Eagles-Bassist mit neuem Solo-Album ‚Day By Day‘

Später Ehrgeiz: Timothy B. Schmit im Interview

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Seine Stammformation hat kein Interesse mehr daran, so etwas wie neue Musik zu veröffentlichen. Seit Ende der 2000er widmen sich die Eagles ganz der Nostalgie, mit den Kronjuwelen aus einem geschichtsträchtigen Backkatalog, der sich über 200 Millionen Mal verkauft hat und gegen den aktuelles Liedgut – zumal ohne Glenn Frey – nicht den Hauch einer Chance hat. Also versucht sich Bassist Timothy B. Schmit verstärkt als Solist. Mit ‚Day By Day‘ serviert er einen wirklich starken, siebten Alleingang.

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Es ist ein seltenes Interview: Timothy B. Schmit wird durch den militärisch operierenden Eagles-Apparat um Manager Irving Azoff regelrecht abgeschottet. Und wenn es um die Adler geht, die erfolgreichste amerikanische Rockband aller Zeiten, ist der 74-Jährige aus Sacramento ohnehin nur das dritte Rad am Wagen – hinter Gründungsmitglied Don Henley und Gitarrist Joe Walsh.

Doch im Gegensatz zu seinen Bandkollegen, die sich schon seit Jahren mit dem Beschwören alter Heldentaten begnügen, will Schmit mehr: Der ehemalige Poco-Bassist, der 1977 Randy Meisner ersetzte, möchte weiterhin kreativ sein bzw. sich als Musiker und Songwriter entwickeln. Deshalb veröffentlicht er ambitionierte Soloalben im ganz bescheidenen Rahmen – auf seinem eigenen Label und aufgenommen im eigenen Studio, der Mooselodge in Santa Monica.

Für ‚Day By Day‘, seinen mittlerweile siebten Alleingang, hat er sämtliche Instrumente eingespielt und zudem alte Freunde wie Jackson Browne, John Fogerty, Lindsey Buckingham, Kenny Wayne Shepherd und Mitglieder der Beach Boys rekrutiert.

INTERVIEW

Timothy, wie kommt es, dass du das einzige Mitglied der Eagles bist, das noch neue Musik veröffentlicht? Woher rührt dieser Hunger – und warum haben ihn die anderen nicht mehr?

Tja, ich kann nicht für die Jungs sprechen, aber ich für meinen Teil habe schon das Gefühl, dass da noch eine ganze Menge in mir steckt, das sich zu verarbeiten und umzusetzen lohnt. Genau das tue ich. Und seien wir ehrlich: Es ist ja auch nicht so, als ob ich je einen Höhepunkt als Songwriter erreicht hätte, dem ich nun nachtrauere. (lacht) Ich habe vielmehr das Gefühl, dass ich langsam besser werde in dem, was ich da tue. Und ich liebe den Prozess des Songwritings. Er stellt sicher, dass ich geistig und körperlich fit bleibe – mehr noch: Er macht mich glücklich. Nicht jeden Tag, weil es auch frustrierende Momente gibt, aber wenn man sich da durchbeißt, lohnt sich das meistens auch.

Auf ‚Day By Day‘ spielst du sämtliche Instrumente selbst, bezeichnest dich aber gleichzeitig als „ewigen Studenten der Musik“. Wie passt das zusammen? Warum so bescheiden?

Weil ich das für eine gesunde Selbsteinschätzung halte. Ich weiß, dass ich längst nicht perfekt an allen Instrumenten bin. Gerade als Gitarrist bin ich zum Beispiel nicht wer weiß wie versiert. Und entweder frage ich dann jemanden, der das besser hinkriegt als ich, oder ich mache mich selbst daran – wenn es mehr darum geht, ein bestimmtes Gefühl rüberzubringen und ich denke, dass ich das auch alleine hinbekomme. Ansonsten steuere ich überall den Bass und eine Menge akustischer Gitarren bei. Meistens schreibe ich auch auf der Akustischen, und entweder verlangt der Song, dass ich sie weiterhin benutze oder dass ich darauf verzichte und etwas anderes einsetze.

Was Bässe betrifft: Was spielst du auf dem Album?

Der Bass, den ich am häufigsten einsetze, trägt den vielsagenden Namen „Nummer 1“. (lacht) Es ist ein 62er Fender Jazz Bass Stack Knob – wobei ein weiterer Favorit von mir ein 61er Stack-Knob-Bass ist, der ziemlich ramponiert aussieht: Die Lackierung ist weitestgehend runter. Ich habe ihn vor etlichen Jahren gekauft – in den frühen 70ern. Schon damals sah er nicht viel besser aus. Ich habe da Flatwound-Saiten aufgezogen, und er klingt wirklich toll.

Ich spiele beide bei den Eagles, und auch für dieses Album habe ich darauf zurückgegriffen. Zwei, drei Mal kommt noch ein Beatles-Bass zum Einsatz – ein Höfner Violin Bass, der etwas knifflig ist, wenn es ans Aufnehmen geht. Ich habe Paul zwar schon öfter getroffen, hatte aber nie die Zeit, um solche Sachen zu besprechen. Ich vermute, dass er den Höfner nicht wegen seines Klangs gekauft hat, sondern weil das halt alles war, was er sich damals leisten konnte. Kann sein, dass ich damit komplett falsch liege – ich weiß es nicht. Nur: Er hat definitiv einen markanten Sound und ich habe ihn auf unterschiedliche Weise eingesetzt.

Ich verwende entweder ein Plektrum, meinen Daumen oder eine Kombination aus meinem Fingernagel und der Spitze meines Fingers – je nachdem, was besser zu einem bestimmten Song passt. Ich habe ihn also mehrfach bei den Aufnahmen eingesetzt, würde das aber niemals auf der Bühne tun, weil er zu unberechenbar und launisch ist.

Paul hat in einem Interview erklärt, er habe den Höfner nur gekauft hat, weil seine Hände eher klein sind – und dieser Bass für ihn angenehm zu spielen war.

Wirklich? Das ist interessant.

Aber er hatte immer große Probleme damit, weil er sich ständig verstimmt hat.

Das ist es, was ich mit launisch meine: Der Höfner ist wirklich schwer zu stimmen und muss ständig nachjustiert werden. Das ist etwas, mit dem ich mich auf der Bühne eigentlich nicht groß befassen will. Ganz abgesehen davon ist es ja auch Pauls Markenzeichen. Aber: Wenn es genau der Sound ist, nach dem ich gerade im Studio suche, dann verwende ich ihn auch. McCartney hin oder her … (lacht)

Bist du ein großer Gearhead?

Ich habe viel zu viele Instrumente, bin aber kein verrückter Sammler oder so etwas. Ich habe ungefähr sechs Bässe, von denen ich mich auch nie trennen werde. Ich bin der Ansicht, dass Instrumente gespielt werden müssen, statt irgendwo in einem Lagerhaus Staub zu fangen. Deswegen werde ich meine wahrscheinlich irgendwann jemandem schenken, der gut spielen kann und bei dem ich weiß, dass sie in guten Händen sind. Ich habe noch keine Ahnung, wer das sein könnte, aber ich werde mich darum kümmern.

Was dann auch ein weiterer Grund ist, warum ich kein Sammler bin: Ich bin der Meinung, man sollte Instrumente aus dem richtigen Grund besitzen – nämlich, um sie zu spielen. Und ich bin kein Gearhead. Ich bin sehr genügsam und bodenständig und habe keine Pedalboards, weil ich das schlichtweg nicht brauche. Meine Devise ist: Je simpler das Instrument ist, desto besser. Ich drehe lediglich die Lautstärke und den Tone bis zum Anschlag auf und benutze den EQ am Amp.

Wie kommt es, dass kein Timothy-B.-Schmit-Signature-Bass existiert?

Den gab es nur für kurze Zeit in den 90ern. Es war ein Carvin-Bass – und wie das Ganze zustande gekommen ist, war reiner Zufall. Ich bin eines Tages nämlich einfach in den Carvin-Laden am Hollywood Boulevard marschiert. Aus dem simplen Grund, weil ich endlich wissen wollte, was hinter dieser obskuren Firma steckt, die es schon ewig gibt. Und was ja auch bedeutet, dass sich irgendjemand dafür interessieren muss. Ich sehe ihre Modelle nicht oft, und was ich eigentlich in dem Laden gesucht habe, war eine kleine Konsole für Demo-Aufnahmen, die im Schaufenster stand und die ich sehr interessant fand. Der Typ hinter der Theke hat mich erkannt und nachdem wir uns ein bisschen unterhalten hatten, meinte er: „Wie wäre es, wenn wir dir die Konsole schenken? Würdest du uns dann die Chance geben, einen Bass für dich anzufertigen und – wenn er dir gefallen sollte – würdest du ihn unterschreiben und in unserem Katalog empfehlen?“

(Bild: Dove Shore)

Ich sagte spontan zu und entschied mich für einen Bass, der viel radikaler aussah als das, was ich sonst spiele – ein weißes, sehr eckiges Teil. Ein Bass mit einem durchgehenden Hals, wie ich ihn noch nie gespielt hatte. Ich war mir nicht mal sicher, ob er mir auch wirklich gefallen würde. Aber ich meinte: „OK, ich möchte, dass ihr Folgendes für mich tut: Ich will Fender-Jazz-Bass-Pickups und nur einen Knopf, nämlich für Lautstärke.“ Das haben sie alles genau so erledigt. Und zu meiner Überraschung klang es toll, fühlte sich toll an, und deswegen habe ich das Teil jahrelang gespielt. Also bin ich auch – wie vereinbart – in ihrem Katalog aufgetaucht und habe das Modell zu meinem Signature-Bass erklärt. Ich habe ihn noch irgendwo, aber er ist mittlerweile ein Museumsstück.

Bedauerst du es, dass die Eagles im Verlauf ihrer 50-jährigen Karriere lediglich sieben Studio-Alben aufgenommen haben?

Schon, aber so ist das halt bei einer erfolgreichen und populären Band: Da ist ein Album aufzunehmen, eine unglaublich schwierige und zeitintensive Sache – weil die Erwartungen so hoch sind. Insofern dauert das oft Jahre. Und ich weiß nicht, wie es in den Anfangstagen der Eagles war, also vor meiner Zeit, aber damals ging scheinbar alles ein bisschen schneller. Nur: Ich bin nicht unzufrieden oder gar verbittert, was das betrifft. Schließlich kommen die Leute immer noch in Scharen, um uns zu sehen, und das liegt einzig an der Stärke der Songs. Obwohl wir nicht mehr dieselbe Band sind, was die Besetzung betrifft, spielen wir sie so originalgetreu wie möglich, und die Leute lieben das.

Hand aufs Herz: Würdest du auf ‚Hotel California‘ und Konsorten gerne mal verzichten?

Das ginge nicht, weil unser Publikum das nicht akzeptieren würde. Die Leute wollen diese Songs, und ihr Feedback darauf ist unglaublich. Ich sehe so viele unterschiedliche Reaktionen, wenn wir sie spielen – von Lachen über Weinen bis zu völliger Ekstase. Und alle singen mit. Das sorgt dafür, dass es nie langweilig wird.

Timothy, danke für das Gespräch und bis bald in Deutschland.


(erschienen in Gitarre & Bass 10/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022
Gitarre & Bass 5/2022
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