Der Klangmaler

Steve Howe: Yes-Gitarrist im Interview

(Bild: Gottlieb Bros)

Seit 50 Jahren ist Steve Howe Gitarrist und Songwriter von Yes: Ein spindeldürrer, älterer Herr mit schneeweißem Haar, dicker Hornbrille und gespenstisch leiser Stimme, der sich rein vegan ernährt und transzendentale Meditation betreibt. Auf ‚ The Quest‘, dem 22. Studio-Epos der Briten, schlüpft er in die Rolle des Produzenten und Wortführers. Einziges Problem: Der 74-Jährige ist schwer verständlich und spricht nur ungern über die Vergangenheit der Prog-Pioniere.

“Ich kann nur über die Yes reden, die wir gerade sind – und über die Musik, die wir aktuell machen. Was ehemalige Mitglieder von sich geben, möchte ich nicht kommentieren, weil es eh nur aus dem Kontext gerissen und gegen mich verwendet werden würde.“ So quittiert Howe zum Beispiel Fragen zu den Äußerungen von Ex-Sänger Jon Anderson, der in jedem Interview betont, wie gerne er wieder mit seinen ehemaligen Weggefährten musizieren würde.

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Und auch die vielen Besetzungswechsel, die diversen Inkarnationen und den eigenen Größenwahn der 70er und 80er mag er nicht wirklich thematisieren. Wahlweise, weil es Howe, einem zum Philosophischen tendierenden Zeitgenossen, schlichtweg peinlich ist, oder weil er den medialen Fokus lieber auf ein Album richten will, das sich als starkes Spätwerk erweist: Eine Lehrstunde in Sachen Classic Rock – mit atemberaubenden Stil- und Tempowechseln, ambitionierten Texten über Klimawandel und künstliche Intelligenz, einem markanten Falsettgesang und einem extrem vielseitigen Gitarrenspiel.

Howe, zugleich Produzent der elf Stücke, wechselt permanent zwischen allen erdenklichen Gitarrenmodellen und Sounds, spielt epische Soli und schwelgt in farbenprächtigen Klanggemälden, dass es eine wahre Freude ist. Und darüber will er – zum Glück – auch reden.

Steve, auf ‚The Quest‘ wartest du mit unglaublich vielen verschiedenen Gitarrensounds auf: Akustische und elektrische, dazu eine Mandoline auf ‚Leave Well Alone‘. Ist da noch mehr?

Ja, eine Koto und eine Autoharp. Das ist halt meine Art: Ich baue so viele Saiteninstrumente ein, wie eben möglich. Es ist einfach eine Frage der Verfügbarkeit. Nach dem Motto: Wenn etwas da ist, warum verwende ich es nicht auch? Schließlich gibt es keinen Grund, es nicht zu tun. Und grundsätzlich ist es ja so, dass es immer ein passendes Instrument für einen Song oder eine Passage gibt. Also manchmal klingt eine Autoharp besser als alles andere – oder die Koto sorgt für den besten Klang überhaupt, wie es bei Asia ja oft der Fall war, und wie es auch bei Yes durchaus Sinn macht. Es geht also nicht nur darum, möglichst viele Instrumente zu beherrschen, sondern auch zu begreifen, wofür sie sich am besten eignen und wie sie sich am effektivsten einsetzen lassen. Darin versuche ich, ein Experte zu werden und quasi direkt zu hören: Dafür brauche ich dies oder das.

Und bis dahin ist es das große Ausprobieren und Tüfteln?

Definitiv. Ich meine, nicht alles, was du probierst, funktioniert. Und wenn die Quote deines Scheiterns bei über 90 Prozent liegt, hast du ein Problem. Aber zum Glück ist es wirklich so, dass nur ein kleiner Prozentsatz an Ideen nicht funktioniert. Und ich versuche, immer besser zu werden.

Über wie viele Instrumente reden wir demnach in Bezug auf das neue Album?

Ich habe sie nicht gezählt, aber es sind schon einige Gitarren. Also ein paar Les Pauls und ein paar Gibson ES-175, ein paar Martins, und noch ein paar andere Sachen, die ich her vorhole, wenn ich Lust auf sie habe – wie eine Telecaster oder eine Stratocaster.

(Bild: Gottlieb Bros)

Yes haben nicht weniger als 19 verschiedene Besetzungen durchlaufen. Bassist Billy Sherwood bezeichnet das aktuelle Line-up als euer friedlichstes und glücklichstes. Siehst du das ähnlich – und woran macht du das fest?

Da stimme ich ihm zu – vor allem, wenn ich mir vor Augen führe, wie chaotisch es früher oft zuging. (lacht) Insofern ist so etwas wie eine innere Zufriedenheit zu finden, nicht zu unterschätzen. All die Arbeit, die wir zusammen geleistet haben, und das viele Touren der letzten Jahre waren definitiv gut für den Zusammenhalt, den gegenseitigen Respekt sowie die Liebe füreinander.

Was auch heißt, dass es in der Vergangenheit nicht immer so war?

Nun, Ego ist etwas, das jeder für sich unter Kontrolle haben muss. Ich meine, es ist nicht schlimm, wenn man sich selbst für toll hält, aber wenn man ständig durch die Gegend läuft und es allen erzählt, wird man ziemlich schnell gehasst. (lacht) Und so etwas gibt es aktuell nicht. Wir sind eine solide, stabile Gruppe von Leuten, die gerne miteinander arbeitet. Das ist das Entscheidende – und nichts anderes. Ego ist etwas, das man eindämmen muss und das nie die Oberhand über die Persönlichkeit gewinnen darf. Sprich: Man muss es kontrollieren und sicherstellen, dass es nicht dafür sorgt, dass man anderen nicht mehr zuhört.

(Bild: Gottlieb Bros)

Da es sich um das erste Yes-Album ohne den verstorbenen Chris Squire handelt: Wie schwer hat euch sein Verlust getroffen?

Ich kann das nicht exakt sagen, aber natürlich war es ein riesiger Verlust. Wir wussten zwar, dass er nicht gesund ist und wir mussten zuletzt ja auch ohne ihn touren. Da ist Billy für ihn eingesprungen – mit Chris’ Segen. Aber dann gab es noch eine Erholungsphase, in der es so aussah, als würde Chris die Kurve kriegen. Doch das hat er nicht. Im Gegenteil: Danach wurde es noch schlimmer. Es war schrecklich, das mitzuerleben, und es ist uns allen sehr nahegegangen. Da es so eine langwierige Sache war, hatten wir halt entsprechend Zeit, uns darauf einzustellen, was seinen Verlust aber nicht mindert.

Chris wird nachgesagt, er habe das Bassspielen revolutioniert. Inwiefern?

Nun, er hatte seine Helden – wie wir sie alle haben. Aber er war auch einer der kraftvollsten und innovativsten Bassisten der 70er. Und er hat die Handhabung dieses Instruments wirklich revolutioniert. Das kann man gar nicht anders formulieren. Es dürfte keinen geben, der einen melodischeren und doch treibenden, pulsierenden Bass gespielt hat. Da war er einmalig. Von daher habe ich nichts als Bewunderung für ihn. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, dieser Band einen unverkennbaren Sound zu verleihen. Etwas, nach dem sich viele andere Formationen die Finger lecken würden. Sprich: Er hatte seinen ureigenen Stil und wir werden ihn immer in Ehren halten bzw. versuchen, ihn irgendwie fortzusetzen. Das gilt auch für das neue Album.

Du bist einer der wenigen, die eine Archtop-Gitarre im Rockkontext verwenden. Wieso – und wie bist du dazu gekommen?

Das war einfach die Gitarre, für die ich mich mit 17 entschieden habe. Aus einem ganz simplen Grund: Mir gefiel ihr Look – und ich mag viele Leute, die eine ES-175 gespielt haben, wie Joe Pass, Kenny Burrell, Wes Montgomery oder Jim Hall. Sprich: Viele herausragende Jazz-Gitarristen haben zu diesem Instrument gegriffen. Und mir ist nie in den Sinn gekommen, dass sich darauf kein Rock’n’Roll spielen ließe.

Klar, ich musste noch ein paar Kleinigkeiten tun, um den Sound zu erzielen, der mir vorschwebte. Vor allem, was das Low-End betrifft, um da kein Feedback-Problem zu haben. Aber dieses Argument gegen Hollow-Body-Gitarren ist völlig überzogen. Das hängt ganz von der Bass-Einstellung ab, mehr nicht. Mich hat das nie tangiert und letztlich würde ich auch jede Art von Gitarre spielen. Ich meine, ab und zu benutze ich eine Steinberger ohne Kopfplatte. Oder Fender-Gitarren, weil sie einen wunderbaren Klang besitzen. Und obwohl ich im Grunde meines Herzens ein Gibson-Typ bin, schnalle ich mir gelegentlich auch eine Gretsch um. Ich spiele also alles – und das sehr gerne.

Du hast mal gesagt: „Für mich ist die ES-175 nicht nur eine Gitarre, sondern ein Kunstobjekt.“ Gilt das noch?

Hundertprozentig. Denn manchmal ist es wirklich so, dass eine Form auch ein bestimmtes Gefühl auslöst. Ich habe zum Beispiel eine Statue von Salvador Dali, die in meinem Arbeitszimmer steht. Sie trägt den Titel ‚Der surrealistische Engel‘ und ist wirklich lupenreine Kunst, denn sie tut nichts. Sie steht nur da und hat ein großes Loch in der Mitte. Als ich meine erste 175 bekam, war mir nicht bewusst, wie bezaubernd ich sie mal finden und wie viele Stunden ich damit verbringen würde, sie schlichtweg anzustarren. Sie war auf einem Ständer, ich habe mir ein Album der Everly Brothers angehört und dabei einfach auf die 175 gestarrt. Ich habe darin eine ähnliche Schönheit gesehen wie in einer Frau oder einem Kind. Sprich: Für mich ist sie die schönste Gitarre, die ich mir vorstellen kann. Und ich liebe sie – nicht mehr und nicht weniger. (kichert)

Wofür dich einige deiner Bandkollegen ja schon regelrecht ausgelacht haben?

Ja, aber das war mir egal. Das hat mich nicht weiter tangiert. Dabei hat wirklich jeder gelacht, wenn ich erzählt habe, dass ich im Flugzeug den Platz neben mir für sie gebucht habe oder auch schon mal im Bett neben ihr geschlafen habe. Das habe ich ja nicht getan, um mit ihr zu kuscheln, sondern weil das 1971 der sicherste Ort in einem billigen und extrem heruntergekommenen Hotel in New York war. Da habe ich kein Auge zubekommen, weil ich Angst hatte, sie könne mir gestohlen werden – also habe ich sie irgendwann zu mir ins Bett geholt. (lacht) Das ist aber auch der einzige Grund, warum ich quasi mit ihr geschlafen habe. Und es war nur die Nacht, als ich mir wirklich Sorgen um sie gemacht habe. Denn für mich sind Gitarren Kunstwerke – egal, um welches Modell es sich handelt.

Demnach wärst du nie auf die Idee gekommen, eine Gitarre auf der Bühne zu zerschlagen?

Eine Gitarre zu zerschlagen, halte ich für eine der krankesten Sachen, die ich mir vorstellen kann. Das wäre ja, als würde man ein Kunstwerk zerstören – und dann noch ganz bewusst. Also ein bisschen wie dieser Künstler, der sein eigenes Bild zerschreddert, nachdem er es für ein paar Millionen Pfund verkauft hat.

Du meinst Banksy?

Genau den. Wenn du auf solche Aktionen stehst, OK. Aber: Verlang das bitte nie von mir. Und was das Zerlegen von Gitarren betrifft, wie es Townshend oder auch Hendrix getan haben: Das hat mir nie das geringste Vergnügen bereitet. Ich habe mehrfach erlebt, wie Hendrix sie später sogar noch angezündet hat, und fand das immer schlimm. Es war reine Angeberei und pures Posing und hatte nichts mit Können zu tun. Deshalb habe ich es auch nie verstanden. Mehr noch: Jede gute Gitarre, die zerdeppert wurde, fehlt uns heute. (lacht)

Yes gehen 2022 auf Tour. Wie viele Gitarren wirst du im Gepäck haben?

Ich habe jedenfalls nicht vor, da Kompromisse einzugehen. Dafür mag ich die verschiedenen Klangtexturen von unterschiedlichen Gitarren einfach zu sehr. Es ist auch nicht so, dass ich mir gerne Gitarren anschaue, die alle gleich aussehen, sondern sie sind schon sehr verschieden. Für mich hat jede Gitarre etwas Charakteristisches, das ich sehr schätze. Momentan plane ich, zwischen acht und zwölf Gitarren mit auf Tour zu nehmen.

Steve, vielen Dank für das Gespräch.

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2021)

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