGX-Serie basieren, sich aber in den Pickups unterscheiden. In der amerikanischen sitzen Seymour-Duncan-Jeff-Beck-Typen, in der japanischen die polnischen APG-Pickups. Auch der Hals wurde ein wenig an mein Spiel angepasst. Dazu kommen zwei Siggi-Gitarren, ein neues Modell der VS2 und eine spezielle Version mit Piezo- und Magnetic-Pickups und zwei getrennten Ausgängen, sodass man die Sounds separat verstärken, aber auch mischen kann, was vor allem bei Drop-Tunings und bestimmten Akkorden sehr praktisch ist.

Hinzu kommen zwei Victor Smolski-Signature-Limited-Edition-Amps von Engl. Ich spiele beide immer parallel über einen aktiven Splitter von Nobels mit unterschiedlichsten Kanal-Kombinationen. Wenn ich zum Beispiel verzerrt spiele, nehme ich von einem Amp den dritten Kanal mit etwas mehr Gain und vom anderen den vierten Kanal mit etwas weniger Verzerrung. Somit habe ich auf der Bühne – ähnlich wie im Studio – eine Dopplung mit zwei Sounds.

Die Amps arbeiten mit zwei Engl XXL-Boxen, die auf der Bühne absolut fantastisch klingen, schwer, dick und ohne Bassverluste. Denn die Boxen sind hinten nicht offen, sondern geschlossen. Der gesamte Sound strahlt nach vorne ab und passt auch zu jeder Bühnengröße. Mit diesen beiden Boxen habe ich sowohl in kleinen Clubs als auch z. B. auf der großen Wacken-Bühne gespielt.

 

Die Effekte?

Victor Smolski: Im Effekt-Loop befinden sich verschiedene Geräte, darunter Chorus, Delay und Compressor aus meiner neuen Engl-Serie, die meistens für Soli oder cleane Sounds zum Einsatz kommen. Die Rhythmusgitarren bekommen keine zusätzlichen Effekte. Vorne am Bühnenrand liegt ein altes DigiTech Whammy 2, das ich sehr praktisch finde, weil man es programmieren und schnell umschalten kann. Dazu kommen ein Real McCoy WahWah, ein Engl-MIDI-Controller für die Effekte und den Amp, sowie ein Shure-Sender, mit dem ich sehr glücklich bin, weil man keinerlei Klangverlust feststellen kann. Und für die Verbindung zwischen Amps und Effekten vertraue ich auf Cordial-Kabel.

Wie sind deine Gitarren gestimmt?

Victor Smolski: Auf dieser Tour gibt es zwei Tunings: einmal komplett einen Ton tiefer gestimmt, also D-Tuning, und dann gibt es noch Drop-C, also die letzte Saite einen Ganzton tiefer.

In Kürze kommt über Engl eine von dir entwickelte neuartige Effektpedal-Serie auf den Markt. Bitte erzähl etwas darüber!

Victor Smolski: Es wird sechs neue Pedale geben, darunter drei Verzerrer: ein Retro-Typ in Richtung eines alten Tube Screamers, ein weiterer Overdrive und mein Straight-To-Hell-Distortion-Pedal. Dazu kommt ein sehr interessanter Compressor, der den Sound nicht weicher macht, sondern das Dynamik-Level hält, ein richtig geiler Funky-Attack-Compressor, der einen mächtigen Punch abgibt, nicht nur bei cleanen, sondern auch bei verzerrten Sounds.

Wenn man beispielsweise mit dem Plektrum in Richtung des Gitarrenhalses geht und schnelle Anschläge spielt, klingt der Sound bei anderen Kompressoren oft etwas hohl, man hört das Plektrum nicht richtig und es fängt an zu matschen. Mit meinem neuen Compressor hört man jeden einzelnen Anschlag. Auch im Studio, wenn man mit Verzerrung spielt und nicht genügend Sustain bekommt, schaltet man einfach das Gerät hinzu und jeder Ton steht eine halbe Stunde.

Das gilt auch für cleane Sounds, und mit diesem Compressor kann man wunderbar crunchy Sounds erzeugen. Dann gibt es noch einen Chorus, der sich klanglich an guten Klassikern wie dem Red Witch Medusa orientiert und – ebenso old-school – ein Delay, mit gemischt analoger und digitaler Technik. Das Besondere an dieser neuen Entwicklung ist jedoch vor allem die Basiskonstruktion: Ich war nie ein Effektpedal-Fan, eben wegen der empfindlichen Patchkabel und der Batterien … Also habe ich mir lange überlegt, wie man diese Nachteile beheben kann.

Meine Lösung: Es gibt für die Effektpedale eine spezielle Plattform, auf die man die Geräte steckt und so den Kontakt herstellt. Man braucht keine Patchkabel, keine Batterie, nichts. Man schließt einfach die Plattform an den Strom an und schon sind alle Effektgeräte miteinander verbunden.

Wann kommt dieses System auf den Markt?

Victor Smolski: Wir warten noch auf einen konkreten Veröffentlichungstermin. Wenn alles gut läuft, wird man die Pedale im Mai oder Juni kaufen können.

Danke für die interessanten Infos!

Victor Smolski (7)
Mathias Mineur
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