Im Interview

Steve Vai: Modularer Gitarrenzauber

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(Bild: Larry DiMarzio)

Endlich gibt es wieder spannende Nachrichten vom amerikanischen Gitarrenhexer: Steve Vai hat ein neues Studioalbum aufgenommen – Titel: ‚Inviolate‘ – und fasziniert darauf abermals mit einem ungewöhnlichen Hybrid aus Rock, Jazz, progressiven Anteilen und avantgardistischen Momenten. Vais Fingertechnik ist bekanntlich überragend, sein Harmonieverständnis ungewöhnlich und sein künstlerischer Geschmack elitär. Natürlich glänzt auch die neue Scheibe durch exquisite Sounds, ungewöhnliche Gimmicks und eine Vielzahl virtuoser Passagen.

Die Grundlage seines aktuellen Gitarrensounds ist sein neues Synergy-Steve-Vai-Modul, das auf der NAMM 2020 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Für den 61-Jährigen bedeutet das den Einstieg in die Welt des modularen Amp-Prinzips, bei dem man aus verschiedenen Preamps (u.a. Bogner Ecstasy, Bogner Überschall, ENGL Powerball, Fryette Deliverence, Fryette Pittbull, Diezel VH4, Friedman DS, Soldano SLO) auswählen und sie individuell mit der jeweils gewünschten Endstufe kombinieren kann.

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Kurz vor der Synergy-Kooperation endete für Vai seine jahrelange Zusammenarbeit mit der Amp-Company Carvin, für die er im Laufe vieler Jahre drei gelungene Versionen seines legendären Legacy-Signature-Amps entwickelt hatte.

Weshalb aber hat sich Vai von Carvin getrennt? Und wie sah die Entwicklung seines Synergy-Moduls im Detail aus? Wir haben den Ausnahmemusiker um Aufklärung gebeten und bekamen – quasi on top – die ultimative Vai-Amp-History geliefert. Lest selbst!

Steve, lass uns bitte bei Adam und Eva anfangen: Wie bist du damals überhaupt zu Carvin gekommen?

Im Alter von 13 Jahren entdeckte ich in einem Musikmagazin eine Werbeanzeige von Carvin. Ich war total fasziniert, für mich war das Heft mit dieser Werbung wie ein erregendes Pornomagazin. (lacht) Ich schrieb einen Brief an Carvin und bat um weitere Unterlagen, über ihre Amps, über die Stacks, über die gesamte Angebotspalette. Insofern verankerte sich der Name Carvin schon sehr früh in meinem Hinterkopf. Einige Jahre zuvor, ich hatte gerade erst mit dem Gitarrespielen begonnen, legte ich noch kein großes Augenmerk auf Amps, zumal ich mir teure Geräte auch gar nicht leisten konnte. Ich spielte einfach über das, was ich in die Finger bekam, unter anderem einen Univox-Combo, der etwa alle zwei Stunden seinen Geist aufgab.

Mein erster richtiger Amp war ein Fender Bandmaster, der großartig klang. Aber Amps waren mir damals nicht wichtig, außer dass sie laut genug sein mussten, um mit einer Rockband in Clubs spielen zu können. Wichtiger war mir seinerzeit der Sound, den ich mit den Fingern erzeugte. Mit 19 verließ ich das Berklee College und begann für Frank Zappa zu arbeiten. Schon während des Studiums hatte ich Transkriptionen für das Guitar-Player-Magazin verfasst. Ich schickte Zappa ein paar Transkriptionen seiner Soli, so wurde er auf mich aufmerksam und holte mich schließlich in seine Band. Irgendwann entdeckte er Carvin, wodurch auch ich einen persönlichen Kontakt zur Firma bekam.

Als ich ein paar Jahre später Zappa verließ, hatten Carvin gerade den X100B veröffentlicht, ein Topteil mit zwei 4x12er-Boxen, das sie mir schenkten. Für mich war das der Himmel auf Erden. Mir gefiel der Sound, wobei ich allerdings zugeben muss, dass ich kaum Vergleichsmöglichkeiten hatte, da ich weder Produkte von Marshall noch von anderen großen Amp-Anbietern wirklich kannte. Ich nahm für Carvin eine Art Demo-Song auf, nämlich ‚Blue Powder‘, der anschließend auch auf meinem zweiten Soloalbum ‚Passion And Warfare‘ landete. Erst danach fing ich an, mich wirklich mit den Klangeigenschaften unterschiedlicher Amps zu beschäftigen, ihren Sounds, der Tiefe ihres Tons.

In deiner Zeit bei David Lee Roth war der Carvin aber nicht gewünscht, oder?

Die Dave Roth Band war „Marshall-City“. Die Marshalls, die ich in seiner Band spielte, waren extrem modifiziert. Ich hatte drei Tops, die allesamt von einem Typen namens Jose Arredondo modifiziert waren. Sie hatten einen einzigartigen Klang, der mir sehr gefiel. Zu der Zeit begann ich auch mit anderen damals neuen Amps zu experimentieren, wie z.B. mit Egnater, Bogner, Soldano, die eine neue Generation von Verstärkertechnik präsentierten. In den 70ern und 80ern hatte es eigentlich nur Marshall und Hiwatt gegeben, aber in den Neunzigern explodierte die Szene förmlich, mit vielen spannenden neuen Amps. Ich war für alles offen und testete, was immer ich in die Hände bekam.

Anschließend bei Whitesnake waren es auf Empfehlung deines Gitarrenpartners Adrian Vandenberg vor allem Soldanos, richtig?

Ja, das stimmt, allerdings auch ein paar Marshalls. Als ich ‚Passion And Warfare‘ aufnahm, waren es noch überwiegend die modifizierten Marshall-Heads. Adrian hatte immer schon einen fantastischen Sound, und ich fragte mich, weshalb der so fett klang. Natürlich kam es vornehmlich aus seinen Fingern, aber Adrian brachte mich zu Soldano, wenn ich mich richtig erinnere. Nach meiner Whitesnake-Zeit meldeten sich dann immer mehr Hersteller und boten an, mit mir an einem eigenen Modell zu arbeiten. Marshall gehörten auch dazu, was seinerzeit ungewöhnlich war, weil Marshall damals eigentlich gar keine Endorsements machten.

Ich war der Erste, dem sie Geräte umsonst gaben und den sie auf ihren Werbeanzeigen ablichten ließen. Ich fand das großartig, denn so konnte ich bei ihren Amps auf Details, die mir nicht sonderlich gefielen, zumindest ein wenig Einfluss nehmen. Mir klangen Marshalls zu aggressiv, denn wenn man als Sologitarrist ein zweistündiges Konzert gibt, kann das mit Marshalls ganz schon „earritating“ (Anm. d. Verf.: Wortspiel zum englischen Begriff „irritating“ = irritierend) sein. Ich suchte nach einem Sound, der nicht so harsch und penetrant ist.

Und so erschien Carvin erneut auf der Bildfläche.

Der erste Amp, bei dem ich das Gefühl hatte, mich wirklich wohlzufühlen, war ein Bogner. Im Laufe der Jahre bekam ich immer mal wieder Geräte von anderen Herstellern geschickt, bei denen sie den Sound angeblich nach meinen Vorstellungen verändert hatten, die letztlich aber trotzdem reguläre Amps waren – bis sich eines Tages Carvin bei mir meldete. Natürlich war ich von der Idee einer Zusammenarbeit sofort begeistert. Denn Carvin ist ein Familienunternehmen und kümmert sich persönlich um die Künstler.

Um mich auf die Zusammenarbeit vorzubereiten, kaufte ich mir eine Reihe Bücher und las möglichst viel über Verstärkertechnik und Elektronik. Ich wollte meine Vorstellungen so konkret wie möglich artikulieren können, also: cleaner Amp mit wenig Kompression, nur minimal Verzerrung, klar konturierten Bässen und sauberen Höhen. Aufgrund meiner Lektüre konnte ich mich in der technischen Fachsprache artikulieren, und so hatten wir nach gut einem Jahr – Ideen und Prototypen gingen ständig zwischen uns hin und her – als Ergebnis den ersten Legacy.

Für mich war dies der ultimative Amp, und er beantwortete meine Frage, weshalb ich einen solch guten Verstärker bislang nicht hatte finden können. Weil er vor dem Legacy nämlich noch nicht existiert hatte. Er verfügte über genau die Spezifikationen, nach denen ich lange gesucht hatte. Ich weiß, dass man auch anderer Meinung sein kann, aber für mich war der ‚Legacy‘ perfekt, weshalb ich eine lange und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit Carvin pflegte, inklusive einiger weiterer Upgrades des Amps.

Und weshalb endete diese Zusammenarbeit?

Weil sich Carvin geschäftlich verkleinert hat und mir nicht mehr den Service bieten konnte, den ich brauche. Wir haben noch zusammen ein Effektpedal mit den Eigenschaften des Legacy entwickelt, das sie weiterhin im Programm haben (das VLD1- Legacy-Drive-Preamp-Pedal ist laut Carvin-Homepage derzeit ausverkauft, Anm. d. Verf.). Aber für einen weltweit tourenden Musiker wie mich war die notwendige Unterstützung leider nicht mehr gegeben, sodass ich nicht mehr überall einen Legacy bei den Konzerten gestellt bekommen konnte.

Als diese Nachricht die Runde machte, haben andere Verstärkerhersteller sicherlich Schlange bei dir gestanden, oder?

Eines vorweg: Ich hasste die Idee, nach der Carvin-Kooperation nun mit nur einer Company zusammenzuarbeiten. Deshalb begann ich, sehr intensiv all die unterschiedlichen Boutique-Amps zu testen, also Diezel, Victoria, Victory, Mesa und so weiter. Alle waren wirklich großartig, mit tollem, unverwechselbarem Ton. Ich bekam auch einen wundervollen Amp von Paul Reed Smith geschickt, der sicherlich zu meinen Favoriten gehört. Aber sie alle klingen nicht wie der Legacy.

Trotzdem habe ich mein neues Album ‚Inviolate‘ mit einigen von ihnen aufgenommen. Aber mit keiner dieser Marken wollte ich eine feste Kooperation eingehen – bis ich Boutique Amps Distribution entdeckte, eine Firma hier in Kalifornien, die letztlich die Amps für all diese Firmen baut. Und sie haben auch die Nutzungsrechte für das Preamp-Modul-System, das einige vielleicht noch von Randall kennen. Und als Boutique Amps Distribution für ihre eigene Plattform die Marke Synergy gründeten, kamen viele verschiedene Hersteller zu ihnen und lizensierten die tatsächlichen Schaltungen, also die innere Struktur ihrer Preamps. Man kauft also ein Synergy-Diezel-Modul oder Synergy-Friedman-Modul und damit die Struktur dieser Preamps. Das ist wie Weihnachten!

Ich kann also in mein Rack einen zweikanaligen Amp mit den Preamp-Modulen all dieser Firmen einbauen, das ist wie der Himmel auf Erden. Diese Idee gefiel mir und ich schloss mich ihr an. Und trotzdem klang keins dieser Module wie ein Legacy. Boutique Amps Distribution boten mir schließlich an, ein eigenes Modul zu entwickeln, das genau den von mir gewünschten Sound erzeugt. Und seitdem existiert das Synergy Steve Vai Modul, das ich seither spiele.

Und dieses Modul ist vermutlich auch auf ‚Inviolate‘ zu hören, nicht wahr?

Natürlich. Normalerweise nehme ich meine Gitarre immer per D.I.-Signal auf, denn dann kann man es anschließend mit jedem verfügbaren Verstärker re-ampen. So lassen sich verschiedene Sounds mischen. Zuvor hatte ich einige Parts mit einem regulären Boutique-Amp aufgenommen, um anschließend festzustellen, dass mich der Sound nervte. Deshalb ging ich zum D.I.-Signal über und re-ampte es mit meinen Synergy-Modulen. Jetzt kennst du Steves Amplifier-Story! (lacht)

Demnach ist das Synergy-Steve-Vai-Modul die logische Weiterentwicklung des Legacy?

Ja, könnte man so sagen. Vom Legacy gab es bekanntlich drei Versionen. Jeder Künstler will sich weiterentwickeln, neue Horizonte erschließen. Deshalb haben wir ja auch meine Ibanez JEM ständig weiterentwickelt. Übrigens auch weil es Spaß macht. Man muss sich ja selbst bei Laune halten. Jede der drei Versionen bekam kleine Veränderungen, und die gibt es nun auch beim Synergy-Steve-Vai-Modul. Der Ton basiert auf meinem Gehör und welchen Sound ich derzeit bevorzuge. So war es ja auch bei meiner Kooperation mit DiMarzio: Jahrelang spielte ich den gleichen Tonabnehmer, bis irgendwann die Zeit gekommen war, etwas zu ändern. Ich erklärte: „Ich wünsche mir etwas tightere Bässe, etwas mehr Mitten, etwas mehr oder weniger Output“, und exakt daran wurde dann gearbeitet.

Klanglicher Urvater des Synergy-Signature-Moduls: Vais Verstärkeranlage mit Carvin Legacy, Carvin TS 100 & Carvin Legacy 4x12er-Boxen (Bild: Matthias Mineur)

Wie lange hat die Entwicklung des Synergy-Moduls gedauert? Wie viele Prototypen gab es vor dem finalen Resultat?

Eine ganze Reihe, so arbeite ich immer. Nur sehr selten trifft man schon gleich am Anfang den Nagel auf den Kopf. Ich muss zugeben, dass ich in der glücklichen Situation bin, keine Kompromisse eingehen zu müssen. Die Firmen kommen zu mir und fragen: „Was genau möchtest du haben?“ Sie schreiben mir nichts vor, sondern helfen dabei, meine Vorstellungen umzusetzen. Synergy beschäftigen einen brillanten Ingenieur, mit dem ich zusammenarbeiten durfte und dem ich meine Wünsche erklärte. Ich bekam ein erstes Modul, das bewusst roh gehalten war. Ausgehend davon fingen wir an, an meinen Änderungswünschen zu arbeiten.

Hat dein Synergy-Steve-Vai-Modul ein anderes Synergy-Modul als Grundlage?

Nein, nichts aus der Synergy-Linie, sehr wohl aber aus der Vai-Linie. Ich gab ihnen den Legacy und sagte: „Lasst uns damit anfangen! Wenn ihr diesen Sound technisch dekodiert habt, können wir von dort aus weitergehen.“ Und ich fügte hinzu: „Und sorgt dafür, dass es nicht wie ein Marshall klingt!“ Es gibt an Marshalls nichts auszusetzen, ich habe ja selbst einige von ihnen gespielt. Aber die waren modifiziert. Mein Gehör verlangt jetzt nach etwas anderem.

Der Clean-Channel des Legacy war wundervoll, absolut clean, vielleicht sogar ein wenig zu clean. Deshalb war die Zeit für Veränderungen gekommen. Ich fuhr zu Synergy und sagte: „Euer Basismodell – eine Art Fender Bassman, bei dem damals der cleane Kanal das Beste war, was ich jemals gehört hatte – ist ein guter Ausgangspunkt für mein Signature-Modul.“ Insofern muss ich den Beginn meiner Antwort ein klein wenig revidieren: Der cleane Kanal ihres Basis-Moduls war der Startpunkt für den cleanen Kanal des Vai-Moduls.

Bevor der erste Prototyp von Steves neuem Modul gefertigt wurde, wurden im eigenen Studio etliche Synergy-Module getestet. (Bild: Matthias Mineur)

Hatte dein Signature-Modul auch einen direkten Einfluss auf das Songwriting für ‚Inviolate‘?

Eigentlich nicht. Songwriting aktiviert eine andere Windung meiner Gehirnmuskeln. Wenn ich kreativ bin, visualisiere ich meine Ideen. Sie haben immer eine melodische und eine harmonische Atmosphäre. Damit fängt stets alles an: Was fühle ich? Was beschäftigt mich gerade? In diesem Stadium hat es noch nichts mit einem bestimmten Sound des Amps zu tun. Natürlich gibt es auch den Fall, dass ich einfach die Gitarre in einen Amp stöpsele und der Sound mein Spiel beeinflusst, jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Aber in den meisten Fälle hat eine neue Idee nichts mit dem Amp-Sound zu tun, sondern nur mit der Frage: Wo ist die gute Idee? Wo ist die zwingende Idee?

Ideen kommen und gehen ständig, aber mitunter ist eine dabei, die zu mir sagt: „Ich bin die richtige Idee für dich!“ Und dann beginnt man, daran zu arbeiten. Der dann entstehende Song sagt dir von ganz alleine, welcher Amp-Sound für ihn am besten geeignet ist. Es kommt also vor, dass ich an einem Song arbeite und sofort weiß, dass man dafür den Legacy oder den Synergy nicht nehmen kann, sondern, dass er nach etwas ganz anderem verlangt, zum Beispiel nach einem Lazy-J-Amp.

Haben sich aufgrund der Änderungen deines Geschmacks und der Weiterentwicklung deiner Signature-Amps auch die Anforderungen an deine Gitarre geändert?

Natürlich reagieren bestimmte Gitarren auf bestimmte Amps auf eine ganz besondere Weise. Mein Spiel ist sehr JEM-orientiert, weil diese Gitarre einfach perfekt zu meinem Spiel passt. Zumal ich genau weiß, wie die JEM auf verschiedene Amps reagiert. Deshalb lass uns lieber über den Fall sprechen, wenn ich weder eine JEM, noch mein Synergy-Modul verwendet habe. Nämlich dann, wenn der Song mir sagte, dass er etwas anderes benötigt. Ich hatte dieses kleine Riff zu ‚Little Pretty‘ (Vai greift sich eine Gretsch-Gitarre und spielt das Riff), das eine eigene Persönlichkeit hat. Es sagte mir, dass es nicht auf einer JEM funktionieren würde, sondern mehr Raum braucht, weniger Distortion und einen etwas archaischeren Klang, als es eine JEM mit dem Synergy-Modul bietet. Mein Instinkt sagte mir, dass es eine Gretsch sein müsste. Ich meine: Steve Vai auf einer Gretsch, das ist hart für mich! (lacht) Und sehr selten!

Es gibt eine Reihe Gitarren, die ich liebe. Ich mag Stratocasters, Les Pauls, Firebirds, ES-335, und manchmal spiele ich diese Gitarren auch. Aber so richtig wohl fühle ich mich nur auf einer JEM, sie ist wie maßgeschneidert für mich. Ich sehe ja selbst schon fast wie eine JEM aus. (lacht) Dieser Song aber verlangte nach einer Gretsch, und ich hatte seit zehn Jahren eine an der Wand hängen. Ich wusste immer schon, dass ich eines Tages eine Nummer damit schreiben werde, weil sie so völlig anders klingt. Das Riff zu ‚Little Pretty‘ klang nach Gretsch bzw. nach einem Archtop-Modell. Also testete ich sämtliche meiner Archtop-Gitarren, teils von Ibanez, teils von D’Angelico, letztlich war die Gretsch am besten geeignet. Aber nicht über mein Synergy-Modul, weil es nicht den klanglichen Raum bot, den eine Gretsch braucht. Deshalb wählte ich zum Re-Ampen einen Lazy J.

Steampunk-Ungetüm: The Hydra wurde in Zusammenarbeit mit den Ibanez-Designern gebaut, die Idee stammt von Vai. Die Gitarre ist auf dem Albumcover von ‚Inviolate‘ zu sehen. (Bild: Mascot)

Hast du bereits Ideen für eine Weiterentwicklung deines Synergy-Moduls?

Der Wunsch, immer weiterzumachen, niemals stehenzubleiben, ist ein in mir konstantes Gefühl. (lacht) Aber Weiterentwicklungen brauchen Zeit. Zumal viele Menschen vergessen: Man kann sich in einen leeren Raum setzen und an den Verbesserungen eines Amps arbeiten, aber irgendwann müssen diese auch auf der Bühne, unter Konzertbedingungen, im Studio zwischen klirrenden Becken, zischelnden Hi-Hats und wummernden Bässen funktionieren. Denn all diese Dinge saugen Frequenzen auf, und wenn man nicht aufpasst, dann hat man in seinem stillen Kämmerlein etwas entwickelt, was in der freien Wildbahn wie ein wildgewordener Mosquito klingt. So ergeht es mir zum Beispiel mit all den Modelling-Amps.

Auch beim Kemper?

Ja, ich habe ihn getestet und ich muss dir sagen, auch wenn das viele Leute überraschen könnte: Ich bin einfach gestrickt und ich mag es möglichst simpel. Ich bin mental überfordert, wenn eine Firma etwas so Kompliziertes entwickelt. Natürlich möchte ich vor allem einen guten Sound, aber gleichzeitig möchte ich einfach meine Gitarre einstöpseln und meinen Sound haben. So ticke ich! Ich bin ein alter Sack, ich bin 61 und habe in den 1970ern angefangen zu spielen. Als ich den Kemper testete, habe ich sofort das enorme Potential erkannt. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt und Kemper haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Und ich hasse es über Dinge zu sprechen, die mir nicht zusagen, weil es den Erfindern natürlich nicht gerecht wird.

In diesem Fall habe ich dich aber ja konkret danach gefragt!

Ich weiß, deswegen antworte ich darauf auch ganz ehrlich. Für mich war der Kemper wie eine Art Weltraumstation, und es ist ganz sicher ein kleines Wunder, was dieses Gerät alles kann. Aber für mich war er nicht kampftauglich, nicht simpel genug, nicht einfach genug. Auf der Bühne, entsprach er einfach nicht meinen konkreten Vorstellungen. Ich habe einen Kemper hier bei mir zuhause, und dann und wann setze ich ihn auch ein. Aber eben nur ab und zu.

Danke Steve, für das ausführliche und sehr ehrliche Interview. Wir freuen uns darauf, dich bald wieder in Deutschland auf der Bühne begrüßen zu dürfen!

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2022)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Steve Vai „gehört“ ja eigentlich schon zum Ibanez Inventar,wie ein langjähriges Aushängeschild eines sehr gut bezahlten Endorsers.
    Ich respektiere Vai‘s vituoses Gitarrenspiel durchaus,kann aber dieses Gehabe um den angeblich „besten“ Verstärker oder die absolut „genialste“ Gitarre bestimmter Fabrikanten wirklich nicht mehr hören.

    Hier wird den Leuten bis zum Erbrechen suggeriert,daß ausschließlich nur bestimmte wenige Hersteller dazu in der Lage sind,perfektes Equipment liefern zu können.

    Steve Vai ist zweifelsfrei ein guter Gitarrist,-aber er ist kein Halbgott!
    Es gibt heutzutage beinahe unzählige sehr gute Gitarristen/-innen,die allesamt eines gemein haben: sie zupfen gekonnt ihre Stahlsaiten bis zum Exitus,und sie klingen oft richtig verdammt gut!

    Es ist schön,daß es (gerade in der Gitarrenwelt!) so viele unterschiedlich klingende Vollblutmusiker/-innen gibt.Dies macht unsere Musik ja so vielseitig und interessant.
    Willkommen in der farbenfrohen Welt der Gitarre!
    Let‘s Rock!

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    1. Ich denke, dass Steve Vai sehr klar gemacht hat, dass er eine Entwicklung durchgemacht hat, die damit startete, dass er eben Amps verwendete, die grade verfügbar waren. Und jetzt nach vielen Jahren hört der Mann eben das Gras wachsen und hat – wie die Wenigsten von uns – die Möglichkeit, sich alles bauen zu lassen, was das Ohr hören will und das Herz begehrt. Ich kann jetzt nicht erkennen, dass damit die Aussage verbunden ist, dass „normales“ Equipment nicht genauso gut sein kann. Er spricht ja nur von sich und seinen Vorstellungen.

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